Archive for Februar, 2007

Musikindustrie 2.0

16. Februar 2007

Und wieder einmal sorgt Apfel-Alphamännchen Steve Jobs für Rappeln in der Kiste: er plädiert lautstark für die Abschaffung des Kopierschutzes. Ob aus eigennützigen Gründen oder als hehrer Anwalt des Konsumenten, sei dahingestellt. Egal, denn die Diskussion war längst überfällig.

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Ich bin leidenschaftlicher Apple-User (das wird regelmäßigen Lesern dieses Blogs nicht entgangen sein). Ich halte Steve Jobs für einen begnadeten Manager, der wie kaum ein Zweiter Visionäres mit Eleganz, Pragmatik und Geschäftsinstinkt unter einen Hut zu bringen versteht. Ich bin auch ein iPod-User der ersten Generation. Aber ich kaufe nur selten Musik im iTunes Store. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: ich kann mir aufgezwungene Nutzer-Beschränkungen auf den Tod nicht ausstehen. Ich mag meine Files nutzen und abspielen, wann, wie und wo immer auch. Und ich setze dazu seit knapp zehn Jahren auf ein universelles, probates, allseits gängiges Format: MP3.

Nun hat Mr. Jobs dieser Tage wieder einmal mächtig für Krawall im Kontor gesorgt. Nein, ich meine damit nicht die Präsentation des ersten hauseigenen Handys. Obwohl auch dieses Stück Technik einige Konkurrenten unruhig schlafen lassen müßte. Wie und warum schafft es bloß Apple, immer wieder wirklich clevere neue Ansätze, zudem meist äußerst geschmackssicher verpackt, Teil unseres Lebens werden zu lassen? Daß sich die Jobs & Co. unlängst vom zweiten Teil des Firmennamens „Apple Computers“ getrennt haben, ist da nur folgerichtig. Inzwischen ist man wirklich eine „Digital Lifestyle Company“ geworden, und es würde mich nicht wundern, wenn demnächst auch noch Kameras, HiFi-Anlagen, Espressomaschinen und elektrische iErbecher mit dem Apfel-Logo auf den Markt kämen.

Die Diskussion, die Jobs mit einer messianischen Botschaft an die Welt („Thoughts On Music“) losgetreten hat, dreht sich aber ganz banal um Musik. Und um Kopierschutz. Denn mehr und mehr Konkurrenten, Konsumentenschützer und Rechteinhaber waren und sind nicht so recht glücklich mit dem System, das Apple mit dem iPod, der Software iTunes und dem damit geschickt verbundenen Online-Store samt proprietärem DRM namens „FairPlay“ eingeführt und zur Blüte gebracht hat. Durch die marktbeherrschende Stellung Apples und dessen Weigerung, „FairPlay“ auch an andere Hersteller zu lizensieren, mag sich der Markt nicht so recht entfalten. Sagen die einen. Die anderen wiederum, und Jobs gehört dazu, sagen: alles falsch, DRM wurde uns aufgezwungen, die Konsumenten schätzen weder das eine noch das andere System, scheren sich einen feuchten Dreck um die Ansichten und Aussichten der alteingesessenen Musiklieferanten, sondern nutzen frischfröhlich das ungeschützte und von der Industrie verteufelte Format MP3. Nur 3 Prozent der Musik auf den 90 Millionen iPods dieses Planeten sei, so Jobs, in seinem Store gekauft und folgerichtig kopiergeschützt. Der Rest wurde gerippt, geklont oder geklaut. Soweit die Realität.

Nun: wozu dann die ganze Aufregung? Die Realität ist nun mal ziemlich wirklich. Geradezu frappant hyperreal. Wer immer noch nicht kapiert hat, daß das althergebrachte Geschäftsmodell obsolet ist, weil sich das zugehörige Handelsobjekt zunehmend verflüchtigt und durch unkontrollierbare Nullen und Einsen ersetzt wurde, dem ist bald nicht mehr zu helfen. Okay, mit der Abwicklung der „alten Welt“ lassen sich immer noch Milliarden verdienen – das Jammertal, das die Musikindustrie wehklagend durchschreitet, liegt auf mehr als doppelt so hohem Umsatz-Niveau wie Anfang der achtziger Jahre. Aber die Zukunft gehört absehbar ganz neuen Netzen, Plattformen, Künstler-Konsumenten-Schnittstellen und Ideen wie jener von einer Pauschalabgabe für freien, ungehinderten und unlimitierten Musikgenuß zu jeder Zeit und an jedem Ort. Daß jetzt alle staunend und gläubig auf Web 2.0-Pioniere wie MySpace, YouTube, Pandora oder Flickr starren (to name a few), läßt ähnliche Entwicklungen auf dem Gebiet des Musikvertriebs erahnen, erwarten, erhoffen.

Ich fürchte, moralische Appelle, konsumentenseitig gnadenhalber die alten Geschäftsmodelle nicht gleich ganz abzumontieren, nützen wenig. Weil unsere Gesellschaft, insbesondere die Medien- und Kulturindustrie, seit langem eine Entwertung kultureller Substanz zugunsten raschen Profits betreibt und daher das Wort „Ethik“ im Mund von Major-CEOs immer hohl und hohler tönt. Jobs dagegen, ganz – nicht uneigennütziger – Stratege einer Musikindustrie 2.0-Ideologie, stellte einerseits dem Konsumenten den Freibrief für „Rip. Mix. Burn.“ (Apple-Werbespruch) aus, fordert ihn also förmlich auf, den technischen Stand der Dinge lustvoll zu nutzen. Andererseits stellt er klar, daß Diebstahl schlechtes Karma verbreitet. Apples iTunes-Store zeigt nachwievor am überzeugendsten, wie ein gutes legales Download-Angebot auszusehen hat. Warum, oh warum gibt es so wenig ernsthafte Konkurrenz? „Weil wir FairPlay nicht nutzen dürfen“, greinen die Nachzügler. Jesus & Maria! Lasst euch besssere Argumente einfallen. Oder DRM fallen.

„Die Musikindustrie war bislang so einfältig, einfach nicht auf die Konsumentenwünsche einzugehen“, wußte BMG-Mann Rolf Gilbert. Heute ist er Ex-BMG-Mann. Die drängende Frage bleibt: erfindet sich die Branche wirklich neu? Geht sie tatsächlich auf Konsumentenwünsche ein? Bislang: nein. Dabei hat der Konsument längst entschieden. Er möchte ernst genommen werden, er möchte Musik zu argumentier- und verkraftbaren Preisen erstehen, er möchte keineswegs durch absurde Inkompatibilitäten und strikte DRM-Fesseln behelligt werden. Der Konsument, so er nicht einer fatalen „Geiz ist geil!“-Ideologie verfallen ist, schätzt Service, Sicherheit, Bequemlichkeit, Stilbewußtsein, Vielfalt, Qualität. Das sind die Schlüssel zum Erfolg. Die „Schutzlosigkeit“ des Formats MP3, die die Ware Musik durch beliebige Vervielfältigbarkeit vermeintlich entwertet, ist gleichzeitig der Türöffner zur Aufmerksamkeit, zum Bewußtsein des potentiellen Kunden. MP3s sind billionenfach im Umlauf. Sie sind Realität. Sie haben „Bravo Hits“ abgelöst. Und laufen dem Radio den Rang ab, zumindest als Informationsquelle für neue Musikangebote und Künstler. Das Medium ist die Botschaft, wie Marshall McLuhan schon wußte. Das Ende vom Lied? Nein: der Anfang einer ganz neuen Ära.

P.S.: Von wegen Alternativen zum iTunes Store: gut gefällt mir der britische Download-Dienstleister eMusic. Ein Abo-Pool mit redaktioneller Online-Auslage: da kann sich auch Jobs noch eine Scheibe abschneiden. Daß die dort gekaufte Musik in Form DRM-freier MP3s auf meine Festplatte wandert, ist freilich selbstverständlich.

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Hoch wie nie

14. Februar 2007

In „Helden von heute“ besang Falco, Österreichs einziger Mainstream-Popexport von Weltrang, wie eine Generation Anfang der achtziger Jahre den Blick in die Zukunft richtete. Eine Erinnerung, keine Verklärung.

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Eventuell ist es gewagt, einen Text über Falco mit einem Hinweis auf Wolfgang Ambros einzustimmen. Aber es war nun einmal letzterer, der – wie keiner vor und keiner nach ihm – den eigentlichen Ausgangspunkt aller späteren Entwicklungen zu besingen verstand. Ein Zeit-Raum-Kontinuum namens Wien nämlich, das ein Dezennium lang von einer vagen Vorahnung auf Kommendes, Mögliches, ja auf die Moderne schlechthin befallen schien. Aber auch die ganzen siebziger Jahre über brauchte, sich jenen Ruck zu verpassen, der die Metropole tatsächlich in die Zukunft von gestern vorwärts stieß. „Espresso“, so der Titel der Tonspur zu unserer legéren Rückblende, ist ohne Zweifel einer der markantesten Songs, die den Mikrokosmos jener Ära in einer Momentaufnahme zu verdichten versuchten. Daß er dem Album „Es lebe der Zentralfriedhof“ entstammt, ist ebenso bitter wie trefflich. Es passiert nichts. Man sitzt, wie jeden Tag, im Espresso, im Wirtshaus, beim Bier oder Kaffee. Die Luft steht drückend im Raum. In der Zeitung dasselbe wie gestern. Und vorgestern. Eine unbekannte Frau, die um Feuer bittet, kommt einer Sensation gleich. Die Jukebox kennt nur Kommerzmusik, die klingt wie Pink Floyd aus den Kehlen der Sängerknaben. Die Lage: hoffnungslos, aber nicht ernst. Wien in den Siebzigern. Das war die Fototapete, vor der Hans Hölzel seine ureigene Inszenierung eines Befreiungsschlags einzustudieren begann.

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Den Hans kannte schließlich bald jeder, der sich in jenen Tagen im überschaubaren Popkultur-Biotop Wien tummelte. Als Mitglied der Kabarett-Rock-Kollektive Hallucination Company und Drahdiwaberl führte der adrette Jüngling am Baß schon jene „Sergeant Peppers“-Zirkusuniform aus, die später ebenso sein Markenzeichen werden sollte wie gewisse Eigenschaften, die dem Gros der Spät-Hippie-Bühnenkollegen entbehrlich bis verwerflich erschienen: Selbstbewußtsein an der Schmerzgrenze zur Affektierheit, Stolz, Exaltiertheit, Eigensinn. Dazu ein unzweifelhafter Wille zum Erfolg. Probeaufnahmen mit dem Produzenten René Reitz blieben unter Verschluß. Der ehemalige AZ-Filmjournalist und angehende Platten-Impresario Markus Spiegel aber erkannte (gemeinsam mit dem Gig Records-Mitstreiter Wolfgang Strobl) rasch die hervorstechenden Qualitäten Hölzels. „Ganz Wien“, eine explizite Underground-Hymne und zugleich erste Probe des Hit-Potentials, wurde aus dem „Drahdiwaberl“-Fundus entlehnt. Dann durfte Robert Ponger, zuvor mit Wilfried und Bilgeri schon erfolgreich, die ungeschliffene Perle Falco (der Künstlername war durch den DDR-Schisprungstar Falko Weißpflog inspiriert) polieren – und legte quasi aus dem Stand mit dem „Kommissar“ gleich den ganz großen Wurf hin. Obgleich: Markus Spiegel & Co. waren sich des Erfolgs damals nicht ganz so sicher. Auch „Helden von heute“, eine gerissene Bowie-Hommage, stand als Single-A-Seite zur Diskussion.

„Einzelhaft“, das im Sog des Überraschungserfolgs rasch nachgeschobene erste Album, bestätigte das Potential des Duos Ponger/Hölzel – Titel wie „Zuviel Hitze“ oder „Auf der Flucht“ haben, neben den bereits erwähnten Hits, noch heute Bestand. Die Formel: geschmacksverstärkter Synthiesound statt traditionellem Wandergitarrengeschrammel, plakativer Pop (ohne „Austro“-Präfix) statt Liedermacher-Larmoyanz, erregend multilingual-exotisches Wortstakkato statt Fusselbartlyrik, Zeitgeist (jawohl: Zeitgeist!) wider das allerorten grassierende Bob Dylan-Apostolat. Erinnert sich jemand daran, daß Alfred Hütter, Redakteur der Ö3-“MusicBox,“ Falco „The Message“ von Grandmaster Flash & The Furious Five interpretieren ließ? Das Ergebnis fiel alles andere als peinlich aus, nämlich grandios. Egal, ob Hans Hölzel jetzt das Genre Rap miterfunden oder nur clever adaptiert hat – der „Kommissar“ läutete hierzulande die achtziger Jahre ein, die „Neue Deutsche Welle“ österreichischer Provinienz, die Stunde Null der internationalen Pop-Geschichte made in Austria (sieht man von Kuriositäten wie „Hollywood“ von Waterloo & Robinson oder Supermax’ „Lovemachine“ einmal ab). Die lähmend langsamen Siebziger, die Ambros in seinen Texten und Liedern verortete (und vice versa), waren endgültig passé.

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Der Rest ist – mehr oder weniger – bekannt. „Junge Römer“, das im Verbund mit Zeitgeist-Profis wie Markus Peichl und Michael Hopp („Wiener“) inszenierte Zweitlingsalbum, brachte es nur zum Kritikerliebling. Designerware, zu kühl, zu glatt, zu dekadent für die breite Masse. Mit dem neuen, niederländischen Produzententeam Bolland & Bolland und einem definitiv populistisch-spekulativeren Ansatz zündete Falco aber 1985 scheinbar mühelos die dritte Karrierestufe. „Rock Me Amadeus“ spielte clever mit Mozart-, Film- und K&K-Klischees und erreichte den Pop-Olymp, die Spitze der US-Charts. Und alle restlichen Hitparaden von Hamburg bis Tokio sowieso. „Falco hat für den österreichischen Fremdenverkehr“, so Michael Hopp damals, „unter Garantie mehr getan als alle Kampagnen der letzten Jahre zusammen“. Der Neo-Weltstar – Profi im Umgang mit den Medien genauso wie in der Auswahl seiner Textilausstatter – lieferte der Handvoll heimischer Musikideologen auch die fleischgewordenen Antithese zum verblassenden Austropop-Imperium. Wo Wolfgang Ambros schließlich nur noch lustlos vor sich hingrantelte, gab Falco gern den präpotenten, großkotzigen, oberschlauen Weltstar. Das Bewußtsein dafür, daß er in dieser Rolle bisweilen auch die Grenze zur Parodie überschritt, verlor sich im Lauf des Höhenflugs. „Jeanny“ geriet zum Instant-Skandälchen, Duette mit Brigitte Nielsen oder Desiree Nosbusch zum Mini-Sensatiönchen. Mit dem Ausklang der achtziger Jahre war die Erfolgsformel zunehmend verbraucht. Alben wie „Wiener Blut“, „Data De Groove“ oder „Nachtflug“ schienen nur noch eingeschworenen Fans unentbehrlich, zu groß dimensionierte Tourneen gerieten zum Flop, der Schmäh des Falken mochte nicht mehr recht ziehen. Gelegenheitstreffer („Titanic“, „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“) schienen da bisweilen wie blasse Erinnerungen an einstige Grandezza. Den Status, in einer eigenen Liga zu spielen, verlor Hans Hölzel nie.

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Denn ringsum war wenig. „Auch wenn sich viel tat. „Anything goes“, hieß es, und es war das Motto dieses Jahrzehnts schlechthin. „Anything goes“, alles erlaubt, nur eines nicht: Langeweile. Tatsächlich stiessen die späten Nachwehen von Punk, die ringsum tobenden neuen Wellen (man denke etwa an den erregend-provokativen „Mussolini“ von DAF oder die plötzliche visionäre Aktualität von Kraftwerk) und die hedonistische Unmittelbarkeit der Achtziger die unschuldige Schläfrigkeit und Provinzialität der hiesigen Szene von der Spielfläche subjektiver Wertigkeiten (nicht: objektiver Medienpräsenz, wohlgemerkt). Okay, „Fürstenfeld“ von STS konnte noch als Parodie durchgehen, die EAV als Kinderkram und Minisex als Ideal-Epigonen, aber auf „Life Is Live“, Steffi Werger, den Burgtheater-Sid Vicious Morak und den Donauinsel-Bänkelsänger Fendrich mochte man lieber nicht angesprochen werden. Falco war der singuläre Hoffnungsträger, die einzige Schnittstelle zur kommerziellen Pop-Internationale. Nicht seine Exporterfolge sind im Rückblick die wesentliche Errungenschaft (in den USA läuft der Sänger bis heute unter „Two Hits Novelty Wonder“), sondern seine Rolle als Türöffner, Übersetzer und inoffizieller Kulturattaché in der Import-Abteilung des Hauses Österreich. Die, wenn wir uns ehrlich sind, bald uns und ihn über Gebühr strapazierte. „Amadeus“ war die bombastische Begleitmusik zum Untergang, der Auftakt zur Erstarrung in Posen und Klischees. Hans Hölzel wußte das, Falco mußte damit leben. Bis zum unwürdigen Abgang von der Bühne auf einer staubigen Landstrasse in der Dominikanischen Republik im Februar 1998.

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Das letzte mir erinnerliche längere Gespräch mit dem Musiker und Menschen, das nicht auf ein routiniertes Journalisten-Frage-Antwort-Spiel hinauslief, fand vor der Kulisse des Zentralfriedhofs statt. Im „Concordiaschlössel“, dem ersten Tor der Anlage gegenüber. Beim Qualtinger-Begräbnis sei er auch hier gesessen, erzählte der Hans (und es war in diesem Augenblick tatsächlich Hans Hölzel, und nicht sein alter ego Falco), er wäre von den Bestattungsfeierlichkeiten geflüchtet, er hätte es nicht mehr ausgehalten, das hohle Pathos der ganzen G’schicht. Ich weiß nicht mehr, was ich entgegnete, aber heute fielen mir wohl die Zeilen aus „Titanic“ ein: „Wer sich retten tut, hat zum Untergang kan Mut“.

Falco hatte Talent und Schneid und Mut wie kaum ein zweiter seiner Generation. Vor dem Untergang hat ihn dieser Umstand nicht gerettet. Vor einem Ehrengrab samt pompöser Zeremonie und vielen späten Freunden erst recht nicht. Merke: es lebe der Zentralfriedhof. Daß schliesslich keine zehn Jahre nach der Grablegung sogar Provinzpompfüneberer wie der BZÖ-Landesobmann Günther Barnet auf die Idee kommen sollten, der Falco-Song „Vienna Calling“ möge eine Art „Techno-Landeshymne“ für Wien werden und mit diesem Ansinnen – „Two, one, zero, der Alarm ist rot, Wien in Not“ – auch noch per APA-Aussendung politisches Kleingeld herauszuschlagen suchten, wäre selbst einem Qualtinger nicht eingefallen.

Baby You Can Drive My Car

11. Februar 2007

Musik und Motoren, das geht zusammen wie sonst kaum etwas. Zwischen Pop-Historie, „Pimp My Ride“, pumpenden Bässen und dem iPod am Armaturenbrett macht es sich der Connaisseur gemütlich.

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„Everything is music and everywhere is the best seat“ (John Cage)

Das satte Zuschlagen der Fahrertür. Der fast schon automatische Griff zum Radio-Drehknopf. Die denkwürdige Erkenntnis: für pragmatische Hedonisten wie unsereiner ist der rollende Blech-Plastik-Glas-Palast Auto das Konzerthaus. Die Royal Albert Hall. Der Madison Square Garden.

Im Ernst: wann haben Sie das letzte Mal Ihre sündteure High End-Anlage im Wohnzimmer daheim angeworfen? Die Innereien Ihres snobistischen Röhrenverstärkers auf die richtige Betriebstempera-tur gebracht? Sich diesem „Jetzt hör’ich mal Musik als wär’s eine Inszenierung von Stanley Kubrick“-Gefühl hingegeben? Eben. Das Gros der Menschheit am Eingang des einundzwanzigsten Jahrhunderts (oder, sagen wir mal, jener Teil, der nicht schlicht ums tägliche Überleben kämpft) genießt Musik als Soundtrack zur motorisierten Fortbewegung.

Im schlechtesten Fall aus einem Billigsdorfer-Autoradio mit zwei öden Pappmembranen links und rechts des Armaturenbretts, eingeklemmt im Mega-Stau. Im besseren Fall während einer zügigen Tour über romantische Landstraßen, mit einer Hochleistungs-Car-HiFi-Maschinerie samt CD-Schlitz (um Gottes willen: kein Wechsler im Kofferraum, oder wollen Sie immer wieder diesselben Scheiben hören?) oder, dernier cri!, via iPod. Im allerbesten Fall mit der Software, die die Stimmung des Augenblicks und den Zustand der Straße perfekt trifft.

„I got me a car and l got me some gas / told everybody they could kiss my ass…“ (Glenn Frey)

Ich spreche aus Erfahrung: es gibt keinen besseren, intimeren Hörraum für Musikliebhaber als den fahrbaren Untersatz. Eine CD, die den härtesten aller harten Tests, den on the road, besteht (dutzendfaches Abspielen mit bei stark schwankender Aufmerksamkeit und Gemüts-verfassung), besteht auch jede hochkonzentrierte, kritische Sitzung daheim. Was im Auto nervt, anödet, einschläfert, tut dies dort doppelt. Was in den eigenen vier Wänden die Bauchdecke vibrieren, die Finger schnippen und die Fußmuskulatur zucken läßt, vermag dies auf den eigenen vier Rädern erst recht. Die Car-HiFi-Abteilung, eine der wenigen boomenden Nischen der Unterhaltungselektronik-Industrie, weiß davon ein Lied zu singen.

Fügt sich gut, daß eine Untersuchung der Technischen Universität Berlin – erstellt im Auftrag des Car-HiFi-Herstellers MacAudio – ergeben hat, daß Musik im Auto unter normalen Umständen nicht verkehrsgefährdend wirkt. Im Gegenteil: bei einer moderaten Lautstärke von 70 Dezibel sind die Reaktionszeiten am allerkürzesten. Bei ausgeglichenen Höhen, Mitten und Tiefen sinkt die Durchschnittsgeschwindigkeit um zehn Prozent. Allein: AC/DC’s „Highway To Hell“ hört sich dann ziemlich mau an.

„I got a Rolls Royce cause it’s good for my voice“ (Marc Bolan)

Der französische Philosoph Roland Barthes deutete das Auto als modernes Äquivalent der gotischen Kathedrale. „Ich verstehe darunter“, erläuterte Barthes, „eine große Schöpfung der Epoche, die mit Leidenschaft von unbekannten Künstlern erdacht wurde und die in ihrem Bild, wenn nicht überhaupt im Gebrauch, von einem ganzen Volk benutzt wird, das sich in ihr ein magisches Objekt zurüstet und aneignet“.

Dieser Sicht der Dinge schloß sich die Populärkultur, wie wir wissen, vollinhaltlich an. Allein: die Überhöhung des Objekts – bis hin zur Vergötterung – mußte in einfacheren, griffigeren, massenwirksameren Formeln stattfinden. Die Malerei hatte damit mehr Probleme als der Film. Der Rasanz der Bildersprache eines Steven Spielberg („Duell“) oder George Lucas („American Graffiti“) hatten selbst die Pop-Art-Künstler Lichtenstein und Warhol wenig entgegenzusetzen, sieht man BMW-M1-Bemalungsaktionen ab. Und gegen „Mad Max“ nehmen sich die Tankstellen- und Motel-Idyllen Edward Hoppers zwangsläufig aus wie unscharfe Erinnerungen aus einer fernen, vergangenen Welt.

Die amerikanische Beatnik-Literatur der späten Fünfziger formulierte erstmals – sieht man von der kühnen Visionen der Futuristen Jahrzehnte zuvor ab – das neue, mobile Lebensgefühl. Jack Kerouac’s „On The Road“ wurde zum Kultbuch einer Generation. Tom Wolfe, Chronist der Pop-Kultur, beschrieb ein „bonbonfarben mandarinrot gespritztes Stromlinien-Baby“. Stephen King griff in „Christine“ auf diese Ära zurück.

Die Musikmaschinerie war am Warmlaufen. Rock’n’Roll, Beat, Soul, Rock und alles, was damit und danach kam, schnappte begierig zu. Das Auto, das Fahren, die Straße als direkteste, verlockendste Metapher für Bewegung, Freiheit, Ungebundenheit waren en vogue. Und kamen nie aus der Mode. Vom wiederentdeckten Highway 61, den Bob Dylan besang, zur „Little Red Corvette“ eines Prince, von Flash Cadillac & The Continental Kids zu den Motors, vom „Rocky Road Blues“ Gene Vincents hin zu Ministrys „Jesus Built My Hotrod“ ist es ein ziemlich geradliniger Weg. Und von der sexuellen Komponente der Jaguar E-Types, der herumfingernden Mechaniker und chromblitzenden Statussymbole soll erst gar nicht die Rede sein.

„Wir waren auf der Suche nach einem Namen für unsere Band, der alles bedeuten sollte.“, verriet einst der amerikanische Musiker Rik Ocasek in einem Interview. „Wir stießen auf das Auto. Es ist ein amerikanisches Symbol, ein unbestimmtes Pop Art-Konzept. Es hat mit Geschwindigkeit zu tun, mit Mechanik, mit Mode – die Modelle wechseln wie die Bands, jedes Jahr sind neue dran. Es ist etwas, mit dem man eine Menge Spaß haben kann.“ Rik Ocasek nannte seine Band folgerichtig schlicht – The Cars.

„Heaven’s on the back seat of my Cadillac“ (Hot Chocolate)

Kein Auto ist in der Geschichte der populären Musik häufiger und inniger besungen worden als die Ikone der US-Automobilindustrie: der Cadillac. Vom „Brand New Cadillac“ (Vince Taylor, The Clash) über den „Pink Cadillac“ (Larry Dowd) bis hin zum „Black Cadillac“ (Joyce Green) sind alle Modelle und Lackierungen im Katalog verzeichnet. Nur Ostbahn-Kurti fiel aus der Rolle und fuhr öffentlich ab auf Chevrolets des Baujahrs 1957.

Elvis Presley soll allein über fünfzig der Ungetüme – Caddies, wohlgemerkt – besessen haben. Seiner geliebten Mutter oder treuen Gefolgsleuten stellte er schon mal eines vor die Haustür, als Geburtstagsgeschenk. Elton John sammelt Oldtimer, Nick Mason und David Gilmour von Pink Floyd oder Blues-Gitarrist Chris Rea („Road To Hell“) fahren sie auch.

Die Heavy Metal-Knallköpfe protzen mit Jeep Renegades (Eddie Van Halen) oder auffrisierten Stingrays (Tommy Lee, Mötley Crüe). HipHopper wiederum scheinen ihre Karren, ganz im „MTV Pimp My Ride“-Style, mehr als hüpfende, blinkende und bassmächtige Ghettoblaster auf Rädern zu verstehen. Oder als bewegliche Big Size-Daunenbetten. Bei ZZ Top, dem texanischen Fusselbärte-Trio, wurde ein rotes Ford Coupé Jahrgang ’33, mit Corvette-Motor und Maserati-Aufhängung, zum imageträchtigen Symbol erkoren. Falco dagegen begnügte sich zu Beginn seiner Karriere noch mit einem Peugeot 205, dann mußte doch ein Mercedes 300 SEL her, die gestreckte Bundespräsidentenversion. Die spätere Idee, auf einen Mitsubishi Pajero umzusteigen, den Geländewagen mit in die Dominikanische Republik zu nehmen und dort lässig auf staubigen Landstrassen herumzugurken, erwies sich als letal.

Aber auch Marc Bolan (T.Rex) hauchte in einem MiniCooper, den er an einem Baumstamm geparkt hatte, sein Leben aus. „Memento mori“, bedenke, daß du sterben mußt – davon weiß Mike Skinner alias The Streets ein Lied zu sprechsingen. Der britische Proto-Prolo-Rapper posiert auf dem Cover zu seinem aktuellen Album „The Hardest Way To Make An Easy Living“ recht selbstbewußt vor einem neuerworbenen Rolls Royce. In seiner sachlichen Schlichtheit vielleicht das trefflichste Sinnbild der – an protzigen Motorölbildern gewiß nicht armen – Pop-Historie. Nur „Starmania“-Nadine geht noch zu Fuß. Ist natürlich nur sinnbildlich gemeint. Um einen Führerschein kommen nun mal auch Stars nicht herum.

„We’re on the road to nowhere / come on inside“ (Talking Heads)

Auch das mit dem iPod, der „ersten kulturellen Ikone des 21. Jahrhunderts“ (so der Soziologe Michael Bull von der Universität Sussex), wäre ohne fahrbaren Untersatz so nicht gekommen, wage ich einmal zu behaupten. Das Daten-Schrumpfformat MP3 und all die schnuckeligen Hosentaschen-Festplatten, USB-Sticks und Flash-Player, die mehr und mehr die Car-CD-Player ablösen (oder haben Sie etwa gar noch einen Cassettinger im DIN-Norm-Fach?), zielen geradezu auf Mobilität ab. Und nicht auf allerhöchste Klangqualität. Wozu auch, wenn die Welt ein Windkanal ist? Die Zubehörindustrie hat das zügig erkannt und stattet uns mit immer mehr Gimmicks für die Tapezierung des Wageninneren mit Klangtapeten aus. Vom Schwanenhals mit Ladeanschluß am Zigarettenanzünder bis zum (nunmehr auch hierzulande legalen) Mini-UKW-Sender hat der iPod längst auch das Auto erobert. Manche Hersteller kooperieren gleich mit Apple und verweigern sich schnöder Billig-Konkurrenz. Andere warnen vor dem Gebrauch weisser Kopfhörer im Strassenverkehr. Wiederum andere warten schlichtweg auf die Wiederkehr von „Autofahrer unterwegs“ als PodCast.

Apropos: die Beatles sind auch bald aus dem Internet per Download empfangbar. Ich empfehle den legalen Erwerb von „Magical Mistery Tour“ aus dem Jahre 1967. Nein, „Drive My Car“ ist da nicht drauf. Und die unglückselige „Long And Winding Road“, die direkt zum Ende der Fab Four und damit einer ganzen Beat-Ära führte, auch nicht. Diese zauberhafte Rätselfahrt geht zur Penny Lane, zum Blue Jay Way und hinaus beim Stadttor zu duftigen Erdbeerfeldern. All You Need Is Love.

Die schönsten Liebeslieder von Slipknot

10. Februar 2007

Eine erstaunliche Leseerfahrung: der neue Roman von Karl Weidinger. Wenig erbaulich im herkömmlichen Sinn. Ziemlich erbaulich hingegen als Rock’n’Roll-Katharsis für Autor und Leser.

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Ein Buch schreiben, einen Roman, der wirklich etwas sagen, vermitteln, hinausschreien will und nicht nur vorhersehbar der Behübschung der Regalwand im Eigenheim tausender Eigenheiminsassen dient, das ist schon was. Das hat schon was. Das kann schon was. Eventuell. Die Anstrengung, einen Roman auf den Markt zu tragen, bei dem man merkbar nicht nur mit dem Verlagslektor gerungen hat und dem Marketing-Experten und dem inneren Schweinehund, sondern mit sich selbst und dutzenden seiner Dämonen, und wo man zu alldem noch den ganzen Überbau dazuerfinden muß, sprich: einen Verlag gründen, den Werbetrommler machen und den Handelsvertreter dazu, das muß doch, das darf doch kein vorhersehbares Scheitern bedeuten. Im Gegenteil: das sollte Achtung bedingen und Respekt. Eventuell sogar mehr. Bevor noch das erste Wort gefallen und die erste Zeile gelesen ist.

„Die nachfolgenden Ereignisse finden binnen 24 Stunden statt, am Tag des Wiener Donauinselfestes in der Zeit zwischen Freitag 16 und Samstag 16 Uhr“ hebt dieses Buch an. Da hat jemand „24“ gesehen, den US-TV-Thriller. Und hat jemand Slipknot gehört, eine der gruseligsten an Gruseligkeiten gewiß nicht armen Welt da draussen. Und die Texte von Slipknot gelesen:“Ich möchte Deine Kehle aufschlitzen & Dich in die Wunde ficken“. Von wegen: die schönsten Liebeslieder von Slipknot. Hätten Sie geahnt, daß ihr 13jähriger Sohn diesen Song eventuell gerade im Jugendzimmer nebenan hört? Oder die 12jährige Tochter? Anyway: das Buch, um das es hier geht, sollten sie ihm/ihr (noch) nicht in die Hände drücken. Oder darf er/sie auch schon Bret Easton Ellis lesen? Marquis de Sade? Die Memoiren von Kim Jong Il?

Sign O’ The Times. Sagt Prince. Sagt Weidinger. Worum geht es in „Die schönsten Liebeslieder von Slipknot“ von Karl Weidinger? Um vieles, um nicht zu sagen: um alles. Nicht zuletzt um Massenphänomene und deren Hintergründe, die anhand des Wiener Donauinselfestes beschrieben werden. Der extraaggressiven Band Slipknot wird antagonistisch die harmlose Schockrock-Austro-Truppe Drahdiwaberl, die eher pazifistisch, jedoch hippiemäßig sexuell befreit agiert, gegenübergestellt. Aber das ist nur der Rahmen für ein Sitten-, Zeiten- und Gesellschafts-Gemälde, wie es auch Hieronymus Bosch auf Ecstasy nicht eindringlicher skizzieren hätte können.

Der Roman, tatsächlich dem „24“-Schema gehorchend (Weidinger nennt diese Form „Parallelroman“) ist kriminalistisch bis ins Detail recherchiert. Und bescherte dem Autor bereits eine „informelle Einvernahme“ wegen der Fülle an Detailtreue. Obwohl das Buch behauptet fiktiv zu sein, ist nicht zu übersehen, dass z.B eine Figur wie „Gott im Regierungsviertel, ein Drogendealer nur für Promis“, als reale Begleit-Erscheinung im „Fendrich-Prozess“ neun Monate ausgefasst hat… Seltsamer Zufall? Jedenfalls erfand der Autor diese Passage des Buches schon vor zwei Jahren, wie er glaubwürdig versichert. Alles in allem hat Karl Weidinger ganze drei Jahre am insgesamt 320-seitigen Opus Magnum gearbeitet.

Wer zu Hölle ist dieser Weidinger? Der 45-jährige Autor mit der saloppen Abkürzung „kawei“ und einer schreiberischen Kompetenz, die ihn schon zum Deutsch-Maturathema der HTL Wien-Donaustadt auserkor, war immerhin selbst auch einmal Schulsprecher des Gymnasiums Oberpullendorf. Die Reifeprüfung dagegen blieb ihm versagt. Als maturaloser Schulabbrecher brachte er es stante pede zum pragmatisierten Postbeamten des „Real-Gymnasiums“ (sprich: der Schule Leben) Wien-Hietzing, wo er u.a. auch neun Jahre lang als Briefträger des Rayons von Andrè Heller und Christoph Matznetter wirkte. Und weil auch noch mindestens sieben Werbeagenturen in diesem Rayon angesiedelt waren plus die zugehörigen Agentur-Werbegurus (und „kawei“ sich dachte: „Was die können, kann ich auch!“), verschlug es ihn in die Werbung. 1992 errang Weidinger, oho!, beim ORF-Top-Spot die „Bronzene Werbetrommel“ für Whiskas.

Diese bislang recht außergewöhnliche „Karliere“ fand Eingang in Karl Weidingers autobiografischen Hauptwerke „kaweis Postreport: Der Missbrauch des aufrechten Ganges“ (mit Vorwort des legendären Kurier-„Kopfstücke“-Autors Herbert Hufnagl, bereits in der 4. Auflage) und „kaweis Werbegang: Die Verhaftung der Dunkelheit wegen Einbruchs“ (500 Seiten, Schutzumschlag von Prof. Ernst Fuchs). 2004 war Weidinger, nebsther Gelegenheits-Autor tagesaktueller Kommentare im „Standard“, „Kurier“, „Format“ und anderen Publikationen, als österreichischer Kultur-Botschafter im Auftrag des Außenministeriums an fünf Germanistik-Universitäten und Hochschulen in Ungarn unterwegs (Vorgänger auf diesen Pfaden: Wolf Haas, Josef Haslinger). Er las auf der Leipziger Buchmesse, stand bei Drahdiwaberl auf der Bühne, schreibt auch für das Obdachlosenmagazin „Augustin“ und das Feuilleton der Wiener Zeitung. Und sein letztes Werk war dem Kultursender Ö1 gar eine eigene Sendung wert. Immerhin.

Auch das siebente Buch (in nur dreizehn Jahren) wird für gehörige Wellen im Wasserglas sorgen. Denn Weidinger greift ein heißes Eisen an und noch heißeres Thema auf: die gewaltverherrlichende Text-Attitüde von Metal-Bands, deren Sänger »Shouter« genannt werden. Auch der 19-jährige Amokläufer von Erfurt (2002, 17 Todesopfer) galt als glühender Verehrer von Slipknot. Sie erinnern sich? „Ich möchte Deine Kehle aufschlitzen und Dich in die Wunde ficken« („Disasterpiece“)

Weidinger, ganz deklarierter Schreibtischtäter, bezieht Stellung. Und feuert auf – alles und jeden. „ Lesen und Bildung können Abhilfe schaffen bei „allgemeinen Frustsituationen“ und „Sinnleere im Leben“, wie sie nach eigenen Angaben den jugendlichen Erfurter Täter plagten“, sagt der Autor. „Ich meine das nicht zynisch. Ich meine das ernst. Wer sich über die Implikationen solcher Sätze beschwert, oder generell darüber, daß meine Literatur mehr gemein hat mit dem Ego Shooter-Gemetzel, das im Kinderzimmer nebenan stattfindet, als mit dem Elfenbeinturm des herkömmlichen Literaturbetriebes, hat vollkommen recht. Das Leben ist die Hölle. Oder, besser, frei nach Sartre: die Hölle, das sind die anderen. Eventuell sind die Hölle aber schlicht wir selbst. Die schönsten Liebeslieder sind nun mal die die allerschwärzesten. Es sind die realistischen.“

Schlimmer als die Hölle ist aber allemal Langeweile. Die fehlt hier zur Gänze.

„Die schönsten Liebeslieder von Slipknot“ ist ein literarisches Road Movie in der Manier von Quentin Tarantino oder Fatih Akin, rasant, abgedreht, formal und inhaltlich auf der Höhe der Zeit und unterhaltsam bis ins Detail. Und weil die äussere Form dieses ungewöhnlichen Romans (ein Buch, das von zwei Seiten her zu lesen ist) so ungewöhnlich schien, zu ungewöhnlich und exzentrisch für „normale“ Verlage, musste der Autor seinen eigenen Verlag gründen. Androkles war Namensgeber: als Gleichnis für Selbstlosigkeit und Altruismus. (Wir erinnern uns: der entlaufene Sklave befreit den Löwen vom Dorn. Der Lohn: dieser Umstand rettet ihm am Ende das Leben.) Dürfen wir Rückschlüsse ziehen? Ich bitte Sie: fragen Sie den Autor doch gleich selbst.

„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.“ (Matthäus 12,34f)

Weidinger schöpft, ziehen Sie ja keine falschen Schlüsse!, aus dem guten Schatz seines Herzens. Das erste Exemplar von „Die schönsten Liebeslieder von Slipknot“ bekam »Ehrenkieberer« Ernst Hinterberger (mit dem »kawei« schon eine Lesung für Gehörlose mit Simultanübersetzung in Gebärdensprache machte) überreicht. Exemplar 0002 ging an Übersetzer Harry Rowohlt, der seit der Leipziger Buchmesse 1996 mit , Originalzitat aus einem Briefwechsel, „kawei, alter Rabauke“ in Freundschaft verbunden ist. Eventuell wird ja noch eine gemeinsame Lesung draus.

Und eventuell lesen wir demnächst auch bewegt-bewegende Rezensionen des Romans in Metal-Magazinen wie „Slam“, in Martin Blumenaus FM4-Blog, in „Psychologie Heute“ oder „Kriminalpolizei Online“. Nur im literarischen Quartett hat der schwarze Peter namens Weidinger absehbar keine guten Karten. In derlei Zirkel hat niemand je den Namen Slipknot gehört. Geschweige deren Höllenmusik. Die aller-, allerschönsten Liebeslieder. In einem dunklen Universum nebenan.

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