Abgeschmackt

10. Mai 2008

Schlechter Geschmack? Ja, den hatte ich neulich auch, auf der gesamten gelblich-grauen Zungenbreite. Nach einer durchzechten Nacht. Sonst steht natürlich alles zum besten, danke der Nachfrage.

Eleganz, Stilsicherheit, Raffinesse, Formvollendetheit, Esprit, Gespür für Töne, Halb- und Zwischentöne, immer wieder mal auch eine Fingernagelbreite Distinktionsgewinn. Der gute Geschmack in Person, gewiss. Wäre da nicht der fatale Hang zu Zuckerwatten-Pop, Ö3-Massenware und peinlichen Lieblingsliedern, der erst vor wenigen Monaten etwa „Relax“ von Mika („Take it e-e-eaaaasy!“) auf die persönliche „Best Of“-Songkollektion des Jahres 2007 rutschen liess. Freunde, denen ich zu Weihnachten diese eine selbstgebrannte CD bescherte, erklärten mich für bescheuert. Überdreht. Und definitiv geschmacklos. Mir egal! Auch der scheele Blick der Freundin auf meinen Kleiderkasten. Egal. Der zwanglose Scherz des besten Freundes über den Erwin Pröll-Hairstyle, den ich mir (nicht ganz freiwillig) zugelegt habe. Egal. Denn: sogenannter schlechter Geschmack ist bisweilen die Ehrentracht der Avantgarde. Und objektiv sowieso nicht konstatierbar.

Der letzte Schrei, der heisse Scheiss, das It-Ding schlechthin – seien wir uns ehrlich (bad german language rules, OK!), meist umfängt uns bei näherer Betrachtung ein leises Schaudern, das von den Geschmacksknospen herrührt. Und eventuell Magenkrämpfe auslöst. Hirnsausen. Oder Schlimmeres. Man schlage nach bei Oscar Wilde: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“ Bin ich auch. In meinem egozentrischen Kosmos hoher und höchster Wertigkeiten rangieren Kitsch, Tand und Schund ganz oben. Weil sich in ihnen aufs Wunderbarste die Seele der Menschleins offenbart. Das war Ihnen jetzt zu pathetisch? Mir egal. „Abgeschmackt statt aufgesetzt“, lautet die Devise, und der Spruch reimt sich nicht mal.

Deswegen an dieser Stelle noch der freundschaftliche Fingerzeig, wie Sie mit nur drei Geschmackslosen in der Lotterie der Sub-Sub-Kultur zum sicheren Gewinner werden. Erstens: besorgen Sie sich Karl Weidingers (Anti-)Spass-Buch „Die schönsten Liebeslieder von Slipknot“, erschienen im Androkles Verlag. Zweitens: legen Sie mal wieder eine Rondo Veneziano-Schallplatte auf (eventuell auf den vorgeheizten Herd). Und, drittens, verzichten Sie keineswegs auf die regelmässige Konsultation von „Style-Päpsten“, die Ihnen in diversen Buntpapierheften begegnen. Halten Sie sich strikt an das Gegenteil der aufdringlichen Aufforderungen und geschäftstüchtigen Auslassungen. Denn: der Weg in die Hölle ist mit gutem Geschmack gepflastert.

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