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Öffentliche Widerrede

17. Oktober 2007

Sie wollen diese Kolumne eventuell kommentieren? Hart, aber gerecht (Ihrer Meinung nach)? Und das anonym? Gern doch! Her mit den Postings! Unter groebchen.wordpress.com. Der neumodernen S&M-Arena.

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Eigentlich ist das ja kein Thema für Fachzeitschriften im engeren Sinn. Wenn aber ein Branchen-Magazin wie “Sound & Media” schon explizit Form und Inhalt im Titel führt, sich also durchaus als Mitteilungsblatt für Medienmanager versteht, die nicht nur Umsatzzahlen und Reichweiten im Sinn haben, sondern auch das, was man neudeutsch Content nennt und User-Feedback und Interaktivität, dann ist diese Postille hier eine probate Verhandlungsbasis für eine heikle Sache.

Worum geht’s? Lassen Sie es mich an einem Beispiel festmachen. Ich lese gerne Blogs. Immer wieder mal. Zwischendurch. Hirnfutter. Ich lese besonders gerne das FM4-Blog („Journal“) von Martin B. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, täglich streng subjektiv von der Innen- und Außenwelt zu berichten. Von der kleinen Randbeobachtung bis zum feuilletonistischen Rundumschlag ist da alles drin. Und vieles dran. Fast immer höchst anregende Lektüre.

B. weiß auch eine Menge. Er pflückt seine Nahrung, die er für uns alle publizistisch wiederkäut, seit Jahrzehnten aus dem Humus bildungsbürgerlicher und popkultureller Qualitäten und Quantitäten. Er ist ein Meinungs- und Herzensbildner, ein weithin bekannter „opinion leader“ und hat einen fast schon pädagogischen Ansatz. Was ihn aber nicht daran hindert, öfters mal ordentlich danebenzugreifen. In der Wortwahl, in der Faktenlage, in den Begründungen und in den Schlußfolgerungen.

Nun: das steht jedem, der öffentlich, halb-öffentlich oder privat eine Meinung von sich gibt, zu. Irren ist menschlich. Und Meinungen sind frei. Wenn man eine gewisse Grenzlinie ziehen möchte (und bisweilen muss), dann die zwischen Stammtisch und Journalismus. Letzterer – und Blogs sind weithin eine neue Form von Graswurzel-Journalismus – sollte eine gewisse handwerkliche Reife voraussetzen. Und einem bestimmten Regelwerk gehorchen. Einem Regelwerk, das einem das Medium, der Anstand und der Gesetzgeber auferlegen.

Vor Jahren kam ich nun ins Streiten mit B. Denn ich hatte mich erdreistet, eine (Gegen-)Meinung ins Forum des FM4-Blogs zu posten, die dem Kollegen gar nicht gefiel. Und die er postwendend löschte. Was wiederum mir nicht gefiel. Daraus hat sich eine lange, bisweilen sinnreiche, bisweilen ermüdende Debatte entsponnen (nachzulesen u.a. hier). Über Sinn und Unsinn von Webforen, Postings und Zensurmaßnahmen. Der Kern der Diskussion drehte sich um die Frage, ob die Anonymität solcher Postings – neunzig Prozent (oder mehr) aller Leser-Statements werden unter Pseudonym verfasst – nicht deren Inhalt entwerte. Generell feig und unmoralisch sei. Und eine frischfröhliche Form von Heckenschützentum befördere.

Ich sah und sehe das anders. Meinem Geschmack nach eröffnet die Möglichkeit der direkten, unmittelbaren, gern auch anonymen Widerrede im ursprünglichen Medium selbst eine neue Dimension. Seien wir uns ehrlich: ohne die kleingeistigen, halblustigen, unsinnig-verqueren und bisweilen auch reichlich dreisten Postings etwa im Online-„Standard“ wäre die Lektüre des eigentlichen Blattes (das ja im Web weitgehend der Papierversion entspricht) nur das halbe Vergnügen. Und der halbe Gewinn. Denn eines ist offenkundig: unter all den öffentlichen Stammtisch-Suderanten, Avatar-Anarchisten und ewigen Besserwissern, die sich – natürlich! – in Web-Foren daheim wie bei Muttern fühlen, sind auch genug gescheite, hinterfragende, ergänzende und weiterführende Meinungslieferanten. Mehr als genug. Auch (und erst recht) anonyme.

Wenn Identitäts-Camouflage in diesem Zusammenhang per se fragwürdig ist, müssten auch geheime Wahlen, verdeckte Hinweise, anonyme Anzeigen, letztlich sogar Maskenbälle, Kostümgschnase und Dark Rooms durch die Bank unmoralisch sein. Das ist natürlich Unsinn, weil realitätsfremd. Und der menschlichen Natur zuwiderlaufend. Daß vox populi ungefiltert und ungeschminkt tendenziell dumpf klingt, selbst in avancierteren A-Schicht-Medien wie FM4 oder dem „Standard“, ist Standard. Daß hier wirklich grobe, eindeutige Verstösse gegen die guten Sitten und einschlägige Gesetze einer sachten, sensiblen Zensur zum Opfer fallen, auch. Das üblich-üble Geraune von der Hinterbank wird sowieso meist angenehm konterkariert durch sachdienliche Hinweise, auflockernde Ironie und zugespitzte Meinungen, die sonst eventuell wirklich einer Hinsichtl-Rücksichtl-Verzagtheit oder teflonbedampften Karriereplanung zum Opfer fielen… So, where’s the problem?

Und natürlich muß ein Journalist, der selbst eine quasi-offizielle Lizenz zur hemmungslosen Verbreitung eigener Subjektivitäten, Einschätzungen und Befindlichkeiten besitzt, nicht nur austeilen, sondern auch einstecken können. Im besten Fall können kritische Leserstimmen ein wichtiges Korrektiv sein. Daß manchem professionellen Schreiberling, der damit die Deutungshoheit verliert und sich pointierter (um nicht zu schreiben: harscher), kompetenter und eventuell gar berechtigter Kritik ausgesetzt sieht, der Reis geht, ist klar. Daß vieles – an Fakten, aber auch an Meinung – nur unter dem Schutzmantel eines Pseudonyms absetzbar ist (der übrigens ja auch nur ein oberflächlicher, vermeintlicher Schutz ist; fragen Sie Terence Lennox!), sollte dito klar sein. Die Lebendigkeit von Foren – die, wie das FM4-Forum, dies ja auch explizit ermöglichen und gestatten – , ist eine Folge davon. Nicht jeder Poster ist ein edler Ritter, der mit offenem Visier in die Arena reitet, auch wenn dies wünschenswert wäre. Auch nicht jeder Journalist ist ein nobler Streiter für das Wahre, Gute, Schöne. Sondern oft genug ein übler Propagandaknecht. Oder auch nur ein armes Würschtl, das Zeilenschinderei betreibt, Klischees wiederkäut und stupenden Opportunismus zum puren Gegenteil verklärt. Nebstbei: zu Erscheinungen wie jener des öffentlichen Hass-Briefeschreibers Michael Jeannée fielen mir noch ganz andere Prädikate ein.

So, das wäre geklärt. Und jetzt schreib’ ich B. was ins Stammbuch! Ich meine, im Jahr 2007 immer noch von der ewig bösen Musikindustrie zu erzählen, die stursinnig-blöd die digitale Moderne verschlafen, rein gar nix kapiert und sowieso immer nur Tycoone und Marionetten geboren hat (nachzulesen hier), das ist wirklich ärgerlich simpel, holzschnittartig und populistisch gedacht. Und soll, kann, wird nicht unkommentiert bleiben. Gut so.

P.S.: Hier und hier anderslautende, einander widersprechende, aber herzlich interessante Meinungen zum Thema. Samt weiteren Kommentaren. Auch gut so.

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