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Aufwachen!

9. Dezember 2005

Visionäre Fremdenverkehrsattraktion oder kulturpolitisches Desaster? Das Thema “Musical in Wien” läßt seit Jahren kaum einen Experten kalt. Dafür, zumindest im Fall des Fendrich-Musicals “Wake Up”, jede Menge sprichwörtlich in Bussen aus St.Pölten herangekarrter Pensionisten. Die blieben nämlich aus. Was niemanden freut, am allerwenigsten den Autor.

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Meine Tochter liebt Musicals. Schlechte Erziehung? Ach wo. Ich selbst habe ja auch nichts gegen Musicals. Selbst wenn mir das Genre an sich schon seltsam anachronistisch, verschmockt und überzuckert vorkommt. Darüber, daß sich Freunde bei bloßer Erwähnung von Produktionen wie “Elisabeth”, “Tanz der Vampire” oder “Romeo & Julia” in Krämpfen winden oder vollkommen ratlos mit den Schultern zucken, kann man als Trash-Liebhaber, der auch (und insbesondere) abstruse Ausformungen und kitschverzückte Niederungen der Populärkultur zu genießen weiß, mit Gelassenheit hinwegsehen. Musicals sind – nicht mehr, aber auch nicht weniger – Märcheninszenierungen für Erwachsene, die die Pubertät nie erreicht haben.

Frappierend ist meinem Geschmack nach nur das auffällige Mißverhältnis von Aufwand und Wirkung. Oder sagen wir so: der Pomp der Inszenierung im Kontrast zur Banalität des Stoffes. Aber auch Hochkultur-Ikonen bauen ja oft genug an potemkinschen Fassaden. Oder lassen zuvorderst den Klang des Namens wirken (sind wir z.B. nicht alle gespannt, welch Ideenfeuerwerk uns Peter Sellars én gros und én detail zum Ausklang des Mozartjahres 2006 bescheren wird?). Insofern sollten allzu (kultur)kritische Beurteilungen der Materie Musical nicht an erster Stelle stehen. Tun sie auch nicht. In diesem Bereich hat es sich eingebürgert, von “genre-immanenten” Qualitäten zu sprechen, von Nachhaltigkeit (wieviele Jahre könnte eine Produktion mehr oder minder unverändert laufen? Bei “Elisabeth” waren es z.B. zwischen 1992 und 2005 insgesamt 1752 Vorstellungen am Theater an der Wien), von Fremdenverkehrs-Zugkraft und Umweg-Rentabilität.

Und es macht auch keinen schlanken Fuß, die Sparte Musical – die allerdings, wie Kritiker zurecht einwerfen, überall auf der Welt als strikt kommerzielle Vergnügung fungiert und funktioniert und nur in Wien als hoch subventioniertes Kulturangebot – gegen andere Sparten, sei es Theater, Oper, Film, Tanz oder Pop im engeren Sinne, aufrechnen zu wollen. Der Verteilungskampf ist so oder so im Gange, subjektive Sympathien und Antipathien haben sich noch immer und überall einer versuchten “Objektivierung” durch Jurys, Kuratoren oder Gemeinderatsbeschlüsse widersetzt.

Allerdings: irgendeine Bilanz, und sei es allein eine schnöde betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung, muß ja doch zu ziehen sein. Und wird dann auch gezogen. Wenn schon nicht vom hochkarätigen Leitungsteam der Vereinigten Bühnen, von Kulturpolitikern und kritischen Steuerzahlern, so doch immerhin vom Kontrollamt. Das dieser Tage seinem Namen gerecht wurde – und die Öffentlichkeit mit dem Hinweis aufschreckte, daß etwa das Musical “Wake Up” von Rainhard Fendrich und Harold Faltermeyer, das zwischen 2002 und 2004 im Raimundtheater zu sehen war, für einen Verlust von 12,7 Millionen Euro gesorgt hat.

Umgehend meldete sich der neue Kultursprecher der Wiener ÖVP, Franz Ferdinand Wolf zu Wort, und sprach von einem “kulturpolitischen Desaster”. Der Wiener Weg, Musical hoch zu subventionieren und zu forcieren sei falsch, man investiere in eine Theaterleiche auf Kosten anderer Kulturschaffender. Allein 2003 seien von 21,62 Millionen Euro Jahresverlust (!) der Vereinigten Bühnen knapp über acht Mille auf “Wake Up” entfallen. (Was übrigens, nebstbei, dafür spricht, daß der Rest vom Fest auch nicht gerade rasend erfolgreich war.)

Nun sollte man angesichts solcher Summen nicht versuchen, auf billige Weise politisches Kleingeld herauszuschlagen. Diese Zahlen sind nämlich tatsächlich desaströs. Und erfordern wohl, neben der mahnend sonoren Stimme eines Wolf im Politpelz (hat Franz Ferdinand in der Causa auch je als Journalist seine Stimme erhoben?), dringliche analytische Diskussion und klare zukunftsorientierte Festlegung seitens der SP-Mehrheitsfraktion. Will man weiter massiv Geld in “Romeo & Julia” & Cie. pumpen? Das Ronacher noch zwei-, drei mal umbauen? Oder könnte man mit den Millionensummen nicht entschieden Sinnvolleres, Werthaltigeres, Zugkräftigeres bewegen? Gibt es überhaupt Alternativen? Oder ist es einfach und banal so, daß – wie die Vereinigten Bühnen in einer Stellungnahme rasch kundtaten – “bei jedem kreativen Prozeß nicht alle Produktionen bei gleich bleibend hohem künstlerischen Anspruch gleich erfolgreich” sind. Und Exporterfolge nach Italien, Deutschland, Schweiz, Finnland und Japan flugs alles wettmachen.

Mir sind derartig dürftige Erklärungen ja allemal noch lieber als das abwehrende Schwadronieren der Verantwortlichen, “ungünstige wirtschaftliche Rahmenbedingungen” wie etwa der Irak-Krieg oder das Privatleben des Protagonisten Fendrich seien schuld an der nur siebzigprozentigen Auslastung von “Wake Up”. Aufwachen, meine Damen und Herren! Eventuell hätte man dann ja auch die Auszahlung fetter Prämien, Gagen und VBW-Gehälter entsprechend der schicksalshaften Rahmenbedingungen nach unten schrauben können. Oder das Wort “Privatwirtschaft” nicht allein im Zusammenhang mit der eigenen Tasche verinnerlichen müssen. Und wäre schlichterweise “Wake Up” vom Spielplan verschwunden, bevor das große Gähnen ausbrach und sich die Kunde darob bis zu den sprichwörtlichen Pensionistenclubs in St.Pölten durchgesprochen hatte, die daraufhin die Autobus-Pauschal-Reise samt Ticket wieder stornierten – dann hätte zwar das Rechnungsamt immer noch einige Fragen und Anmerkungen gehabt, aber weniger bohrende, ja nahezu schicksalshafte.

Wird Zeit, das Thema Musical in Wien wirklich einmal vorbehaltslos und nüchtern zu durchleuchten. Bevor es langfristig zur Operette mit ungewohnt, doch absehbar tragischem Ende verkommt.

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