Archive for Juni, 2006

Kurs Ost-Ost-West

30. Juni 2006

Eine kurze, harte, wahre Geschichte: warum mein Vater einen Moskwitsch fuhr. Warum sich dies als Irrtum der Geschichte herausstellte. Und dann wiederum doch nicht.

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Mein Vater war Revolutionär. Seine revolutionäre Tat: er besaß ein Auto, das sonst kaum jemand besaß. Weil es in der Sowjetunion hergestellt wurde. Und im Westen, folgerichtig auch in Österreich, als Kuriosum galt. Als exotisches Schauobjekt. Oder als rollender Beweis für die Überlegenheit des Kapitalismus. Wenn überhaupt. Jedenfalls nicht als vollwertiges, ernst zu nehmendes Automobil.

Ich habe diesen Umstand lange verdrängt. Sehr lange. Bis ich vor wenigen Tagen aus dem „Ost“ taumelte. Nicht etwa, weil ich betrunken gewesen wäre. Sondern weil mir noch die Ohren dröhnten vom Gastspiel einer grenzwertigen Ska-Punk-Pop-Kapelle namens Russkaja. Einer Combo, die nebst einem veritablen Ivan Rebroff-Wiedergänger als Sänger auch noch mit begnadeten Fiedlern, Bläsern, Saitenzupfern und Trommlern aufzuwarten weiß. Und mit ihrer offensiven Klangproduktion Kennern das Naß in die Augen zu treiben vermag (mit hoher Sicherheit handelt es sich dabei um Schweißtropfen). Das „Ost“ ist übrigens, für jene, die’s nicht wissen, mittlerweile soetwas wie das inoffizielle Kulturzentrum ehemaliger Ostblockländer, situiert in jenen Kellerräumlichkeiten am Wiener Schwarzenbergplatz, die früher das legendäre Rock’n’Roll-Refugium „Atrium“ beherbergten. Ein, man kann dies ruhigen Propagandaminister-Gewissens so sagen, gerade ziemlich angesagter Club. Von wegen Balkan-Fieber, Ost-Chic, DDR-Nostalgie, Russen-Disko. Undsoweiter.

Jedenfalls stand da neulich unweit des dunklen „Ost“-Schlunds, hochgradig passend zum Ambiente, diese Karre geparkt. Wie aus dem Nichts. Kantiges Design. Barocker Chrom-Zierrat. Wabenförmige Scheinwerfer. Man sieht derlei nicht mehr oft auf heimischen Strassen in Zeiten aerodynamischen Einheits-Designs. Respektive: man sah derlei nie oft auf heimischen Strassen. Zu keiner Zeit.

Augenblicklich hat mich die Erinnerung gekrallt. Ein, wie gesagt, lange vergessen geglaubtes, wahrscheinlich intensiv verdrängtes Stück Kindheit und Jugend. Es muß Anfang der siebziger Jahre gewesen sein, als mein Vater mit diesem Auto um die Ecke bog. Mein Vater war B-Beamter (in meinen Augen stand das „B“ für brav, bieder, betulich) im Wiener Bundeskanzleramt, typischer Hutfahrer und zumeist stillschweigender Beisitzer meiner laut und viel und nahezu immer sprechenden Mutter. Dabei saß er am Steuer. Meine Mutter hatte zwar einen Führerschein, fuhr aber nie. Mein Vater dagegen fuhr viel. Oft die Strecke Wien – Weinviertel (Gegend Retz) oder Wien – Waldviertel (Gegend Zwettl) und retour. Langsam, leicht unsicher, doch mit einer stoischen Gelassenheit, die gelegentlich in Nervosität umschlug, wenn der Verkehr dichter wurde. Oder meine Mutter lauter.

Der erste Wagen meines Vaters war ein Opel. Das genaue Modell ist mir entfallen, ich glaube, ein Rekord. Typisches Massenmobil der späten Sechziger, vom Design her eher den Fünfzigern verhaftet. Mein Vater hatte den Opel gebraucht gekauft, und ich erinnere mich daran, wie er ihn stolz in der Taubstummengasse parkte, in gleißendem Sonnenlicht.

Der Wagen hielt ein paar Jahre. Dann zahlte sich irgendwann eine Reparatur nicht mehr aus, der Opel trug ein imaginäres Ablaufdatum. Wir zogen um, vom vierten Wiener Bezirk in den fünfzehnten, in die Goldschlagstraße. Diese Zäsur sollte durch ein neues Fahrzeug unterstrichen werden. Ich sah einer verheißungsvollen Zukunft entgegen. Nach der Schule sammelte ich Autoprospekte. Mit einer vernünftigen Vorauswahl möglicher Modelle und trefflichen Argumenten wollte ich meinen Vater bei der Entscheidungsfindung diskret unterstützen. Angetan hatte es mir, wohl wissend um den begrenzten finanziellen Spielraum, insbesondere das 850er Coupé von Fiat. Gewiß kein Sportwagen, aber doch vergleichsweise dynamisch in der Erscheinung. Und mit – ganz wichtig! – runden, vergitterten Plastik-Luftdüsen im Armaturenbrett. Dies erschien mir als Höhepunkt zeitgemässer Ausstattung. Ich freute mich auf den Augenblick der Erstbegegnung.

Doch es kam, wir wissen ja bereits Bescheid, anders. Ganz anders. Den Moment, in dem mein Vater mit dem Moskwitsch um die Ecke gebogen kam, mit „herbe Enttäuschung“ zu umschreiben, trifft die Sache nicht ganz. Eine Welt ging unter. Was, zum Teufel, wollte mein Vater mit diesem Gefährt? Ich fragte aber nicht nach. Ich schmollte. Mein Vater bemerkte es gar nicht. Er fand, er hatte eine gute Wahl getroffen. Ein robustes Gefährt. Graublau. Unglaublich billig. Exotisch, ja doch. In Russland gebaut. Noch mit Handkurbel ausgestattet, falls die Batterie den Strom nicht halten sollte. Ein kommunistisches Volks-Vehikel für einen alpenländischen B-Beamten? Zum Eisernen Vorhang war es nicht allzu weit. Mein Vater empfand keinen ideologischen Vorbehalt. Jedenfalls nicht, was den sowjetischen KfZ-Produktionsausstoß betraf.

Ich schon. Moskwitsch, Trabant, Wartburg, Skoda, Dacia, Lada, Saporoshez, Oltcit, Wolga, Tatra, Polski-Fiat, Polenz, Yugo, Zastava. Das waren Marken, die im Auto-Quartett nicht vorkamen. Fragten mich meine Schulkollegen, welches Auto denn mein Altvorderer führe – sie selbst verwiesen stolz auf Mercedes, NSU, Ford, ja sogar ein Jaguar war darunter –, schwieg ich beschämt. Oder imaginierte einen Opel GT herbei. Oder einen Fiat Spider. (Seltsamerweise kam keinem der gleichaltrigen Auskenner damals der Gedanke, daß das alles andere als Familienkutschen waren). Die Realität roch nach Ostblock. Zumindest ist mir der strenge Duft, den der Moskwitsch verströmte, nach Lakritz und Bakelit und Wladiwostok, auf ewig hängen geblieben. Und die cyrillische Beschriftung der Armaturen seh’ ich auch noch vor mir, als wär’s gestern. Das Ding lief und lief und lief. Irgendwann, Ende der siebziger, Anfang der achtiger Jahre dann aber doch nicht mehr. Dann kam ein VW Polo. Aber da war ich schon von zuhause ausgezogen. Als im Frühjahr 2006 Moskwitsch endgültig von einem post-stalinistischen Gericht für bankrott erklärt wurde, hatte der Hersteller mehr als 4 Millionen Fahrzeuge produziert.

Mein Vater, leider schon früher verstorben, hat mir einmal die wahre Geschichte des Moskwitsch erzählt. Die private. Warum ausgerechnet er – die Millionen im Osten, die oft Jahre auf ihren PKW gewartet hatten, blieben eine abstrakte Zahl für gelernte Westler – das Modell 412 erstanden hatte. Es ist eine kurze, harte, lehrreiche Geschichte. Und sie geht so –

Mein Vater war ausgezogen zum Autohändler mit dem unbedingten Vorhaben, tunlichst Geld zu sparen. Im Keller lagen fast neue Winterreifen, die er noch für den Opel erstanden hatte. Er wollte sie weiterverwenden. Das einzige Gefährt, auf das die Reifen zu passen schienen, war ein Moswitsch. Typ 412. Meinte der Händler. Auch die Papiere, die die Dimension der Reifen auswiesen, sprachen dieselbe Sprache. Also kaufte mein Vater den Wagen. Stantepede. Ohne kleinliche eigene Wünsche (hatte er je welche gehabt in Bezug auf einen eigenen fahrbaren Untersatz?) ins Treffen zu führen. Oder auf das Image, die Botschaft, die tratschenden Nachbarn zu achten. Auf den Sohn mit seinem monatelang kumulierten und bewußtseinsmäßig manifesten Vorschlag mit dem Fiat schon gar nicht.

Der Clou war: die Reifen schienen richtig dimensioniert, passten aber trotzdem nicht. Totalausfall. Eventuell kommunistische Feindtäuschung. Eher aber war mein Vater ein Opfer des eigenen unbedingten Sparwillens geworden. Und ich mit ihm. Ich habe es ihm jahrelang nicht verziehen.

Aber jetzt, vor dem „Ost“ und nach dem Russkaja-Konzert, erschien mir seine Tat revolutionär, ja visionär. Und mein damaliger Schmerz sekundär. Alles eine Frage der Zeit. Und der Wodkamenge. Spasibo.

SOS ORF

23. Juni 2006

Vierzig Jahre nach dem Rundfunk-Volksbegehren, das erst die Grundlage für den ORF in seiner heutigen Form ermöglichte, stellen sich die Fragen nach Unabhängigkeit, Qualität und Programmsubstanz neu. Und dringlicher denn je.

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Ich gestehe: ich habe den Aufruf von “SOS ORF” unterschrieben. Ich habe ihn auch an Freunde, Kollegen und Bekannte weitergeleitet, mit der Aufforderung, ihn ebenfalls zu unterschreiben und weiterzuleiten, wenn ihnen etwas am ORF stinkt. Ein paar antworteten, sie hätten dies schon längst getan. Andere schrieben zurück, sie hielten die ganze Aktion für eher sinnlos und hätten den Glauben an das Gute, Wahre, Schöne im Zusammenhang mit dem Küniglberg längst verloren. Ein paar wenige bemängelten den Inhalt der Erklärung (“Ich hätt’ schon unterschrieben, aber…”) oder zeigten mir, bildlich gesprochen, den Vogel. “Ich bin sogar sehr dafür, daß ORF untergeht wie die Titanic”, meinte etwa Freund K. “Nur so kann ein neues Mediengefüge entstehen in diesem Land. Abgesehen davon, daß die technische Entwicklung und globale Vernetzung diese Mini-Fürstentümer, die immer auf die sogenannte nationale und regionale Identität pochen und abseits der üblichen Klischee-Reiterei herzlich wenig dafür tun, sowieso hinwegfegt wie nichts.”

Das nenn’ ich eine dezidierte Meinung. Vielleicht eine Spur zu visionär, eventuell eine Spur zu pessimistisch. Denn natürlich ist der Kampf um Unabhängigkeit, Qualität und inhaltliche Substanz, auch abseits des ORF, immer ein Sysiphus-Projekt. Und meist von stoischer Pragmatik geprägt. Vor allem für jene, die dabei tagtäglich an der Front – ihrem Redaktions-Schreibtisch – stehen. Oft nicht allein. Denn vor, neben und hinter ihnen stehen noch andere. Vorgesetzte, Aufsichts-, Stiftungs- und Betriebsräte, Kollegen. Oder Ex-Kollegen.

“Die schärfsten Kritiker der Elche – waren früher selber welche” wußte der Satiriker F.W.Bernstein (äußerst vergnüglich nachzulesen hier). Der trocken-süffige Zweizeiler bringt die Sache auf den Punkt. Denn anstatt beschämt zu schweigen und generell über das historische und aktuelle Versagen der eigenen Zunft zu meditieren, haben sich etwa der Rettung des ORF vor der Politik in der Mehrzahl wieder – erraten! – Politiker angenommen. Von Molterer bis Häupl, von Van der Bellen bis Westenthaler und Strache hat jeder seine Meinung zum Status Quo der größten Medienorgel des Landes. Und plärrt sie, gefragt oder ungefragt, hinaus. „Ich meine, nicht bös’ sein, aber wenn man den ORF führt wie die „Iswestija“ (Anm.: russische Tageszeitung, zu Sowjetzeiten Sprachrohr der Regierung), dann darf man sich nicht wundern, daß er nicht gesehen wird“, verkündete etwa Wiens Bürgermeister und eigentlicher SP-Chef Michael Häupl per APA-Interview. Ziemlich daneben, wie sogleich ein aufmerksamer Blogger im “Standard Online” anmerkte: “Im September 2004 wurde der Chefredakteur der Iswestija, Raf Schakirow, wegen zu kritischer Berichterstattung entlassen. Im ORF kann das nicht passieren“.

Auch die vermeintlichen „Iswestija“-Genossen waren wenig erfreut. „Falls die Aussagen des Wiener Bürgermeisters zur Rettung des ORF gedacht waren, brauchen die Redakteure der „Zeit im Bild“ demnächst Hilfe zur Rettung von den Rettern“, so eine Aussendung der „ZiB“-Redakteurssprecher. Zwar führe man derzeit „aus gutem Grund“ eine engagierte Diskussion über journalistische Standards. Gerade angesichts der heiklen Debatte erwarte man sich aber von Unterstützern eines objektiven öffentlich-rechtlichen Rundfunks mehr Sensibilität. Fazit: „Andernfalls scheinen uns solche Initiativen zur Stärkung der Unabhängigkeit äußerst unglaubwürdig.“

D’accord. Denn natürlich ist es schon ein bissl arg bizarr zu beobachten, wie sich jetzt die Bergmanns und Krammers und Strobls und Gheneffs hervortun in der Schlacht um den Küniglberg. Jene Leute also, die direkt von Parteizentralen in den „Stiftungsrat“ entsandt, Äquidistanz und Unabhängigkeit des von ihnen beaufsichtigten Unternehmens beschwören und einfordern. Und natürlich kein offenes oder verstecktes Mittelchen auslassen, um ihren eigentlichen Auftraggebern den einen oder anderen vermeintlichen Vorteil herauszuleiern. Natürlich wäre es naiv, zu meinen, derartige Figuren gäbe es nicht überall und zu jeder Zeit. „Interessensvertreter“ haben nun mal, nebst eigenen Interessen, die Interessen ihrer Auftraggeber zu vertreten. Und das ist nun mal, über den Mittelsweg der parlamentarischen Demokratie, die jeweilige Parteizentrale – quasi im Namen des Volkes.

Das Volk aber, pardon!, gibt darauf zunehmend einen feuchten Krapfen. Ist eher an der neuen Rosamunde Pilcher-Staffel interessiert. Oder hat schon längst den Aus-Knopf gedrückt. Daß sich jetzt ein paar engagierte Vertreter der Zivilgesellschaft zu Wort melden und an den eigentlichen Auftrag des ORF erinnern – konzentriert nachzulesen im Meinungs-Kompendium, sic!, „Der Auftrag“, frisch erschienen im Sonderzahl Verlag –, ist löblich, aber auch von Sentimentalitäten getragen. Daß dabei sogar der Ruf nach einem „neuen Gerd Bacher“ (oder gar nach dem Original!) ertönt, ist eine kuriose Fußnote mehr. Ich weiß, wovon ich schreibe: für die öffentliche Besorgnis darüber, daß der ORF seine Jugendkompetenz verlieren könnte – er hat sie, nebstbei, längst verloren – hat mir der Tiger im Generalintendantentank einst ein dringliches Kündigungsschreiben zukommen lassen. Zu meiner Freude: denn nur damit bekam Anfang der neunziger Jahre ein freier Mitarbeiter, der sich sowieso schon von seinem Arbeitgeber entfernt hatte, auch eine Abfertigung. Heute ist das, längst hat man offiziell und EU-konform nur mehr Angestellte, Standard. Aber um die Zukunft der Ex-Kollegen und -Kolleginnen mache ich mehr Sorgen denn je.

Sollten Sie sie ansatzweise teilen: unterschreiben Sie auf http://www.sos-orf.at. Nützt’s nix, schadt’s nix. Sagt der Volksmund. Auf den hört man am Küniglberg und in diversen Freundeskreisen ja so gern. Angeblich.

Heimspiel

16. Juni 2006

Fünf aktuelle, empfehlenswerte Pop-Produktionen aus Österreich – abseits von Christl Stürmer & Co.

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MADOPPELT : Plan Leben
(Schwer Records, http://www.madoppelt.com)

Nach Texta, Total Chaos und Schönheitsfehler schien sich eine Lücke aufzutun in Sachen HipHop mit lokalem Zungenschlag. Von Matthias Leitner alias MadoppelT aus Wien-Floridsdorf wird sie virtuos und selbstbewußt gefüllt. „Plan Leben“ ist schon das zweite, absolut hörenswerte Album des Reimeschmieds – und unterscheidet sich angenehm von den testosterongeschwängerten Stupid-Botschaften aus Deutschland.

SOFA SURFERS : Sofa Surfers („Rotes Album“)
(Klein Records, http://www.sofasurfers.net)

Ursprünglich hatte man die Sofa Surfers – nomen est omen – in die Schublade der Wiener Downbeat-Elektroniker rund um Kruder & Dorfmeister gesteckt. Zu Unrecht, denn längst haben sich die Herren Schlögl, Kienzl, Holzgruber und Frisch emanzipiert und mehrfach neu erfunden. Mit dem charismatischen Sänger Mani Obeya (auch zu hören bei „Soundhotel“) hat man ein verbindendes Element für die gehaltvollen, organischen Grooves des Quartetts gefunden. Auch live sind die Sofa Surfers eine Klasse für sich.

JULIA : Sunrise
(monkey./Universal, http://www.julia.co.at)

Von intellektuellen Kritikern wird Rock der Bauart der Wiener Band Julia weniger geschätzt. Vom Publikum dafür umso mehr. Mit viel Eigeninitiative, massiver Live-Präsenz und unbedingtem Willen zum Erfolg hat sich das heimische Metal-/Rock-/EmoCore-Aushängeschild einen beachtlichen Status auch im benachbarten Ausland erkämpft. Jetzt müßte nur noch ein Song wie „Everlasting“ auf Ö3 laufen, und sie würden auch Stars wie Green Day Paroli bieten.

SHY : Zurück am Start
(Wohnzimmer Records, http://www.shy.at)

Daß Combos wie Wir sind Helden, Blumfeld, Tomte und Element of Crime (oder deren burgenländisches Pendant Garish) nicht beiläufig in Mode kamen, sondern deutschsprachige Popmusik mit Hang zu wohlgesetzten Texten auch hierzulande eine Tradition und Meilenstein-Setzer kennt, dafür stehen Shy aus Linz. Nach fünfzehn Jahren und einem halben Dutzend Alben musizieren sie immer noch ein wenig im Schatten, „Zurück am Start“ markiert aber eine neue, wohldosierte Aufbruchsstimmung.

PAROV STELAR : Seven and Storm
(Etage Noir Records, http://www.etagenoir.com)

Ebenfalls aus Linz kommt Marcus Füreder alias Parov Stelar – ein Mann, dessen Sound-Visionen international die Download-Charts erobern. Was daran liegen mag, daß kaum jemand die feingliedrige Verschmelzung von Jazz-, House- und Breakbeat-Elementen so elegante beherrscht wie er. Dabei grenzt sich Füreder durchaus vom Neo-Klischee-Soundtrack der rot-weiß-roten Kaffeehaus-Schule ab. Hansi Langs „Slow Club“ war keine schlechte Erfindung, Parov Stelar ist mit „Seven and Storm“ einfach das bessere Album gelungen.

Grobes Missverständnis

9. Juni 2006

Schön, daß es den “Österreichischen Musikfonds” gibt, der zu einer qualitativen und quantitativen Hausse heimischer Musikproduktionen beiträgt. Allerdings auch das eine oder andere Kleinlabel in Kalamitäten bringt.

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Neulich bog ein alter Bekannter um die Ecke, der gleich nach einer marginalen Begrüßungsfloskel zum großen Halali ansetzte: “Gratuliere! Ihr habt ja mächtig abgeräumt beim Musikfonds! Kaufst Du Dir jetzt einen neuen Mercedes?”. Ich dachte zunächst, ich klopf’ ihm milde auf den Hinterkopf. Dann habe ich es bei einer nüchternen, ihn tatsächlich auch leise ernüchternden Erklärung belassen. Deren Essenz ich hier gerne wiedergeben will.

Worauf der gute Mann anspielte, war der Umstand, daß einige Künstler, die über das von mir und Partnern betriebene Label monkey. promotet und in Umlauf gebracht werden, tatsächlich eine Förderung des Österreichischen Musikfonds (kurz ÖMF) erhalten hatten. Der ÖMF ist, wie man weiß, eine Erfindung notorisch tatendurstiger Menschen, die dem Fachverband der Audiovisions- und Filmindustrie der Wirtschaftskammer – ein Gremium, das von politischen Entscheidungsträgern immerhin ansatzweise ernst genommen wird – konkreten Nutzwert abseits öder Funktionärs-Folklore abringen wollen. Was nach vielen Monaten an Diskussionen und Vorarbeiten auch gelang. Im Juli 2005 aus der Taufe gehoben, ist der mit 600.000 Euro dotierte Fonds ein “public-private”-Referenzprojekt des Kulturstaatssekretärs gemeinsam mit Institutionen wie AKM/GFÖM, Austro Mechana, IFPI, ÖSTIG und WKÖ. Gefördert werden professionelle Musikproduktionen mit bis zu 50 Prozent der Kosten, über die Vergabe entscheidet eine Fachjury. Bislang – in den ersten beiden Runden – gingen 340 Anträge mit einem fiktiven Produktionsvolumen von 12,15 Millionen Euro (!) ein, 49 davon erhielten eine Förderzusage.

So weit, so gut. Oder? Tatsächlich haben sich im Vorfeld geäußerte Zweifel und Befürchtungen, es handle sich einmal mehr um plumpen Aktionismus des Ex-Burgtheater-Punks Franz Morak und um fragwürdige Wirtschaftsförderung auf Kosten des Kulturbudgets, eher nicht bestätigt. Natürlich kam und kommt einiges von dem Geld (nebstbei: in etwa die Summe, die schätzomativ in die Restaurierung der Toiletten im Theater in der Josefstadt investiert wurde) auch heimischen Majors zugute, denen lokale A&R-Investitionen damit leichter fallen. Aber das Gros der Künstler hierzulande träumt ja ungebrochen vom Zungenkuß mit Universal, SonyBMG, EMI und Warner. Insofern ist die offensive Ignoranz gegenüber Major/Indie-Debattenführern nur konsequent. Auch hat sich die Jury, deren Besetzung bei der vielfältig verquickten Interessenslage innerhalb der kleinen Szene hierzulande wahrlich nicht einfach war und ist, als ein recht pluralistisches, treffsicheres und an Qualität interessiertes Gremium entpuppt.

Alles eitel Wonne also mit dem ÖMF? Man könnte ja meinen, ich schmiere den Herrschaften ein wenig Honig ums Maul, damit noch mehr Musikanten aus dem eigenen Stall ein paar Scheinchen in den Allerwertesten gesteckt bekommt. Allerdings – und ich bin geneigt, diesen Einspruch jetzt in Versalien zu schreiben –, ALLERDINGS fangen mit einer ÖMF-Förderung für ein Label die Probleme vielfach erst an. Strukturelle Defizite, die anzureissen ich mich nicht scheue (zu mehr reicht hier der Platz nicht, sorry.)

Zunächst einmal ermöglicht eine ÖMF-Förderung tatsächlich in den meisten Fällen erst- und einmalig eine Finanzierungsbasis abseits reiner Selbstausbeutung – und ermöglicht damit einen Professionalisierungsschub (allein das Ausfüllen der Einreichungsunterlagen zwingt viele dazu, initial soetwas wie eine Kosten-/Nutzenrechnung zu wagen). Positiv. Was aber hilft es, wenn ein tolles Masterband und eventuell auch ein schickes Video vorliegen, wenn im Anschluß in punkto Vermarktung erst recht wieder Ebbe in der Kassa herrscht? Seien wir ehrlich: es gibt nur ganz, ganz wenige Labels in diesem Land, die einigermaßen Gewicht im Markt besitzen. National, mehr noch aber international. Für das Gros der Labelbetreiber ist und bleibt das Veröffentlichen von Musik ein teures, idealistisch getriebenes Hobby. Marketing, Promotion und Live-Aktivitäten auf Profi-Niveau sind enorme Kostenfaktoren, die sich leider in über neunzig Prozent der Fälle nicht amortisieren. Und, wenn überhaupt, nur am Rande in einem einigermaßen realistischen Produktionsetat unterbringen lassen.

Damit sind aber auch keine Anreize für Veranstalter, Medien und den Handel zu schaffen, verstärkt – und abseits gut gemeinter, doch eher kontraproduktiver ÖMF-Selbstdarstellungs-Schienen – auf den Zug aufzuspringen. Gerade hier müßte man den Hebel ansetzen, um das Gros wirklich beachtenswerter Produktionen und Künstler einem breiteren Publikum anzudienen. Wenn Multiplikatoren wie der ORF nur zögerlich oder gar nicht mitspielen – was hindert agile Labelbetreiber daran, Geld, das ausgegeben werden kann und muß, an jene weiterzureichen, die sich (ev. seit jeher) als wirklich aufmerksame, verlässliche und produktive Partner beweisen? Und so weiter, und so fort. 600.000 Euro per annum sind in Summe nicht Fisch, nicht Fleisch. Auch auf die Gefahr hin, daß die österreichische Musikwirtschaft über kurz oder lang ähnlich am Fördertropf hängt wie die Filmindustrie: ohne daß man richtig Kohle in die Hand nimmt, wird das nie etwas werden mit einem “neuen Falco”. Die Major-Strukturen sind mittlerweile zu schwach, und neue Hoffnungsfelder wie das Internet müssen auch professionell beackert werden, sonst bleibt das eine neuzeitliche New Business-Mär. Ein Musikfonds allein macht noch keinen Sommer.

Jedenfalls bedeutet eine Förderung für ein Label – das dann oft mit noch höheren Erwartungen konfrontiert wird, als ein Künstler-Ego schon vorher traumwandlerisch zu gebären imstande war – nicht den Gold-Pokal per se. Im Gegenteil. Ich schreibe diese Zeilen, während die Entscheidungsfindung für die dritte Runde des ÖMF läuft. Ein gutes Dutzend Künstler hat wieder über und mit uns eingereicht. Und, nein, ich habe keinen neuen Mercedes bestellt. Danke der Nachfrage.

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