Classic Rock

18. Mai 2007

Von Paul McCartney bis Sting: Klassik und Pop – ein Paar ewiger Gegensätze und Anziehungen. Im heutigen Musikgeschäft aber auch eine kleine Machtmusik.

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Vielleicht hat Waldo de los Rios ja mehr für mein Klassik-Verständnis (wahlweise: Klassik-Unverständnis) getan als Heerscharen von Musikprofessoren und Feuilletonisten vor und nach ihm. Denn der Mann mit dem plüschigen Namen, 1934 in Buenos Aires geboren und ab 1962 – zufälligerweise auch mein Geburtsjahr – in Spanien tätig, war soetwas wie der James Last der iberischen Halbinsel. Mehr noch. De los Rios schlug die erste tragfähige Brücke von der Klassik-Hemisphäre in mein präpubertäres Pop-Universum. Nicht, daß ich seine ungezwungene Vermählung von E (wie erwachsen, ernst, erratisch) und U (wie unschuldig, unterhaltend, ursuper), mit der der Arrangeur und Dirigent nebst meiner Abermillionen begeisterte, heute noch zum ultimativen Kulturerbe der Menschheit zählen würde. Aber er hat mir Mozart in den Kopf gesetzt. „Mozart 40“ etwa. Das klang gut. Das klang modern. Das klang besser als Udo ´70, zum Beispiel. Das Köchelverzeichnis als Leitfaden der Aufklärung war mir fremd, das Mozartjahr noch fern. So wurde ausgerechnet Maestro de los Rios mein Lehrmeister. Quasi zum Generalschuhlöffel für die ersten Schritte in eine fremde, seltsame Welt.

Sie ist mir, soviel sei vorweggenommen, nur bedingt ans Herz gewachsen. Die Bildungsbürger-Dünkel, Inszenierungs-Rituale und das – in jedem Sinn des Wortes – mächtige Brimborium um die klassische Musik waren mir zuwider. Und sind es ungebrochen. Die Salzburger Festspiele z.B. können mir gestohlen bleiben, ehrlich. Die Musik selbst kann nichts dafür, sie ist eine abstrakte Grösse. Sie vermag mich da und dort flüchtig zu erlangen, zu berühren, aus dem Alltag abzuholen. Ihre Schöpfer blieben mir fremd. Die Götterdämmerung: vertagt. Aber nicht ewig aufgeschoben. Denn natürlich kann man sich der gravitätischen Wirkung der Essenz von Jahrhunderten nicht leichterhand entziehen. Ob Bach oder Händel, ob Orff oder Wagner, ob Dvorák oder Stockhausen – letztlich lernte ich sie kennen, hören, schätzen. Die Klangwelten selbst wussten zu überzeugen, aus sich heraus, der musiktheoretische, historische und gesellschaftliche Unter- und Überbau blieb Stückwerk. Ein dunkler Mythos.

Ich erzähle Ihnen das alles nicht, um mich wichtig zu machen. Sondern um die Fronten abzustecken. Fronten und Grenzen, die eigentlich längst obsolet sein sollten. Wer immer zum Beispiel die Unterscheidung zwischen U- und E-Musik erfunden hat (AKM? Adorno? Aliens?), die fiktiv-faktisch Trennlinie zwischen populärer und seriöser Kunst mithin, gehört längst ins Ausgedinge verwiesen. Denn was scheidet eine Lehar-Operette so strikt vom ABBA-Musical? Ist die heftig rockende Mozartband jetzt E oder U? Und was trennt Albinoni, Morricone oder Gershwin an Wert und Gehalt von, sagen wir mal: Leslie Feist? Außer natürlich ökonomische Interessen im Tanz um den Futtertrog der Verwertungsgesellschaften und Subventionsgeber. Nur hier lässt sich diese Weltenteilung ungebrochen aufrecht erhalten. Nur hier spielt die Musik getrennt nach Buchstaben, Komponistenverbänden und vermeintlichen Zielgruppen. Nur hier kennt man ihn noch: den tiefen Graben zwischen Klassik und Pop.

Anderswo schert man sich nicht weiter drum. Sting singt, bevor er als Revival-Polizist auf Welttour geht, Renaissance-Arien von John Dowland. Paul McCartney versucht sich an Oratorien. Jimi Tenor schickt das Repertoire der Deutschen Grammophon durch den Remix-Reisswolf. Nigel Kennedy und Thomas Quasthoff machen einen auf Jazz. Sir Simon Rattle kümmert sich mit den Berliner Philharmonikern um das Rhythmusgefühl der Jugend. Die Netrebko schlägt längst Madonna in den Charts. „Was ist denn da los im Musikzirkus?“, fragte sich unlängst die alte Tante „Die Zeit“. Und schlug sich wacker auf die Seite der Jungen: „Die Empörung und Abscheu, die solche Grenzgänge zwischen den Genres auslösen, erwachsen aus einem törichten, überkommenen Gedanken: ernste und unterhaltende Musik seien unvereinbar. Ein Frevler, wer die edle Klassik durch die Niedertracht des Populären verunreinige!“

Mitnichten. Verunreinigung rules OK! Klassik ist nicht alt und verstaubt, Klassik ist aber auch nicht die neue Popmusik. Klassik ist ein Bereich populärer Musik der Gegenwart. Genauso wie Pop. Rock. Jazz. World Music. Schlager. Volksmusik. Laptop-Elektronik. Einstürzende Neubauten. Einstürzende Altbauten. Aufblasbare Zirkuszelte. Schluß mit Marketing-Tricks! Her mit Qualität und Originalität, Charisma und Emotion, egal unter welchem Signet. Nebstbei: der Wahlspruch John Dowlands lautete: „Aut furit, aut lacrimat, quem non fortuna beavit“. Wen das Schicksal nicht begünstigt, der tobt oder weint.

Sting singt. Schicksalsbegünstigt. Waldo de los Rios dagegen starb 1977 durch eigene Hand.

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