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Ring Ring Rrrring!

24. April 2006

Zukunftsmusik? Ach wo. Das Musikbusiness von heute findet doch auch nicht mehr wirklich bei Libro statt. Und schon morgen müssen sich auch Saturn/Mediamarkt, Kastner & Öhler und Donauland warm anziehen. Eventuell überleben ein paar „High Fidelity“-Spezialistenläden für Nostalgiker. Dafür sind die Funkberater groß im Kommen.

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Es ist kaum sieben Jahre her (und damit doch für viele unter uns schon im Dunkel des vorigen Jahrtausends entschwunden), daß das britische Branchenmagazin „Music Business International“, kurz: MBI, statt wie üblich, sagen wir: Britney Spears oder Richard Branson, großformatig ein technisches Gerät auf die Titelseite setzte. Erraten: ein Mobiltelefon. Und dazu in Balkenlettern die Frage:

Sieht so die Zukunft des Musikgeschäfts aus?

Die Antwort in den Chefetagen der internationalen Musikkonzerne war, wie man mir glaubhaft berichtet hat, bis auf wenige Ausnahmen Schmunzeln, Kopfschütteln, ungläubiges Achselzucken, demonstrative Ignoranz. Sicher, man hatte ja selbst ein „Handy“, aber das besaß einfach keinerlei Verbindung zur Stereoanlage im Büro oder daheim. Sicher, man hatte schon vom Internet und MP3 gehört – ließ sich e-mails aber nachwievor von der Sekretärin ausdrucken. Sicher, da faselten Konzernstrategen in New York oder London etwas von technischen Innovationen, Hoffnungsmärkten und Bedrohungsszenarien, aber man selbst stand ja an der täglichen CD-Verkaufsfront und mußte nur seine Zahlenvorgaben erfüllen.

Da blieb kaum Zeit für einen Blick nach links oder rechts. Oder gar über den Tellerrand. Daß Visionäre, seit Jahren schon, eine Revolution verkündeten und einen „Paradigmenwandel“ beschworen, ließ nur die wenigsten zum Fremdwörterlexikon greifen. Noch verkauften sich die silbrigglänzenden Compact Discs wie geschnitten Brot.

Es hätte aber allseits zu denken geben müssen, daß etwa Philips – gemeinsam mit Sony Erfinder des CD-Formats – Ende der neunziger Jahre seine Software-, sprich: Musik-Abteilung PolyGram abstieß und fortan nur mehr auf Hardware setzte. Auf CD-Brenner zum Beispiel. In späterer Folge auch auf MP3-Player. Und wahrscheinlich steckt heute in vielen Mobiltelefonen das eine oder andere Elektronik- oder KnowHow-Bauteil made by Philips… Natürlich zählen wir die Niederländer deswegen heute nicht zu den apokalyptischen Höllenmächten. Genausowenig wie Benq-Siemens, Nokia, Motorola oder Sony-Ericsson. Im Gegenteil.

Apropos: die Diskussionen zwischen den Hardware- und den Musik-Managern des japanischen Konzerns, da wäre ich gern mal dabei gewesen. Da müssen die Fetzen geflogen sein, und fliegen wahrscheinlich immer noch. Bei Fragestellungen wie „Setzen wir ausschließlich auf das hauseigene ATRAC-Format – oder lassen wir auch Kompatibilität z.B. zum iTunes Music Store zu“? Oder: „Forcieren wir kopiergeschützte CDs, obwohl sie auf den hauseigenen Computern und in Auto-CD-Playern keinen Ton ausspucken“? Und so weiter, und so fort. Ein fast schon absurder Grundsatzstreit unter einem Konzerndach.

Nun: diese Frontstellungen illustrieren nur die Malaise, in die die Tonträgerindustrie durch den Übergang von analogen auf digitale Formate fast zwangsläufig geraten ist. Man hat damit in den achtziger Jahren einen Zauberlehrling gerufen, den man nicht mehr losgeworden ist. Denn: ein Produkt, das äußerst kostengünstig und technisch annähernd perfekt zu kopieren (eigentlich: zu klonen) ist, ist kein Produkt mehr. Jedenfalls im strikt kommerziellen Sinn. Es unterlag und unterliegt einer zuerst schleichenden, mittlerweile rasanten Entwertung.

Musik ist eines jener immateriellen Güter, das sich am raschesten von seinem Träger – Vinyl, Band oder Disk – lösen konnte. Musik ist heute als unsichtbare Kette von Nullen und Einsen im Internet, auf unzähligen Festplatten, auf USB-Sticks und Playern wie etwa Apples Kult-Hosentaschen-Jukebox iPod daheim. Die mit Karajan-Fanfaren und immensen Gewinnspannen eingeführten Datenkonserven, sprich: die CDs, werden von vielen Kids nur mehr als konservative, banale und irgendwie lästige, weil teure und uncoole Staubfänger angesehen.

Wir kehren schnurstracks zum Ausgangspunkt, sprich: zum MBI-Titelbild, zurück. Denn tatsächlich, und die provokante Frage von anno ´99 läßt sich inzwischen legér beantworten -, sieht die Zukunft des Musikbusiness aus wie ein Mobiltelefon. Wobei, keine Frage, die Mobiltelefone von heute nicht mehr wie die groben Klötze von vor fünf Jahren aussehen. Und die Devices von morgen… na gut, da fällt mir immer irgendwie der Tricorder aus „Raumschiff Enterprise“ dazu ein.

Die grundsätzlich positive Botschaft ist: Musik und Mobilkommunikation, das ist heute längst ein logisches, zwingendes und allseits akzeptiertes Päarchen. Beide Welten profitieren voneinander. Die Mobilfunkbetreiber, aber natürlich auch herkömmliche Netzbetreiber und Provider, haben in der Musik hoch attraktiven, zielgruppenaffinen, leicht und kostengünstig transportierbaren Content entdeckt. Und die Musikindustrie hat vice versa ganz neue Vertriebskanäle erschlossen. Und neue Formen für altbekannte Inhalte.

Wer hätte noch vor drei, vier Jahren vermutet, daß sich etwa mit Ringtones – unter uns: stupend trivialen Tonschöpfungen und Lifestyle-Signets auf Legoland-Niveau – ein Millionengeschäft machen ließe? Und wer würde ernsthaft bezweifeln, daß dieses Phänomen nur ein Vorbote für eine logische Evolution auf breiter Ebene ist, sprich: die Verfügbarkeit von Musik in bester Qualität und voller Länge, jederzeit, überall, ohne Verzögerungen und Abstriche?

Allerdings: in den nächsten zwei Jahren wird mit dem Herunterladen von Christl Stürmer & Co. auf das Handy kaum noch etwas zu verdienen sein. So jedenfalls derTenor einer Analyse der Financial Times. „Erst 2008 dürfte dieser Markt langsam abheben“, wird Ovum-Analyst Dario Betti zitiert. So lange sei Musik eher ein Marketingprodukt für Netzbetreiber und Handyanbieter, um Kunden an Multimediadienste zu gewöhnen. Der Druck des Marktes wird jedenfalls schon jetzt stärker und stärker; eine unendliche Geschichte der Verzögerungen und Unklarheiten ist dem Konsumenten nicht vermittelbar.

Auch die Film- und Videoindustrie darf sich schon mal präventiv umgewöhnen. Bill Gates hat sich nicht zu Unrecht unlängst öffentlich gefragt, wozu ein technisch längst überholtes „Zwischen-Format“ wie die DVD eigentlich gut sein soll…

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