Archive for Juni, 2007

Adieu Georg!

22. Juni 2007

Zum Tod von Georg Danzer.

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Irgendwann im Leben läuft alles auf ein Ende, ein Ziel, eine Schlusslinie zu. Die Strecke, die man bis dahin zurückgelegt hat – sie mag länger oder kürzer sein – wird dann unwesentlicher, allein das Überschreiten der Linie bleibt als finaler Akt. Für einen selbst, der man mit zunehmender Bewußtheit und auswegloser Konsequenz auf dieses Ziel zusteuert. Für das Publikum, Freunde, Feinde, Familienmitglieder, Weggefährten, Kenntnisreiche und Ahnungslose, die dieses letzte Stück Weges als das zur Kenntnis nehmen müssen, was es ist: eine Erfüllung. Eine Erlösung. Ein Ende. Und eventuell ein Anfang, jenseits unserer Begrifflichkeiten.

Ich kenne niemanden, der bewusster, demütiger, würdiger gestorben ist als Georg Danzer. Es war ein Sterben in aller Öffentlichkeit, man wusste oder ahnte zumindest um die Krankheit, die seinem Leben ein Ende setze, und um ihre Unerbittlichkeit. Georg Danzer ist daran nicht zerbrochen. Er ist daran gewachsen. Dabei war er, wie in allem, was er zum Inhalt seines Lebens machte, ein Grosser.

Danzer hat mehr für die hiesige Musikszene getan, als den meisten bewusst ist, dies- und jenseits hohler Chiffren wie jener vom „AustroPop“. Er hat darüber hinaus getan, was die wahrhaftigste Aufgabe eines Künstlers ist: zu einem Mehr an Bewusstsein, Sensibilität und Offenheit beizutragen in fast allen Dingen, die uns beschäftigen, tagein, tagaus, und bisweilen auch zu berühren vermögen, im tiefsten Inneren.

Danzers Tod berührt. Weil hier ein Mensch, der so unendlich kraftvoll, frei und voller Schöpfungsdrang und zugleich empfindsam, nachdenklich und leise erschien, nicht mehr seine Stimme erhebt. Nie wieder singt vom „Hawelka“ und vom „Tschik“, vom „Vorstadt-Casanova“ und vom „Klanan Bua im Winter“. Das war er selbst, der kleine Bub im viel zu dünnen Mantel, ein „schwarzer Fleck auf weissem Grund“. Danzer hat sich dieses Lied gewünscht, beim österreichischen Musikpreis „Amadeus“ vor wenigen Wochen, bei dem er so gerne dabei gewesen wäre und wo seine Stimme letztendlich doch nur mehr vom Band kam. Die Lobrede auf ihn wurde zum vorgezogenen Nachruf, aber sie traf die richtigen Worte. In ihrer Zögerlichkeit, in ihrer respektvollen Zurückhaltung, in ihrer Suche nach dem richtigen Ton und, mehr noch, nach den Zwischentönen.

Georg Danzer war, und ein essentieller Song wie jener vom „Klanan Bua im Winter“ belegt es, ein Meister der Zwischentöne. Gewiss, da finden sich auch derbe, grelle, unsinnige oder pfiffig populistische Songs in seinem Ouevre, das die Beachtlichkeit von 46 Alben und mehr als 400 Liedern umfasst, und nicht alle waren sie Meisterwerke wie „Ruaf’ mi net an“ oder „Der legendäre Wixer-Blues vom 7. Oktober 1976“.

Danzer hat über Sex, Alkohol, Sucht, Ängste und Abgründe gesungen, über Träume und Utopien, über das Ende. In einem Interview bekannte er: „Ich habe schon in den 70ern Lieder über das Sterben geschrieben, hab mich immer mit dem Gedanken auseinandergesetzt, daß man ein Ablaufdatum hat. Je jünger man ist, umso leichter schreibt man über den Tod. Je älter man wird, umso mehr hat man sich mit dem Leben verklebt und löst sich nur schwer davon.“ 1968 erschien Danzers erste Single, „Vera“, vor knapp einem Jahr sein letztes Album, „Träumer“. Als hätte der Autor erahnt, was kommen würde, sind hier leise, ironisch leichte, niemals larmoyante Botschaften wie „Mei Aschen“ oder „A letztes Lied“ zu hören.

Danzer hat sich getraut. Getraut zu träumen. Getraut, die Gitarre in die Hand zu nehmen. Getraut, Texte zu schreiben und anzubieten und schliesslich selbst zu interpretieren. Getraut, populär zu sein und Unpopuläres zu wagen. Getraut, keinen geradlinigen Weg zu gehen im Leben und im Pop-Business und in der Öffentlichkeit. Der Schurl war, wiewohl lange Jahre in Deutschland daheim und in Spanien, ein Wiener tiefster Prägung. Vom Dreigestirn Ambros-Danzer-Fendrich, das lange Jahre sehr erfolgreich unter dem Signet „Austria 3“ auftrat, wird er als derjenige in Erinnerung bleiben, der am zurückhaltendsten war, am vielfältigsten und am glaubwürdigsten. Mithin am begabtesten. Er selbst hätte derlei Einschätzungen sofort vom Tisch gewischt; die Loyalität zu seinen Freunden manifestierte sich jenseits der Regenbogenpresse. Und jenseits politischer oder auch nur imagetechnischer Korrektheit. Image, Karriere, Kontostände waren einfach keine Kategorien im Leben eines Singer-/Songwriters, der sich eher über den Werdegang junger Künstlerkollegen erkundigte als darüber, ob man seine neue Single denn gnädig im Radio spielen würde. Das blieb so bis zuletzt.

Morgen abend hätte Georg Danzer beim Donauinselfest auftreten sollen. Rainhard Fendrich wird es an seiner statt tun. Es ist hier nicht der Platz für Kleinlich-, ja Nichtigkeiten, ob dies richtig ist und gut. Es wird der Abschied von Georg Danzer sein, für Hunderttausende, Freunde, Feinde, Familienmitglieder, Weggefährten, Kenntnisreiche und Ahnungslose. Es wird die Wirksamkeit seiner Lieder, die längst zu Volksliedern geworden sind, noch einmal in voller Pracht erstrahlen lassen. Es wird ihr Urheber mitten drinnen wohnen – im Konzert, auf der Bühne, im Gedächtnis der Musiker und der Zuhörer. Es wird ein würdiger Abschied sein.

Adieu, Georg!

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Extrawürste, Extrawünsche

19. Juni 2007

Während die einen die Millionenabfertigungen einpacken und nach Hause gehen, rackern andere unbeirrt unter kargen Umständen weiter. Nicht gänzlich unbedankt allerdings, wie etwa im Fall der “Extraplatte”.

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Worüber liesse sich in Tagen wie diesen schreiben? Die ewige Frage des Kolumnisten. Die Hundshitze? Nein, danke, wer auf derlei verfällt, sollte schlicht eine kalte Dusche nehmen. Den Umstand, daß sich der marode Major EMI den Abschied von seinem glücklosen CEO Alain Lévy 4,6 Millionen Pfund kosten lässt, Extrawürstel (wie etwa eine einjährige Gehaltsfortzahlung) nicht eingerechnet? Auch nicht, Kopfschütteln genügt. Und eventuell die trockene Bemerkung, daß gefallene Top-Manager – von Lévy über Ackermann bis zur Ex-Asfinag-Wunderwaffe Matthias Reichhold – alle ein wenig wie Helmut Elsner aus der Wäsche schauen. Ungebrochen hochmütig, aufreizend blasiert und doch ein wenig verdutzt, daß es nicht ewig so tolldreist weiterging und weitergeht.

Next. Der Overkill bei Konzert”erlebnissen” wie dem NovaRock oder, absehbar, dem Donauinselfest? Den Verkauf der Web 2.0-Jukebox Last.fm um 280 Millionen Dollar an CBS? (Nebstbei: Gratulation an den österreichischen Last.fm-Mitbegründer Martin Stiksel!) Die endgültige Schliessung des Sony-Connect-Stores? Die autistische Weltfremdheit mancher AKM-Gesellschafter, die ich unlängst in einer stundenzehrenden Inszenierung Marke Ionesco vor Augen geführt bekam? Nein. Non. Njet. Ich will mir derlei Themen, die ja in immer neuen Variationen scheinbar eherne Grundregeln des Business und seiner wechselnden Akteure verkörpern, für andere, eventuell bessere Gelegenheiten aufheben. Obwohl: daß Sony jemals einen eigenen Online-Store betrieben hat, wird eher heute als morgen vergessen sein.

Wenden wir uns Erfreulicherem zu. Einem Mann etwa, der immer im Schatten der Lévys dieser Welt (und ihrer lokalen Statthalter) agiert hat und agieren wird, dessen Reichtum aber ein ganz anderer ist, weit gehaltvoller und viel sympathischer. Es handelt sich um kulturellen Reichtum. Der Mann, von dem hier die Rede ist, heisst Harald Quendler. Sein Firmenschild trägt die Inschrift “Extraplatte”.

Ich bin zu jung, um das Lied des überfälligen Befreiungsschlags zu singen, der mit der Gründung eines der ersten Indie-Labels des deutschsprachigen Raums anno 1977 untrennbar verbunden war und ist. Das bleibt Alt-68ern überlassen, eventuell könnte auch Willi Resetarits einstimmen. Denn die Schmetterlinge waren nicht unbeteiligt, wie auch Musiker des Folkclubs Atlantis (in dessen Räumlichkeiten, unter dem Namen “Roxy”, nunmehr die Sunshine-Jungs zugange sind) – an der Idee der “Extraplatte” und ihrer Realisierung.

Im November 1979 stiess Harald Quendler dazu. Mit zunächst sechs LP-Titeln im Programm startete er den Vertrieb. Darunter erste Lebenszeichen von späteren Grössen wie Lukas Resetarits, der Wiener Tschuschenkapelle, Broadlahn, Minisex, Otto Lechner oder dem Vienna Art Orchestra. “Do It Yourself”, das war das Motto, und es kam einer Sensation gleich. Während in England Punk-Musiker ihre Drei-Akkorde-Revolution vom Zaun brachen, holte man hierzulande die organisatorische und ökonomische Emanzipation von den Monopol-Strukturen der Musikindustrie nach. Tonträger selbst zu produzieren, zu vertreiben und zu vermarkten – heute eine selbstverständliche Angelegenheit unzähliger Mini- und Mikro-Labels – war Ende der siebziger Jahre noch eine Herausforderung. Eine Kulturleistung. Und bisweilen auch ein Geschäft. Um 1995 umfasste das Repertoire der “Extraplatte” bereits an die 40.000 Titel. Abseits der Hitparaden. Von Jazz über Avantgarde, Ethno-und World Music, Alte Klassik-Spezialitäten bis Neue Volksmusik reicht das Repertoire, das Quendler hegt, pflegt und mit viel persönlichem Einsatz unter die Leute bringt. Für seine Verdienste erhielt der “Extraplatte”-Betreiber im vorigen November eine Ehrenurkunde des Preises der Deutschen Schallplattenkritik. Eine hohe Branchen-Auszeichnung. Zurecht.

Ich plädiere dafür, dem guten Mann gefälligst auch hierzulande zu überreichen, was es zu überreichen gibt. Vom Ehrenkreuz bis zum Professorentitel, oder was sonst so in der Extrawünsche-Verdienstorden-Schublade rumliegt. Auch wenn Harald Quendler (wer ihn persönlich kennt, weiß, wovon ich schreibe) darauf vordergründig so gar keinen Wert legt und den wohlmeinenden Überreicher mit ein paar deftigen Begleitworten wieder heim in den Elfenbeinturm oder die Bürokratenburg schicken würde – letztlich sind es Anerkennung und Respekt, die sich auch in derlei Talmi manifestieren. Wenn’s denn die Richtigen trifft. Quendler, ein knorrig-zäher Verfechter ewigen Widerstandsgeists und wahren Indie-Esprits, ist so einer. Eine Galionsfigur einer (kultur)politischen Bewegung, deren Notwendigkeit in Zeiten der Mainstream-Hegemonie, Monokultur und Quoten-Fixierung stärker ist denn je.

Die “Extraplatte” exportiert Eigenwilliges, Eigensinniges, Eigenständiges – im besten Sinne Extraordinäres – aus Österreich hinaus in die Welt, und das seit dreissig Jahren. Das ist eine reife Leistung. Sie hängt am seidenen Faden der feingedrechselten Halsstarrigkeit einer Handvoll Leute, da wie dort. Im Studio, im Handel, in den Medien, auf Konsumentenseite. Harald Quendler ist immer mittendrinnen. Hoffentlich noch lange, sehr lange. Meine Damen und Herren: Extra-Applaus!

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