Baby You Can Drive My Car

11. Februar 2007

Musik und Motoren, das geht zusammen wie sonst kaum etwas. Zwischen Pop-Historie, „Pimp My Ride“, pumpenden Bässen und dem iPod am Armaturenbrett macht es sich der Connaisseur gemütlich.

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„Everything is music and everywhere is the best seat“ (John Cage)

Das satte Zuschlagen der Fahrertür. Der fast schon automatische Griff zum Radio-Drehknopf. Die denkwürdige Erkenntnis: für pragmatische Hedonisten wie unsereiner ist der rollende Blech-Plastik-Glas-Palast Auto das Konzerthaus. Die Royal Albert Hall. Der Madison Square Garden.

Im Ernst: wann haben Sie das letzte Mal Ihre sündteure High End-Anlage im Wohnzimmer daheim angeworfen? Die Innereien Ihres snobistischen Röhrenverstärkers auf die richtige Betriebstempera-tur gebracht? Sich diesem „Jetzt hör’ich mal Musik als wär’s eine Inszenierung von Stanley Kubrick“-Gefühl hingegeben? Eben. Das Gros der Menschheit am Eingang des einundzwanzigsten Jahrhunderts (oder, sagen wir mal, jener Teil, der nicht schlicht ums tägliche Überleben kämpft) genießt Musik als Soundtrack zur motorisierten Fortbewegung.

Im schlechtesten Fall aus einem Billigsdorfer-Autoradio mit zwei öden Pappmembranen links und rechts des Armaturenbretts, eingeklemmt im Mega-Stau. Im besseren Fall während einer zügigen Tour über romantische Landstraßen, mit einer Hochleistungs-Car-HiFi-Maschinerie samt CD-Schlitz (um Gottes willen: kein Wechsler im Kofferraum, oder wollen Sie immer wieder diesselben Scheiben hören?) oder, dernier cri!, via iPod. Im allerbesten Fall mit der Software, die die Stimmung des Augenblicks und den Zustand der Straße perfekt trifft.

„I got me a car and l got me some gas / told everybody they could kiss my ass…“ (Glenn Frey)

Ich spreche aus Erfahrung: es gibt keinen besseren, intimeren Hörraum für Musikliebhaber als den fahrbaren Untersatz. Eine CD, die den härtesten aller harten Tests, den on the road, besteht (dutzendfaches Abspielen mit bei stark schwankender Aufmerksamkeit und Gemüts-verfassung), besteht auch jede hochkonzentrierte, kritische Sitzung daheim. Was im Auto nervt, anödet, einschläfert, tut dies dort doppelt. Was in den eigenen vier Wänden die Bauchdecke vibrieren, die Finger schnippen und die Fußmuskulatur zucken läßt, vermag dies auf den eigenen vier Rädern erst recht. Die Car-HiFi-Abteilung, eine der wenigen boomenden Nischen der Unterhaltungselektronik-Industrie, weiß davon ein Lied zu singen.

Fügt sich gut, daß eine Untersuchung der Technischen Universität Berlin – erstellt im Auftrag des Car-HiFi-Herstellers MacAudio – ergeben hat, daß Musik im Auto unter normalen Umständen nicht verkehrsgefährdend wirkt. Im Gegenteil: bei einer moderaten Lautstärke von 70 Dezibel sind die Reaktionszeiten am allerkürzesten. Bei ausgeglichenen Höhen, Mitten und Tiefen sinkt die Durchschnittsgeschwindigkeit um zehn Prozent. Allein: AC/DC’s „Highway To Hell“ hört sich dann ziemlich mau an.

„I got a Rolls Royce cause it’s good for my voice“ (Marc Bolan)

Der französische Philosoph Roland Barthes deutete das Auto als modernes Äquivalent der gotischen Kathedrale. „Ich verstehe darunter“, erläuterte Barthes, „eine große Schöpfung der Epoche, die mit Leidenschaft von unbekannten Künstlern erdacht wurde und die in ihrem Bild, wenn nicht überhaupt im Gebrauch, von einem ganzen Volk benutzt wird, das sich in ihr ein magisches Objekt zurüstet und aneignet“.

Dieser Sicht der Dinge schloß sich die Populärkultur, wie wir wissen, vollinhaltlich an. Allein: die Überhöhung des Objekts – bis hin zur Vergötterung – mußte in einfacheren, griffigeren, massenwirksameren Formeln stattfinden. Die Malerei hatte damit mehr Probleme als der Film. Der Rasanz der Bildersprache eines Steven Spielberg („Duell“) oder George Lucas („American Graffiti“) hatten selbst die Pop-Art-Künstler Lichtenstein und Warhol wenig entgegenzusetzen, sieht man BMW-M1-Bemalungsaktionen ab. Und gegen „Mad Max“ nehmen sich die Tankstellen- und Motel-Idyllen Edward Hoppers zwangsläufig aus wie unscharfe Erinnerungen aus einer fernen, vergangenen Welt.

Die amerikanische Beatnik-Literatur der späten Fünfziger formulierte erstmals – sieht man von der kühnen Visionen der Futuristen Jahrzehnte zuvor ab – das neue, mobile Lebensgefühl. Jack Kerouac’s „On The Road“ wurde zum Kultbuch einer Generation. Tom Wolfe, Chronist der Pop-Kultur, beschrieb ein „bonbonfarben mandarinrot gespritztes Stromlinien-Baby“. Stephen King griff in „Christine“ auf diese Ära zurück.

Die Musikmaschinerie war am Warmlaufen. Rock’n’Roll, Beat, Soul, Rock und alles, was damit und danach kam, schnappte begierig zu. Das Auto, das Fahren, die Straße als direkteste, verlockendste Metapher für Bewegung, Freiheit, Ungebundenheit waren en vogue. Und kamen nie aus der Mode. Vom wiederentdeckten Highway 61, den Bob Dylan besang, zur „Little Red Corvette“ eines Prince, von Flash Cadillac & The Continental Kids zu den Motors, vom „Rocky Road Blues“ Gene Vincents hin zu Ministrys „Jesus Built My Hotrod“ ist es ein ziemlich geradliniger Weg. Und von der sexuellen Komponente der Jaguar E-Types, der herumfingernden Mechaniker und chromblitzenden Statussymbole soll erst gar nicht die Rede sein.

„Wir waren auf der Suche nach einem Namen für unsere Band, der alles bedeuten sollte.“, verriet einst der amerikanische Musiker Rik Ocasek in einem Interview. „Wir stießen auf das Auto. Es ist ein amerikanisches Symbol, ein unbestimmtes Pop Art-Konzept. Es hat mit Geschwindigkeit zu tun, mit Mechanik, mit Mode – die Modelle wechseln wie die Bands, jedes Jahr sind neue dran. Es ist etwas, mit dem man eine Menge Spaß haben kann.“ Rik Ocasek nannte seine Band folgerichtig schlicht – The Cars.

„Heaven’s on the back seat of my Cadillac“ (Hot Chocolate)

Kein Auto ist in der Geschichte der populären Musik häufiger und inniger besungen worden als die Ikone der US-Automobilindustrie: der Cadillac. Vom „Brand New Cadillac“ (Vince Taylor, The Clash) über den „Pink Cadillac“ (Larry Dowd) bis hin zum „Black Cadillac“ (Joyce Green) sind alle Modelle und Lackierungen im Katalog verzeichnet. Nur Ostbahn-Kurti fiel aus der Rolle und fuhr öffentlich ab auf Chevrolets des Baujahrs 1957.

Elvis Presley soll allein über fünfzig der Ungetüme – Caddies, wohlgemerkt – besessen haben. Seiner geliebten Mutter oder treuen Gefolgsleuten stellte er schon mal eines vor die Haustür, als Geburtstagsgeschenk. Elton John sammelt Oldtimer, Nick Mason und David Gilmour von Pink Floyd oder Blues-Gitarrist Chris Rea („Road To Hell“) fahren sie auch.

Die Heavy Metal-Knallköpfe protzen mit Jeep Renegades (Eddie Van Halen) oder auffrisierten Stingrays (Tommy Lee, Mötley Crüe). HipHopper wiederum scheinen ihre Karren, ganz im „MTV Pimp My Ride“-Style, mehr als hüpfende, blinkende und bassmächtige Ghettoblaster auf Rädern zu verstehen. Oder als bewegliche Big Size-Daunenbetten. Bei ZZ Top, dem texanischen Fusselbärte-Trio, wurde ein rotes Ford Coupé Jahrgang ’33, mit Corvette-Motor und Maserati-Aufhängung, zum imageträchtigen Symbol erkoren. Falco dagegen begnügte sich zu Beginn seiner Karriere noch mit einem Peugeot 205, dann mußte doch ein Mercedes 300 SEL her, die gestreckte Bundespräsidentenversion. Die spätere Idee, auf einen Mitsubishi Pajero umzusteigen, den Geländewagen mit in die Dominikanische Republik zu nehmen und dort lässig auf staubigen Landstrassen herumzugurken, erwies sich als letal.

Aber auch Marc Bolan (T.Rex) hauchte in einem MiniCooper, den er an einem Baumstamm geparkt hatte, sein Leben aus. „Memento mori“, bedenke, daß du sterben mußt – davon weiß Mike Skinner alias The Streets ein Lied zu sprechsingen. Der britische Proto-Prolo-Rapper posiert auf dem Cover zu seinem aktuellen Album „The Hardest Way To Make An Easy Living“ recht selbstbewußt vor einem neuerworbenen Rolls Royce. In seiner sachlichen Schlichtheit vielleicht das trefflichste Sinnbild der – an protzigen Motorölbildern gewiß nicht armen – Pop-Historie. Nur „Starmania“-Nadine geht noch zu Fuß. Ist natürlich nur sinnbildlich gemeint. Um einen Führerschein kommen nun mal auch Stars nicht herum.

„We’re on the road to nowhere / come on inside“ (Talking Heads)

Auch das mit dem iPod, der „ersten kulturellen Ikone des 21. Jahrhunderts“ (so der Soziologe Michael Bull von der Universität Sussex), wäre ohne fahrbaren Untersatz so nicht gekommen, wage ich einmal zu behaupten. Das Daten-Schrumpfformat MP3 und all die schnuckeligen Hosentaschen-Festplatten, USB-Sticks und Flash-Player, die mehr und mehr die Car-CD-Player ablösen (oder haben Sie etwa gar noch einen Cassettinger im DIN-Norm-Fach?), zielen geradezu auf Mobilität ab. Und nicht auf allerhöchste Klangqualität. Wozu auch, wenn die Welt ein Windkanal ist? Die Zubehörindustrie hat das zügig erkannt und stattet uns mit immer mehr Gimmicks für die Tapezierung des Wageninneren mit Klangtapeten aus. Vom Schwanenhals mit Ladeanschluß am Zigarettenanzünder bis zum (nunmehr auch hierzulande legalen) Mini-UKW-Sender hat der iPod längst auch das Auto erobert. Manche Hersteller kooperieren gleich mit Apple und verweigern sich schnöder Billig-Konkurrenz. Andere warnen vor dem Gebrauch weisser Kopfhörer im Strassenverkehr. Wiederum andere warten schlichtweg auf die Wiederkehr von „Autofahrer unterwegs“ als PodCast.

Apropos: die Beatles sind auch bald aus dem Internet per Download empfangbar. Ich empfehle den legalen Erwerb von „Magical Mistery Tour“ aus dem Jahre 1967. Nein, „Drive My Car“ ist da nicht drauf. Und die unglückselige „Long And Winding Road“, die direkt zum Ende der Fab Four und damit einer ganzen Beat-Ära führte, auch nicht. Diese zauberhafte Rätselfahrt geht zur Penny Lane, zum Blue Jay Way und hinaus beim Stadttor zu duftigen Erdbeerfeldern. All You Need Is Love.

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