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Zwei Klicks vom Abgrund entfernt

15. März 2007

Die Verbreitung von Musikvideos, Karaoke-Blödeleien, TV-Schnippseln, Pornofilmchen und sonstigen Kostbarkeiten im Internet ist längst zum Volkssport geworden. Der Copyright-Klau ist beim Bildungsbürgertum angekommen. Und macht selbst vor Anna Netrebko und der “Süddeutschen” nicht halt.

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Oho! Da war die Aufregung aber groß. In der “Bühne”, dem PR-Zentralorgan des gehobenen Bildungsbürgertums und der etwas darunter rangierenden Opernball-Westkurve, wurde Anna Netrebko – mittlerweile hat die aparte Sängerin selbst der Schutzpatronin von Mariazell den Rang abgelaufen – ein klein wenig ans Schienbein getreten. Da war von “Hype” und “Medienrummel” zu lesen, von geschäftstüchtigen Managern und von Orten wie der Wiener Stadthalle, die eventuell nicht den optimalen Rahmen für nuancierte Arien-Darbietungen böten. Und davon, daß die Netrebko letztlich auch nicht ganz an die Callas heranreiche. Diese wenig charmante Kunde ging an 12.000 Opern- (und damit auch Zeitschriften-)Abonnenten, die sich damit hin- und hergebeutelt zwischen staatstragender ORF-Propaganda, offiziöser Holender-Jovialität, dem Getöse der Universal-Maschinerie und einer relativ überraschenden, relativ einsamen, relativ kritischen Journalistenstimme – ausgerechnet von der “Bühne” herab – wiederfanden.

Aber hallo! Die Plattenfirma erklärte umgehend den totalen Krieg, die Staatsoper den sofortigen “Bühne”-Abbau, der Verlagschef übte sich in öffentlicher Selbstzerknirschung, die APA konnte Einnahmen mit kuriosen OTS-Meldungen sonder Zahl verbuchen. Sogar die finale Entwarnung wurde da extra abgesetzt (“bestes Einvernehmen wieder hergestellt”… “gedeihliche Zusammenarbeit fortgesetzt”… “Netrebko super, sexy, Stimmwunder – nunmehr amtlich bestätigt!” Okay, letzteres ein kleiner blasphemischer Scherz; ich hoffe, “Sound & Media” überlebt’s.) Als von den Dünkeln repräsentativer, mit Millionen und Abermillionen unterfütterter Hochkultur kaum angekränkelter Aussenstehender staune und sage ich: Gratulation!, das ist wirklich grosses Theater. Selbst André Heller, nunmehr abgeklärter Sechziger, versuchte sich einst an der Revolution auf offener “Bühne”. Auch er scheiterte.

Die Revolution spielt anderswo. Neulich, im Flieger zwischen Hamburg und Wien: die dargereichte und mitgebrachte Lektüre widmet sich in fast schon beängstigender Übereinstimmung einem Thema. Nein, eben nicht der dräuenden Klima-Katastrophe (derlei verdrängt man als Business-JetSetter nur zu gern), sondern der Copyright-Problematik am Eingang des 21. Jahrhunderts. “Zwei Klicks vom Abgrund entfernt” titelt die “Süddeutsche Zeitung” (ich habe mir erlaubt, die Überschrift für diese Kolumne zu, äh, entlehnen) – und fragt sich, ob angesichts millionenfacher Rechtsverletzung das Urheberrecht noch eine Zukunft hat. “Im Namen des Schöpfers” setzt das immer lesenswerte Wirtschaftsmagazin “brand eins” nach, daß das neue Urheberrecht “die Verfassung des digitalen Zeitalters” werden sollte, nun aber hauptsächlich Medienkonzernen und Anwälten nütze. Und im “Standard” ist zu lesen, daß der ORF, offenbar vom Viacom-Beispiel ermutigt, ebenfalls an eine Klage gegen Google denkt, von wegen illegaler Natascha Kampusch- und Stermann & Grissemann-Videohappen.

Aber hallo!, einmal mehr. Leider lässt sich im Flugzeug nur die Papier-Version der Tageszeitung studieren – zusätzlich erhellend und fast immer unschlagbar amüsant sind ja die Leserkommentare der Online-Ausgabe des “Standard”. Willkommen im Jahr 2007!: ich kenne nicht wenige Leute, die längst auf die Druckerschwärze verzichten. Und nur mehr die Gratis-Information aus dem Internet saugen. Wozu eigentlich noch Wälder für Tonnen ebenfalls kostenloser Boulevardblätter und Buntpapier-Magazine abgeholzt werden, wird man wohl bald vor dem Öko-Tribunal erklären müssen. Nebstbei: gibt es da draussen noch jemanden, der eigentlich bezahlt für Informationen, Meinung, Unterhaltung, Musik, Fotos, Inhalte? Das Stichwort “Anna Netrebko” ergibt auf YouTube übrigens 82 Treffer.

Es knirscht merkbar im Gebälk. Denn mit dem Aufkommen von “user generated content”-Plattformen wie YouTube (oder sollte es besser “probably simply user stolen content” heissen?) und der immer stärkeren Einmischung des vormals unmündigen Konsumenten in jegliche Erscheinungsform von Journalismus (ich erspare mir jetzt Anführungsstriche) brechen gerade jahrhundertealte Spielregeln und Wirtschaftsmodelle in sich zusammen. Oder, nein, vielleicht ist das zu drastisch formuliert – aber von blossem Schwächeln kann angesichts eines klaren Paradigmenwechsels auch nicht die Rede sein.

Wer – wie Springer-CEO Matthias Döpfner – bloß meint, Leserbriefe hätte es früher als Ergänzung zu redaktionellen Texten ja auch gegeben, der hat entweder die Zeichen der Zeit nicht verstanden oder verschliesst bewußt Augen und Ohren. Die “Süddeutsche” bringt es auf den Punkt: das Copyright ähnle mittlerweile einer mittelalterlichen Stadtmauer, die angesichts der Kanonade von den Hügeln der “globalen Enteignungsmaschinerie Internet” keinen Schutz mehr böte. Nun: hätte sich jemand anno 1683 träumen lassen, daß man die Bastionen und Mauern in Paris, Hamburg, Wien und sonstwo dereinst einmal schleifen würde? “Walls come tumblin’ down”…

Nebenkriegsschauplatz: Ö3 entdeckt die “Neuen Österreicher”, also die Existenz einer heimischen Szene jenseits von Austropop und “Starmania”. Spät, aber doch. Georg Spatt und seine Mitstreiter gehen dabei ebenso wohlwollend wie clever vor: die essentielle Aufgabe eines Radiosenders, seinem Publikum neue Klänge zu Gehör zu bringen, wird flankiert durch On Air-Promotion, eine Online- und Printkampagne und (hoffentlich) redaktionelle Verzahnung mit dem großen Bruder TV. So lässt sich das zarte Pflänzchen einer lokalen Kreativwirtschaft eventuell hochziehen. Und wirkt, zumindest meiner Einschätzung nach, nicht wie ein blosses “Public Value”-Feigenblatt. Daß dieses Unterfangen unter kritischer Beobachtung von Betroffenen und Experten steht (nachzulesen etwa auf http://www.musikergilde.at oder http://www.radioforen.de), ist heutzutage Standard. Nicht nur im “Standard”.

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