Schweigen im Äther

21. April 2008

Zehn Jahre Privatradio in Österreich – ein Grund zum Feiern? Nicht einmal die Betreibergemeinde selbst tut es. Die Zielgruppe schon gar nicht. Ein Befindlichkeitsbericht.

Es gibt die Frühabgeber-Streber. Es gibt die “Nine to five”-Beamten. Und es gibt die Deadline-Junkies. Ich gehöre zu letzteren. Wovon hier die Rede ist? Vom Schreiben. Nein, nicht Tagebuch. Vom Schreiben als Profession. Meinung gegen Geld. Inhalt (neudeutsch: Content) gegen Zeilenhonorar. Fülle für die Hülle, eventuell sogar mit Spurenelementen von Recherche, Grammatik und Allgemeinbildung. Na gut, lassen wir das – ist im heutigen Mediengeschäft vielfach aus der Mode gekommen. Jedenfalls liefere ich meine Ergüsse meist spät. Sehr spät. Aber immer rechtzeitig, gewiss. Wenn man das Wutgeschrei des Chefredakteurs am Telefon nicht mehr versteht, weil im Hintergrund die anlaufende Druckmaschine alles übertönt, ist es wirklich Zeit, abzuliefern. Redaktionsschluss. Definitiv.

Nun: für diese Kolumne hätt’ ich zehn Jahre Zeit gehabt. “Eh nur”, wie der Fatalist so sagt. Wie immer drücke ich als Deadline-Junkie aber in letzter Sekunde ab. Ausnahmsweise mit einer guten Ausrede in der Hinterhand. Sogar zwei. Ausrede Nummer eins: ich schau’ mir noch den “Amadeus” an, bevor ich drauflos schreib’. Live und auf Puls 4. Vielleicht… Um es kurz zu machen: nein, zum diesjährigen “Amadeus” fällt mir nichts ein. Oder, sagen wir so: ich ziehe nobles Schweigen vor. Nächstes Jahr ist eh wieder alles anders. Ausrede Nummer zwo: leider fällt mir zum (brav antizipierten, avisierten und akkordierten) Thema dieser Kolumne auch nichts ein. Im Gegenteil: es langweilt mich. Unendlich.

Gröbchen betreibt Zeilenschinderei!, höre ich erste Leser murmeln. Worüber schreibt der Kerl überhaupt!? Persönliche Befindlichkeiten haben hier keinen Platz! … Oh doch!, sage ich. Persönliche Befindlichkeiten sind das Um und Auf dieses Business. Das Alpha und Omega aller Bemühungen. Der Ausgangspunkt und das Ziel. Ohne positive Befindlichkeit kein Druck auf die Einschalttaste. Der übrigens Voraussetzung dafür ist, dass es überhaupt hierorts verhandelbare Materie gibt. Ohne Druck auf die Einschalttaste kann selbst der “worst case” aus der Sicht eines Medienmanagers nicht eintreten: der Druck auf die Ausschalttaste. Diesen – ebenso banalen wie fundamentalen – Merksatz wollen wir mal so stehen lassen.

Vor zehn Jahren wurde die “On”-Taste für Privatradio in Österreich gedrückt. Zuvor hatte die SPÖ im Verbund mit dem ORF, aber auch im Gleichklang mit der ÖVP und den Zeitungsverlegern, das Thema jahrzehntelang blockiert. Erst der Verfassungsgerichtshof und der europäische Gerichtshof für Menschenrechte (!) “zwangen Österreich in mühsamen Schritten zur halbherzigen Liberalisierung”, wie “Standard”-Medienredakteur Harald Fidler in nüchternen Worten festhielt. Im Frühjahr 1998 ging es dann breitflächig los. Und zumeist unendlich naiv, grosskotzig und kleingeistig.

Viele Artikel sind zum Zehn-Jahres-Jubiläum verfasst worden. Ganze Sonderteile, Schwerpunkte und Fachmagazin-Seiten wurden der österreichischen Privatradio-Landschaft gewidmet. Jubel Trubel Heiterkeit? Eher nicht. Kurios auf den Punkt brachte es der “Horizont”. Er titelte: “Nur kein Blick zurück: das Radio hat Zukunft!”. Sprich: die gesamte Historie bislang war eine Katastrophe, aber wir hoffen, daß sich unsere Investitionen dennoch irgendwann rentieren (und wollen unseren Zweckoptimismus gern an unsere Werbekunden weiterreichen…). Daß der Abschluss des “Horizont”-Sonderteils ein Dutzend mit Sendernamen geschmückte Grabkreuze (“Ewig schweigen im Äther”) vorführte, vom seligen Radio CD bis zu HitFM, passt da trefflich ins Bild. Der Rest vom Fest schreit anno 2008, typisch Österreich, nach Subventionen. Und RTR-Kapo Alfred Grinschgl verklärt das zurückliegende Dezennium zur Erfolgsstory. Wider besseres Wissen.

Woran aber liegt es, dass der Privatradio-Markt in Österreich bis heute vor sich hin grundelt (Ausnahmen bestätigen die Regel)? Gerade mal ein Fünftel Marktanteil schafft die gesamte Armada kommerzieller Hörfunkbetreiber über den Daumen gepeilt, die restlichen vier Fünftel hat der ORF für sich gepachtet. Okay, der hat Ö3 ultrastromlinienförmig gepanzert, um den Dudelfunk mit eigenen Mitteln zu schlagen. Kann in volle Töpfe und auf ein arg opulentes UKW-Frequenzband (zu)greifen. Und hat die eigene Sender-Flotille mit Ö1, FM4 und den ganzen Bundesland-Radios klug und (über)mächtig aufgestellt.

Aber warum erreicht das Propagandagetrommel und – war da nicht noch etwas? – das Programm der privaten Konkurrenz den Grossteil der österreichischen Bevölkerung nicht? Weil die brav der lange eingeübten Staatsreligion ORF folgt? Weil sie Ö3 nicht von “KroneHit” unterscheiden kann? Weil sie zu schwach ist, einmal eine andere Stationstaste zu drücken oder den Sendersuchlauf zu betätigen? Sorry, das ist Quatsch. Das wissen Sie. Das weiss ich. Das wollen nur die Privatradiobetreiber nicht wissen.

Die Antwort: weil die Ideen, die Musik”vielfalt”, die Format-Hörigkeit, der Berater-Input und der redaktionelle Output vieler Stationen einfach zum Einschlafen sind. Und weil hier ständig so penetrant gelogen, schöngefärbt und hochgestapelt wird, dass es weh tut. “Die besten Songs aller Zeiten”… “Garantiert mehr Musik”… “Die aktuellsten Verkehrsinfos” … (ich schreib’ das ungeniert aus einer gelb-roten Postwurfsendung ab, die dieser Tage meinen Postkasten verstopfte). Wer soll diesen Marketing-Schwall glauben, wenn das Lulu, das aus dem Äther tropft, höchstens lauwarm ist?

“Good promotion kills a bad product fast” – das lernt man im Business-Grundkursus. Ich hab’ den Spruch schon vor neun Jahren laut aufgesagt, in einem “Trend”-Resümeé zum Thema “Privatradio in Österreich“ . Es hat sich wenig verändert seither. Ich würde nur den Merksatz ändern auf: “Bad promotion kills a bad product ultraslowly”. Und dann mit einem herzhaften Gähnen den Einschalt-Knopf suchen. In der Tat: den “On”-Button. Es kann nur besser werden. Es wird besser werden.

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3 Antworten to “Schweigen im Äther”


  1. Nun, da fällt mir viel dazu ein… Aber das wurde alles schon gesagt, einander, gegenseitig, hier und dort, hie und da… Und die Fragen bleiben dieselben: Warum ist das eigentlich so? Warum diese unglaubliche Einfalt und Einfallslosigkeit, warum immer derselbe Brei, warum immer diese Mutlosigkeit, warum der dumme, lemminghafte Glaube an dahergequakte Quoten, warum die völlige Unterschätzung der sogenannten Zielgruppe? Sind wir wirklich alle so blöd?

  2. Dennis King Says:

    Lieber Herr Gröbchen,

    da möchte ich Ihnen zurufen „Chapeau!“, den Nagel auf den Kopf getroffen!
    Ihre Erkenntnisse mit 150 multipliziert skizzieren auch die Ratlosigkeit und Dummheit im Umgang mit den wohl schönsten Kommunikationsmedium in Deutschland.

    Ich finde es wichtig, dass sich diese Erkenntnis in die Köpfe der Entscheider, Berater und Format-Fans festsetzt.
    Solange Entscheider auf Sonderschul-Niveau agieren wird und kann sich nichts ändern.

    Ich wünsche Ihnen und Ihrem Sender den verdienten Erfolg und alles Gute!
    D. King

  3. Joe Leitner Says:

    Nicht alles, was im Horizont steht ist für Morgen. Tatsächlich könnte der Manstein Verlag einen eigenen Radiosender gründen und auch uns fiele ein Stein von Herzen. Vielleicht mit dem Mucha als Moderator, – das wär doch was, oder?


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