Die schönsten Liebeslieder von Slipknot

10. Februar 2007

Eine erstaunliche Leseerfahrung: der neue Roman von Karl Weidinger. Wenig erbaulich im herkömmlichen Sinn. Ziemlich erbaulich hingegen als Rock’n’Roll-Katharsis für Autor und Leser.

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Ein Buch schreiben, einen Roman, der wirklich etwas sagen, vermitteln, hinausschreien will und nicht nur vorhersehbar der Behübschung der Regalwand im Eigenheim tausender Eigenheiminsassen dient, das ist schon was. Das hat schon was. Das kann schon was. Eventuell. Die Anstrengung, einen Roman auf den Markt zu tragen, bei dem man merkbar nicht nur mit dem Verlagslektor gerungen hat und dem Marketing-Experten und dem inneren Schweinehund, sondern mit sich selbst und dutzenden seiner Dämonen, und wo man zu alldem noch den ganzen Überbau dazuerfinden muß, sprich: einen Verlag gründen, den Werbetrommler machen und den Handelsvertreter dazu, das muß doch, das darf doch kein vorhersehbares Scheitern bedeuten. Im Gegenteil: das sollte Achtung bedingen und Respekt. Eventuell sogar mehr. Bevor noch das erste Wort gefallen und die erste Zeile gelesen ist.

„Die nachfolgenden Ereignisse finden binnen 24 Stunden statt, am Tag des Wiener Donauinselfestes in der Zeit zwischen Freitag 16 und Samstag 16 Uhr“ hebt dieses Buch an. Da hat jemand „24“ gesehen, den US-TV-Thriller. Und hat jemand Slipknot gehört, eine der gruseligsten an Gruseligkeiten gewiß nicht armen Welt da draussen. Und die Texte von Slipknot gelesen:“Ich möchte Deine Kehle aufschlitzen & Dich in die Wunde ficken“. Von wegen: die schönsten Liebeslieder von Slipknot. Hätten Sie geahnt, daß ihr 13jähriger Sohn diesen Song eventuell gerade im Jugendzimmer nebenan hört? Oder die 12jährige Tochter? Anyway: das Buch, um das es hier geht, sollten sie ihm/ihr (noch) nicht in die Hände drücken. Oder darf er/sie auch schon Bret Easton Ellis lesen? Marquis de Sade? Die Memoiren von Kim Jong Il?

Sign O’ The Times. Sagt Prince. Sagt Weidinger. Worum geht es in „Die schönsten Liebeslieder von Slipknot“ von Karl Weidinger? Um vieles, um nicht zu sagen: um alles. Nicht zuletzt um Massenphänomene und deren Hintergründe, die anhand des Wiener Donauinselfestes beschrieben werden. Der extraaggressiven Band Slipknot wird antagonistisch die harmlose Schockrock-Austro-Truppe Drahdiwaberl, die eher pazifistisch, jedoch hippiemäßig sexuell befreit agiert, gegenübergestellt. Aber das ist nur der Rahmen für ein Sitten-, Zeiten- und Gesellschafts-Gemälde, wie es auch Hieronymus Bosch auf Ecstasy nicht eindringlicher skizzieren hätte können.

Der Roman, tatsächlich dem „24“-Schema gehorchend (Weidinger nennt diese Form „Parallelroman“) ist kriminalistisch bis ins Detail recherchiert. Und bescherte dem Autor bereits eine „informelle Einvernahme“ wegen der Fülle an Detailtreue. Obwohl das Buch behauptet fiktiv zu sein, ist nicht zu übersehen, dass z.B eine Figur wie „Gott im Regierungsviertel, ein Drogendealer nur für Promis“, als reale Begleit-Erscheinung im „Fendrich-Prozess“ neun Monate ausgefasst hat… Seltsamer Zufall? Jedenfalls erfand der Autor diese Passage des Buches schon vor zwei Jahren, wie er glaubwürdig versichert. Alles in allem hat Karl Weidinger ganze drei Jahre am insgesamt 320-seitigen Opus Magnum gearbeitet.

Wer zu Hölle ist dieser Weidinger? Der 45-jährige Autor mit der saloppen Abkürzung „kawei“ und einer schreiberischen Kompetenz, die ihn schon zum Deutsch-Maturathema der HTL Wien-Donaustadt auserkor, war immerhin selbst auch einmal Schulsprecher des Gymnasiums Oberpullendorf. Die Reifeprüfung dagegen blieb ihm versagt. Als maturaloser Schulabbrecher brachte er es stante pede zum pragmatisierten Postbeamten des „Real-Gymnasiums“ (sprich: der Schule Leben) Wien-Hietzing, wo er u.a. auch neun Jahre lang als Briefträger des Rayons von Andrè Heller und Christoph Matznetter wirkte. Und weil auch noch mindestens sieben Werbeagenturen in diesem Rayon angesiedelt waren plus die zugehörigen Agentur-Werbegurus (und „kawei“ sich dachte: „Was die können, kann ich auch!“), verschlug es ihn in die Werbung. 1992 errang Weidinger, oho!, beim ORF-Top-Spot die „Bronzene Werbetrommel“ für Whiskas.

Diese bislang recht außergewöhnliche „Karliere“ fand Eingang in Karl Weidingers autobiografischen Hauptwerke „kaweis Postreport: Der Missbrauch des aufrechten Ganges“ (mit Vorwort des legendären Kurier-„Kopfstücke“-Autors Herbert Hufnagl, bereits in der 4. Auflage) und „kaweis Werbegang: Die Verhaftung der Dunkelheit wegen Einbruchs“ (500 Seiten, Schutzumschlag von Prof. Ernst Fuchs). 2004 war Weidinger, nebsther Gelegenheits-Autor tagesaktueller Kommentare im „Standard“, „Kurier“, „Format“ und anderen Publikationen, als österreichischer Kultur-Botschafter im Auftrag des Außenministeriums an fünf Germanistik-Universitäten und Hochschulen in Ungarn unterwegs (Vorgänger auf diesen Pfaden: Wolf Haas, Josef Haslinger). Er las auf der Leipziger Buchmesse, stand bei Drahdiwaberl auf der Bühne, schreibt auch für das Obdachlosenmagazin „Augustin“ und das Feuilleton der Wiener Zeitung. Und sein letztes Werk war dem Kultursender Ö1 gar eine eigene Sendung wert. Immerhin.

Auch das siebente Buch (in nur dreizehn Jahren) wird für gehörige Wellen im Wasserglas sorgen. Denn Weidinger greift ein heißes Eisen an und noch heißeres Thema auf: die gewaltverherrlichende Text-Attitüde von Metal-Bands, deren Sänger »Shouter« genannt werden. Auch der 19-jährige Amokläufer von Erfurt (2002, 17 Todesopfer) galt als glühender Verehrer von Slipknot. Sie erinnern sich? „Ich möchte Deine Kehle aufschlitzen und Dich in die Wunde ficken« („Disasterpiece“)

Weidinger, ganz deklarierter Schreibtischtäter, bezieht Stellung. Und feuert auf – alles und jeden. „ Lesen und Bildung können Abhilfe schaffen bei „allgemeinen Frustsituationen“ und „Sinnleere im Leben“, wie sie nach eigenen Angaben den jugendlichen Erfurter Täter plagten“, sagt der Autor. „Ich meine das nicht zynisch. Ich meine das ernst. Wer sich über die Implikationen solcher Sätze beschwert, oder generell darüber, daß meine Literatur mehr gemein hat mit dem Ego Shooter-Gemetzel, das im Kinderzimmer nebenan stattfindet, als mit dem Elfenbeinturm des herkömmlichen Literaturbetriebes, hat vollkommen recht. Das Leben ist die Hölle. Oder, besser, frei nach Sartre: die Hölle, das sind die anderen. Eventuell sind die Hölle aber schlicht wir selbst. Die schönsten Liebeslieder sind nun mal die die allerschwärzesten. Es sind die realistischen.“

Schlimmer als die Hölle ist aber allemal Langeweile. Die fehlt hier zur Gänze.

„Die schönsten Liebeslieder von Slipknot“ ist ein literarisches Road Movie in der Manier von Quentin Tarantino oder Fatih Akin, rasant, abgedreht, formal und inhaltlich auf der Höhe der Zeit und unterhaltsam bis ins Detail. Und weil die äussere Form dieses ungewöhnlichen Romans (ein Buch, das von zwei Seiten her zu lesen ist) so ungewöhnlich schien, zu ungewöhnlich und exzentrisch für „normale“ Verlage, musste der Autor seinen eigenen Verlag gründen. Androkles war Namensgeber: als Gleichnis für Selbstlosigkeit und Altruismus. (Wir erinnern uns: der entlaufene Sklave befreit den Löwen vom Dorn. Der Lohn: dieser Umstand rettet ihm am Ende das Leben.) Dürfen wir Rückschlüsse ziehen? Ich bitte Sie: fragen Sie den Autor doch gleich selbst.

„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.“ (Matthäus 12,34f)

Weidinger schöpft, ziehen Sie ja keine falschen Schlüsse!, aus dem guten Schatz seines Herzens. Das erste Exemplar von „Die schönsten Liebeslieder von Slipknot“ bekam »Ehrenkieberer« Ernst Hinterberger (mit dem »kawei« schon eine Lesung für Gehörlose mit Simultanübersetzung in Gebärdensprache machte) überreicht. Exemplar 0002 ging an Übersetzer Harry Rowohlt, der seit der Leipziger Buchmesse 1996 mit , Originalzitat aus einem Briefwechsel, „kawei, alter Rabauke“ in Freundschaft verbunden ist. Eventuell wird ja noch eine gemeinsame Lesung draus.

Und eventuell lesen wir demnächst auch bewegt-bewegende Rezensionen des Romans in Metal-Magazinen wie „Slam“, in Martin Blumenaus FM4-Blog, in „Psychologie Heute“ oder „Kriminalpolizei Online“. Nur im literarischen Quartett hat der schwarze Peter namens Weidinger absehbar keine guten Karten. In derlei Zirkel hat niemand je den Namen Slipknot gehört. Geschweige deren Höllenmusik. Die aller-, allerschönsten Liebeslieder. In einem dunklen Universum nebenan.

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