Von Ruanda nach Bezau und retour

9. Februar 2006

Weltmusik? Jazz? Rock? Psychedelic Dub Reggae? Vergessen Sie übliche Kategorien. Hier wird nämlich im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitend und weltumspannend gedacht, agiert und musiziert – in der Chefetage der Kilimandscharo Dub & Riddim Society.

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Es ist ja nicht so, dass man jedes Projekt automatisch ins Herz schließt, das man gleichsam vom nie abreißenden Förderband des Job-Alltags hebt, wendet, betrachtet und dann, mehr oder minder liebevoll, auf den eigenen Schreibtisch hievt. Das gilt für den Empfänger eines Presse-Waschzettels genauso wie für seinen Schreiber. Den Wortschmieden, Durchlauferhitzern und Image-Architekten auf der einen Seite wie auf der anderen. Nur der oder die Künstler, die verfolgen diesen Prozess mit nervösem Augenaufschlag. Kein Wunder: hat man doch Wochen, Monate, manchmal Jahre in den Entstehungsprozess des routiniert rezipierten und konsumierten Produkts investiert. Den professionellen Spreu-vom-Weizen-Trenner lässt derlei kalt. Meistens jedenfalls.

Manchmal auch nicht. In diesem Fall gilt letzteres. Denn dass ein Vogel namens Vogel das Büro betritt, in breitestem Vorarlbergisch „Grüß Gott“ (oder ähnliches) schmettert und einem ohne weitere Umstände ein höchst exotisches Unternehmen namens „Kilimandscharo Dub & Riddim Society“ nahelegt, das passiert nicht alle Tage. Und wenn sich dieses Projekt – kurz: KDR-Society – auch noch als faszinierender, intensiver, an- und aufregender Ausbruch aus der grauen Einöde namens Wirklichkeit herausstellt, dann streift man die pragmatische Gleichgültigkeit ab wie eine zu enge, schwarzgraue Regenhaut an einem spätsommerlichen Sonnentag.

Genug der metaphorischen Bocksprünge. Die KDR-Society ist eine musikalische Import- und Export-Gesellschaft, gegründet und geleitet von Alfred Vogel, seines Zeichens Schlagzeuger in vielen Formationen dies- und jenseits des Arlbergs. „Diese ganz spezielle Band“, sagt er, „steht ja, wenn man so will, für das gemeinsame Funktionieren von unterschiedlichsten kulturellen, gesellschaftlichen, ethnischen Hintergründen. Der Titel des Erstlingsalbums – „Last Flight from Rwanda“ – rührt einerseits von einer kleinen Anekdote (die es noch zu erzählen gilt) her, andererseits ist es eine geplante Entführung des Hörers. Und „Rwanda“ eine Metapher für eine Welt, die nur sehr mühselig funktionierte und funktioniert.“

Es war tatsächlich die allerletzte Maschine, die letzten Sommer, an einem drückend heißen Tag im August, Herve Samb von Ruanda nach Amsterdam flog. Nach einem dreistündigen Aufenthalt ging es weiter nach Zürich, und von da ab nach Bezau im Bregenzerwald, zur ersten Aufnahmesession, direkt ins Studio von Alfred Vogel. Der war es auch, der vor knapp zwei Jahren so verrückt war, mit dem notorischen Spätflieger aus dem Senegal den Grundstein der KDR-Society zu legen, die nun ihren ersten Silberling im Koffer hat.

Ruanda – Bezau – Senegal? Klar: … und New York, Ghana, San Francisco! Die KDR-Society ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Afrikanern, Amerikanern und Österreichern. Das jüngste Mitglied gerade mal Familienvater – 33, das älteste 2facher Grammygewinner – 50. Kofie Quarshie pflückte Kokosnüssse, während er in Acra (Ghana) Percussion studierte. Damals war Richard Cousins vermutlich gerade mit Etta James auf Tour und „totally high“. Peter Madsen drückte die Tasten für Stan Getz und Herbert Walser absolvierte gerade die Prüfung zum „Goldenen Leistungsabzeichen des österreichischen Blasmusikverbandes“. Herve Samb war der einzige Junge in Senegal, der Chuck Berry verehrte. Und Alfred Vogel trommelte das Solo von Led Zeppelins „Moby Dick“. 15 Jahre danach sollte die Liebe zum Jazz diese sechs Freaks (wie sie sich selbst bezeichnen) in einem Kuhdorf in Österreich zusammenführen, um miteinander aus jener Selbstverständlichkeit heraus zu musizieren, wie Mozart mit Kuta Kinte Kaffee getrunken hätte.

Alfred Vogel hörte den 25jährigen Samb mit David Murray. „Es war Liebe auf den ersten Blick, oder, besser: auf den ersten Ton“, schwärmt der Schlagzeuger von dem afrikanischen Wunderkind. Dieser sollte dann auch das Bindeglied werden in einer Band, die auf der Bühne „jedes Jazzclubs genau so besteht wie auf einem Rockfestival“. Vogel war es, der alle Mitglieder der KDR-Society schon vorher kannte, und der ahnte, dass dieses global zusammengewürfelte Sextett einnehmend inspiriert und inspirierend miteinander musizieren sollte.

Und da wären wir schon beim Punk(t). Denn wenn ein Jazz-Avantgardist wie P. Madsen; eine Blues- und Soullegende wie Cousins; der afrikanische Trommel-Guru Quarshie; der Trompeten- Allrounder Walser; der Afrosaiten-Gott Samb und eine „funky mountain goat“ wie Vogel auf einen Produzenten-Hasen wie Alex Deutsch (Cafe Drechsler/mouth2mouth, assistiert von Don Summer) treffen, dann kocht Punk hoch. Denn diesen entdeckt man in der Quint-Essenz der KDR-Songs, die Deutsch a.k.a. aleXdrum mit viel Liebe aus dem multikulturellen Gebräu destillierte und zu einem eingängigen Bouquet mit wunderbar exotischen Melodien, Grooves und Vibes zusammenstellte. Punk, weil sich ein derartiges Übermass an Gegensätzen und Disparatem nur durch eine anarchisch-anarchistische Grundhaltung verschmelzen lässt. Und weil sich die Vielfalt und Eigenständigkeit des KDR-Sounds nur dadurch rechtfertigt. Jazz, Afro-Funk, Drum’n’Bass, Psychedelic, Breakbeats. Robert Cray, Ornette Coleman, Led Zeppelin, Chuck Berry, Mozart, Talking Heads und Fela Kuti… You name it.

Die KDR-Society garantiert Trance, Inspiration und Transpiration. Oder, wie Alfred Vogel es zu einem Slogan zu verdichten weiß: „music for brain and booty!“. Das Amalgam dieser unzähligen Einflüsse spiegelt sich auch im Cover von „Last Flight from Rwanda“ wieder. Die international bekannte und ausgezeichnete Gestalterin Elizabeth Kopf griff dabei auf die sogenannte „P-Collage“ von Suzie Kirsch zurück. Die Künstlerin hatte aus Fashion-Magazinen wie „Vogue“, „Madame“ usw. phallische Symbole ausgeschnitten und zu einer Collage zusammengestellt. Weibliches Haar, Luxusklamotten usw. gehen in archaische Muster auf. Symbiosen und Gegensätze, die seit jeher existieren. Und unser Leben – man denke nur an den ewigen Antagonismus zwischen Maskulinem und Femininem – mehr bestimmen denn je. Muster, die sich mit geringem Aufwand in der verschlungenen, hypnotisierenden Klangwelt der KDR-Society wieder entdecken lassen.

Verschiedene Kulturen sprechen hier eine gemeinsame Sprache. Dub, im Sinne einer musikalischen Universalsprache und als Ventil der Gegensätze. Peter Madsen hatte die Vision, die KDR-Society auch in einen politischen Zusammenhang zu stellen und diese tatsächliche „World Music“ mit allen Widersprüchen, Assoziationen und Zukunftsperspektiven in Szene zu setzen. Ich halte das für ein gewagtes, aber einlösbares Unterfangen. Der Ausgangspunkt ist mit „Last Flight from Rwanda“ gesetzt. Das Album erschien Ende 2005 beim eigenen kleinen Label, unabhängig in jedem Sinn des Wortes. Und ziemlich selbstbewusst, ziemlich faszinierend, ziemlich einzigartig. Eine klare Empfehlung. Bitte schließen Sie die Sicherheitsgurte. Der Startknopf trägt die Aufschrift „Play“

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