Hoch wie nie

14. Februar 2007

In „Helden von heute“ besang Falco, Österreichs einziger Mainstream-Popexport von Weltrang, wie eine Generation Anfang der achtziger Jahre den Blick in die Zukunft richtete. Eine Erinnerung, keine Verklärung.

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Eventuell ist es gewagt, einen Text über Falco mit einem Hinweis auf Wolfgang Ambros einzustimmen. Aber es war nun einmal letzterer, der – wie keiner vor und keiner nach ihm – den eigentlichen Ausgangspunkt aller späteren Entwicklungen zu besingen verstand. Ein Zeit-Raum-Kontinuum namens Wien nämlich, das ein Dezennium lang von einer vagen Vorahnung auf Kommendes, Mögliches, ja auf die Moderne schlechthin befallen schien. Aber auch die ganzen siebziger Jahre über brauchte, sich jenen Ruck zu verpassen, der die Metropole tatsächlich in die Zukunft von gestern vorwärts stieß. „Espresso“, so der Titel der Tonspur zu unserer legéren Rückblende, ist ohne Zweifel einer der markantesten Songs, die den Mikrokosmos jener Ära in einer Momentaufnahme zu verdichten versuchten. Daß er dem Album „Es lebe der Zentralfriedhof“ entstammt, ist ebenso bitter wie trefflich. Es passiert nichts. Man sitzt, wie jeden Tag, im Espresso, im Wirtshaus, beim Bier oder Kaffee. Die Luft steht drückend im Raum. In der Zeitung dasselbe wie gestern. Und vorgestern. Eine unbekannte Frau, die um Feuer bittet, kommt einer Sensation gleich. Die Jukebox kennt nur Kommerzmusik, die klingt wie Pink Floyd aus den Kehlen der Sängerknaben. Die Lage: hoffnungslos, aber nicht ernst. Wien in den Siebzigern. Das war die Fototapete, vor der Hans Hölzel seine ureigene Inszenierung eines Befreiungsschlags einzustudieren begann.

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Den Hans kannte schließlich bald jeder, der sich in jenen Tagen im überschaubaren Popkultur-Biotop Wien tummelte. Als Mitglied der Kabarett-Rock-Kollektive Hallucination Company und Drahdiwaberl führte der adrette Jüngling am Baß schon jene „Sergeant Peppers“-Zirkusuniform aus, die später ebenso sein Markenzeichen werden sollte wie gewisse Eigenschaften, die dem Gros der Spät-Hippie-Bühnenkollegen entbehrlich bis verwerflich erschienen: Selbstbewußtsein an der Schmerzgrenze zur Affektierheit, Stolz, Exaltiertheit, Eigensinn. Dazu ein unzweifelhafter Wille zum Erfolg. Probeaufnahmen mit dem Produzenten René Reitz blieben unter Verschluß. Der ehemalige AZ-Filmjournalist und angehende Platten-Impresario Markus Spiegel aber erkannte (gemeinsam mit dem Gig Records-Mitstreiter Wolfgang Strobl) rasch die hervorstechenden Qualitäten Hölzels. „Ganz Wien“, eine explizite Underground-Hymne und zugleich erste Probe des Hit-Potentials, wurde aus dem „Drahdiwaberl“-Fundus entlehnt. Dann durfte Robert Ponger, zuvor mit Wilfried und Bilgeri schon erfolgreich, die ungeschliffene Perle Falco (der Künstlername war durch den DDR-Schisprungstar Falko Weißpflog inspiriert) polieren – und legte quasi aus dem Stand mit dem „Kommissar“ gleich den ganz großen Wurf hin. Obgleich: Markus Spiegel & Co. waren sich des Erfolgs damals nicht ganz so sicher. Auch „Helden von heute“, eine gerissene Bowie-Hommage, stand als Single-A-Seite zur Diskussion.

„Einzelhaft“, das im Sog des Überraschungserfolgs rasch nachgeschobene erste Album, bestätigte das Potential des Duos Ponger/Hölzel – Titel wie „Zuviel Hitze“ oder „Auf der Flucht“ haben, neben den bereits erwähnten Hits, noch heute Bestand. Die Formel: geschmacksverstärkter Synthiesound statt traditionellem Wandergitarrengeschrammel, plakativer Pop (ohne „Austro“-Präfix) statt Liedermacher-Larmoyanz, erregend multilingual-exotisches Wortstakkato statt Fusselbartlyrik, Zeitgeist (jawohl: Zeitgeist!) wider das allerorten grassierende Bob Dylan-Apostolat. Erinnert sich jemand daran, daß Alfred Hütter, Redakteur der Ö3-“MusicBox,“ Falco „The Message“ von Grandmaster Flash & The Furious Five interpretieren ließ? Das Ergebnis fiel alles andere als peinlich aus, nämlich grandios. Egal, ob Hans Hölzel jetzt das Genre Rap miterfunden oder nur clever adaptiert hat – der „Kommissar“ läutete hierzulande die achtziger Jahre ein, die „Neue Deutsche Welle“ österreichischer Provinienz, die Stunde Null der internationalen Pop-Geschichte made in Austria (sieht man von Kuriositäten wie „Hollywood“ von Waterloo & Robinson oder Supermax’ „Lovemachine“ einmal ab). Die lähmend langsamen Siebziger, die Ambros in seinen Texten und Liedern verortete (und vice versa), waren endgültig passé.

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Der Rest ist – mehr oder weniger – bekannt. „Junge Römer“, das im Verbund mit Zeitgeist-Profis wie Markus Peichl und Michael Hopp („Wiener“) inszenierte Zweitlingsalbum, brachte es nur zum Kritikerliebling. Designerware, zu kühl, zu glatt, zu dekadent für die breite Masse. Mit dem neuen, niederländischen Produzententeam Bolland & Bolland und einem definitiv populistisch-spekulativeren Ansatz zündete Falco aber 1985 scheinbar mühelos die dritte Karrierestufe. „Rock Me Amadeus“ spielte clever mit Mozart-, Film- und K&K-Klischees und erreichte den Pop-Olymp, die Spitze der US-Charts. Und alle restlichen Hitparaden von Hamburg bis Tokio sowieso. „Falco hat für den österreichischen Fremdenverkehr“, so Michael Hopp damals, „unter Garantie mehr getan als alle Kampagnen der letzten Jahre zusammen“. Der Neo-Weltstar – Profi im Umgang mit den Medien genauso wie in der Auswahl seiner Textilausstatter – lieferte der Handvoll heimischer Musikideologen auch die fleischgewordenen Antithese zum verblassenden Austropop-Imperium. Wo Wolfgang Ambros schließlich nur noch lustlos vor sich hingrantelte, gab Falco gern den präpotenten, großkotzigen, oberschlauen Weltstar. Das Bewußtsein dafür, daß er in dieser Rolle bisweilen auch die Grenze zur Parodie überschritt, verlor sich im Lauf des Höhenflugs. „Jeanny“ geriet zum Instant-Skandälchen, Duette mit Brigitte Nielsen oder Desiree Nosbusch zum Mini-Sensatiönchen. Mit dem Ausklang der achtziger Jahre war die Erfolgsformel zunehmend verbraucht. Alben wie „Wiener Blut“, „Data De Groove“ oder „Nachtflug“ schienen nur noch eingeschworenen Fans unentbehrlich, zu groß dimensionierte Tourneen gerieten zum Flop, der Schmäh des Falken mochte nicht mehr recht ziehen. Gelegenheitstreffer („Titanic“, „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“) schienen da bisweilen wie blasse Erinnerungen an einstige Grandezza. Den Status, in einer eigenen Liga zu spielen, verlor Hans Hölzel nie.

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Denn ringsum war wenig. „Auch wenn sich viel tat. „Anything goes“, hieß es, und es war das Motto dieses Jahrzehnts schlechthin. „Anything goes“, alles erlaubt, nur eines nicht: Langeweile. Tatsächlich stiessen die späten Nachwehen von Punk, die ringsum tobenden neuen Wellen (man denke etwa an den erregend-provokativen „Mussolini“ von DAF oder die plötzliche visionäre Aktualität von Kraftwerk) und die hedonistische Unmittelbarkeit der Achtziger die unschuldige Schläfrigkeit und Provinzialität der hiesigen Szene von der Spielfläche subjektiver Wertigkeiten (nicht: objektiver Medienpräsenz, wohlgemerkt). Okay, „Fürstenfeld“ von STS konnte noch als Parodie durchgehen, die EAV als Kinderkram und Minisex als Ideal-Epigonen, aber auf „Life Is Live“, Steffi Werger, den Burgtheater-Sid Vicious Morak und den Donauinsel-Bänkelsänger Fendrich mochte man lieber nicht angesprochen werden. Falco war der singuläre Hoffnungsträger, die einzige Schnittstelle zur kommerziellen Pop-Internationale. Nicht seine Exporterfolge sind im Rückblick die wesentliche Errungenschaft (in den USA läuft der Sänger bis heute unter „Two Hits Novelty Wonder“), sondern seine Rolle als Türöffner, Übersetzer und inoffizieller Kulturattaché in der Import-Abteilung des Hauses Österreich. Die, wenn wir uns ehrlich sind, bald uns und ihn über Gebühr strapazierte. „Amadeus“ war die bombastische Begleitmusik zum Untergang, der Auftakt zur Erstarrung in Posen und Klischees. Hans Hölzel wußte das, Falco mußte damit leben. Bis zum unwürdigen Abgang von der Bühne auf einer staubigen Landstrasse in der Dominikanischen Republik im Februar 1998.

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Das letzte mir erinnerliche längere Gespräch mit dem Musiker und Menschen, das nicht auf ein routiniertes Journalisten-Frage-Antwort-Spiel hinauslief, fand vor der Kulisse des Zentralfriedhofs statt. Im „Concordiaschlössel“, dem ersten Tor der Anlage gegenüber. Beim Qualtinger-Begräbnis sei er auch hier gesessen, erzählte der Hans (und es war in diesem Augenblick tatsächlich Hans Hölzel, und nicht sein alter ego Falco), er wäre von den Bestattungsfeierlichkeiten geflüchtet, er hätte es nicht mehr ausgehalten, das hohle Pathos der ganzen G’schicht. Ich weiß nicht mehr, was ich entgegnete, aber heute fielen mir wohl die Zeilen aus „Titanic“ ein: „Wer sich retten tut, hat zum Untergang kan Mut“.

Falco hatte Talent und Schneid und Mut wie kaum ein zweiter seiner Generation. Vor dem Untergang hat ihn dieser Umstand nicht gerettet. Vor einem Ehrengrab samt pompöser Zeremonie und vielen späten Freunden erst recht nicht. Merke: es lebe der Zentralfriedhof. Daß schliesslich keine zehn Jahre nach der Grablegung sogar Provinzpompfüneberer wie der BZÖ-Landesobmann Günther Barnet auf die Idee kommen sollten, der Falco-Song „Vienna Calling“ möge eine Art „Techno-Landeshymne“ für Wien werden und mit diesem Ansinnen – „Two, one, zero, der Alarm ist rot, Wien in Not“ – auch noch per APA-Aussendung politisches Kleingeld herauszuschlagen suchten, wäre selbst einem Qualtinger nicht eingefallen.

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3 Antworten to “Hoch wie nie”


  1. […] von Falco – nicht nur für die deutsche Popkultur – hat Walter Gröbchen bereits vor zwei Jahren auf den Punkt gebracht. Gleich ein ganzes Buch widmet ihm Hans Bork, erzählt einfach mal “Die Wahrheit”. Die […]


  2. […] „Facebook“, „Last.fm“ & Co., das Handy als universelles Alltags- und Business-Tool, Falco als ewigen Wiedergänger, das Urheberrecht als zentrales Problem. Und so weiter und so […]


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