Der Schuss ins eigene Knie

19. November 2005

Der Streit um drastische Kopierschutzmaßnahmen wirft eine Frage auf: könnte es sein, daß die Bunker-Mentalität der Musikindustrie und der Kauf-Unmut der Konsumenten kommunizierende Gefässe sind? Und der virtuelle Kriegsschauplatz am Ende nur Verlierer kennt?

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Dieser Tage wurden wir alle Zeugen einer tragikomischen High Tech-Posse, in der die vormalige Plattenfirma SonyBMG die Hauptrolle spielt (auch wenn sie den Schwarzen Peter gerne an eine andere Firma abgegeben hätte). Das Stück trägt den Titel “Das große XCP-Desaster”, ganz nach Geschmack könnte es aber auch “Vom Kopierschutz zum Kopierschmutz” oder “My Last Sony” heissen.

Die Handlung ist rasch erzählt: ein weltumspannender Konzern setzt einmal mehr auf einen vermeintlich ultimativen Weg, CD-Raubkopien zu verhindern. Das System trägt den Namen XCP (“Extended Copy Protection”). Skeptische Experten stellen fest, daß die wie beiläufig installierte Software tief in den PC-Eingeweiden des zumeist nichtsahnenden Users wühlt und gern auch mal nachhause telefoniert. Verständlich, daß da nicht jeder mitspielen und einen ungebetenen Gast im eigenen Wohnzimmer sitzen haben möchte.

Semi-nobel immerhin, daß der ertappte Urheber rasch einen “XCP-Uninstaller” bereitstellt – mit einem kleinen Defekt allerdings. Die neue Software zur Entfernung der alten Software öffnet allerlei Luken und Schleusen, durch die die Digital-Cholera den Computer befallen könnte. “Hände weg!”, schreien Fachleute. Sogar die Zentrale von Microsoft gibt einen offiziellen Warnhinweis heraus. Auch die initialen Vertragsbedingungen der Software, die ja jedermann eigentlich nur schnell an- und wegklickt, enthalten Fragwürdigkeiten sonder Zahl. Und es taucht zu allem Überdruß noch der Verdacht auf, daß Teile des Programmcodes der digitalen Copyright-Schutzhülle selbst gegen das Copyright anderer Programmierer aus der Open Source-Bewegung verstoßen – womit der ganzen Chose quasi noch das legistische i-Tüpfelchen aufgesetzt wäre.

Der Konsument ist verwirrt, der Konzern betroffen, der Schaden groß. Letztstand des zähen Rückzugsgefechts: SonyBMG muß Millionen CDs umtauschen – vornehmlich in den USA. Der Europa-Chef meint, man hätte sich “nicht nur ziemlich, sondern sehr blamiert”. Und der Konzern schreibt eine Art Entschuldigungs-Brief an seine “werten Kunden”. Das klingt dann so:

„We deeply regret any inconvenience this may cause our customers and we are committed to making this situation right. (… ) Ultimately, the experience of consumers is our primary concern, and our goal is to help bring our artists’ music to as broad an audience as possible. Going forward, we will continue to identify new ways to meet demands for flexibility in how you and other consumers listen to music.“

Könnte in das Lehrbuch „Customer Relationship für Anfänger“ eingehen. Und zwar als Beispiel dafür, wie man’s nicht macht. Denn die, sorry!, Verlogenheit einer solchen öffentlichen Selbstzerknischung riecht selbst der argloseste Teenie zehn Kilometer gegen den Wind. Wenn ausgerechnet Sony – ein Riese, der jahrelang sein eigenes ATRAC-Musikformat mit Gewalt in den Markt drücken wollte (was an der ungeplanten und unkontrollierbaren Dominanz von MP3 scheiterte) und damit Millionen Usern den alltäglichen, unkomplizierten Umgang mit CDs, Playern und PCs dank allerlei Inkompatibilitäten vergällte – von „Flexibilität“ spricht und nun den neuen König Konsument flugs von der Geisterbahn in den Streichelzoo umdirigiert, dann ist das ein Fall für Kabarettisten. Und Börse-Analysten.

„Bald werden die Nutzer von Tauschbörsen das Argument einbringen, dass Musik auf legalem Weg nicht mehr unter zumutbaren Umständen zu erwerben ist“, lautete ein nicht ganz unzutreffender Kommentar im österreichischen Online-„Standard“. „Und sollte sich der aktuelle Trend fortsetzten, dann ist dieses Argument absolut berechtigt. (…) Warum sollten Downloader angesichts des Verhaltens der Musikmultis denn ein schlechtes Gewissen entwickeln?“. Eine schmerzliche, weil treffliche Frage.

Aber Moral ist in realita zumeist kein kategorischer Imperativ. „Business is war“ lautet die Devise. Wenn die Wirtschaft aber der eigentliche, weltumspannende Kriegsschauplatz unserer modernen Gesellschaft ist – was immer schon zutraf und jeder ATTAC-Apostel unterschreiben würde –, dann hat SonyBMG eigentlich „nur“ eine untaugliche Waffe benutzt und sich damit ins eigene Knie geschossen. Pech. Eine verlorene Schlacht ist aber noch kein verlorener Krieg. Glaubt man zumindest in den virtuell verbunkerten Chefetagen. Und will weiter alles, wirklich alles dafür tun, um seinen Rechten Recht angedeihen zu lassen und ja nicht – weiter – die Kontrolle zu verlieren. Schließlich sieht man sich in den Konzernzentralen in New York, Tokyo und Gütersloh vermeintlich einem unsichtbaren, moral- und gnadenlosen Mob gegenüber, der die Ware Musik einfach nicht mehr löhnen will. Und schreit folgerichtig nach der Polizei. Oder schnitzt selbst den groben Schießprügel, mit dem man dann – siehe oben.

Nicht, daß sich einfache Auswege aus der Misere aufdrängen. Aber sitzt der Konsument, der von einem Konzern Moral und Konsequenz einfordert (und damit vice versa auch für sich selbst definiert, nach dem immer gültigen Sprichwort „Was Du nicht willst, das man Dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu“), nicht immer und überall auf dem längeren Ast? Muß ja nicht gleich der Stinkefinger sein, auch eine sachlich-kühle Grundhaltung tut’s. Ich selbst z.B. vermeide kopiergeschützte CDs, die sich dann nicht mal im Autoradio abspielen lassen, seit Jahren wie die Pest. Habe aus guten Gründen lange keinen Sony-Player gekauft (was wohl auch nicht gerade zu einem Hoch der Aktie beigetragen hat). Und erinnere mich noch zu gut jene kleine Episode aus meinem Berufsleben, als der deutsche Arm des Global Players mich in Berlin, am Potsdamer Platz, zum A&R, also einem Art Chef-Content-Trüffelschwein, machen wollte. Das Einstellungsgespräch war geführt, der Antrittstermin stand fest. Dann erreichte mich der Arbeitsvertrag. Circa fünfzehn Seiten lang. Vierzehneinhalb handelten davon, daß alles, was mein Kopf so generierte, fürderhin Sony gehören sollte. Und zwar nur Sony. Der Arbeitsvertrag blieb ununterschrieben.

Freigiebigkeit und Vertrauen sind kommunizierende Gefässe – es ist unmöglich, den Pegel einseitig anzuheben. Man kann das Bild leicht auf die aktuelle Bunker-Mentalität der Musikindustrie und die Kauf-Unlust der Konsumenten übertragen. Wenn ich bei jedem Download im Internet (und ich spreche hier wohlgemerkt nicht von „fragwürdigen“ Quellen) darüber nachdenken muß, auf wievielen Rechnern ich mit welchem Ablaufdatum welches Format speichern und abspielen kann, dann ist der Frust vorprogrammiert. Wenn ich á priori als Verbrecher gesehen und behandelt werde, dann schleicht sich nicht nur Unbehagen, sondern tiefes Mißtrauen in die Geschäftstüchtigkeit und –Fähigkeit des Lieferanten ein. Wenn ich die Tracks meiner aktuellen Lieblings-CD, frohgemut erworben im Musicstore gleich um die Ecke, partout nicht auf mein aktuelles Lieblings-Abspielgerät (ja, ich gestehe: einen iPod Nano) packen kann, komme ich mir ernsthaft gefrotzelt vor. Abgesehen vom reziprok frappierenden Umstand, daß ich für den Erwerb nackter Musikdateien oft mehr bezahlen soll als für eine aufwändig verpackte CD, die im gut geheizten und beleuchteten Elektrogroßmarkt zwischengelagert wird.

Dabei führt der Computerhersteller Apple, auch nicht ganz unverdächtig kapitalistischer Raffinesse, mit seinem „iTunes MusicStore“ als weltweiter Download-Marktführer vor, wie eine annähernd zufriedenstellende Balance zwischen eigenen Interessen, jenen der Musiklabels und den Bedürfnissen und Erwartungen der Konsumenten aussehen kann. Natürlich ist und bleibt auch hier einiges diskutierenswert, von der Marge für Künstler und Produzenten bis zum elitär-protektionistischen Einzelgänger-Habitus von Apple. Aber wie meinte Steve Jobs bei der Vorstellung des „iPod“, der – wie auch Kritiker zugeben werden – die Distribution, Rezeption und Alltags-Integration von Musik grundlegend verändert hat: „It’s not stealing – it’s good karma.“

BMGSony dagegen präferierte, Werbesprüche hin oder her, mit „XCP“ eindeutig schlechtes Karma. Und setzt jetzt, frisch ertappt, hoffentlich nicht weiter auf die „Haltet den Dieb!“-Masche. Oder hält, wie SonyBMG-Chef Maarten Steinkamp, an der Prämisse fest, daß der eingeschlagene Weg grundsätzlich schon der richtige war und ist (obwohl viele Experten komplexe Kopierschutzmaßnahmen definitiv für Humbug halten, sowohl technisch wie verkaufspsychologisch).

Sonst könnte am Ende der Durchschnittskonsument einmal wirklich ernsthaft zornig werden.

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Eine Antwort to “Der Schuss ins eigene Knie”


  1. […] aus den Augen. Den Paradigmenwechsel der Musikindustrie hat Sony verschlafen (oder, schlimmer, falsch darauf reagiert, bei Flachbildschirmen machen Konkurrenten wie LG und Samsung mächtig Druck und bei den […]


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