Fünferbande

10. Oktober 2006

Ein Roadster ist ein Roadster ist ein Roadster. Oder etwa doch nicht? Mazdas MX-5, der Volkssportwagen unserer Generation, schreit in der dritten Auflage nach Revolution. Von wegen.

mazdamx5.jpg

Ein guter Tag beginnt nicht mit einem Nulldefizit, wie unser Noch-Finanzminister zu schwadronieren beliebt. Im Gegenteil. Ein guter Tag beginnt mit einem ordentlichen Minus am Konto. Und „Crazy“ von Gnarls Barkley im Autoradio, wenn man den Zündschlüssel dreht und sich das kräftige Pumpen der Musik mit dem kräftigen Pumpern deines Herzens und dem eh-nicht-gar-so-kräftigen-aber-doch-irgendwie-reichlich-mächtigen Saugen, Schmatzen und Grummeln des Motors zum ersten Rendezvous trifft. Natürlich nur theoretisch. Praktisch kann man sich 31.490 Euro sparen, wenn man eh bloß einen Testritt im Sinn hat. Aber die Gefahr, picken zu bleiben und die Ouvertüre solch eines Tages mit Gedankengängen über Zweitgaragen und die Vorteile von Leasinggeschäften für Kleinunternehmer fortzusetzen, die ist nicht geringzuschätzen. Eventuell läßt sich aus der ungeordneten Abfolge von Sinneseindrücken, Seelenjuchzern und klaren, rationalen Momenten auch eine probate Privatideologie basteln. Ein herrlich pragmatischer Lebensentwurf: da uns das Autohaus Grasser sowieso niemals eins dieser protzschwangeren XK-Cabriolets vor die Haustür stellen wird, verknallen wir uns gleich und ganz in ein halbwegs leistbares, quasiproletarisches Geschoss. Ohne Dach überm Kopf. Dr. Strangelove, oder wie ich lernte, den japanischen Volkssportwagen zu lieben. Oder so ähnlich.

Tatsächlich hat mich die MX-5-Sucht schon bald ereilt, in den frühen Neunzigern. Ich fuhr damals einen ziemlich verbeulten Fiat Spider, Kalifornien-Re-Import, der Rostpartikel als Treibstoff in sich hineinfraß und irgendwie eh ganz lässig, in Wahrheit aber eine ziemliche Gurke war. Ich meine, nur vom Aussehen – Pininfarina sei mir gnädig! – lebt der Mensch nicht allein. Gelegentlich verlangt einen auch nach schnöder Alltagstauglichkeit. Als ich irgendwann mit gebrochener Halbachse liegenblieb, keine siebzig Kilometer, nachdem ich die Fiat Moser-Werkstätte in der Jörgerstrasse hinter mir gelassen hatte (der Wagen fühlte sich dort wohler, ich ließ ihn dann gleich ganz da), steuerte ich schnurstracks einen Mazda-Händler an. Da gab es seit kurzem dieses rundliche Ding, mit einem ziemlichen Steißarsch, von der seitlichen Linienführung her aber doch recht grazil und adrett. Und: Klappscheinwerfer! Die Werbung versprach zweierlei. Erstens: südländische Eleganz und britisches Flair längst vergangener Roadster-Legenden vom Format eines MGB, Lotus Elan oder Alfa Spider. Zweitens: man mußte kein Mechaniker mehr sein, um solch ein Fahrzeug besitzen und auch bewegen zu können.

Um die Suada abzukürzen: die Realität hielt, was die Reklameabteilung versprach. Selten hat mir ein fahrbarer Untersatz soviel Spaß gemacht wie dieser. Auch wenn ältere Kolleginnen den MX-5 mit leicht pikiertem Augenaufschlag partout immer „Corvette“ nannten oder zur Abwechslung auch mal „das silberne UFO“, blieb die spartanische Heckschleuder (von elektronischer Traktionskontrolle konnte noch keine Rede sein, das Ding hatte nicht mal Airbags) mein kleiner Liebling. Ich lernte, Bierkisten im Innenraum zu stapeln, Familienausflüge für Mikro-Patchwork-Konstellationen zu planen und wieder zu verwerfen, und sogar die seltsame Verkrümmtheit eines 1 Meter 86-Mannes unter geschlossenem Verdeck in der ersten Reihe vor einer Ampelanlage fand ich irgendwie charmant. Ich wußte mich nicht allein: von Dezember 1988 bis Oktober 1997 wurden von der ersten Serie des MX-5 ganze 433.963 Einheiten – was für ein schnödes Wort – produziert. Das propere Nischenmodell tauchte dann bald auch im Guiness Buch der Rekorde auf, als meistverkaufter Roadster aller Zeiten. Daß ich mein höchstpersönliches Exemplar im Sommer ´04 mit Tachostand hundertzwanzigtausend und verschmorter Zylinderkopfdichtung nah der Autobahnraststätte Michendorf bei Berlin parkte, war vielleicht nicht das glücklichste Ende einer Romanze. Aber es sollte nicht das ultimative Ende sein, das dachte, fühlte, wußte ich. Und ich ahnte auch, daß der silberne Gefährte mit den Schlafaugen nicht, wie vom ostdeutschen Autoverwerter verkündet, unter die Schrottpresse kam. Sondern in Polen sein Dasein fristet oder in Kasachstan, als unkaputtbarer Sendbote westlicher Dekadenz. Adé, unteurer Freund!

Im Juni dieses Jahres, nachdem der vom Kalender seit Wochen verkündete Sommer letztlich doch – Sie erinnern sich – seine Existenz demonstrierte, mit schier unsäglicher Brutalität, mußte ein neues Fluchtfahrzeug her. Und, man mag es drehen oder wenden, wie man will, um der Hitze zu entfliehen und dem Büro und der eigenen, alltagstrotteligen Existenz, dafür taugt nun mal kein Kombi mit Schiebedach und Kindersitz oder Kompakt-Van mit Klimaautomatik. Ein neuer MX-5 mußte her. Ich hatte davon gelesen, daß die dritte Generation des Amateursportwagens nun auch mit neumodischem Blech-Falt-Klapp-Dach zu bekommen wäre. Also nix mehr mit Stoffmütze samt vergilbtem und zerkratztem Plastik-Heckfenster (das hatte schon die zweite Generation gegen Glas eingetauscht, war dafür aber der Klapp-Scheinwerfer verlustig gegangen). Doch diese Ausführung war beim Importeur noch nicht vorrätig. Egal. Auch ein schnöder MX-5 2,0i Revolution in Galaxy Grau mit gewohntem Klappverdeck tut es.

Revolution? Daß sich derlei nicht mit Sitzheizungen und Chromdekor und Scheinwerferreinigungsanlagen samt Füllstand-Anzeige verträgt, wußte schon John Lennon zu besingen. Gnarls Barkley, vulgo Danger Mouse und Cee-Lo-Green, ist das aber, pardon, scheißegal. Für Wohlstands-HipHop-Anarchos darf es auch feinstes Leder sein. „Crazy“, dafür aber geschmeidig. Der Innenraum des neuen MX-5 hat angeblich auch ein wenig Raum zugelegt und harmoniert jetzt besser mit Schmerbäuchen und Mittlebens-Krisen. Das komplette Interieur tut es. Wo vorher eine dezidierte Bauhaus-Kargheit herrschte, platzen nun Plastik-Rohre, -Abdeckungen und -Wülste im Aluminium-Look aus dem Armaturenbrett. Trinkbecherhalter links und rechts, wo bislang nichts war. Ein Windschott. Sechsganggetriebe. Sogar Klavierlack. Heißt das nun: Konterrevolution!? Die ewige Fünferbande auf dem Marsch durch die Institutionen des guten Geschmacks? Wie immer auch: die Soundanlage von Bose macht namentlich einiges her, klingt aber leider nur halb so gut. Aber vielleicht hat ja auch nur das eigene Gehör gelitten unter der jähen Beschleunigung des Daseins. Mit 160 PS bei wirklich nur filigraner Gewichtszunahme (1100 Kilogramm), da geht deutlich mehr weiter als in der 115-Pferdestärken-Erstausgabe. Alles in allem ist der Neue, dieses Fazit läßt sich bald ziehen, dieselbe Instant-Sex-Pistole geblieben wie der alte MX-5.

Ein Wort nur zum Design: ja, es ist eine Kunst, sich ständig frisch zu erfinden und dabei seinen Wesens-Kern nicht zu verlieren. Ganz bin ich mir noch nicht sicher, ob das Peter Birtwhistle, Chef des europäischen Mazda-Designstudios in Oberursel (wo gemeinsam mit Kollegen in Los Angeles und Yokohama der Generation Drei-Look entstand), wirklich stimmig hingekriegt hat. Wir leben ja in einer Zeit, und Auto-Design sagt eine Menge darüber aus, die mehr und mehr ins Paranoid-Militaristische kippt. Man muß, um derlei zu konstatieren, keinen Hummer betrachten. Oder gar einen Eurofighter. Es genügt der Blick aus den Schießscharten eines Audi TT oder Chrysler 300 oder gar Crossfire (sic!). Die Zierlichkeit und Leichtigkeit der sechziger Jahre, vielfach – und zu Recht – immer noch die Referenz für sportliches Laissez-Faire, ist einer groben Klobigkeit und Klotzigkeit gewichen. Unter 17 Zoll-Felgen im Imperatoren-Streitwagen-Design geht gar nichts mehr. Auch der Mazda fordert lauter denn je Platz da! mit einem immer großmäuligeren Haifisch-Frontverlauf. Sorry, aber da fallen meine Sympathien doch deutlich mehr Pininfarina zu als „Mad Max“.

Und wahrscheinlich würde ich mich, unter uns, auch eher für das billigste Modell entscheiden, das der Basic Sports Car-Idee mit knapp 10.000 Euro weniger auf der Rechnung erstaunlich näher kommt. Ich meine, wer braucht schon Xenon-Scheinwerfer, diese dem gemeinen Volk in jeder Hinsicht ins Auge stechenden Laserschwerter der Upper Class? Einen 6Fach-CD-Wechsler? (Obwohl, von MP3 und iPods haben sie auch schon was klingeln hören bei Mazda). Oder gar ein „LSD-Sperrdifferential“? John Lennon hätte bloß die Augen gerollt, den ersten Buchstaben im Modellnamen gestrichen und leise „Lucy In The Sky With Diamonds“ vor sich hin gepfiffen. Crazy. Aber doch nicht ganz von allen guten Geistern verlassen. Im Gegenteil.

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2 Antworten to “Fünferbande”


  1. great article thanks for posting


  2. […] verkauft) sieht zwar ungebrochen formidabel aus, darf aber ruhigen Gewissens – ich habe einen besessen – als rasant rostende Gurke bezeichnet werden. Zuletzt hatte Pininfarina generell keine […]


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