Im Bauch von Bombay

8. März 2008

Der Grossteil der heimischen Pop-Elite ist „weltberühmt in Österreich“. Von kosmopolitischem Erfolg lässt sich aber erst erzählen, wenn man etwa in einer Stadt reüssiert, die allein dreimal soviele Einwohner hat wie die gesamte Republik. Was der Accapella-Truppe Bauchklang in Mumbai gelang, dem wirtschaftlichen Zentrum Indiens. Eine Magical Mystery Tour. 

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Vorab, zur Klarstellung (hat hier gerade noch irgendjemand etwas von „Dritter Welt“ gemurmelt?): Mumbai hat eine bessere Presselandschaft. Die deutlich bessere, wachere, gütigere Presselandschaft jedenfalls im Vergleich zu unserem medialen Alpen-Streichelzoo. Man male sich, um dieses Urteil ähnlich rasch und ultimativ fällen zu können wie der Autor dieser Zeilen, folgendes Szenario aus: eine weithin einzigartige, doch letztlich auch höchst exotische Pop-Attraktion wählt den umgekehrten Weg und landet, aus Indien kommend, in Wien. Und macht hier drei Tage lang Station. Ich wette, kein Schwanz würde auch nur eine Zeile schreiben. Sieht man eventuell von Blog-Aktivisten mit einem Schuss Goa in den Genen ab.

In Mumbai aber überschlägt sich die Presse schon in der Luft, bevor Bauchklang auch nur einen Ton von sich geben. Das „Time Out Magazine“ bringt einen ersten Vorbericht. Die „Hindustan Times“ und der „Mumbai Mirror“ ziehen nach. „Radio One“ bittet ins Funkhaus. Selbst der legendäre „Rolling Stone“, lokal frisch am Markt, hält Hof. Für das Quintett, dessen Wurzeln im beschaulichen Umfeld von Sankt Pölten in Niederösterreich liegen, ein ermunterndes Signal. Schliesslich ist man nicht an die westindische Küste aufgebrochen, um mit gehobenem Strassenmusikantentum ein paar Urlaubstage zu finanzieren. Im Gegenteil. Das „Blue Frog“, so der Name und das Logo des Gastgebers, ist der hippste, grösste, feinste Club des ganzen Subkontinents. Und Bollywood klopft auch an. Aber alles der Reihe nach.

Von oben, vom Flieger aus sieht die Stadt eigentlich recht harmlos aus. Was vielleicht daran liegt, daß ihre Grenzen nicht recht abzustecken sind auf einer imaginären Landkarte und nächtens der Lichterschein weniger gleissend, dicht und stolz funkelt als in vielen urbanen Knotenpunkten dieses Planeten. Aber Mumbai, bis Mitte der neunziger Jahre landläufig unter dem Namen Bombay bekannt, ist eine gewaltige Metropole. In jeder Hinsicht. Das wirtschaftliche Zentrum Indiens. Die wichtigste Hafenstadt eines Erdteils. Kulisse von Bollywood, der weltgrössten Filmindustrie-Maschinerie. Und wenn wir schon bei Superlativen sind: ob diese Metropole jetzt die bevölkerungsreichste der Welt ist (im engeren Sinne: 13,7 Millionen Einwohner zählt Mumbai bereits ohne Vorortegürtel, mehr als 21 Millionen die gesamte Region, aber die Behörden sind eher auf Schätzungen angewiesen denn auf exakte Statistiken) oder nur die fünftgrösste, ist relativ.

Relativ egal, da einen Mumbai vulgo Bombay – beide Namen stehen in Verwendung – bei gleissendem Tageslicht anspringt wie ein als (Wirtschafts-)Tiger getarntes Alien. Was der Reiseführer in sachlich-unterkühlter Diktion „unzureichende Entsorgungs- und Reinigungskapazitäten für Abwasser, Abgase und Abfälle nennt“, dringt schon wenige Minuten nach der Landung in Mund, Nase, Augen. Es stinkt. Mitreisende in einem der Abermillionen schwarzgelben, Trabant-artigen „Premier“-Taxis (die rasch zur mobilen Standardbehausung mutieren, obwohl ein durchschnittlicher Europäer noch nicht mal ohne Rückenverkrümmung drin sitzen kann) witzeln, selbst die Luxushotels in der Nähe des Flughafens hätten ein Problem, das sich mit Luftfiltern, Ventilatoren und Raumdeos nicht lösen liesse: die Stadt selbst.

Diesen Moloch von Stadt. Menschen, Menschen, Menschen, wohin das Auge blickt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Dann sind die Bettdecken oft aus Asphalt. Ein Ameisenhaufen auf Amphetamin. Oder Chai Tee. Etwa die Hälfte der Bevölkerung Mumbais lebt in Slums, ohne Wasseranschluss und Kanalisation. Daß der jährlich vier Monate lang anhaltende Monsunregen die Megatonnen an Müll, Schlamm, Staub und Smog regelmässig hinwegspült wie eine Sintflut, löst das Problem nicht. Im Gegenteil. Es verschärft die Situation. Die unabwendbare Vermengung von Nutz- und Abwasser ist Seuchenherd Nummer eins. Impfungen sind nicht Pflicht, werden aber dringend angeraten. Die Bevölkerungsdichte – etwa die zehnfache einer durchschnittlichen europäischen Metropole – ist abnorm. Die kaum je absente Hitze wirkt wie ein zusätzlicher Brennspiegel. Babylon lässt grüssen.

Apropos: die Sprachverwirrung hält sich – trotz zweihundert in diesem Schmelztiegel der Kulturen gebräuchlicher Sprachen und Dialekte – in Grenzen. Englisch liegt offiziell nur an zwölfter Stelle der Nutzer-Statistik. Und wird hier doch so gut wie jedem gesprochen. Zumindest rudimentär. Oder äusserst elegant. Und mit kosmopolitischem Selbstverständnis. Wie im Fall von Dhruv Ghanekar, einem Musiker, Studiobetreiber und Gesellschafter des „Blue Frog“. Er ist die eigentliche Triebfeder hinter der Einladung an die Bauchklang-Jungs. Daß Philipp Sageder, ein Fünftel der Acappella-Formation, mit einer Inderin liiert ist, baldige Hochzeit inbegriffen, hat wohl auch mitgeholfen. Und über die Qualität von Bauchklang, die hierzulande zu den Publikums- und FM4-Lieblingen zählen, zwei „Amadeus Awards“ kassiert und zuletzt das Album „Many People“ veröffentlicht haben (ein neues ist in der Pipeline und darf im Herbst erwartet werden), besteht nach kurzem Online-Check selbst im fernen Osten kein Zweifel. Aber ganz ohne ist so ein Trip über den Indischen Ozean dann doch nicht. Bei aller Mystifizierung potentieller „Magical Mystery Tours“, die schon berühmtere Kollegen nach Bombay, Delhi und darüber hinaus lockte (allen voran die Beatles mit ihrem Abstecher zum erst kürzlich verstorbenen Yogi Maharishi), stellt sich rasch die Frage: wie reagiert das Publikum – so es denn kommt – auf Breitwand-Klänge aus dem Bauch der westlichen Pop-Kultur? Und wer, bitte, ist eigentlich das Publikum?

Letzteres zumindest lässt sich rasch beantworten. Das „Blue Frog“ ist ein Hedonisten-Tempel der oberen Zehntausend von Mumbai. Und das bedeutet – hier existiert nackte Armut neben fast schon obszönem Reichtum, oftmals Tür an Tür – wirklich, sagen wir mal: konsequenten – Hedonismus. Die Jeunesse d’oré Mumbais ist hier geschlossen (in jeder Hinsicht des Wortes) versammelt. Der Fahrer, der uns tagelang durch Mumbai kurvt, durch groteske Staus und archaisch-anarchistische Regel-Absenz, weigert sich mitzukommen, obwohl er von der Band persönlich eingeladen wird. Sorry, no way. Ein reservierter Tisch in dem seventiesmässig UFOesk elegant gestylten Club, der erst vor wenigen Monaten eröffnet wurde, kostet mehr, als andernorts eine ganze Familie im Monat verdient.

An der Adresse D/2 Mathuradas Mills, N.M. Joshi Marg Lower Parel, Mumbai 13 würde man diesen Hort weltläufigen Kultur-Inszenierung – das Areal birgt auch einen Studiokomplex und ein geräumiges Büro – nicht vermuten. Es riecht nach Hühnerbatterie. Das tut es aber fast immer. Und überall. Nebenan ist eine Spinnerei. Um die Ecke eine Nähmaschinen-Werkstatt, Modell Singer ca. 1952. Trübes Licht taucht die üblichen Hinterhof-Fabriken, aus denen einem dutzende aufgeschreckte Werktätige entgegenblinzeln, in die Camouflage-Färbung schamhaften Old School-Unternehmertums. Dhruv Ghanekar aber strahlt übers ganze Gesicht. Er hat auch allen Grund dazu.

Bauchklang biegen Bombay. Okay, sagen wir’s auf herkömmliche Art: sie rocken, bezwingen, erobern diese Stadt. Nur mit ihren Stimmen. Und einer gehörigen Portion Charme, Diplomatie und Kommunikationsfreude. An zwei von drei Abenden stehen mit dem Tabla-Maestro Ustad Zakir Hussain und dem Percussionisten Taufiq Qureshi plötzlich zwei örtliche Superstars in einer Reihe mit Andreas Fränzl, Alex Böck, Gerald Huber, Christian Birawsky und Philipp Sageder auf einer Bühne. „Ach was, Superstars“, flüstert man mir ergriffen ins Ohr. „Das sind hier Götter!“. Generell schwankt das Publikum, das wenig bis nicht mit Beatboxing und Mouth Percussion, dem Instrumentarium des „Vocal Groove Projects“ (Eigendefinition) Bauchklang vertraut ist, zwischen starrer Faszination und begeisterten Anfeuerungsrufen. Hier agieren Sampling-Apparate aus Fleisch und Blut. Noch dazu mit hübschen, blassweissen Gesichtern. Schnöde Genre-Schubladen wie Ragga, HipHop, Drum’n’Bass, World Music und Elektronik scheinen hier niemanden zu interessieren. Die pure Energie, hemmungslose Vitalität und kopfhautmassierende Vibrationsmächtigkeit des Quintetts allerdings schon. 

Auch Bollywood kann – und will – sich dieser Wucht nicht entziehen. Die Einladung, am Soundtrack des Action-Reissers „Drona“ mitzuwirken, einem Film, von dem halb Indien schon Monate vor der Premiere spricht, kommt bald von Dhruv. Am vorletzten Tag geht’s ab ins Studio, um Standard-Synthesizer-Sounds mit menschlichen Stimm-Spuren aufzufetten. Allgemeine Aufgekratzheit, satte Zufriedenheit auf Seiten der Produzenten. Möglichkeiten weiterer Zusammenarbeit werden spontan erörtert. Irgendwie greift allmählich, aber immer deutlicher die Überzeugung Raum, daß dieser Indien-Ausflug nicht der letzte seiner Art bleiben wird und muß. If you can make it there you can make it anywhere. Oder so. Schliesslich ist schon ein Bruchteil der Bevölkerung Mumbais in absoluten Zahlen ein Millionenpublikum. Und daß es boomt in diesem Eck der Welt, die Autoindustrie (Tata!), der Handel, die Computerei, das ist unübersehbar. Daß dennoch viele – noch – nicht nach Bauchklang gieren werden, weil das Knurren ihres eigenen Magens unüberhörbar ist, leider auch.

Dem „Weltberühmt in Österreich“-Syndrom entkommen Fränzl & Co. mit Gastspielen wie diesem allemal. Das hat das Quintett immer schon vom Grossteil der heimischen Szene separiert: Selbstbewusstsein, Eigenwilligkeit und Gelassenheit. Und eine unangestrengte Internationalität, die in einem Tondokument „Bauchklang live in Bombay“ ihren bisherigen Höhepunkt gefunden hätte. So er denn je auf den Markt kommt. Kann gut sein, daß die fantastischen Fünf in absehbarer Zukunft eher weniger Interesse an alten Formaten, Medienkanälen und Spielorten haben.

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Eine Antwort to “Im Bauch von Bombay”


  1. […] das Quintett letztendlich bis nach Übersee gebracht, wo sie u.a. beim Jazzfest in Montreal oder im Blue Frog Club in Mumbai mit Begeisterungsstürmen aufgenommen wurden. Die letzten zwei Jahre arbeiteten Bauchklang an ihrem […]


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