Extrawürste, Extrawünsche

19. Juni 2007

Während die einen die Millionenabfertigungen einpacken und nach Hause gehen, rackern andere unbeirrt unter kargen Umständen weiter. Nicht gänzlich unbedankt allerdings, wie etwa im Fall der “Extraplatte”.

extraplatte.jpg

Worüber liesse sich in Tagen wie diesen schreiben? Die ewige Frage des Kolumnisten. Die Hundshitze? Nein, danke, wer auf derlei verfällt, sollte schlicht eine kalte Dusche nehmen. Den Umstand, daß sich der marode Major EMI den Abschied von seinem glücklosen CEO Alain Lévy 4,6 Millionen Pfund kosten lässt, Extrawürstel (wie etwa eine einjährige Gehaltsfortzahlung) nicht eingerechnet? Auch nicht, Kopfschütteln genügt. Und eventuell die trockene Bemerkung, daß gefallene Top-Manager – von Lévy über Ackermann bis zur Ex-Asfinag-Wunderwaffe Matthias Reichhold – alle ein wenig wie Helmut Elsner aus der Wäsche schauen. Ungebrochen hochmütig, aufreizend blasiert und doch ein wenig verdutzt, daß es nicht ewig so tolldreist weiterging und weitergeht.

Next. Der Overkill bei Konzert”erlebnissen” wie dem NovaRock oder, absehbar, dem Donauinselfest? Den Verkauf der Web 2.0-Jukebox Last.fm um 280 Millionen Dollar an CBS? (Nebstbei: Gratulation an den österreichischen Last.fm-Mitbegründer Martin Stiksel!) Die endgültige Schliessung des Sony-Connect-Stores? Die autistische Weltfremdheit mancher AKM-Gesellschafter, die ich unlängst in einer stundenzehrenden Inszenierung Marke Ionesco vor Augen geführt bekam? Nein. Non. Njet. Ich will mir derlei Themen, die ja in immer neuen Variationen scheinbar eherne Grundregeln des Business und seiner wechselnden Akteure verkörpern, für andere, eventuell bessere Gelegenheiten aufheben. Obwohl: daß Sony jemals einen eigenen Online-Store betrieben hat, wird eher heute als morgen vergessen sein.

Wenden wir uns Erfreulicherem zu. Einem Mann etwa, der immer im Schatten der Lévys dieser Welt (und ihrer lokalen Statthalter) agiert hat und agieren wird, dessen Reichtum aber ein ganz anderer ist, weit gehaltvoller und viel sympathischer. Es handelt sich um kulturellen Reichtum. Der Mann, von dem hier die Rede ist, heisst Harald Quendler. Sein Firmenschild trägt die Inschrift “Extraplatte”.

Ich bin zu jung, um das Lied des überfälligen Befreiungsschlags zu singen, der mit der Gründung eines der ersten Indie-Labels des deutschsprachigen Raums anno 1977 untrennbar verbunden war und ist. Das bleibt Alt-68ern überlassen, eventuell könnte auch Willi Resetarits einstimmen. Denn die Schmetterlinge waren nicht unbeteiligt, wie auch Musiker des Folkclubs Atlantis (in dessen Räumlichkeiten, unter dem Namen “Roxy”, nunmehr die Sunshine-Jungs zugange sind) – an der Idee der “Extraplatte” und ihrer Realisierung.

Im November 1979 stiess Harald Quendler dazu. Mit zunächst sechs LP-Titeln im Programm startete er den Vertrieb. Darunter erste Lebenszeichen von späteren Grössen wie Lukas Resetarits, der Wiener Tschuschenkapelle, Broadlahn, Minisex, Otto Lechner oder dem Vienna Art Orchestra. “Do It Yourself”, das war das Motto, und es kam einer Sensation gleich. Während in England Punk-Musiker ihre Drei-Akkorde-Revolution vom Zaun brachen, holte man hierzulande die organisatorische und ökonomische Emanzipation von den Monopol-Strukturen der Musikindustrie nach. Tonträger selbst zu produzieren, zu vertreiben und zu vermarkten – heute eine selbstverständliche Angelegenheit unzähliger Mini- und Mikro-Labels – war Ende der siebziger Jahre noch eine Herausforderung. Eine Kulturleistung. Und bisweilen auch ein Geschäft. Um 1995 umfasste das Repertoire der “Extraplatte” bereits an die 40.000 Titel. Abseits der Hitparaden. Von Jazz über Avantgarde, Ethno-und World Music, Alte Klassik-Spezialitäten bis Neue Volksmusik reicht das Repertoire, das Quendler hegt, pflegt und mit viel persönlichem Einsatz unter die Leute bringt. Für seine Verdienste erhielt der “Extraplatte”-Betreiber im vorigen November eine Ehrenurkunde des Preises der Deutschen Schallplattenkritik. Eine hohe Branchen-Auszeichnung. Zurecht.

Ich plädiere dafür, dem guten Mann gefälligst auch hierzulande zu überreichen, was es zu überreichen gibt. Vom Ehrenkreuz bis zum Professorentitel, oder was sonst so in der Extrawünsche-Verdienstorden-Schublade rumliegt. Auch wenn Harald Quendler (wer ihn persönlich kennt, weiß, wovon ich schreibe) darauf vordergründig so gar keinen Wert legt und den wohlmeinenden Überreicher mit ein paar deftigen Begleitworten wieder heim in den Elfenbeinturm oder die Bürokratenburg schicken würde – letztlich sind es Anerkennung und Respekt, die sich auch in derlei Talmi manifestieren. Wenn’s denn die Richtigen trifft. Quendler, ein knorrig-zäher Verfechter ewigen Widerstandsgeists und wahren Indie-Esprits, ist so einer. Eine Galionsfigur einer (kultur)politischen Bewegung, deren Notwendigkeit in Zeiten der Mainstream-Hegemonie, Monokultur und Quoten-Fixierung stärker ist denn je.

Die “Extraplatte” exportiert Eigenwilliges, Eigensinniges, Eigenständiges – im besten Sinne Extraordinäres – aus Österreich hinaus in die Welt, und das seit dreissig Jahren. Das ist eine reife Leistung. Sie hängt am seidenen Faden der feingedrechselten Halsstarrigkeit einer Handvoll Leute, da wie dort. Im Studio, im Handel, in den Medien, auf Konsumentenseite. Harald Quendler ist immer mittendrinnen. Hoffentlich noch lange, sehr lange. Meine Damen und Herren: Extra-Applaus!

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