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Reformhausmeister

19. April 2007

Das ORF-Programm ist wie die Fussball-Liga – jeder kennt sich aus, jeder redet mit, jeder ist der bessere Trainer, jeder weiss die einzig wahre Aufstellung. Mit den Wapplern am realen Spielfeld dagegen kann das nix werden. Oder? Doch: Super-Alex ist der rechte Mann am Platz.

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Ich gestehe: ich war einmal für den ORF tätig. Zwölf Jahre lang. Die Tätigkeit endete abrupt. Einerseits, weil ich in diesem Betrieb keine reelle Perspektive erkennen konnte, die mein Spiegelbild allmorgendlich nicht in einen moralischen und ideologischen Zwiespalt mit seinem Gegenüber gestürzt hätte. Andererseits, weil mir Gerd Bacher eines Tages – Monate nach meiner inneren Kündigung und faktisch längst erfolgtem Abschied – ein Schreiben zukommen liess. Das eine weitere gedeihliche Zusammenarbeit ausschloss. Warum? Weil ich mich erdreistet hatte, in einem Interview die Meinung zu vertreten, der ORF laufe über kurz oder lang Gefahr, seine Jugend-Kompetenz zu verlieren.

Das ist lange Jahre her. Und, nein, es ist kein Triumph, daß ich recht behalten habe. Oder haben könnte. Anfang der neunziger Jahre waren Biotope wie die Jugendredaktion am Küniglberg (mit Sendungen wie “X-Large” und “Montevideo”) noch lebendig, Ö3 noch kein steriles Formatradio, der Fundus an Ideen und Kompetenz, auf den vor allem Bachers Nachfolger Gerhard Zeiler zurückgreifen konnte, ein gewaltiger. Aber nach der fulminanten Neu(er)findung des ORF in den sechziger und siebziger Jahren, die einem noch heute Respekt abnötigt, und einer frischen, wachen Phase die Achtziger hindurch folgte faktisch – Ausnahmen bestätigen die Regel – nur mehr ein langsamer Abstieg vom Olymp der Rundfunk- und TV-Institutionen mit Anspruch, Qualität und Weltgeltung ins Tal der Tränen. Zu hoch (respektive tief) gegriffen? Sorry, aber wenn ich sehe, daß sich eine Vera Russwurm anno 2007 nichts Besseres weiß, als in ihre Super-Duper-Jet-Set-Sendung “exklusiv” Spitzenentertainer und VIPs wie Ö3-Kollege Peter L. Eppinger oder den nunmehrigen Tanzbären Michi Tschuggnall einzuladen oder ungeniert Promotion für die Musical-Highlights ihres Göttergatten (und vormaligen ORF-Unterhaltungsintendanten) zu machen, dann hört sich meinem Geschmack nach alles auf.

Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Gerd Bacher soll zum Beispiel herzhaft gelacht haben über “Mitten im 8en”, ein Herzstück der aktuellen TV-Reform. Ich habe weniger gelacht. Die Zielgruppe auch, wie die Quoten belegen. Aber, ich geb’s zu, ich gehöre nicht zur Zielgruppe (bei Bacher hätt’ ich’s, ehrlich, auch nicht vermutet). SitComs, “Gute Zeiten Schlechte Zeiten” und US-Brachialhumorserien gehen mir seit jeher am Arsch vorbei. Auch die verzweifelt professionelle Vermutung, dass das hiesige Publikum einfach nur ein bissl Zeit brauche und sich an die sechs Millionen Euro-Produktion (“Der teuerste Bildschirmschoner der Welt”, so “Romy”-Preisträger Michael Niavarani) schon noch gewöhnen werde, ist mir blunzn. Die Vorstellung, daß bald nur noch ein Ex-Generalintendant, sein Ziehsohn Lorenz, die engsten Verwandten der Mi8-Akteure und ein paar Mohikaner der Serie die Stange halten könnten, ist dagegen ebenso kurios wie heilsam.

Denn: der Leidensdruck verstärkt und verschärft sich. Vielleicht auch, weil die Erwartungen so hoch waren (und ungebrochen sind). Kann es sein, daß all die Kapazunder am Küniglberg – vorgeblich gestützt von dicken Marktforschungs-Mappen – ein wenig den Draht zum Publikum verloren haben? Sich den Blick auf die Welt schönfärben (“Unser Pech ist das gute Wetter”)?. Eventuell doch die alte Bauernregel “Good promotion kills a bad product fast” beherzigen hätten sollen? Okay, ich will nicht alles schlechtreden: die Information, bislang der eindeutige Gewinner der ORF-internen Competition, vermittelt ein klares Mehr an Aufmerksamkeit, Aufbruchsstimmung und journalistischem Biss. Jugend- und Populärkultur sind plötzlich Themen, wo vorher nur Bildungsbürger-Fadesse, Musikantenstadl und Muatterl-Behutsamkeit regierten. Und es gibt Ansätze, die neuen Medien- und Lebenswelten des Publikums, das längst unzählige Kanäle, Möglichkeiten und Attraktionen abseits des ORF geortet hat, ernst- und wahrzunehmen.

Jugendliche(re) Herzen erobert man deswegen aber nicht unbedingt und umgehend im Sturm. Nur weil man zum Beispiel die “Szene” entdeckt und mit anbiederndem Duktus (samt Smiley) beglückt. Oder ein “Extrazimmer” einrichtet, um dann – ein katastrophales Startsignal! – erst recht wieder nur eine omnipräsente Kammerschauspielerin hineinzuverfrachten und kreuzbrav zu adorieren. Oder… aber lassen wir ab. Was wirklich bestürzt, sind vielfach die handwerklichen Mängel. Der tendenzielle Ersatz von Journalismus durch Promotion. Die freiwillige Selbstbeschränkung auf immer dieselben üblichen Verdächtigen. Und die Penetranz, mit der uns, pardon!, jeder lauwarme Furz als Neuerfindung des Rades verkauft wird.

Aber, damit wir uns nicht falsch verstehen: diese ORF-Reform ist mir quatrillionenmal lieber als keine ORF-Reform (wie sie von Frau Lindner jahrelang so tatkräftig betrieben wurde). Ich halte “Super-Alex” Wrabetz für den denkbar besten Mann am Platz. Einen guten Teil seiner Mannschaft für kundig und willig. Und das Unternehmen für reformfähig. Jetzt muß nur noch das p.t. Publikum dran glauben. Am besten wäre wohl, es durch Taten zu überzeugen.

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