Eine überraschend harmlose Kolumne

9. November 2005

Könnte es sein, daß die Bunker-Mentalität der Musikindustrie und der Kauf-Unmut der Konsumenten kommunizierende Gefässe sind? Gute Frage. Nächste Frage. Wenden wir uns lieber mit einem stillen Seufzer der vorweihnachtlichen Kauf-Ankurbelung zu.

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Wie – keine Glosse über das XCP-Kopierschutz-Desaster? Das brisanteste Thema, das die an brisanten Themen nicht gerade arme Branche derzeit zu bieten hat? Und an dem sich allerhand Grundsätzliches festmachen, diskutieren und vorführen ließe? Um der Wahrheit die Ehre zu geben: geschrieben wurde sie, die Kolumne zum Thema. Daß sie hier – mit meinem Einverständnis – nicht zu lesen ist, hat mit der schmalen ökonomischen Basis eines Fachmagazins in Österreich zu tun. Und der Furcht, diese eventuell zu gefährden. Oder gar zu verlieren. Was wiederum gut die Brisanz, Ambivalenz und Misere an sich illustriert. Ich wünsche dem betreffenden Konzern, daß er sich rasch, sehr rasch vom allseits konstatierten PR-Debakel erholt. Und neue, zielführendere Wege im Umgang mit Konsumenten, Mitstreitern und Medien beschreitet. Nebstbei: Interessenten schicke ich gerne meine Original-Kolumne per mail. Das nennt man dann wohl persönliches Service.

Und damit kopfüber hinein in den Pool. Jenen Pool an Themen, persönlichen Vorlieben und möglichen Fingerzeigen nämlich, die eigentlich fast immer von der Tagesaktualität überrollt werden. Und somit in der Schublade bleiben. Bleiben müssen. Obwohl sie Besseres verdient hätten.

Da wäre zum Beispiel das immer wieder wunderbare Programm des Hannibal-Verlags (der, nebstbei, im Netzwerk der österreichischen Koch Media-Gruppe daheim ist). Verlagsleiterin Francoise Gillig-Degrave ist durchwegs ein bißchen skeptisch, wenn ich wieder mal einen Stapel Bücher zur Rezension anfordere (“Lesen Sie die auch wirklich?”), aber bei diesem kleinen, feinen, auf einschlägige Themen konzentrierten Unternehmen ist wirklich fast jede Neuerscheinung eine Empfehlung wert. Aktuell liegen auf meinem Nachttischerl etwa Laurent Garniers “Elektroschock”, eine Geschichte der elektronischen Tanzmusik (elektrisierend!), eine Pink Floyd-Biografie (animierend!) und “Explosiv! Helden, Hits & Hypes”, die Geschichte des Musikkonzerns Warner (faszinierend!). Muß gleich auch noch die Autobiographie von 50Cent, das Perry Rhodan-Fan-Kompendium und die Historie von Deep Purple bestellen. Das volle Programm findet sich unter http://www.hannibal-verlag.de. Und Amazon, Thalia oder jeder kleine Buchhändler werden sich wohl über frühzeitige Bestellungen freuen, wenn Musik zum Lesen unter dem Weihnachtsbaum liegen soll.

Buchstaben, die förmlich tanzen, sind auch sonder Zahl in diversen Coffeetable-Magazinen zu finden, die – so scheint’s – gerade wie die Schwammerl aus dem Boden schießen. Und zwar unter der umspannenden atmosphärischen Dunstglocke der heimischen “Creative Industries”, die ja im Bereich der Wirtschaftsförderung das Mode-Objekt der Stunde sind. Zurecht übrigens, wenn man eine erste Zwischenbilanz wagen mag. Zeitschriften wie “Vernis”, “IndieGo”, “Fleisch” oder “Bob” sind probate Litfaßsäulen für die überbordende Kreativität, die hierzulande im Spannungsfeld zwischen Musik, Mode, Design und Multimedia zu finden ist. Die genannten Magazine und einige mehr (wie etwa die Platzhirschen “Now!”, “Gap” und “Skug”) helfen beim Finden, Bewerten und Geniessen. Respekt. Auch in den hiesigen Tageszeitungen ist eine Aufbruchsstimmung und verstärkte Berichterstattung zu bemerken. Hier funktionieren also die kommunizierenden Gefässe “Macher” und “Medien”. Kein Wunder, wenn Qualität und Quantität österreichischer Produktionen derzeit einen fulminanten Zuwachs erleben – oder kommt nur mir das so vor?

Einen schwergewichtigen Überblick über die Szene liefert “Pure Austrian Design”, ein 434-Seiten-Ziegel des Kollektivs Juland (Barcelona/Wien). Hier ist alles versammelt, was im Bereich Design derzeit lokal (und vielfach auch international) Rang und Namen hat. Mit einer “Audio Furniture” betitelten, beiklebenden CD wird parallel zum eindrucksvollen Bildmaterial eine adäquate Tonspur gelegt. Das Ding ist nicht billig, aber den Preis wert. Ein optimales Geschenk für alle, die ihre Büroeinrichtung nicht bei Kika ordern. Und ihre Klangtapete nicht bei… (aber lassen wir das).

Bleiben noch drei weitere Empfehlungen. Erstens: die superbe “Diskothek” der Süddeutschen Zeitung, die im Wochenrhythmus immer einen neuen Jahrgang der Pop-Geschichte mit Büchlein und CD durchleuchtet. So ziemlich das Beste, produkttechnisch, was einem als Hobby-Historiker und privatistisches Trüffelschwein momentan widerfahren kann. Und das zu einem wohlfeilen Preis. Genug geschwärmt vorerst; dem für Zeitungsverlage relativ neuen und äußerst lukrativen Bereich der “Nebengeschäfte” werde ich wohl baldigst eine eigene Seite widmen.

Da sind die “Edition Kürbis” und das Label “Pumpkin Records” aus Graz schon von anderem Kaliber. Allerdings nur, was die kommerzielle Dimension betrifft. Sonst ist alles, was sich Wolfgang Pollanz und seine Mitstreiter in Wies in der Steiermark so ausdenken, von großer Klasse und hohem Sympathiewert. Egal, ob es sich um Austriaka-Sampler zu Themen wie “Heimat” oder “Hymnen” dreht, um die Geschichte des King of Rock’n’Roll im Stil des Matthäus-Evangeliums (“Das Buch Elvis”) oder um Anthologien zum ewigen Thema Nummer Eins. Ja mei, die Steirer! Beachtlich.

Im übrigen bin ich der Meinung, daß die beste österreichische CD des Jahres 2005 von Parov Stelar kommt (“Seven And Storm”, Etage Noir Records). Auf Wiederhören.

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