Musikindustrie 2.0

16. Februar 2007

Und wieder einmal sorgt Apfel-Alphamännchen Steve Jobs für Rappeln in der Kiste: er plädiert lautstark für die Abschaffung des Kopierschutzes. Ob aus eigennützigen Gründen oder als hehrer Anwalt des Konsumenten, sei dahingestellt. Egal, denn die Diskussion war längst überfällig.

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Ich bin leidenschaftlicher Apple-User (das wird regelmäßigen Lesern dieses Blogs nicht entgangen sein). Ich halte Steve Jobs für einen begnadeten Manager, der wie kaum ein Zweiter Visionäres mit Eleganz, Pragmatik und Geschäftsinstinkt unter einen Hut zu bringen versteht. Ich bin auch ein iPod-User der ersten Generation. Aber ich kaufe nur selten Musik im iTunes Store. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: ich kann mir aufgezwungene Nutzer-Beschränkungen auf den Tod nicht ausstehen. Ich mag meine Files nutzen und abspielen, wann, wie und wo immer auch. Und ich setze dazu seit knapp zehn Jahren auf ein universelles, probates, allseits gängiges Format: MP3.

Nun hat Mr. Jobs dieser Tage wieder einmal mächtig für Krawall im Kontor gesorgt. Nein, ich meine damit nicht die Präsentation des ersten hauseigenen Handys. Obwohl auch dieses Stück Technik einige Konkurrenten unruhig schlafen lassen müßte. Wie und warum schafft es bloß Apple, immer wieder wirklich clevere neue Ansätze, zudem meist äußerst geschmackssicher verpackt, Teil unseres Lebens werden zu lassen? Daß sich die Jobs & Co. unlängst vom zweiten Teil des Firmennamens „Apple Computers“ getrennt haben, ist da nur folgerichtig. Inzwischen ist man wirklich eine „Digital Lifestyle Company“ geworden, und es würde mich nicht wundern, wenn demnächst auch noch Kameras, HiFi-Anlagen, Espressomaschinen und elektrische iErbecher mit dem Apfel-Logo auf den Markt kämen.

Die Diskussion, die Jobs mit einer messianischen Botschaft an die Welt („Thoughts On Music“) losgetreten hat, dreht sich aber ganz banal um Musik. Und um Kopierschutz. Denn mehr und mehr Konkurrenten, Konsumentenschützer und Rechteinhaber waren und sind nicht so recht glücklich mit dem System, das Apple mit dem iPod, der Software iTunes und dem damit geschickt verbundenen Online-Store samt proprietärem DRM namens „FairPlay“ eingeführt und zur Blüte gebracht hat. Durch die marktbeherrschende Stellung Apples und dessen Weigerung, „FairPlay“ auch an andere Hersteller zu lizensieren, mag sich der Markt nicht so recht entfalten. Sagen die einen. Die anderen wiederum, und Jobs gehört dazu, sagen: alles falsch, DRM wurde uns aufgezwungen, die Konsumenten schätzen weder das eine noch das andere System, scheren sich einen feuchten Dreck um die Ansichten und Aussichten der alteingesessenen Musiklieferanten, sondern nutzen frischfröhlich das ungeschützte und von der Industrie verteufelte Format MP3. Nur 3 Prozent der Musik auf den 90 Millionen iPods dieses Planeten sei, so Jobs, in seinem Store gekauft und folgerichtig kopiergeschützt. Der Rest wurde gerippt, geklont oder geklaut. Soweit die Realität.

Nun: wozu dann die ganze Aufregung? Die Realität ist nun mal ziemlich wirklich. Geradezu frappant hyperreal. Wer immer noch nicht kapiert hat, daß das althergebrachte Geschäftsmodell obsolet ist, weil sich das zugehörige Handelsobjekt zunehmend verflüchtigt und durch unkontrollierbare Nullen und Einsen ersetzt wurde, dem ist bald nicht mehr zu helfen. Okay, mit der Abwicklung der „alten Welt“ lassen sich immer noch Milliarden verdienen – das Jammertal, das die Musikindustrie wehklagend durchschreitet, liegt auf mehr als doppelt so hohem Umsatz-Niveau wie Anfang der achtziger Jahre. Aber die Zukunft gehört absehbar ganz neuen Netzen, Plattformen, Künstler-Konsumenten-Schnittstellen und Ideen wie jener von einer Pauschalabgabe für freien, ungehinderten und unlimitierten Musikgenuß zu jeder Zeit und an jedem Ort. Daß jetzt alle staunend und gläubig auf Web 2.0-Pioniere wie MySpace, YouTube, Pandora oder Flickr starren (to name a few), läßt ähnliche Entwicklungen auf dem Gebiet des Musikvertriebs erahnen, erwarten, erhoffen.

Ich fürchte, moralische Appelle, konsumentenseitig gnadenhalber die alten Geschäftsmodelle nicht gleich ganz abzumontieren, nützen wenig. Weil unsere Gesellschaft, insbesondere die Medien- und Kulturindustrie, seit langem eine Entwertung kultureller Substanz zugunsten raschen Profits betreibt und daher das Wort „Ethik“ im Mund von Major-CEOs immer hohl und hohler tönt. Jobs dagegen, ganz – nicht uneigennütziger – Stratege einer Musikindustrie 2.0-Ideologie, stellte einerseits dem Konsumenten den Freibrief für „Rip. Mix. Burn.“ (Apple-Werbespruch) aus, fordert ihn also förmlich auf, den technischen Stand der Dinge lustvoll zu nutzen. Andererseits stellt er klar, daß Diebstahl schlechtes Karma verbreitet. Apples iTunes-Store zeigt nachwievor am überzeugendsten, wie ein gutes legales Download-Angebot auszusehen hat. Warum, oh warum gibt es so wenig ernsthafte Konkurrenz? „Weil wir FairPlay nicht nutzen dürfen“, greinen die Nachzügler. Jesus & Maria! Lasst euch besssere Argumente einfallen. Oder DRM fallen.

„Die Musikindustrie war bislang so einfältig, einfach nicht auf die Konsumentenwünsche einzugehen“, wußte BMG-Mann Rolf Gilbert. Heute ist er Ex-BMG-Mann. Die drängende Frage bleibt: erfindet sich die Branche wirklich neu? Geht sie tatsächlich auf Konsumentenwünsche ein? Bislang: nein. Dabei hat der Konsument längst entschieden. Er möchte ernst genommen werden, er möchte Musik zu argumentier- und verkraftbaren Preisen erstehen, er möchte keineswegs durch absurde Inkompatibilitäten und strikte DRM-Fesseln behelligt werden. Der Konsument, so er nicht einer fatalen „Geiz ist geil!“-Ideologie verfallen ist, schätzt Service, Sicherheit, Bequemlichkeit, Stilbewußtsein, Vielfalt, Qualität. Das sind die Schlüssel zum Erfolg. Die „Schutzlosigkeit“ des Formats MP3, die die Ware Musik durch beliebige Vervielfältigbarkeit vermeintlich entwertet, ist gleichzeitig der Türöffner zur Aufmerksamkeit, zum Bewußtsein des potentiellen Kunden. MP3s sind billionenfach im Umlauf. Sie sind Realität. Sie haben „Bravo Hits“ abgelöst. Und laufen dem Radio den Rang ab, zumindest als Informationsquelle für neue Musikangebote und Künstler. Das Medium ist die Botschaft, wie Marshall McLuhan schon wußte. Das Ende vom Lied? Nein: der Anfang einer ganz neuen Ära.

P.S.: Von wegen Alternativen zum iTunes Store: gut gefällt mir der britische Download-Dienstleister eMusic. Ein Abo-Pool mit redaktioneller Online-Auslage: da kann sich auch Jobs noch eine Scheibe abschneiden. Daß die dort gekaufte Musik in Form DRM-freier MP3s auf meine Festplatte wandert, ist freilich selbstverständlich.

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2 Antworten to “Musikindustrie 2.0”


  1. […] auf Autarkie bedachter Selbstvermarkter – einige noble, clevere und edukative Züge in der Apple-Philosophie entdecken. „It’s not stealing – it’s good karma“ ist einer davon. Natürlich schwingt da […]


  2. […] der heutige Konzerngigant, der damals noch ziemlich in der Krise steckte, jenes Gadget, das die Musikindustrie auf den Kopf stellen sollte. Einerseits, weil es ungeniert das verfemte Piraten-Format MP3 […]


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