Sonnenschein und Wirklichkeit

14. September 2006

Der Platz, um die Realsatire um die Vergabe der Wiener Privatradio-Frequzenz 98,3 niederzuschreiben, reicht hier nicht. Nicht einmal annähernd. Ansatzweise hinter die Kulissen blicken kann, darf, muß man ja als Mit-Bewerber.

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Eins vorweg: ich gratuliere Sunshine zum Sieg im Wettstreit um die Wiener Radiofrequenz 98,3 Mhz. Auch wenn der Sieg nur ein vorläufiger ist. Denn nicht wenige Konkurrenten um diese – auf Jahre absehbar letzte – freie analoge UKW-Frequenz in der Millionenmetropole werden sich motiviert, ja förmlich genötigt fühlen, Einspruch zu erheben. Warum, soll Thema dieser Kolumne sein.

Meine Gratulation ist ernst gemeint. Ich habe den “Beauty Contest” rund um die Vergabe der Lizenz – immerhin haben sich 25 Bewerber darum gerauft, dabei kommt die schwache Sendeleistung grade mal Radio Orange nahe – immer als sportliche Herausforderung betrachtet. Natürlich ist mir als passioniertem Hörfunkkonsumenten ein innovatives Angebot allemal lieber als Radio Maria oder ein Retro-Rock-Sender, der Deep Purple huldigt. Und ich habe auch keine Lust, als schlechter Verlierer oder neumoderner Don Quichotte zu gelten. Die Sunshine-Leute sorgen seit Jahren mit ihrem Label und ihren Veranstaltungen immer wieder mal für Aufhorchen, und daß Lokale wie die “Passage” brummen, ist für professionelle Nachtschwärmer offensichtlich.

Als im Herbst des Vorjahres etwas überraschend eine Radiofrequenz im Raum Wien frei wurde (Experten meinen, da gäbe es noch einige mehr, aber die Behörde verneint das beharrlich), hielt ich es für eine gute Idee, mich mit ein paar Leuten zusammenzutun, die Know-How, Geld und Szenekompetenz einbrachten und Lust auf ein neues, zusätzliches Angebot im Äther. Da ich schon zuvor an Florian Novaks Unternehmen Lounge FM mitgebastelt hatte, das mit einem zeitgemäßen Wohlfühlsender im Netz (www.loungefm.at) und auf One-Handys per UMTS begeistertes Hörer-Feedback einfährt, lag es nahe, dieses – schon vorhandene, das wirtschaftlich fragile Privatradio-Spektrum in Wien kaum beschädigende – Format in das Rennen um die Frequenz 98,3 zu schicken. Was wir auch taten. Hätte ich das Kasperltheater geahnt, dessen unfreiwillig-freiwilliger Mitspieler ich damit werden sollte, hätte ich’s wohl gelassen.

Denn zunächst einmal vermutete mehr oder minder die gesamte Branche, daß in Anbetracht der österreichischen Realverhältnisse sowieso der gewichtige Medienkonzern Styria die Lizenz mir nichts, dir nichts einsacken würde. Ebenfalls da und dort vorstellig wurde Wolfgang Fellner, aber warum er nach der “Antenne” unbedingt noch eine zweite tönende Litfassäule in Wien benötigte, konnte er doch niemandem überzeugend vermitteln. Dann war da noch die Runde der üblichen Verdächtigen, das eine oder andere Non-08/15-Konzept (darunter “Deluxe FM” und das “Standard”-Info-Radio mit Martin Zimper) und, ja, Sunshine.

Die Sonnenschein-Crew Heinz Tronniger und Matthias Kamp, die mir natürlich nicht unbekannt war, ließ uns die eine oder andere Grußbotschaft zukommen. Des Inhalts, daß ihr “Black Music”-Club-Radio klarerweise Favorit in diesem Rennen sei. Eigentlich hätte man die Frequenz eh schon fix. Warum und woher die beiden ihre Überzeugung und ihr Selbstbewußtsein nahmen, blieb mir unklar. Und ich dachte mir nichts dabei. Auch nicht, als einen Tag nach Ende der Einreichungsfrist mein Telefon läutete und, etwas plötzlich, Staatssekretär Franz Morak dran war. “Meint ihr das ernst mit eurer Bewerbung?” Ja, klar meinten wir das ernst. Kostet schließlich Zeit, Geld, Mühe, eine GmbH zu gründen, Juristen zu briefen und ein hundertseitiges Konzeptkonvolut zu verfassen. “Na gut, wir werden uns das ansehen”, brummelte Morak. Ende der Durchsage. Was immer er damit meinte: bis zum Schluß ließ das Bundeskanzleramt vermelden, es hätte mit der Entscheidung in dieser Sache nichts zu tun. Die läge ausschließlich bei der unabhängigen und allein zuständigen Behörde KommAustria.

Seltsamerweise mehrten sich dann rasch die Zeichen, daß die Dinge nicht gar so fachlich, sachlich und unschuldig laufen sollten. Immer wieder kam meinen Kollegen und mir zu Ohren, daß heftig interveniert würde, von wem und wofür immer auch. Ist auch nicht verboten. Tun alle – womit sich die Interventionen üblicherweise egalisieren. Die obligate Concours-Folklore. Daß Sunshine – durchaus erstaunlich ob eines Konzepts, das eine recht gewagte Positionierung zwischen dem kommerziellen Black Music-Sender Energy und dem gewiß auch nicht gerade HipHop-, Soul-, Elektronik- und Drum’n’Bass-freien öffentlich-rechtlichen FM4 vorsieht (und damit Experten in punkto längerfristiger Finanzierbarkeit heftig den Kopf schütteln läßt) – tatsächlich rasch zu den absoluten Spitzenreitern zählten, überraschte dann doch. Zwei junge Einzelunternehmer ohne Radioerfahrung und gewichtige (Medien-) Mitstreiter in der Favoritenrolle?

Na gut, wir hatten unsere Hausaufgaben auch gemacht: eine einstimmige Empfehlung aller Fraktionen der Wiener Landesregierung für Lounge FM ließ uns frohgemut der Dinge harren. Daß allerdings leitende Mitarbeiter des Bundeskanzleramts unter ihrer Dienst-mail-Adresse Unterstützungserklärungen für Sunshine sammelten, irritierte zugegebenermaßen doch. Ebenso die lange Dauer der Entscheidungsfindung. Was lief da? Als schließlich der Chef der begleitenden Behörde RTR, Alfred Grinschgl, einen Tag vor der (vorläufig) endgültigen Vergabe per APA-Aussendung demonstrativ verlauten ließ, alles sei eh mit rechten Dingen zugegangen und Interventionen am einsamen Richter Mag. Ogris förmlich abgeprallt, ließ ich die Hoffnung fahren.

Nun: nicht ganz. Im Moment studiere ich gerade die 207 Seiten umfassende Begründung für die – nun gar nicht mehr überraschende – Entscheidung für die Sunshine-Jungs. Kurios, wenn mir Juristen erklären, wie sich “Lounge” und “Black Music” qualitativ und quantitativ unterscheiden. Auch hübsch, wenn ein Label mehr Verankerung und Gewicht in der “Creative Industries”-Szene Wiens haben soll als zwei. Und so weiter und so fort. Summa summarum teils reichlich skurrile Versuche, objektive Alleinstellungsmerkmale zu orten und in medienpolitische Imperative zu fassen. Ermüdend auf Dauer. Aber der bei der Lektüre immer wieder heftig querschlagende Impuls zum Widerspruch hält wach. Als williger Statist in einer tolldreist schlechten Inszenierung bin ich wohl eine Fehlbesetzung.

In diesem Sinne: stay tuned! Bis Sunshine on air ist (oder doch nicht), das dauert noch ein langes Weilchen.

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Eine Antwort to “Sonnenschein und Wirklichkeit”


  1. […] Auftritten, näherte mich wieder dem Medium Radio an (um mich schliesslich selbst an einer Station zu beteiligen), holte nach langem Zögern wieder den Plattenspieler hervor, bastelte an […]


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