Archive for Mai, 2008

Her mit der Quote!

19. Mai 2008

Eine parlamentarische Enquete diskutiert im Juni die Lage der Musiknation Österreich. Dazu ein konkreter Fingerzeig.

Österreich ist eine Musiknation. Zumindest in den Sonntagsreden der Politiker. In Wahrheit ist Österreich ein potemkinsches Dorf. Der Staat pflegt mit Milliarden-Aufwand seine Hochkultur-Mausoleen und gibt einen Pfifferling, oder, wenn’s hochkommt, zwei auf zeitgenössisches Musikschaffen. Das real schrumpfende Kulturbudget ist auf ewig verplant, akute Probleme – von den Musikschulen für den Nachwuchs bis zur Copyright-Frage im digitalen Zeitalter – werden in wortreichen, aber absehbar handlungsarmen Parlaments-Enqueten entlüftet. Oder gleich elegant entsorgt.

Aber lassen wir diese eventuell zu pessimistische, vorauseilend nüchterne Einschätzung der Grosswetterlage. Und üben uns in Detailschärfungen. Werfen wir einen Blick auf die grösste Medienorgel des Landes, den ORF. 86 Prozent des Musikprogramms (Durchschnitt aller ORF-Sender 2006, Quelle: AKM) ist vorwiegend angloamerikanisch geprägt. Für heimische Klänge, egal ob Klassik, Pop oder Volkstümliches, deutsch-, englisch- oder sonstwie-sprachig, bleiben 14 Prozent. Auf Ö3 sind es gar nur 5 Prozent. Damit liegt die “Musiknation” so ziemlich am Schluss der europäischen Vergleichsstatistik. Für den Export heimischer Musikprodukte abseits der Wiener Sängerknaben ist ein derartiges Aufmerksamkeitsdefizit im eigenen Lande eine katastrophale Startbasis. Das fehlende Glied „Airplay“ in der Wertschöpfungskette lässt Investitionen auf breiter Basis kaum zu, zumal in einer Branche, die akut von einem radikalen Strukturwandel gebeutelt wird.

Abgesehen von nackten Zahlen gibt es aber auch soetwas wie eine “gefühlte Temperatur”, ein Kultur-Kleinklima, das wechselseitiges Interesse, Respekt und Dialogwilligkeit voraussetzt. Hier zeigt sich ein noch prekärerer Status Quo: trotz gross aufgeblasener Marketing-Aktionen wie “Die neuen Österreicher” gibt es kaum eine(n) Musiker(in), der/die sich der genannten Tugenden erfreuen darf. Ö3 hat sich, aus Gründen, die noch zu erörtern sein werden, der im ORF-Gesetz festgeschriebenen “angemessenen Berücksichtigung und Förderung der österreichischen künstlerischen und kreativen Produktion“ weitgehend selbst enthoben.

Warum? „Die Österreicher wollen euch nicht hören“, rechtfertigen sich die Verantwortlichen. Unabhängige Umfragen ergeben ein anderes Bild, und zwar eine deutliche Forderung nach einem ausgewogenen Programm mit lokalem Bezug. Im Ausland ist dies selbstverständlich: Radios in Europa, selbst private, kommerzielle Stationen senden im Durchschnitt rund 40 Prozent (!) Musik ihres jeweiligen Landes. (Selbst)bewusst und mit Erfolg, da und dort auch durch eine Quotenregelung festgeschrieben. An sendefähigem Material mangelt es keineswegs. Auch hierzulande natürlich nicht, auch wenn das die Ö3-Musikredakteure und ihre slicken Berater nicht hören wollen.

Für Kenner der Szene ergibt sich ein zunehmend schizophrenes Bild: während in der hiesigen Kreativ-Szene, nicht zuletzt gefördert durch punktuelle Mikro-Finanzinjektionenen aus dem Umfeld des Bundeskanzleramtes („Österreichischer Musikfonds“) oder der Stadt Wien (departure), Aufbruchsstimmung herrscht und die Quantität und Qualität des aktuellen Pop-Ausstosses gewaltig ist, mangelt es an einem direkten Draht zum Publikum. Ausnahmen – explizit sind hier FM4 und Ö1 zu nennen, die aber für Mainstream-Repertoire eher ungeeignete Spielfelder sind – bestätigen die Regel. Der ORF scheint eher an Pensionisten-Seditativa á la „Musikantenstadl“ und Befriedigung repräsentativer Hochkultur-Lobbys interessiert zu sein als an einem kreativen, konstruktiven, seriösen Umgang mit Pop in all seinen Facetten. Daß hier demoskopisch die breiteste Zielgruppe zwischen sechs und sechzig Jahren vertreten ist, sollte aber auch den „Amadeus“-Abwinkern am Küniglberg zu denken geben.

Was tun? Diskutiert, argumentiert, agitiert wird seit Jahren. Nach Einschätzung engagierter Interessensvertreter der Gewerkschaft, der Wirtschaftskammer, der Musikindustrie und letztlich der Betroffenen selbst fast immer knapp am Rand purer Zeitverschwendung. Der ORF übt sich in Beleidigtheiten, Abwiegelung und Gegenstatistiken. Und merkt immer noch nicht, daß er eigentlich mit den Content-Produzenten in einem Boot sitzt. Kultur und Medien sind kommunizierende Gefässe, und von einer erhöhten Wertschöpfung im eigenen Land würden nicht nur die hier lebenden und arbeitenden Musikschaffenden profitieren, sondern auch der ständig auf seinen “Public Value” pochende (und dahingehend auch immer stärker unter EU-Druck geratende) und die “österreichische Identität” beschwörende öffentlich-rechtliche Mediengigant. Man könnte jetzt endlos Wesen und Auftrag des „Öffentlich-Rechtlichen“ erörtern, die Querfinanzierung von Minderheiten-Programmen durch die „Cashcow“ Ö3 ins Treffen führen oder über Kultur, Kommerz, Gott & die Welt radebrechen… Der Punkt ist: eine Erhöhung des Österreicher-Anteils vertreibt absehbar weder Hörer noch die Werbewirtschaft – warum blockiert man dann stur eine mögliche, ja hoch wahrscheinliche Win-Win-Situation für alle Beteiligten, ORF inklusive?

Nun denn: her mit der Quote! Einer Quotenregelung für mehr österreichische Musik im österreichischen Radio, wie immer sie im Detail auch aussehen mag. Weil eine derartige Forderung offenbar der einzig mögliche (und auch konkret denkbare) Katalysator ist, eine eingeschlafene oder nie wirklich ernsthaft geführte Diskussion mit entsprechender Dringlichkeit aufzuladen. Und das stupend uniforme “Nein, unmöglich!” kühler Radiomanager und ihrer weithin desinteressierten, dafür umso gluckenhafter auftretenden Vorgesetzten aufzubrechen.

Kollegen argumentieren, eventuell liesse sich der Zugang zum Publikum nach europäischem Standard auch auf freiwilliger Basis einrichten, wie es in der Schweiz (Charta 2004) gelungen ist. Meine Erfahrung sagt: in Österreich drückt man sich vor einer klaren Sprache und Lösung. Ja, auch mir war die Vision, Denken mit Prozentzahlen lenken zu wollen, ideologisch lange suspekt. Popkultur ist per se eine in jeder Hinsicht gern grenzüberschreitende, kosmopolitische (und gewiss historisch stark angloamerikanisch geprägte) Kultur, und jegliche Form von chauvinistischem „Mir san mir!“-Nationalismus liegt mir fern. Was aber nicht dazu führt, lokale, regionale, nationale Strukturen, die ja auch ihre Historie und ihre kulturellen Eigenheiten, Merkmale und Vorzüge haben, hintanzustellen. Das hat mit Selbstbewusstsein zu tun, mit Identität und, ja, auch, mit einem wirtschaftlichen Spielraum.

Wenn man sich in diesem Kontext einmal von der Vorstellung löst, Quoten wären per se uncharmant, zwänglerisch (Steigerungsform: semistaatskommunistisch) oder dem freien (?) Spiel der Kräfte zuwiderlaufend, erkennt man rasch die damit verbundene Hebelwirkung. Egal ob es sich um die Durchsetzung einer Frauenquote in Führungspositionen oder einen merklichen Anteil heimischer Kulturproduktion im heimischen, gebührenfinanzierten ORF dreht.

Und, um die Diskussion noch ein wenig anzuheizen: wenn schon, denn schon. Ich bin dafür, die Quote auch für private Radios einzuführen. Verpflichtend. Denn deren Musikchefs schauen wie das Karnickel auf die Schlange Ö3. Und programmieren natürlich österreichische Musik auch nur dann, wenn sie Gnade beim Marktführer gefunden hat (Ausnahmen bestätigen die Regel). Sorry: im Kampf gegen Ignoranz, Blasiertheit und Publikumsferne ist mir (fast) jedes Mittel recht. Also her mit der Quote! Und mitten hinein in die Arena der Pro- und Kontra-Argumente. Eventuell kommt man dann letztlich sogar ohne sanfte Daumenschrauben des Gesetzgebers aus.

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Verlass’ die Stadt!

15. Mai 2008

Für viele ist sie die Retterin des Genres Protestsong. Tatsächlich: Eva Jantschitsch alias Gustav tänzelt leichtfüssig im Ring, verlacht den übermächtigen Gegner und schlägt dann ansatzlos zu. Mit Worten, mit Ideen, mit Samples und Melodien. So kann, darf, soll Pop mit postmodernem Protestpotential populär werden. Und mit dem neuen Album „Verlass die Stadt“ noch populärer.

Als man erstmals von ihr hörte, war sie 26 Jahre jung, bislang nur im Elektronik-Untergrund der Wiener Szene in Erscheinung getreten und hatte ihr erstes Album auf einem geborgten Laptop im Alleingang gebastelt. Diese CD aber, mit dem rührig-verstörenden Titel „Rettet die Wale“, wurde zum Überraschungs-Debut des Jahres 2004. Und Gustav alias Eva Jantschitsch war über Nacht in aller Munde. Hymnische Rezensionen – von der „Neuen Zürcher Zeitung“ bis zu „de:bug“, von der „Presse“ bis zum „Standard“, von FM4 bis Ö1 – beförderten Gustav zum neuen Liebling des Feuilletons und der Pop-Intelligenzia.

Nun liegt Album No. zwei vor, und wieder kommt der Titel – “Verlass die Stadt” – als Imperativ um die Ecke gebogen. Die Tonspur zu den ironischen, sensibel-spitzen, doppelbödigen Texten geriet diesmal aber fast leichtfüssig. Bisweilen klingt Gustav anno 2008 wie die intellektuelle Halbschwester von Judith Holofernes, der Sängerin von Wir sind Helden. “Verlass die Stadt”, angesiedelt zwischen lässigem Pop-Eklektizismus und artifiziellem Schlager, vereint volkstümliche Blasmusik und sizilianische Mandolinen, ein hinterfotziges “Happy Birthday” und einen beinahe fröhlichen Abgesang auf die Apokalypse. “Die Schunkelseligkeit der Musik steht im krassen Unverhältnis zu den behandelten Themen”, so die Künstlerin. “Denn die Lage ist ungemein ernst und es gibt keinen Grund zur Entwarnung”.

Und wenn doch, dann wollen wir sie zuallererst aus dem Mund von Gustav hören. Das Sensorium dafür besitzt die weithin beste Pop-Schreiberin des Landes allemal.

GUSTAV – Verlass die Stadt (Chicks On Speed Records)

Abgeschmackt

10. Mai 2008

Schlechter Geschmack? Ja, den hatte ich neulich auch, auf der gesamten gelblich-grauen Zungenbreite. Nach einer durchzechten Nacht. Sonst steht natürlich alles zum besten, danke der Nachfrage.

Eleganz, Stilsicherheit, Raffinesse, Formvollendetheit, Esprit, Gespür für Töne, Halb- und Zwischentöne, immer wieder mal auch eine Fingernagelbreite Distinktionsgewinn. Der gute Geschmack in Person, gewiss. Wäre da nicht der fatale Hang zu Zuckerwatten-Pop, Ö3-Massenware und peinlichen Lieblingsliedern, der erst vor wenigen Monaten etwa „Relax“ von Mika („Take it e-e-eaaaasy!“) auf die persönliche „Best Of“-Songkollektion des Jahres 2007 rutschen liess. Freunde, denen ich zu Weihnachten diese eine selbstgebrannte CD bescherte, erklärten mich für bescheuert. Überdreht. Und definitiv geschmacklos. Mir egal! Auch der scheele Blick der Freundin auf meinen Kleiderkasten. Egal. Der zwanglose Scherz des besten Freundes über den Erwin Pröll-Hairstyle, den ich mir (nicht ganz freiwillig) zugelegt habe. Egal. Denn: sogenannter schlechter Geschmack ist bisweilen die Ehrentracht der Avantgarde. Und objektiv sowieso nicht konstatierbar.

Der letzte Schrei, der heisse Scheiss, das It-Ding schlechthin – seien wir uns ehrlich (bad german language rules, OK!), meist umfängt uns bei näherer Betrachtung ein leises Schaudern, das von den Geschmacksknospen herrührt. Und eventuell Magenkrämpfe auslöst. Hirnsausen. Oder Schlimmeres. Man schlage nach bei Oscar Wilde: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“ Bin ich auch. In meinem egozentrischen Kosmos hoher und höchster Wertigkeiten rangieren Kitsch, Tand und Schund ganz oben. Weil sich in ihnen aufs Wunderbarste die Seele der Menschleins offenbart. Das war Ihnen jetzt zu pathetisch? Mir egal. „Abgeschmackt statt aufgesetzt“, lautet die Devise, und der Spruch reimt sich nicht mal.

Deswegen an dieser Stelle noch der freundschaftliche Fingerzeig, wie Sie mit nur drei Geschmackslosen in der Lotterie der Sub-Sub-Kultur zum sicheren Gewinner werden. Erstens: besorgen Sie sich Karl Weidingers (Anti-)Spass-Buch „Die schönsten Liebeslieder von Slipknot“, erschienen im Androkles Verlag. Zweitens: legen Sie mal wieder eine Rondo Veneziano-Schallplatte auf (eventuell auf den vorgeheizten Herd). Und, drittens, verzichten Sie keineswegs auf die regelmässige Konsultation von „Style-Päpsten“, die Ihnen in diversen Buntpapierheften begegnen. Halten Sie sich strikt an das Gegenteil der aufdringlichen Aufforderungen und geschäftstüchtigen Auslassungen. Denn: der Weg in die Hölle ist mit gutem Geschmack gepflastert.

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