Grobes Missverständnis

9. Juni 2006

Schön, daß es den “Österreichischen Musikfonds” gibt, der zu einer qualitativen und quantitativen Hausse heimischer Musikproduktionen beiträgt. Allerdings auch das eine oder andere Kleinlabel in Kalamitäten bringt.

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Neulich bog ein alter Bekannter um die Ecke, der gleich nach einer marginalen Begrüßungsfloskel zum großen Halali ansetzte: “Gratuliere! Ihr habt ja mächtig abgeräumt beim Musikfonds! Kaufst Du Dir jetzt einen neuen Mercedes?”. Ich dachte zunächst, ich klopf’ ihm milde auf den Hinterkopf. Dann habe ich es bei einer nüchternen, ihn tatsächlich auch leise ernüchternden Erklärung belassen. Deren Essenz ich hier gerne wiedergeben will.

Worauf der gute Mann anspielte, war der Umstand, daß einige Künstler, die über das von mir und Partnern betriebene Label monkey. promotet und in Umlauf gebracht werden, tatsächlich eine Förderung des Österreichischen Musikfonds (kurz ÖMF) erhalten hatten. Der ÖMF ist, wie man weiß, eine Erfindung notorisch tatendurstiger Menschen, die dem Fachverband der Audiovisions- und Filmindustrie der Wirtschaftskammer – ein Gremium, das von politischen Entscheidungsträgern immerhin ansatzweise ernst genommen wird – konkreten Nutzwert abseits öder Funktionärs-Folklore abringen wollen. Was nach vielen Monaten an Diskussionen und Vorarbeiten auch gelang. Im Juli 2005 aus der Taufe gehoben, ist der mit 600.000 Euro dotierte Fonds ein “public-private”-Referenzprojekt des Kulturstaatssekretärs gemeinsam mit Institutionen wie AKM/GFÖM, Austro Mechana, IFPI, ÖSTIG und WKÖ. Gefördert werden professionelle Musikproduktionen mit bis zu 50 Prozent der Kosten, über die Vergabe entscheidet eine Fachjury. Bislang – in den ersten beiden Runden – gingen 340 Anträge mit einem fiktiven Produktionsvolumen von 12,15 Millionen Euro (!) ein, 49 davon erhielten eine Förderzusage.

So weit, so gut. Oder? Tatsächlich haben sich im Vorfeld geäußerte Zweifel und Befürchtungen, es handle sich einmal mehr um plumpen Aktionismus des Ex-Burgtheater-Punks Franz Morak und um fragwürdige Wirtschaftsförderung auf Kosten des Kulturbudgets, eher nicht bestätigt. Natürlich kam und kommt einiges von dem Geld (nebstbei: in etwa die Summe, die schätzomativ in die Restaurierung der Toiletten im Theater in der Josefstadt investiert wurde) auch heimischen Majors zugute, denen lokale A&R-Investitionen damit leichter fallen. Aber das Gros der Künstler hierzulande träumt ja ungebrochen vom Zungenkuß mit Universal, SonyBMG, EMI und Warner. Insofern ist die offensive Ignoranz gegenüber Major/Indie-Debattenführern nur konsequent. Auch hat sich die Jury, deren Besetzung bei der vielfältig verquickten Interessenslage innerhalb der kleinen Szene hierzulande wahrlich nicht einfach war und ist, als ein recht pluralistisches, treffsicheres und an Qualität interessiertes Gremium entpuppt.

Alles eitel Wonne also mit dem ÖMF? Man könnte ja meinen, ich schmiere den Herrschaften ein wenig Honig ums Maul, damit noch mehr Musikanten aus dem eigenen Stall ein paar Scheinchen in den Allerwertesten gesteckt bekommt. Allerdings – und ich bin geneigt, diesen Einspruch jetzt in Versalien zu schreiben –, ALLERDINGS fangen mit einer ÖMF-Förderung für ein Label die Probleme vielfach erst an. Strukturelle Defizite, die anzureissen ich mich nicht scheue (zu mehr reicht hier der Platz nicht, sorry.)

Zunächst einmal ermöglicht eine ÖMF-Förderung tatsächlich in den meisten Fällen erst- und einmalig eine Finanzierungsbasis abseits reiner Selbstausbeutung – und ermöglicht damit einen Professionalisierungsschub (allein das Ausfüllen der Einreichungsunterlagen zwingt viele dazu, initial soetwas wie eine Kosten-/Nutzenrechnung zu wagen). Positiv. Was aber hilft es, wenn ein tolles Masterband und eventuell auch ein schickes Video vorliegen, wenn im Anschluß in punkto Vermarktung erst recht wieder Ebbe in der Kassa herrscht? Seien wir ehrlich: es gibt nur ganz, ganz wenige Labels in diesem Land, die einigermaßen Gewicht im Markt besitzen. National, mehr noch aber international. Für das Gros der Labelbetreiber ist und bleibt das Veröffentlichen von Musik ein teures, idealistisch getriebenes Hobby. Marketing, Promotion und Live-Aktivitäten auf Profi-Niveau sind enorme Kostenfaktoren, die sich leider in über neunzig Prozent der Fälle nicht amortisieren. Und, wenn überhaupt, nur am Rande in einem einigermaßen realistischen Produktionsetat unterbringen lassen.

Damit sind aber auch keine Anreize für Veranstalter, Medien und den Handel zu schaffen, verstärkt – und abseits gut gemeinter, doch eher kontraproduktiver ÖMF-Selbstdarstellungs-Schienen – auf den Zug aufzuspringen. Gerade hier müßte man den Hebel ansetzen, um das Gros wirklich beachtenswerter Produktionen und Künstler einem breiteren Publikum anzudienen. Wenn Multiplikatoren wie der ORF nur zögerlich oder gar nicht mitspielen – was hindert agile Labelbetreiber daran, Geld, das ausgegeben werden kann und muß, an jene weiterzureichen, die sich (ev. seit jeher) als wirklich aufmerksame, verlässliche und produktive Partner beweisen? Und so weiter, und so fort. 600.000 Euro per annum sind in Summe nicht Fisch, nicht Fleisch. Auch auf die Gefahr hin, daß die österreichische Musikwirtschaft über kurz oder lang ähnlich am Fördertropf hängt wie die Filmindustrie: ohne daß man richtig Kohle in die Hand nimmt, wird das nie etwas werden mit einem “neuen Falco”. Die Major-Strukturen sind mittlerweile zu schwach, und neue Hoffnungsfelder wie das Internet müssen auch professionell beackert werden, sonst bleibt das eine neuzeitliche New Business-Mär. Ein Musikfonds allein macht noch keinen Sommer.

Jedenfalls bedeutet eine Förderung für ein Label – das dann oft mit noch höheren Erwartungen konfrontiert wird, als ein Künstler-Ego schon vorher traumwandlerisch zu gebären imstande war – nicht den Gold-Pokal per se. Im Gegenteil. Ich schreibe diese Zeilen, während die Entscheidungsfindung für die dritte Runde des ÖMF läuft. Ein gutes Dutzend Künstler hat wieder über und mit uns eingereicht. Und, nein, ich habe keinen neuen Mercedes bestellt. Danke der Nachfrage.

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