Todesanzeige

22. November 2007

2007 wird in die Geschichte eingehen als das Jahr, in dem die Musikindustrie starb. Nicht allein: mit dem Tod von Georg Danzer, Joe Zawinul und Werner Geier ist jeweils auch eine subjektiv wie objektiv sehr spezielle, bewegte und bewegende Ära zu Ende gegangen.

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„Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt. Die Zeitalter sind schwachsinnig, das Dämonische in uns ein immerwährender vaterländischer Kerker, in dem die Elemente der Dummheit und der Rücksichtslosigkeit zur tagtäglichen Notdurft geworden sind. Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zur Geistesschwäche verurteilt ist. Das Leben Hoffnungslosigkeit, an die sich die Philosophien anlehnen, in welcher alles letzten Endes verrückt werden muß. Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben. Wir haben nichts zu berichten, als daß wir erbärmlich sind. Mittel zum Zweck des Niedergangs, Geschöpfe der Agonie, erklärt sich uns alles, verstehen wir nichts. Wir brauchen uns nicht zu schämen, aber wir sind auch nichts, und wir verdienen auch nichts als das Chaos.“

Zitatende.

Diese harsch urteilende, eventuell ultimativ pessimistische Rede hielt Thomas Bernhard anlässlich der Verleihung des österreichischen Staatspreises für Literatur 1968. Ich habe das Zitat einmal – oberflächlich unpassend, bei näherer Betrachtung schmerzlich treffend – den Liner Notes einer Sammlung von ausgesucht ausgefallenen Austropop-Raritäten vorangestellt. Werner gefiel dieses Detail (und wohl nur dieses Detail). Seltsam, daß mir das zuerst in den Sinn kommt.

Werner Geier ist tot. Das Ende war ob einer unheilbaren Krankheit absehbar, aber die finale Nachricht hat doch eine Flut kollektiver Erinnerungen, Assoziationen und Bilder ausgelöst. Und Trauer allseits. Werner Geier war einer der letzten eines Typus von Radiomoderatoren, der heute kaum mehr – seitens des Managements, weniger der Hörerschaft – gebraucht, gesucht und geschätzt wird. Er prägte die Ö3-„Musicbox“ ab Beginn der achtziger Jahre bis zu ihrem Ende 1995, auch bei FM4 spielte er in den Anfängen eine wesentliche Rolle. Diese besaß er zudem als Label-Betreiber („Uptight“), Produzent, DJ und Sprachrohr der Wiener Elektronik-Szene, der er mit zu Weltgeltung verhalf. Selten hat jemand so gebrannt für Musik, für neue Ideen, für das Gute, Wahre, Schöne. Die Rezeption von Grössen wie Joy Division, Nick Cave, Henry Rollins, Stereo MCs, Massive Attack, Tricky (und vieler anderer) wäre hierzulande anders verlaufen ohne ihn. Und meine eigene Sozialisierung erst recht. Respekt, noch im Nachhinein. Werner Geier ist tot. Er lebt in uns allen weiter.

Auch das künstlerische und menschliche Vermächtnis von Georg Danzer und Joe Zawinul wirkt nach, in einem Mass, das man vormals leise erahnen, aber nicht wirklich bemessen konnte. Ihr Tod zählt zu den grossen Verlusten des Jahres. Die latente Aufbruchshaltung, der feine Witz, die überbordende Kreativität, Querverbinder-Leidenschaft und gesellschaftspolitische Integrität von Persönlichkeiten wie Werner, Georg oder Joe fehlen der heimischen Kulturlandschaft sehr. Mehr, als Nachrufe eventuell aufzuzeigen vermögen. Peace, over & out.

Weniger Trauer und Respekt, bisweilen sogar schon – offene oder verdeckte – Häme und Schadenfreude fällt der Musikindustrie zu. Sie ist ein abstraktes Gebilde, gewiss, ein bunt lackierter Moloch, ein Seitenarm des idealistisch verbrämten und dabei fast immer strikt kapitalistisch durchformatierten Medien- und Entertainment-Business. Und heute nur mehr ein Abglanz ihrer selbst. Der Patient ist soweit abgemagert, orientierungslos, verunsichert und aller Kräfte beraubt, daß der Tod von alleine eintritt. Oder schon eingetreten ist. Nennt mich einen Pompfüneberer, aber wir haben es mit einem Zombie zu tun, einem Wirtschaftskörper, der noch zuckt, aber keine Zukunft mehr hat. Erörterungen um das Warum und Wie klingen vielfach nur mehr wie Grabreden. 2007 wird in die Geschichte eingehen als das Jahr, in dem die Musikindustrie (wie wir sie kannten) starb.

Mein Urteil fällt natürlich höchst subjektiv aus. Ich mache es an vielen Details fest. An Ex-CEOs, die stempeln gehen. An Labels, die die Rolläden runterlassen. An Vertragsentwürfen und Geschäftsmodellen, die Ratlosigkeit signalisieren. An Künstlern, die die Welt nicht mehr verstehen. An Umsatzzahlen, die keine Investitionen mehr lohnen. An den Worten des legendären Managers Peter Jenner (Pink Floyd, T.Rex, The Clash, Billy Bragg), der unlängst in Wien weilte: die Lage sei weit schlimmer, als es uns die Manager ungebrochen vorgaukeln. Und an späten, dafür umso klareren Erkenntnissen wie dieser:

„Wir haben uns etwas vorgemacht. Wir haben gedacht, unsere Inhalte sind perfekt, so wie sie sind. Wir haben erwartet, dass unser Geschäft unbeeinflusst bleiben wird, während die Welt der Interaktivität, der permanenten Onlineanbindung und des Filesharings explodierte. Natülich haben wir uns getäuscht. Aber wie? Wir sind stehengeblieben oder haben uns nur quälend langsam bewegt. Wir haben versehentlich Konsumenten den Krieg erklärt. Und das Ergebnis: Die Konsumenten haben gewonnen.“ (Warner-Chef Edgar Bronfman, „Musikwoche“, 15.11.2007)

Eventuell ist diese Entwicklung, um letztlich nochmals auf Thomas Bernhard zu kommen, eine spezielle Ausprägung des Chaos, das wir alle verdient haben. Wir brauchen uns nicht zu schämen. Aber gibt es viel, das uns stolz machen könnte?

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2 Antworten to “Todesanzeige”

  1. UNLTD.AT Says:

    […] Werner Geier spielte in den 80ern und 90ern eine wesentliche Rolle in der Ö3 Musicbox. Diese hatte er ebenso in den Anfängen von FM4 inne oder auch als Uptight-Chef, Produzent und DJ. Man erinnert sich an eine Persönlichkeit, die wie kaum jemand so gebrannt hat für Musik, für neue Ideen, für das Gute, Wahre, Schöne. Die Rezeption von Größen wie Joy Division, Nick Cave, Henry Rollins, Stereo MCs, Massive Attack, Tricky (und vieler anderer) wäre hierzulande anders verlaufen ohne ihn. (Walter Gröbchen, groebchen.wordpress.com). […]


  2. […] (welch doppeldeutiges Etikett!, nebstbei). Vor geraumer Zeit schon. Einen Art vorauseilenden Nachruf. Die Krise, wohl das Stichwort des Jahrzehnts, war und ist ja eine schier unerschöpfliches Thema […]


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