Protestsongcontest kompakt

16. Februar 2008

Ein Protestsongcontest ist ja eigentlich ein Widerspruch in sich. Immerhin steckt das Reizwort „wider-“ drin. Solange man das Thema nicht allzu ernst nimmt. Was sich eher nachteilig auf die Brisanz der Veranstaltung auswirkt, wie eine Sammlung der vermeintlich besten Widerstandshymnen der letzten Jahre belegt.

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Ich gehe ja selten bis gar nicht ins Theater. Warum auch? Auf Nachfrage konnte mir nicht einmal Freund K., einschlägiger Kritikerpapst beim „Falter“, ein Stück nennen, das man in der Vorjahres-Saison unbedingt hätte sehen müssen. Nun bin ich auf derlei Banausentum keineswegs stolz. Zweckdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen. Eventuell finde ich mich dann mit einem Burgtheater-Abo, Volkstheater-Ticket oder Festwochen-Generalpass wieder. Allein: magnetische Anziehungskräfte haben die genannten Institutionen jetzt seit Jahren und Jahrzehnten nicht entwickeln können, eher das Gegenteil. Das hält meine Skepsis in Bezug auf das aktuelle Sprech- und Schautheater hoch.

Mit einer Ausnahme: dem Rabenhoftheater in Erdberg. Aus meinem Blickwinkel ist es das vergnüglichste, aktuellste und gewitzteste Off-Off-Burgtheater-Refugium Wiens. Direktor Gratzer und sein Team machen – nicht zuletzt mit Hinsicht auf das Budget, das etwa dem einer güldenen Türschnalle in der Burg entsprechen dürfte – einen wirklich guten Job. Respekt!

Als einer der Dauerbrenner des Hauses gilt der alljährliche “Protestsongcontest”, der in Kooperation mit FM4 und dem “Standard” seit 2004 nach aufmüpfigen Künstlern und Bands fahndet. Was mehr oder weniger auch gelingt: die Veranstaltung, eine tolldreiste Paraphrase auf den Eurovisions-Songcontest, schwankt zwischen ersthafter Auseinandersetzung mit dem Protest-Potential der Popkultur und läppischem Studenten-Gschnas. Letzteres, weil es vielfach an wirklich kritischen, wortgewandten und energiegeladenen Beiträgen mangelt (die Gewinner des Jahres 2008 zum Beispiel, Ruperts Jazz Construction, entlocken Kennern der Materie kaum mehr als ein Gähnen. Nebstbei: ein Live-Publikum, das auf jeden kritischen Einwand der Jury mit Buh und Bäh reagiert, hat den Sinn der Veranstaltung missverstanden. Und sollte eventuell doch eher ein Gschnas in Erwägung ziehen…).

Daß es auch anders geht, zeigt eine CD, die – ausgewählt von den Contest-Initiatoren Gratzer, Stocker und Freigaßner – die besten Stücke der Jahre 2004 bis 2007 versammelt. Ein Bombensong wie “Sandbürger” von Rainer von Vielen sprengt betuliche Kinderzimmer-Dramatik, „ironische“ Banalität und eskapistische Öko-Romantik augenblicklich in Stücke. Hier offenbart sich, wie eine dringliche Depesche dreissig Jahre nach Arik Brauer, den Schmetterlingen und Sigi Maron zu klingen hat. Leider bleibt der Song ein Solitär.

Denn selbst Profis wie Rainer Binder-Krieglstein, Mieze Medusa oder Christoph & Lollo können nicht mithalten, lassen aber allemal aufhorchen. Schön hinterhältig auch die Wort- und Musikspende von Georg Freizeit und den Rosaroten, die eben nicht wie viele andere “die Weisheit mit den Löffeln” gefressen haben. Was per se weise und insbesondere für treffsicher Kritik eine conditio sine qua non ist. Nur Rummaulen und Krachschlagen kann jeder Depp.

Ein Freiexemplar für jede Partei-, Medien- und Konzernzentrale! Insgesamt ist diese Sammlung eine kompakte Steilvorlage für den Protestsongcontest 2009.

Various Artists, PROTESTSONGCONTEST 2004 – 2007 (Pate/Edel)

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