SOS ORF

23. Juni 2006

Vierzig Jahre nach dem Rundfunk-Volksbegehren, das erst die Grundlage für den ORF in seiner heutigen Form ermöglichte, stellen sich die Fragen nach Unabhängigkeit, Qualität und Programmsubstanz neu. Und dringlicher denn je.

sos-orf.jpg

Ich gestehe: ich habe den Aufruf von “SOS ORF” unterschrieben. Ich habe ihn auch an Freunde, Kollegen und Bekannte weitergeleitet, mit der Aufforderung, ihn ebenfalls zu unterschreiben und weiterzuleiten, wenn ihnen etwas am ORF stinkt. Ein paar antworteten, sie hätten dies schon längst getan. Andere schrieben zurück, sie hielten die ganze Aktion für eher sinnlos und hätten den Glauben an das Gute, Wahre, Schöne im Zusammenhang mit dem Küniglberg längst verloren. Ein paar wenige bemängelten den Inhalt der Erklärung (“Ich hätt’ schon unterschrieben, aber…”) oder zeigten mir, bildlich gesprochen, den Vogel. “Ich bin sogar sehr dafür, daß ORF untergeht wie die Titanic”, meinte etwa Freund K. “Nur so kann ein neues Mediengefüge entstehen in diesem Land. Abgesehen davon, daß die technische Entwicklung und globale Vernetzung diese Mini-Fürstentümer, die immer auf die sogenannte nationale und regionale Identität pochen und abseits der üblichen Klischee-Reiterei herzlich wenig dafür tun, sowieso hinwegfegt wie nichts.”

Das nenn’ ich eine dezidierte Meinung. Vielleicht eine Spur zu visionär, eventuell eine Spur zu pessimistisch. Denn natürlich ist der Kampf um Unabhängigkeit, Qualität und inhaltliche Substanz, auch abseits des ORF, immer ein Sysiphus-Projekt. Und meist von stoischer Pragmatik geprägt. Vor allem für jene, die dabei tagtäglich an der Front – ihrem Redaktions-Schreibtisch – stehen. Oft nicht allein. Denn vor, neben und hinter ihnen stehen noch andere. Vorgesetzte, Aufsichts-, Stiftungs- und Betriebsräte, Kollegen. Oder Ex-Kollegen.

“Die schärfsten Kritiker der Elche – waren früher selber welche” wußte der Satiriker F.W.Bernstein (äußerst vergnüglich nachzulesen hier). Der trocken-süffige Zweizeiler bringt die Sache auf den Punkt. Denn anstatt beschämt zu schweigen und generell über das historische und aktuelle Versagen der eigenen Zunft zu meditieren, haben sich etwa der Rettung des ORF vor der Politik in der Mehrzahl wieder – erraten! – Politiker angenommen. Von Molterer bis Häupl, von Van der Bellen bis Westenthaler und Strache hat jeder seine Meinung zum Status Quo der größten Medienorgel des Landes. Und plärrt sie, gefragt oder ungefragt, hinaus. „Ich meine, nicht bös’ sein, aber wenn man den ORF führt wie die „Iswestija“ (Anm.: russische Tageszeitung, zu Sowjetzeiten Sprachrohr der Regierung), dann darf man sich nicht wundern, daß er nicht gesehen wird“, verkündete etwa Wiens Bürgermeister und eigentlicher SP-Chef Michael Häupl per APA-Interview. Ziemlich daneben, wie sogleich ein aufmerksamer Blogger im “Standard Online” anmerkte: “Im September 2004 wurde der Chefredakteur der Iswestija, Raf Schakirow, wegen zu kritischer Berichterstattung entlassen. Im ORF kann das nicht passieren“.

Auch die vermeintlichen „Iswestija“-Genossen waren wenig erfreut. „Falls die Aussagen des Wiener Bürgermeisters zur Rettung des ORF gedacht waren, brauchen die Redakteure der „Zeit im Bild“ demnächst Hilfe zur Rettung von den Rettern“, so eine Aussendung der „ZiB“-Redakteurssprecher. Zwar führe man derzeit „aus gutem Grund“ eine engagierte Diskussion über journalistische Standards. Gerade angesichts der heiklen Debatte erwarte man sich aber von Unterstützern eines objektiven öffentlich-rechtlichen Rundfunks mehr Sensibilität. Fazit: „Andernfalls scheinen uns solche Initiativen zur Stärkung der Unabhängigkeit äußerst unglaubwürdig.“

D’accord. Denn natürlich ist es schon ein bissl arg bizarr zu beobachten, wie sich jetzt die Bergmanns und Krammers und Strobls und Gheneffs hervortun in der Schlacht um den Küniglberg. Jene Leute also, die direkt von Parteizentralen in den „Stiftungsrat“ entsandt, Äquidistanz und Unabhängigkeit des von ihnen beaufsichtigten Unternehmens beschwören und einfordern. Und natürlich kein offenes oder verstecktes Mittelchen auslassen, um ihren eigentlichen Auftraggebern den einen oder anderen vermeintlichen Vorteil herauszuleiern. Natürlich wäre es naiv, zu meinen, derartige Figuren gäbe es nicht überall und zu jeder Zeit. „Interessensvertreter“ haben nun mal, nebst eigenen Interessen, die Interessen ihrer Auftraggeber zu vertreten. Und das ist nun mal, über den Mittelsweg der parlamentarischen Demokratie, die jeweilige Parteizentrale – quasi im Namen des Volkes.

Das Volk aber, pardon!, gibt darauf zunehmend einen feuchten Krapfen. Ist eher an der neuen Rosamunde Pilcher-Staffel interessiert. Oder hat schon längst den Aus-Knopf gedrückt. Daß sich jetzt ein paar engagierte Vertreter der Zivilgesellschaft zu Wort melden und an den eigentlichen Auftrag des ORF erinnern – konzentriert nachzulesen im Meinungs-Kompendium, sic!, „Der Auftrag“, frisch erschienen im Sonderzahl Verlag –, ist löblich, aber auch von Sentimentalitäten getragen. Daß dabei sogar der Ruf nach einem „neuen Gerd Bacher“ (oder gar nach dem Original!) ertönt, ist eine kuriose Fußnote mehr. Ich weiß, wovon ich schreibe: für die öffentliche Besorgnis darüber, daß der ORF seine Jugendkompetenz verlieren könnte – er hat sie, nebstbei, längst verloren – hat mir der Tiger im Generalintendantentank einst ein dringliches Kündigungsschreiben zukommen lassen. Zu meiner Freude: denn nur damit bekam Anfang der neunziger Jahre ein freier Mitarbeiter, der sich sowieso schon von seinem Arbeitgeber entfernt hatte, auch eine Abfertigung. Heute ist das, längst hat man offiziell und EU-konform nur mehr Angestellte, Standard. Aber um die Zukunft der Ex-Kollegen und -Kolleginnen mache ich mehr Sorgen denn je.

Sollten Sie sie ansatzweise teilen: unterschreiben Sie auf http://www.sos-orf.at. Nützt’s nix, schadt’s nix. Sagt der Volksmund. Auf den hört man am Küniglberg und in diversen Freundeskreisen ja so gern. Angeblich.

Advertisements

Eine Antwort to “SOS ORF”


  1. […] (auch schon längst überholt), schimpfte Ö3 und das ORF-Fernsehen (das ist scheinbar ein ewig gültiges Thema), lobte FM4, spöttelte über den „Amadeus“, porträtiere ambitionierte […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: