Wien : CD-Tipps

4. November 2006

Zehn aktuelle, empfehlenswerte CD-Produktionen aus Wien – abseits von Christl Stürmer (Stand: Winter 2006)

23037929.jpg

SOFA SURFERS : Sofa Surfers („Rotes Album“)
(Klein Records, http://www.sofasurfers.net)

Ursprünglich hatte man die Sofa Surfers – nomen est omen – in die Schublade der Wiener Downbeat-Elektroniker rund um Kruder & Dorfmeister gesteckt. Zu Unrecht, denn längst haben sich die Herren Schlögl, Kienzl, Holzgruber und Frisch emanzipiert und mehrfach neu erfunden. Mit dem charismatischen Sänger Mani Obeya (auch zu hören bei „Soundhotel“) hat man ein verbindendes Element für die gehaltvollen, organischen Grooves des Quartetts gefunden. Auch live sind die Sofa Surfers eine Klasse für sich.

MA DOPPEL T : Plan Leben
(Schwer Records, http://www.madoppelt.com)

Nach Texta, Total Chaos und Schönheitsfehler schien sich eine Lücke aufzutun in Sachen HipHop mit lokalem Zungenschlag. Von Matthias Leitner alias MadoppelT aus Wien-Floridsdorf wird sie virtuos und selbstbewußt gefüllt. „Plan Leben“ ist schon das zweite, absolut hörenswerte Album des Reimeschmieds – und unterscheidet sich angenehm von diversen testosterongeschwängerten Stupid-Botschaften aus Deutschland und Übersee.

JULIA : Sunrise
(monkey., http://www.julia.co.at)

Von intellektuellen Kritikern wird Rock der Bauart der Wiener Band Julia weniger geschätzt. Vom Publikum dafür umso mehr. Mit viel Eigeninitiative, massiver Live-Präsenz und unbedingtem Willen zum Erfolg hat sich das heimische Metal-/Rock-/EmoCore-Aushängeschild einen beachtlichen Status auch im benachbarten Ausland erkämpft. Jetzt müßte nur noch ein Song wie „Everlasting“ täglich auf Ö3 laufen, und sie würden auch Stars wie Green Day Paroli bieten.

PETSCH MOSER : Reforma
(Wohnzimmer Records, http://www.petschmoser.com)

Daß Combos wie Wir sind Helden, Blumfeld, Tomte und Element of Crime (oder deren österreichische Pendants Shy und Garish) nicht bloß beiläufig in Mode kamen, sondern deutschsprachige Popmusik mit Hang zu wohlgesetzten Texten auch hierzulande eine Tradition und Meilenstein-Setzer kennt, dafür stehen Petsch Moser. Nach fünf Jahren und drei Alben musizieren sie immer noch ein wenig im Schatten, „Reforma“ markiert aber eine neue, wohldosierte Aufbruchsstimmung.

PAROV STELAR : Seven and Storm
(Etage Noir Records, http://www.etagenoir.com)

Eigentlich aus Linz kommt Marcus Füreder alias Parov Stelar – ein Mann, dessen Sound-Visionen international die Download-Charts erobern. Was daran liegen mag, daß kaum jemand die feingliedrige Verschmelzung von Jazz-, House- und Breakbeat-Elementen so elegant beherrscht wie er. Dabei grenzt sich Füreder durchaus vom Neo-Klischee-Soundtrack der rot-weiß-roten Kaffeehaus-Schule ab, bewegt sich aber trittsicher in den Fußstapfen von Kruder & Dorfmeister & Pulsinger & Tunakan & Dzihan & Kamien & Co. Wird hiermit zum Ehren-Wiener ernannt.

LOUIE AUSTEN : Iguana
(Klein Records, http://www.louieausten.com)

Good ol’ Louie ist ein schillerndes Phänomen: mit über sechzig Jahren wurde der Bar-Crooner und Sinatra-Imitator zur Stil-Ikone der jungen, alternativen Szene. Ursprünglich von den Produzenten Mario Neugebauer und Patrick Pulsinger im Avantgarde-Eck angesiedelt, wandte sich Mister Austen rasch den schönen Dingen des Lebens zu – Whisky, Weib und Gesang. Autos und feine Stoffe gilt es aber auch nicht zu vergessen. Der „Leisure Suit Pleasure Salamander“ (Eigendefinition) verkehrt heute in internationalen Club-Kreisen und lässt sich seine Tracks von der Elektronik-Internationale maßschneidern.

ERNST MOLDEN : Bubenlieder
(monkey., http://www.medienmanufaktur.com/molden-info.html)

„Ernst Molden ist der Leonard Cohen von Wien“, so der „Falter“-Redakteur Wolfgang Kralicek. „Er ist nicht schön, doch sehr charmant; er schreibt wie ein Dichter und singt wie ein Henker“. Zitat Ende. Glücklicherweise besitzt diese streng subjektive Zensur eine gewisse Treffsicherheit. Ernst Molden schreibt und singt, in der Tat. Er ist das, was man sonst etwas vage einen Singer/Songwriter nennt. Weil Poet dann doch zu sehr nach André Heller und Rockmusiker eventuell noch missverständlicher klingt. Sollte man, wenn man Lokalkolorit, Heurigen-Blues und berührende deutsche Texte schätzt, unbedingt kennenlernen. Wie auch Denk, Heli Deinboek, Roland Neuwirth und Kempf. Und und und.

TNT JACKSON : Lovers
(Stereo Alpine, http://www.tntjackson.net)

Die Elektronik-Szene Wiens kennt natürlich die Laptop-Frickler, Second Hand-Avantgardisten und autistischen Klangbastler (die bisweilen ja Großes schaffen!), die in den Wohnzimmerstudios rund um den Globus schalten und walten. Aber in dieser Stadt sind auch Glamour, Pop, Punk, Sex, Konzept und Kalkül daheim, und kaum eine Band – sieht man vielleicht von Mediengruppe Telekommander ab, die aber nur bedingt als „heimische Band“ gelten dürfen – verkörpert die Sythese von Elektronik und Schweiß so perfekt wie TNT Jackson.

GUSTAV : Rettet die Wale
(Mosz, http://gustav.cuntstunt.net/)

Sie ist 27 Jahre jung, bislang nur im Elektronik-Untergrund der Wiener Szene in Erscheinung getreten und hat ihre erstes Album auf einem geborgten Laptop im Alleingang gebastelt. Diese CD aber, mit dem Titel „Rettet die Wale“ und kluger, spielerischer und eigenwilliger Freestyle-Poetik, wurde zum Überraschungs-Debut des Jahres 2004. Und Gustav alias Eva Jantschitsch war über Nacht quasi in aller Munde. Hymnische Rezensionen und umfangreiche Berichte – von der „Neuen Zürcher Zeitung“ bis zum „profil“, von FM4 bis Ö1 – beförderten Gustav zum neuen Liebling der Pop-Intelligenzia. Das ist sie bis heute.

STEREOTYP : Keepin’ Me
(G-Stone, http://www.g-stoned.com)

Wenn man nachhören will, wie sich der typische, fein-ziselierte „Sound of Vienna“ in den letzten Jahren weiterentwickelt hat, kann man das am Besten bei Stefan Moerth alias Stereotyp. Wo Peter Kruder mit Voom:Voom heute eher auf stylish-karge Elektronik setzt und Richard Dorfmeister mit Tosca oder Madrid de Los Austrias vielleicht doch zu sehr auf bewährte Schemata zurückgreift, langt der langjährige K&D-Apologet Stereotyp dagegen voll in den Dub-, Soul- und Club Sounds-Farbtopf. Herausgekommen ist dabei ein prächtiges, bassmächtiges, annähernd metaphysisches Klanggemälde für die unendlichen Weiten zwischen der linken und der rechten Ohrmuschel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: