Archive for August, 2006

Sommerloch

9. August 2006

“Und ich schwitze auf der Ritze”, sang einst Punk-Chanteuse Nina Hagen. “Mir ist so heiß!”. Die Themen dieses Sommers sind es auch.

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Sorry, bei dieser Affenhitze kann man nicht denken. Geschweige denn schreiben. Ersteres sollte ja die Voraussetzung für zweiteres sein, auch wenn hiesige Printprodukte die Kausalkette oft umkehren. Erinnern Sie sich noch an die Katrin Lampe-Rufmord-Kampagne in “News”? Gott sei uns allen gnädig, wenn Reporter(innen) auf Moral pochen. Und selbst jeglichen An- und Verstand missen lassen. Aber bitte, man erwartet heutzutage als Medien-Konsument ja eh kaum mehr Journalismus, der diesen Namen auch wirklich verdient.

Wohl auch nicht von “Österreich”, dem radikal unbescheidenen “Hier! Kommt! News!”-Nachkömmling der Fellners. Immerhin ist eine kompetent besetzte Lifestyle-, Pop- und Kultur-Crew an Bord. Noch mächtiger – in jederlei Hinsicht – ist wohl die Anzeigen-Keiler-Truppe. Man darf gespannt sein. Ich habe das Blatt schon abonniert (um dann mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit wieder umso lustvoller kündigen zu können, ha!…) Kräuterpfarrer Weidinger hält dagegen selbst als Toter noch der “Krone” die Treue. Eine unvergleichlich konsequente und adäquate Macher-Schreiber-Leser-Bindung. Das Wort “Medium” enthält nicht unberechtigt noch eine andere, mehr transzendentale Bedeutung.

Sie merken schon: Hitzekoller. Schreibunlust (wiewohl das Herumgeblödel herrlich erfrischt). Zeilenschinderei. Sommerloch. Aber warum soll gerade ich es mir schwer machen, wenn andere alles leicht nehmen? Und Recherche, Fakten und stringente Argumentation in der Badehose stecken lassen? Jetzt haben launige Beobachtungen, wüste Polemik und vergnügliche Kuriositäten Hochsaison. Sie dürfen mit vollem Recht Füllmaterial dazu sagen. So ein Sommerloch – erst recht solch ein heiß brutzelndes wie anno ’06 – verträgt jede Menge davon. Voilá!

Sommerloch-Füller eins: Ö3. Präziser: eine Blog-Kolumne von Clemens Stadlbauer. Den ich, nebstbei, sehr schätze. Als feinen Beobachter, kundigen Musik-Liebhaber und beherzten Wortschmied. Stadlbauer ist ein Lichtblick auf der Ö3-Website (oe3.orf.at), die sonst nur vor Eigenpromotion („Hits erkennen – Auto gewinnen!“), Marketing-Banalitäten („Wer ist der schönste Bademeister Österreichs?“) und strunzdummen Society-News-Häppchen („Kate Hudson im Bikini verursacht Hubschrauber-Absturz“, „Fergie: schwanger oder einfach nur dick?“, „Carmen Electra wieder zu haben“) lebt. Aber bitte.

Nur neulich hat Stadlbauer kräftig danebengeschlagen. Und Georg Tomandl, den ebenso feinen Fädenzieher, kundigen Musik-Liebhaber und beherzten Ober-Checker des Österreichischen Musikfonds, als erfolglosen Elefanten im Porzellanladen beschimpft. Warum? Weil der sich erdreistete, offen anzumerken, daß Ö3 einiges mehr für die heimische Musikszene machen könnte, als Ö3 glaubt tun zu müssen, eventuell tun zu können oder eh schon zu tun. Mehr hat er nicht gebraucht. Da prallen Egos aufeinander wie Wasserbälle im Gänsehäufel. Daß sich die größte Pop-Orgel des Landes gern mimosenhaft zeigt, geht’s um heimische Klänge abseits der ORF-eigenen Entdeckungs- und Vermarktungsmaschinerie, ist man gewohnt. Daß aber selbst dialogfreudige und an der Szene interessierte Macher wie Stadlbauer auf den eigenen Schmäh reinfallen, eher nicht. Muß wirklich an der Hitze liegen.

Sommerloch-Füller zwei: Fendrich. Wir sind ja mitten im Thema “Medien entdecken Künstler”, eventuell zu erweitern um den Zusatz “als quotenträchtige Knetmasse”. Daß nun ausgerechnet ein, vorsichtig ausgedrückt, medienerfahrener Künstler wie Rainhard Fendrich glaubt, mit einer, gelinde gesagt, doch recht simplen Idee (“echte” Interpreten singen eigene Songs vor einer TV-Kamera) das Rad neu erfunden zu haben, sei ihm unbenommen. Eventuell könnte man das Ganze ja rubrizieren als weitere Schnapsidee nach diversen Schulbesuchen als Anti-Drogen-Testimonial. Man fragt sich dringlicher denn je, warum sich der zuletzt so Gebeutelte nicht wirklich mal für ein paar Monate zurückzieht, schweigt und in sich geht… Daß aber nun laut “TV Media” die halbe Branche – von Thomas Stein bis Markus Spiegel, von Eberhard Forcher bis Franz Prenner – derlei ebenfalls für eine “großartige Idee” hält und freudig Purzelbäume schlägt über Fendrichs Vorstoß, das erstaunt dann doch. Oder zeigt, wie verzweifelt die Lage im Musik- und Medien-Lager Österreich sein muß.

Ja, es ist richtig (und wurde hier oft genug beklagt), daß man als Kreativer abseits “Starmania” und “Soundcheck” kaum je ins Mainstream-Radio oder gar ins Fernsehen kommt. Aber warum, womit und wie will ausgerechnet einer, der damit jahrzehntelang in jeder Hinsicht kein Problem hatte, das mediale Vakuum füllen? Und eine neue Austro-Pop-Welle auslösen, wo Musikchefs und Medienstrategen noch mit der Verdammung und Versenkung der alten (inklusive Fendrich) beschäftigt sind? Man muß schon sehr zynisch sein (wie eventuell ATV-Chef Prenner, der damit garantiert den Küniglberg auf den Plan ruft), oder sehr von seiner selbstlosen Mission überzeugt (wie Rainhard “hoffentlich klaut mir niemand diese Idee!” Fendrich) oder sehr nachsichtig zu Entzugspatienten (der Rest), um diesem hell strahlenden Entwicklungshilfe-Gedankenblitz das Prinzip Hoffnung abzuringen. Oder sehr verzweifelt auf der Suche nach Stories, wie “TV Media”. Aber bitte.

Sommerloch-Füller drei: gerade ist der aktuelle Radio-Test reingeschneit. Natürlich wieder mal nur Gewinner. Alle jubeln. Die Privaten darüber, daß man schon wieder ein paar Promille Marktanteil gewonnen hat, zumindest in der Zielgruppe der 65- bis 67jährigen Strohwitwen in Sankt Veit an der Glan. Der ORF über haargenau denselben Umstand. Echt heißer Scheiß! Aber bitte. Ich geh’ jetzt ein Eis essen.

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