Archive for September, 2007

Gut. Böse. Jenseits!

20. September 2007

Eine Compilation ist eine Compilation ist eine Compilation. Oder etwa doch nicht? Die “Falter”-CD zum 30-Jahre-Jubelmonat der Wiener Stadtzeitung zeigt, daß es auch anders geht.

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Wenn ich daran denke, daß mich diese Gazette nun schon ein halbes Leben lang begleitet, werd’ ich auf meine alten Tage eventuell noch sentimental. Tatsächlich ist der “Falter”, der nun seinen dreissigsten Geburtstag feiert, nicht nur eine Stadtzeitung mit umfangreichem Terminkalender und hohem Gebrauchswert. Das Blatt ist innerhalb der österreichischen Presselandschaft längst zum unverzichtbaren Politik-, Meinungs- und Kultur-Additivum – ja: Korrektiv! – gereift. So wie sich Wien seit 1977 sehr positiv entwickelt hat – von einer Stadt, die in den grauen Siebzigern noch dem Ostblock sehr nahe war, nicht nur räumlich, hin zu einer modernen, weltoffenen Metropole – haben autonome, selbstbewusste, leidenschaftsgetriebene Unternehmungen wie der “Falter” mitgeholfen, verkrustete Medien- und Denkstrukturen aufzubrechen. Oder zumindest zu konterkarieren. Der Satz des “Falter”-Herausgebers Armin Thurnher, der lange Jahre den Schluß jeder seiner Kolumnen zierte – “Im übrigen bin ich der Meinung, die Mediaprint muß zerschlagen werden” –, ist längst Legende. Heute muß der Mediamil-Komplex zerschlagen werden. Und ich wette, Hans Dichand hat noch kein einziges Mal darüber gelacht.

Auch die heimische Musikszene sähe ärmer aus, gäbe es Produkte wie den “Falter” nicht. Gewiss, es existieren höchst löbliche Fachmagazine (das frisch renovierte “TBA” etwa nimmt sich sehr brauchbar aus, “Now!” erweiterte jüngst seine Website, “Indie” & Co. glänzen feist und werden gegen den Trend dicker und dicker), aber die Berichterstattung zu Populärkulturthemen jenseits von Fendrich und Ötzi ist weithin Brachland. Und diesseits ziemlich in Beschlag der Regenbogen-Boulevard-Meute. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Eine der verlässlichsten und beständigsten Ausnahmen war und ist der “Falter”. Egal, ob ein Eberhard Forcher Anfang der achtziger Jahre vom “Wiener Blutrausch” mit Drahdiwaberl, Chuzpe, Minisex et al berichtete und damit erstmals hiesige Spurenelemente von Punk und New Wave erahnen liess, oder ob später kompetente und neugierige Nasen wie Chris Duller, Thomas Schaller, Thomas Miessgang, Fritz Ostermayer, Christof Kurzmann, Walter Pontis, Doris Knecht, Wolfgang Kralicek oder Klaus Nüchtern die Szene durchforsteten (und zwar in der ganzen Bandbreite, von Georg Danzer über Radian bis Franz Koglmann) – hier geriet das Prädikat “Begleitmedium” zum Adelstitel. Mit dem nach Großbritannien exilierten Robert Rotifer hat man überhaupt den besten Musikjournalisten Österreichs regelmässig im Blatt. Und dann wäre da noch die aktuelle Redakteursriege, von Sebastian Fasthuber bis Gerhard Stöger.

Letzterer, übrigens auch mit einer engagierten Kolumne (“Musik aus Österreich”) im “Datum” aktiv, zeichnet für das subjektiv erfreulichste Geburtstagsgeschenk verantwortlich. In eigener Sache, quasi. Eine CD-Compilation namens “Gut. Böse. Jenseits!” nämlich, mit dem trefflichen Untertitel “30 Jahre Falter – 30 Jahre Musik aus Wien”. Daß es sich dabei nicht um einen der üblichen, rasch und lieblos zusammengepappten Fliessband-Kommerz-Sampler handelt, wird einem klar, sobald man das Ding in Händen hält. Da steckt Sachkenntnis, Sammelwut und Forscherdrang dahinter. Und ein nicht unbeträchtlicher Aufwand. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich schreibe: ähnlich gestrickte Compilations wie die notorische “Flieger”-Reihe Mitte der neunziger Jahre oder das tönende Raritätenkabinett “Austria Curiosa”, an denen ich nicht unschuldig war, kosteten ob des Recherche-Aufwands und der Klärung der oft diffusen Rechtslage Herzblut, Schweiss und Tränen. Daß es auch anders geht, habe ich dann später in Hamburg kennengelernt, wo die “Bravo”-Sampler zusammen-geschraubt wurden und millionenfach ihr Publikum fanden.

“Gut. Böse. Jenseits!” wird diese Zahlen nicht erreichen, wage ich zu prognostizieren. Aber die Doppel-CD sollte, nein: muß sich auf der Weihnachts-Wunschliste jedes Musikinteressierten im näheren Umkreis finden. Sie ist wie ein Mix-Tape an einen Freund. Stöger lässt Revue passieren, was Rang und Namen hatte (und hat) in der Pop-Historie dieser Stadt. Was es bis zur Weltberühmtheit in Wien schaffte. Und gelegentlich auch darüber hinaus. Falco, Kruder & Dorfmeister, Sofa Surfers, Fennesz, Gustav, DSL – Fixstarter in der internationalen Liga. Monoton, Edek Bartz, Graf Hadik, Der Scheitel, Die Mäuse, Sluts’n’Strings & 909 – alte Bekannte, längst in die Obskurität abgetaucht und neu zu entdecken. Und daß mit “Niemand hilft mir” von Ronnie Urini und den Letzten Poeten einmal mehr der schärfste, glaubwürdigste und verzweifeltste Rock’n’Roll-Hadern der Austro-Pop-Historie ausgegraben wurde, lässt nicht nur den ewigen Cyberpunk Urini alias Ronald Iraschek frohlocken.

Natürlich kann man derlei, bei allem Seltenheitswert, heutzutage alles irgendwo und irgendwie aus dem Wehwehweh runterladen. Gratis dazu. Aber, meine Damen und Herren: dann entwerten Sie, so pathetisch das klingen mag, ihre eigene Vergangenheit. Und honorieren nicht die Urinis und Stögers und “Falter” dieser Welt. Abgesehen davon, daß Sie um das informative, kurzweilige, unbedingt notwendige Booklet zu “Gut. Böse. Jenseits!” umfallen. Und das wäre doch ziemlich schade.

Hier spielt die Musik!

10. September 2007

Der gebürtige Oberösterreicher und frühere ORF/FM4-Mitarbeiter Martin Stiksel ist einer der Gründer von Last.fm – “The Social Music Revolution”, der erfolgreichsten europäischen Web 2.0-Community und einer der grössten weltweit mit ca. 20 Millionen Usern und monatlich 20 Prozent Wachstum. Last.fm wurde im Mai 2007 für 280 Millionen Dollar an den US-Konzern CBS verkauft. Der Aufbau, die Übernahme und weiteren Zukunftsaussichten des Projekts ergeben eine der bemerkenswertesten internationalen Wirtschafts-Stories der letzten Jahre.

Last.fm ist eine nicht ganz unkomplexe Angelegenheit. Kannst Du uns Dein Unternehmen kurz erklären?

Last.fm gibt Musik im Netz ein Zuhause. Wie bringen alle Services zusammen, die mit Musik zu tun haben. Was Last.fm speziell macht, ist das Angebot zu personalisieren. Wir finden raus, welche Art von Musik du magst, und wir präsentieren nur jene, die relevant ist für dich.

Nun impliziert schon der Name einiges. Last.fm: das letzte Radio, oder das Radio, das alle anderen überdauert…

Glory oder Failure! Entweder wird Last.fm wirklich das letzte, sprich: ultimative Radio, oder es ist das Allerletzte, von niemandem akzeptiert. Auf jeden Fall ist es eine Alternative zu den ganzen langweiligen Formatradios.

Wie verlief die Geschichte von Last.fm, eine der bislang wenigen wirklichen Web 2.0-Erfolgsstories, aus Deinem Blickwinkel?

1999 habe ich einen der jetzigen Partner, Felix Müller, bei einem Konzert kennengelernt. Wir haben damals sehr viel mit Napster rumgespielt und waren richtige Computer-Nerds. Nach zwei Wochen Napster-Intensivnutzung ist uns aufgefallen, daß wir nichts Neues entdecken. Wir hatten alles runter geladen, was uns gefällt, und partout nichts Neues kennengelernt. Dann haben wir das Feature entdeckt, daß man die MP3-Sammlung, also eigentlich den „Shared Folder“ einer Person, auf Napster browsen kann. Diese Idee hat uns sehr inspiriert. Wir hatten damals eine Online-Plattenfirma, „Insine“, und waren innerhalb kürzester Zeit mit großartiger Musik überflutet, die aber keiner kannte. Also haben wir uns die Frage gestellt: wie können wir diese Musik an die richtigen Leute und in deren Ohren bringen, ohne großartig Playlists bauen zu müssen oder Promotion-Aktionismus zu veranstalten. Wir wollten sicherstellen, daß die Musik die Leute automatisch findet.

Ab 2002 haben wir konkret an Last.fm zu arbeiten angefangen. Sehr enthusiastisch. Wir haben gedacht, das ist ja eine großartige Idee, da haben wir sicher gleich mal Funding, sprich: potente Investoren an der Hand, und das geht dann ganz leicht. Es war natürlich nicht so. Damals war grad der Gerichtprozess am Laufen, wo man Napster in Grund und Boden verklagt hat, und diese Klage hat die Online-Musikszene um Jahre zurückgeworfen. Weil eben alle Leute verschreckt waren von den Klagen der Plattenfirmen. Wir haben trotzdem weitergemacht. Mit Minimalbudget. Alles Geld, das wir zusammenkratzen konnten, reingesteckt – Ersparnisse, Zuschüsse der Eltern… 2003 haben wir uns mit „Audioscrobbler“ zusammengeschlossen, mit Richard Jones, der Plug-Ins entwickelt hatte, die mit iTunes, Windows Media Player und Winamp zusammenspielen und auflisten, was ein User auf seinem persönlichen Computer so tagtäglich abspielt. Das führte zur automatischen Erstellung eines Musikprofils. Und war die andere Seite der Medaille, die wir noch brauchten, um unser System vollständig zu machen.

Klingt einfach. War es wahrscheinlich aber nicht.

In der Tat. Richard ist nach London gezogen, hat dann ein paar Monate im Zelt auf der Dachterrasse schlafen müssen, weil wir wirklich null Geld hatten. Felix hat einmal am Tag für unsere Leute – wir waren damals zu dritt oder zu viert – gekocht. Das hat das Team zusammengehalten. Es war eine lange Durststrecke, bis ungefähr Ende 2005, wo wir die Seite neu gelauncht haben mit einem eleganteren Design. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir eine Million User, während es vorher nur ein Bruchteil war. Dann war auch die Flaute vorbei, was das Funding angeht, und wir hatten zum ersten Mal Geld zur Hand, um wirklich wachsen zu können. Vorher war das eher eine Gefahr, weil uns die Server ab und an abgeraucht sind, wenn zu viele Leute gleichzeitig Last.fm hören wollten.

Kurze Zwischenfrage: Was hat Napster eigentlich falsch gemacht? Mit dem Einstieg des Mediengiganten Bertelsmann hatte man das Gefühl, da gewinnt eine kühne Idee eine seriöse Business-Unterfütterung. Aber schon nach wenigen Monaten kam das Aus, und das Unternehmen führt heute nur mehr ein Rand-Dasein.

Es ist oft so, dass nicht nur die Letzten die Hunde beißen, sondern auch die Ersten. Die waren einfach zu früh dran. Viele ihrer Konzepte waren total revolutionär. Nur, ich glaube, die Leute die damals Breitband hatten, um Tauschbörsen-Angebote zu nutzen, waren nicht die, die Musik sukzessive kaufen würden Das war eine sehr, sehr frühe Avantgarde, nicht der breite Konsummarkt.

Die Musikindustrie ist heftig kritisiert worden. Der Vorwurf lautet, sie hätte die Entwicklung verschlafen, ihre Manager wären Betonköpfe, würden eigentlich nur unschuldige Kids verklagen… Siehst du das differenzierter?

Große Unternehmen ändern sich nur schwer. Wenn du tausende Mitarbeiter hast, die auf ein Geschäftsmodell eingeschossen sind, das bis vor kurzem ziemlich gut funktioniert hat, dann kann man sich nicht so schnell ändern. Da ist auch Beton, auf jeden Fall. Ich weiß nicht ob’s eher Betonköpfe sind oder Betonfüße, aber auf jeden Fall ist man nicht mehr so flexibel. Und ich glaub’ einfach auch, daß die Musiklabels nicht wirklich realisiert haben, daß sich nun alles so revolutionär ändern würde.

Bevor ich zum millionenschweren Kauf von Last.fm durch CBS komme, sollten wir noch mal ganz kurz auf diese Start Up-Romantik eingehen – von wegen Zelt auf dem Balkon… Das mag ja im Rückblick durchaus eine aufregende Episode gewesen sein, aber wahrscheinlich wird es genug Leute gegeben haben, die gesagt haben: „ Was treibt ihr da eigentlich? Seid ihr verrückt?“

Auf jeden Fall. Es gab lange Durststrecken. Nachdem die erste Euphorie verflogen war, war die harte Realität da. Es war die Idee, die uns zusammengehalten hat. Am Anfang mit „Insine“ waren wir noch ein Kollektiv, eine grössere Gruppe. Da waren Designer dabei, Programmierer, Musiker. Es waren zunächst viele Österreicher und Deutsche, aber auch Italiener und Litauer und Schweden… Im Prinzip sind viele Leute auf der Strecke geblieben, die einfach irgendwann gesagt haben: „Na, das zahlt sich nicht mehr aus. Das wird nix mehr.“ Im Nachhinein verklärt man immer die Entwicklung, aber es waren auf jeden Fall Opfer zu bringen. Ich kann jetzt meinen ersten Urlaub in dreieinhalb Jahren antreten. Nächste Woche. Ich weiß aber nicht wirklich, was ich machen soll im Urlaub. Ich hab das ein bisschen verlernt.

War denn London ein logisches Ziel?

Was Musik betrifft, ist London einfach wirklich einer der besten Plätze. Viele Trends und neue Entwicklungen haben diese Stadt als Durchlauferhitzer. Die Engländer sind Spezialisten darin, irgendwelche Sachen aufzugreifen, neu zu verpacken und wieder zurückzuverkaufen. Das hat ja schon angefangen mit den Beatles und Stones. Die haben da eine lange Tradition und es gibt dafür eine gute Infrastruktur. Für die Cultural Industries, wenn man das so bezeichnen will.

Dem Klischee entsprechend wäre das Silicon Valley der richtige Ort gewesen.

Das ist ziemlich fad. Da tut sich nicht viel. Und ich glaube wir wären da auch sehr derivativ geworden, wenn wir dort rumgehangen wären. Dort redet jeder mit jedem, und in London waren wir freiwillig in einer Art Isolationszustand. Ich glaube, das hat geholfen, uns wirklich zu fokussieren.

Gibt’s jetzt auch Ex-Kollegen und Mitstreiter, die sich jetzt nach dem CBS-Deal in den Arsch beißen?

Ich glaube, da gibt’s nicht wenige, die jetzt erst wirklich erkennen, was wir damals gemacht haben. Die verstehen das erst jetzt, nachdem eine große Summe auf dem Papier steht. Zuvor, wenn man sagt, man hat 20 Millionen User, die die Website regelmäßig nutzen, das bedeutet eigentlich für niemanden etwas, das ist abstrakt. Und das hat uns eigentlich angetrieben. Diese Zahl. Und das gute Feedback, die Akzeptanz der User, jener Leute, die es wirklich verstanden haben, die wirklich begeistert waren davon.

Bist du jetzt Multimillionär?

Das ist eigentlich nebensächlich. Es hat sich nicht wirklich etwas großartig geändert hier in der Firma. Der Weiterbestand ist gesichert. Wir waren gerade auf dem Scheideweg – entweder noch mal Geld aufnehmen von Investment-Partnern oder eben die Liaison mit CBS eingehen. Diese Konstellation gibt uns einen freien Kopf. Unsere White Boards sind voll mit Ideen von vor drei Jahren, die wir einfach noch nicht umsetzen konnten, weil wir immer Woche für Woche überleben mussten. Das ist schon ein sehr befreiendes Gefühl.

Der Einstieg von Venture Kapital-Gebern ist üblicherweise ein richtiger Knackpunkt. Vom Nerd und Musikliebhaber zum knallharten Manager, der sich mit Finanzierungs-Fragen herumschlagen muss, ist ja ein weiter Weg.

Die einzige Chance, die wir hatten, war Vollgas drauf zu steigen und so viele Leute wie möglich zu begeistern. Das setzt aber technische Infrastruktur voraus, das setzt ein gewisses Development Level voraus, mit anderen Worten: das kostet einfach Geld. Das Internet ist ja ein harter, kapitalistischer Spielplatz, wo eigentlich im Prinzip immer nur einer übrig bleibt in einer Kategorie. Als Suchmaschine gibt’s Google, als Buchladen Amazon, für Auktionen ebay. Wenn einer mal der dominante Player in einem Bereich ist, dann war’s das. Und um da mitspielen zu können braucht man ein gewisses Startkapital, sonst hat man verloren von vornherein.

Wenn das Prinzip gilt: es kann quasi nur einen geben – ist Last.fm im Jahr 2007 schon unangreifbar?

Na ja. Seit ungefähr einem Jahr gibt es gewisse Projekte, iLike zum Beispiel, die Aspekte von Last.fm, wie soll ich sagen, kopieren. Oder imitieren. Es ist interessant: normalerweise ist es in diesem Markt so, dass die Europäer von den Amis kopieren, dieses Mal ist es umgekehrt. Wie haben uns durchaus ein bisschen geehrt gefühlt.

Die wirklich gewichtigen Investoren, die Last.fm kräftig nach vorn befördert haben – kamen die auf euch zu, oder habt ihr sie gefunden?

Das war so eine Mischung aus beidem. Wir sind auf jeden Fall oft kontaktiert worden mit Investitionsvorschlägen. Allerdings wollten wir einen Geldgeber, der hier in London ansässig ist, und auch eine Geschichte mit Consumer-Internet hinter sich hat. Da gibt’s nur zwei, drei im Endeffekt, und dann haben wir halt so ein bisschen Show gemacht und jeden getroffen. Es geht in erster Linie um die Personen an sich. Kann man mit denen arbeiten oder nicht? Wie ist das Bauchgefühl? Und dann waren eben die Index-Leute die besten. Die hatten die Erfahrung mit Skype und Trolltech und den ganzen Open Source Background. Die haben auch sofort verstanden, worum es bei uns geht, und daß es eben nicht nur ein lustiges Social Network mit Musik ist. Sondern daß es sich wirklich um eine neue Art von Unterhaltung und deren Verteilung dreht.

Jeder Investor pokert auf hohem Niveau. Es stand auch ein Deal mit dem MTV-Eigner Viacom im Raum, war in der Presse zu lesen, der offensichtlich höher angesetzt war als der Deal mit CBS.

Es gibt jede Menge Gerüchte. Da gibt’s welche, wo Yahoo eine Rolle spielt oder Apple. Mit Apple zum Beispiel haben wir nie geredet, und die haben nie mit uns geredet. Viel Schall und Rauch. Viacom fällt auch in diese Kategorie.

Warum CBS?

Das hat mehrere Gründe. CBS betrieb die erste Radiostation in Amerika in den zwanziger Jahren. Und sieht jetzt natürlich als großes Medienunternehmen, daß sich viele Dinge ändern und ändern müssen. Sie haben unser Konzept verinnerlicht, daß man dem Publikum Kontrolle über Inhalte geben muss, weil sonst irgendwann mal Schicht im Schacht ist. Unser Konzept umfasst mehr als nur Musik. Es funktioniert genauso mit Videoclips, mit Fernsehserien, mit Filmen. Wir haben schon 2005 last.tv registriert, weil wir uns dessen bewusst waren, dass sich das Konzept ausdehnen lässt. Und dann war da auch die Historie von CBS. „Twin Peaks“ und „Raumschiff Enterprise“ und solche Sachen… (lacht).

Seit ihr jetzt nur mehr als Executives an Bord, oder haltet ihr auch noch Anteile?

Nein, wir sind jetzt Angestellte. Felix ist nach wie vor der CEO, ich bin der CCO, Richard ist der CTO. Also nach wie vor in voller Kontrolle. Die Startup-Phase davor ist immer eine schwierige Zeit, weil natürlich viele Leute hier auch miterlebt haben, daß eine Firma sich von einem Tag auf den anderen in Rauch auflöst. Wir haben Mitarbeiter, die auf radikalste Art und Weise anderswo rausgeschmissen wurden. Nach dem Motto: „Geht mal auf Mittagspause“ und dann war das Büro zugesperrt, und die haben den Leuten die Sachen aus dem Fenster nachgeschmissen. Das heißt, als wir nun im sicheren Bereich angelangt waren, gab es ein großes Aufatmen.

Das heißt, für einige Mitarbeiter von Last.fm hat sich nun Loyalität bezahlt gemacht. Die haben einen sicheren Job, ihr seid jetzt ein seriöser Arbeitgeber, und nicht mehr einfach nur eine anarchistische Nerd-Bude.

Genau, das kommt schon dazu. Gewisse Corporate-Insignien sind ja gar nicht so schlecht. Gesundheitsversicherung und Pensionsplan und solche Sachen. Das hatten wir früher überhaupt nicht.

Kannst du mir aktuelle Eckdaten von Last.fm nennen? Wie viele Angestellte gibt es? Wie viele User? Ich denk, du hast das als Firmenchef ständig parat.

Wir sind jetzt so ungefähr 50 Leute, wachsen aber stark. Das Büro nebenan haben wir gerade übernommen. Dann sind da über 20 Millionen User weltweit und mehr als 3,5 Millionen Musikstücke in unserem Katalog – Tendenz stark steigend. Neben EMI und Warner haben wir nun auch mit Sony-BMG einen Vertrag abgeschlossen, neben Aggregatoren und Independent-Labels, mit denen wir ja schon viel länger zusammenarbeiten. Also neue Musik reinzuholen und neue Musikvideos ist einfach nach wie vor oberste Priorität, und da geht uns die Arbeit auch nicht so schnell aus. Wir wissen, daß ungefähr 100 Millionen verschiedene Songs existieren. Bis wir die alle im Radio haben, das dauert schon noch eine Zeit.

Was ist denn nun genau euer Geschäftsprinzip?

Bezahlte Downloads in Kombination mit Online-Radio – weil es einfach die direkteste und schnellste Art ist, Musik zu beziehen. Das Geschäftsmodell von Last.fm ist dreilagig. Erstens haben wir gezielte Werbung auf der Seite, sogenannte „targeted banners“. Zweitens bieten wir ein Subscription Service mit mehr Musik-Interaktivität und ohne Werbung an; derzeit ist das noch im Beta-Stadium. Und drittens sind da die Affiliate-Verkäufe, da fallen Downloads rein, aber auch CDs, Schallplatten, Konzertkarten und so weiter. Die werden von Dritten bei uns angeboten.

Last.fm wäre im Idealfall die letztgültige Anlaufstelle für Musik im Netz.

Das ist ein guter Slogan. Den sollte ich adaptieren. Das hätte ich sagen sollen zu Beginn unseres Interviews! (lacht)

Kann Last.fm diese Rolle erfüllen? Und, wenn ja: welche Auswirkungen hat das letztendlich auch auf die Radiostationen dieser Welt bzw. auf die Musikindustrie. Da steckt schon Sprengkraft drin.

Auf jeden Fall. Ich glaube, was Last.fm erreichen kann ist, so einen ähnlichen Status einzunehmen wie YouTube für Videos. Es ist einfach der größte und zentrale Platz im Web – wenn Leute Video schauen wollen, gehen sie zu YouTube. Ist überhaupt keine Frage. Die haben einfach alles.

Ständig umschwirren uns Schlagworte wie Web 2.0, Social Network, Social Revolution, User Generated Content…. Das ist wohl Knetmasse für Journalisten und Investoren. Auf der anderen Seite gibt’s natürlich auch genug Leute, die sagen: „Bitte lasst uns jetzt mit diesem Scheiss in Ruhe“.

Also ich hab auf jeden Fall erkannt, dass es auch sehr gut ist, Schlagwörter zu haben. Um einfach Entwicklungen zusammenfassen zu können. Das Internet hat sich stark verändert. Es ist nicht mehr nur Jetzt wird es dafür benutzt, wofür es wirklich gut ist: den Leuten die Möglichkeit zu geben, Inhalte zu teilen und sich auszutauschen. Deshalb ist es schon bis zu einem gewissen Grad berechtigt, von Web 2.0 zu sprechen. Ob das Wort jetzt so großartig oder nicht ist, sei dahingestellt. Aber es ist jetzt auf jeden Fall etwas anderes, als es vor zehn Jahren war, oder auch nur vor fünf Jahren. Als wir angefangen haben, war noch nicht einmal Friendster unterwegs. Später haben wir uns gedacht: „Ah, das ist ein Social Network. Die haben da User Profile Pictures und Profile Pages. So ähnlich ist es bei uns ja auch. Gar nicht schlecht“ Und dann, von wegen User Generated Content: wir mussten einfach die ganze Arbeit den User machen lassen. Wir hatten ja keine Personalressourcen, also haben wir das alles abgeladen. Es ist erst später zur quasi-religiösen Überzeugung geworden. Im Nachhinein sieht man dann: ja, ja, ganz klar. Und dann kann man sich auch die Geschichte zurechtlegen und sagen, man hätte das immer schon so geplant.

Du scheinst Dir eine gewisse gesunde Distanz zu all den Modeerscheinungen und Internet-Hypes gewahrt zu haben… Es gibt ja auch genug Entrepreneure, die laufen mit dem „Wired“ rum wie mit der Bibel und erklären die alte Welt für längst tot und die neue zum Heiligen Gral.

Ich glaube, wir sind da eine sehr interessante Generation. Wir kennen das Vorher und das Nachher. Die Generation, die jetzt gerade aufwächst, ganz selbstverständlich mit Internet und Computern, das ist dann schon etwas anderes. Wir sind halt in der ziemlich einmaligen Situation, dass sich Teile unseres Gehirns noch entwickelt haben, bevor es Computer gab. Ob das jetzt besser oder schlechter ist, sei jetzt total dahingestellt. Es ist auf jeden Fall anders. Und ich glaube auch, daß es in unserer Möglichkeit liegt, die besten Aspekte beider Welten zu verknüpfen.

Du hast sicher mal vor Investoren auf einer Tafel Grafiken gezeichnet, nach dem Motto: hier ist MySpace, hier ist YouTube, hier ist Wikipedia und hier sind wir. Bewegt man sich in solch einer Matrix, vergleicht man sich, oder sind das andere Planeten, die man eigentlich nicht wirklich weiter wahrnimmt?

MySpace oder YouTube, das sind auf jeden Fall rote Riesen. Die haben extreme Gravitation. Die ziehen viele Leute an, und verschlucken auch viele. Wir sind ein eher kleinerer Stern. Vielleicht so groß wie die Sonne. Man fühlt sich jedenfalls von der Konkurrenz inspiriert. Wir sind in Kontakt mit MySpace und YouTube und Google. Man kennt einander, hier in London. Was Musik betrifft, ist Last.fm mittlerweile ein ernstzunehmender Player. Und das ist schon von Vorteil, weil das Spielfeld Musik einfach noch relativ ungeklärt ist und unbesetzt ist.

Wer sind den die anderen großen Spieler?

Es gibt Angebote wie Wikipedia oder All Music Guide, die einen riesigen Musikkatalog haben, wo du einfach Informationen nachlesen kannst ohne Ende. Allerdings ist die Navigation und die Verknüpfung zu anderen Musikern nicht ganz so intuitiv. Man muß genau wissen, wonach man sucht, um wirklich die Information rauszubekommen. Dann gibt’s so Sachen wie Pandora, die nur Webradio machen, Recommendation Webradio. Durchaus großartig, aber anders gestrickt als Last.fm. Und dann gibt’s halt Social Networks, die so ein Berührungspunkte mit Musik haben wie Myspace, wo die Leute schauen: „Was macht denn der gerade so“… Facebook ist auch ein ganz krasses Beispiel dafür. Musik ist ja ein großer Teil der eigenen Identität. Wie sich Leute repräsentieren. Wie sie sich abgrenzen oder eingliedern. Last.fm steht da so ein bisschen zwischen all den anderen Angeboten. Und vereint eigentlich die besten Sachen, hoffen wir zumindest, in sich.

Während die Schnittstellen, die Möglichkeiten, Musik zu entdecken und zu konsumieren, im Internet mehr und mehr werden, stirbt der traditionelle Musikhandel. Braucht es eigentlich noch Plattenfirmen?

Nicht nur die Verteilung von Musik ist einfacher als je zuvor, auch die Promotion und die Produktion sind es. Mittlerweile kann ja jeder auf seinem Laptop Musik machen, die sich zuvor nur Pink Floyd leisten konnte. Diese Faktoren haben zu einer Explosion von Musikproduktionen geführt. Um Stars aufzubauen, braucht es aber mehr. Ob das jetzt ein Label ist oder ein guter Manager oder ein PR-Agent, sei mal dahingestellt. Aber es ist auf jeden Fall nicht so, daß der Künstler jetzt wirklich alles selber machen kann und soll. Pop-Ikonen „larger than life“, die wachsen nicht unbedingt aus dem Schlafzimmer raus.

Wie steht es um sensible User, die sagen: „Alles gut und schön. Mir wird etwas geboten, aber ich muss ja auch etwas dafür geben, nämlich meine Daten“. Audioscrobbler erforscht meine Festplatte, erforscht meinen Computer, sieht, was ich spiele. Ich zieh’ mich da in punkto Geschmack ziemlich nackt aus vor der Öffentlichkeit.

Alle Daten, die wir einsammeln, sind auf der Website für jedermann zugänglich. Gratis. Ich glaube, dadurch, daß wir von vornherein immer klar gemacht haben, daß wir das so halten, ist es ein Pro-Argument für viele. Etwa, um ihren eigenen Musikgeschmack ein bisschen zu analysieren und zu vergleichen. Wir haben den Leuten die Möglichkeit gegeben zu sagen: hier ist eine Webseite, nächstes Mal, wenn du mich fragst, welche Musik ich mag, schau einfach dorthin. Da siehst du meine 100 Top-Künstler, und du kannst nachforschen, was ich vor 3 Jahren gehört habe. Bei Last.fm hast du auch die Möglichkeit anonym zu bleiben. Du brauchst jetzt nicht sagen: ich bin der und der, und ich wohn’ dort und dort. Du kannst dich „Joschi23“ nennen, und dann passt das auch.

Du selbst benutzst das Pseudonym „Mainstream“. Ironie?

Nicht wirklich. Einen gewissen Ansatz lieferte das Buch „Der Mainstream der Minderheiten“ von Mark Terkessidis. Er stellt die Frage: wie kann man einem Mainstream gegenüberstehen, der einfach alles sofort absorbiert, und wie lässt sich da Widerstand leisten? Und ich habe mich damals schon gefragt: warum eigentlich Widerstand? Wenn alles wirklich wirklich zugänglich ist, und man braucht nur rausgreifen, was man will und relvant findet, dann ist das gar keine so schlechte Sache. Dann muß man gar nicht unbedingt Widerstand leisten.

Alternative Mainstream, sozusagen. Ich habe mir ein bisschen Dein Profil angesehen. Was ich über dich erfahren habe…

Ich habe aber mehrer Profile, muß ich dazu sagen.

Gut… Aber dieses eine, dieses Mainstream-Profil, sagt mir, Du stehst auf Krautrock, bist 1974 geboren, weil du da auch in dieser Gruppe bist… „born 1974“…. magst Künstler wie Can oder Popol Vuh , Brian Eno, Fennesz. Wer ist denn Martin Stiksel, wenn Du dich selbst vorstellst?

Eine interessante Frage. Ich glaube, viel von der Musik, die da drin ist, habe ich im Zuge der Entwicklung von Last.fm entdeckt. Andere Sachen davon sind meine alten Favoriten. Man hatte früher so seine dreissig bis vierzig Lieblingskünstler – und jetzt sind es tausende. Das ist schon ein sehr interessantes Phänomen. Ich bin nur ein Typ hier in London, ein Musikfan eigentlich. Wir haben halt Sachen gemacht, die wir selber wollten, und dann hat sich herausgestellt, das andere Leute auch noch solche Sachen zu schätzen wissen.

Also mit der Verwirklichung des Traums hat man dann auch wie beiläufig noch den Jackpot geknackt?

Das war ein Nebeneffekt der ganzen Sache. Radio hat mich immer schon extrem fasziniert. Bei uns zu Hause, so lange ich mich erinnern kann, ist immer das Radio gelaufen. Das war eigentlich das Fenster zur großen, weiten Welt, als die „Ö3-Musicbox“ noch um drei Uhr am Nachmittag kam. Total arge Musik mitten am Nachmittag. Und das hat mich dann einfach so hineingezogen.

Eine letzte Frage: wenn du jetzt so zurückblickst die letzten Jahre – gibt’s irgendwas, was du definitiv gerne anders gemacht hättest?

Puh. Schwierig zu sagen. Wenn man da eine kleine Sache ändern würde, wäre wahrscheinlich nicht alles so gekommen, wie es jetzt gekommen ist. Und es ist eigentlich nicht so schlecht gekommen im Endeffekt.

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