The Dear Hunter

6. Januar 2008

Rodney Hunter ist einer der wenigen international vernetzten DJs, Produzenten und Pop-Künstler in und aus Österreich. Gemeinsam mit dem prominenten Experten basteln wir uns einen Remix.

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„There’s not a problem that I can’t fix ‚cause I can do it in the mix“
(Indeep, „Last Night a DJ Saved My Life“)

Der Ort der Verabredung ist Legende: Goldeggasse 1. Eine nicht unnoble Ecke gleich gegenüber dem Wiener Belvedere. Hier ist das G-Stone-Studio Richard Dorfmeisters beheimatet, ein loftartiges Hybrid aus Partykeller, Home Office und Studio. Letzteres, ausgestattet mit einem mächtigen Mischpult, Röhrenverstärkern und dem üblichen folkloristischen Computer-Technologiepark, ohne den kaum eine Musikproduktion der Gegenwart auskommt, findet sich ein paar Kilometer Luftlinie weiter nochmals wieder. In annähernd identer Ausführung. In der Grundsteingasse in Ottakring, wo Peter Kruder zuhause ist. Wenn er denn zuhause ist. Die eine namensgebende Hälfte des Duos, das der Popkultur der neunziger Jahre ihren Stempel aufdrückte, residiert inzwischen vorzugsweise in Paris, die andere vorzugsweise in Zürich. Nur gelegentlich treffen einander Kruder und Dorfmeister noch, und wenn, dann eher auf einem Flughafen in Fernost als im Zentrum der einst so mächtigen Achse zwischen Grundstein- (jenem Ort, dem das K&D-Label den Namen verdankt) und Goldeggasse. Man kann nicht sagen, daß die Studios verwaist wären. Aber von hektischer Betriebsamkeit kann auch nicht gerade die Rede sein.

Das hat Vorteile. Zumindest für Rodney Hunter. Dem es sichtlich leicht fällt, sich hier gemächlich auszubreiten und die Schalter umzulegen, auf dunkelrot signalisierte „On“-Stellung. So oder ähnlich muß es sich anfühlen, wenn ein Pilot seinen Platz in einer fremden Maschine einnimmt, mit der man nicht bis in die letzte Schraube vertraut ist, aber doch ein paar Loopings zu absolvieren gedenkt. Rodney Hunter kennt diese Maschinerie. Sie stand in einer rudimentären Spielzeugvariante schon im Kinderzimmer, in dem auch Nachbarsbub Peter ein- und ausging. Der Drang der „Original Bedroom Rockers“ Hunter und Kruder, der Musikwelt einen Haxen auszureissen, manifestierte sich schon früh. Wenn auch die ersten Anläufe mit Formationen wie der rotzigen Mordbuben AG, wo der Sohn eines US-Discjockeys und einer Wienerin den Bass klopfte, oder Dr.Moreaus Creatures, mit denen man es immerhin zum ersten Plattenvertrag brachte, noch nicht den Durchbruch markierten. Noch. Man verlor sich nicht aus den Augen, als es richtig abging: Kruder & Dorfmeister hie, all over the world, eine Grammy-Nominierung (für ein Jazzalbum auf dem gemeinsam mit dem Radiomoderator Werner Geier betriebenen Label „Uptight“), internationale Hits (wie Leena Conquests „Boundaries“) und unzählige Produzenten- und DJ-Jobs da. Zuletzt in Berlin, wo Rodney Hunter für Szenegrössen wie DJ Tomekk die Beats bastelte. Bis ihn Busenfreund Peter Kruder einlud, doch gefälligst einmal etwas unter eigenem Namen zu machen. Für G-Stone. Das Resultat kann sich hören lassen: da wurden zunächst die „Hunter Files“ aus der Schublade geholt, raffinierte Derivate seiner langjährigen Studio-Erfahrung. Und jetzt, im Winter 2007, macht Rodney mit dem pressfrischen „Hunterville“ auf dicke Hose. Das Album riecht förmlich nach Weltklasse.

Kann man dieses Odeur übertragen? Die Frage ist natürlich polemisch. Aber sie rührt am Wesenskern einer Erscheinung, die die Pop- und Dance-Kultur der letzten drei Jahrzehnte prägte: des Remixes. Ende der Siebziger tauchten die ersten „Disco-Mixe“ auf, verlängerte, beat- und basslastigere Versionen von Chartstiteln, die mit dem Original noch strikt verzahnt waren. Mit der Blüte der elektronischen Musik und mit dem Aufkommen von HipHop, House, Techno, Dub und Drum’n’Bass, geriet der Remix zur eigenen Kunstform. Namen wie Todd Terry, Norman Cook oder William Orbit wurden zu Trademarks. Werkschauen, wie etwa die Kruder & Dorfmeister Sessions von 1998, waren vielfach gefragter als die Ausgangsmaterialien. Sprich: die ursprünglichen Songs. Denn schnöderweise ist ein Remix nicht mehr, aber auch nicht weniger als „eine Neuabmischung eines noch zu veröffentlichenden oder schon veröffentlichten Musiktitels auf der Basis des Mehrspuroriginals“, wie sich auf Knopfdruck in der Online-Standardenzyklopädie nachlesen lässt.

Aber wozu haben wir einen Experten bei der Hand? „Das Spannende an Remixen ist, daß man eigentlich nicht weiß, was man bekommt“, doziert Doc Hunter. „Weder als Konsument oder DJ, wenn man zum ersten Mal in eine Maxi-Single hineinhorcht. Noch als Künstler, der den Remix in Auftrag gegeben hat.“ Natürlich drehe es sich auch darum, so der Produzent, der selbst schon dutzende Male sowohl als Auftraggeber wie auch Auftragnehmer zugange war, beidseitig Nimbus und Namen in die Waagschale zu werfen. Und eventuell eine blasse Vorlage mit deutlichem Signalwert aufzufetten. „Es geht beim Remixen nicht so sehr ums Geldverdienen“, so Rodney Hunter. „Mehr um Anerkennung, Kontakte und Netzwerke. Und um Wiedererkennungswerte für die internationale Musiker- und Fangemeinde“. Daß selbst Grössen wie David Bowie oder Peter Gabriel heute zu Remix-Contests einladen, sei ein Zeichen der Zeit. „Schwer zu sagen, ob es überhaupt noch „definitive“ Originale gibt. Unzählige Versionen eines Songs sind letztlich auch der Versuch, mit relativ wenig Risiko und Einsatz Markenpflege zu betreiben“. Der Nachteil: eine gewisse Übersättigung des Marktes. Nicht jede DJ Ötzi-Single kommt heute in siebzehn Varianten durch die Wirtshaustür.

Wie entsteht ein Remix? Gehen wir die Bastel-Anleitung für den Heimgebrauch Punkt für Punkt durch. Erstens: zunächst gilt es, überhaupt einen geeigneten Track zu orten. „Glücklicherweise lassen einem da befreundete Musiker eine gewisse Wahl“, so der Profi. Nach dem Import der Einzelspuren in ein Programm seiner Wahl (Logic Audio, ProTools, Cubase oder zunehmend auch Ableton Live, das von einer progressiven Berliner Software-Schmiede entwickelt wurde) geht es um die Analyse des Ausgangsmaterials: Tonschlüssel, Grundstimmung, Harmonien, Rhythmus. „Ein wenig Musikverständnis ist grundsätzlich nicht schlecht“, konstatiert Hunter trocken. Schritt drei: es gilt, eine Entscheidung zu treffen, ob es ein Floor-Mix oder eher ein Radio-Mix werden soll. „Hängt natürlich auch von der Aufgabenstellung ab“, so Hunter. „Bei einer Variante für den Dancefloor geht’s vornehmlich um Bum-Bum. Das fällt bei der Selektion von Parts und Pieces, die ich verwenden will, ins Gewicht. Hooks, Gesangslinien, Bassläufe – ich versuche, die markanten Elemente eines Songs herauszuschälen.“ Vier. „Jetzt geht’s daran, die Zutaten zu mischen und die Suppe zu kochen. Wir ändern nach Belieben Rhythmus, Tempo, Tonlage. Ich rate dazu, drauflos zu improvisieren.“. Die Spannung ergibt sich aus Schritt fünf: Breaks, Stops, zusätzliche Melodiebögen, Soundelemente und Tongirlanden sorgen für Überraschungsmomente. „Das geht schon in Richtung Ausarrangieren“, merkt Rodney Hunter an. „Wenn eine gewisse Menge an Endorphinen freigesetzt wird, könnte das Ergebnis hinkommen. Aber es macht immer Sinn, den fertigen Remix ruhen zu lassen und nach ein paar Tagen mit Abstand nochmals zu hören.“

Wie lange dauert eigentlich der Remix-Prozess? „Das Arbeiten mit den modernen Studio-Tools ist recht einfach geworden. Fast schon zu einfach.“ Hunter zuckt die Achseln. „Die Leute sind handwerklich nicht mehr so gut. Früher brauchte man schon Stunden, um mit einer Bandmaschine einen Loop zu improvisieren. Heute ist das Legostein-Frickelei. Aber Genies basteln auch mit der Sony Playstation oder dem Apple-Anfänger-Programm GarageBand geniale Alben, Mixes, Reworks und Re-Interpretationen“. Zwei Tage bis zu einer Woche sitze man schon an einem wirklich probaten Remix, fügt der Jäger des frisch zu gewinnenden Schatzes an. Es gelte, „den Vogel abzuschiessen“. Wie damals, als Richard Dorfmeister den Track „Rollin’ On Chrome“ seiner Schützlinge Aphrodelics remixte. „Der Wild Motherfucker Dub, so hiess das Teil, das läuft heute noch rauf und runter. Weltweit.“

Eigentlich unbezahlbar. Aber unter Kollegen ist man ab zwei- bis dreitausend Euro mit dabei. Wobei sich die lange gepflogene Unsitte, den künstlerischen Subunternehmern keine Urheberrechte zuzugestehen – selbst, wenn sich der Remix fast zu hundert Prozent vom Original unterschied und dieses an Attraktivität weit übertraf – mittlerweise weitgehend verflüchtigt hat. „Es kommt immer drauf an, wer den gewichtigeren Namen besitzt“, so Rodney Hunter. Da dürfte der gute Mann im Umkreis einiger hundert Kilometer derzeit kaum zu schlagen sein.

(RED BULLETIN)

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