Unerhört!

13. Juli 2008

Die Debatte um eine mögliche Quotenregelung für österreichische Musik im österreichischen Radio (vornehmlich dem öffentlich-rechtlichen, aber auch dem privaten) gewinnt an Tempo, Schärfe und Dynamik. Der ORF kann sich ihr im EU-Kontext nicht mehr – wie früher – entziehen. Eine Nachschärfung.

Einmal mehr sollte eine Diskussion beendet werden, bevor sie überhaupt noch begonnen hatte. „Wir werden uns nicht selbst verpflichten, Marktanteile zu verspielen, indem wir österreichische Lieder senden, die das Publikum nicht hören will“, verkündete der Kommunikationschef des ORF, Pius Strobl, Ende Juni im Wirtschaftsmagazin „Format“. Die Untermauerung dieses Standpunkts wenige Tage danach bei einer parlamentarischen Enquete zum Thema Musikstandort Österreich fiel aber eher kläglich aus. Dem ebenso erstaunlichen wie beschämenden Fakt, daß in keinem europäischen Land weniger lokale Klänge im lokalen Radio laufen als hierzulande, hatte auch Hörfunkdirektor Willy Mitsche wenig entgegenzusetzen.

Vor allem Sender wie Ö3 oder Radio Wien tun sich hörbar schwer damit, die im ORF-Gesetz als Auftrag formulierte „angemessene Berücksichtigung und Förderung der österreichischen künstlerischen und kreativen Produktion“ auch nur annähernd zu erfüllen. Der EU-Schnitt liegt bei vierzig (!), jener von Ö3 deutlich unter zehn (!) Prozent lokalem Musikanteil. Egal ob Pop, Rock, Jazz oder Elektro-G’stanzl: Urheber und Interpreten kämpfen im „Musikland“ Österreich mit einem eklatanten wirtschaftlichen, kulturellen und medienpolitischen Startnachteil.

Gäbe es nicht Falco selig, Christl Stürmer und eine Handvoll glanzpolierte „Neue Österreicher“, wäre das Hitradio eine Pop-Import-Agentur ohne regionalen Zungenschlag. Andere Töne? Neue Namen? Gar mal Dialekt oder Nicht-ganz-so-Stromlinienförmiges? Wollen die Leute nicht hören, winken die ORF-Verantwortlichen unisono ab. Alles von deutschen Beraterfirmen getestet! Und natürlich kann, will, darf Ö3 – als ORF-„Cashcow“ ein seltsames Zwitterwesen zwischen öffentlich-rechtlichem Sendungsbewußtsein und kommerziellem Reichweiten-Imperativ – kein Jota von seiner pseudowissenschaftlichen Erfolgsformel abweichen.

Warum aber die – an ein Trauma grenzende – Befürchtung besteht, daß heimische Klänge durch die Bank, quasi automatisch und mit absoluter Gewissheit die Hörer in Scharen vertreiben, hat noch keiner der Format-Wächter schlüssig erklärt. Unabhängige Umfragen bestätigen deutliches Publikumsinteresse. Das gewiss aktiviert werden will. Und kann. Nebenan, im Alternativ-Sektor, gibt es übrigens so viel spannende, vielfältige, hörenswerte Ö-Musik wie nie zuvor – eben (auch), weil FM4 ganz selbstverständlich (und mit Erfolg!) als Biotop, Spielfläche und (Nischen-)Plattform fungiert. Der Drang hin zu grösseren, chartsbestimmenderen Hörerkreisen lässt sich damit aber nicht durchgängig hintanhalten. Populärkultur zielt per definitionem auf Masse.

Der ORF sieht sich erstmals nicht einer ihren langjährigen Pfründen nachtrauernden Austropop-Altvorderen-Gemeinde gegenüber (so das denunziatorische Klischee ewigen Raunzertums, das der Küniglberg gern mal als Propaganda-Feindbild aushändigt), sondern einer selbstbewussten, medial und politisch versierten Kreativ-Generation. Das gibt dem Ruf nach Airplay (oder gar, hoppla!, nach einer Quote, wenn’s gar nicht anders geht) neues Gewicht. Ewiges Abwiegeln, Hinauszögern und Mauern seitens der ORF-Gewaltigen – die Privatradios agieren aber ähnlich defensiv – kommt da gar nicht gut.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und das ist bekanntlich ein Hit. In Zukunft immer öfter auch ein österreichischer.

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2 Antworten to “Unerhört!”

  1. Erich Krapfenbacher Says:

    Einmal mehr 100%ig zu unterschreiben! Hoffentlich wird sich bald was/wer bewegen; es wäre der Musiklandschaft in Österreich zu wünschen! Aufgrund langjähriger, vergeblicher Anläufe in dieser leidigen Angelegenheit neige ich jedoch zu Pessimismus – zumindest so lange, bis sich Grundlegendes ändert und vor allem die Verhinderer abgelöst werden. Die Herrschaften sind ja all die Jahre bestens mit ihrerBetonhaltung gefahren, wieso sollten sie sich ändern? Es ist doch viel einfacher und angenehmer, auf Nummer Sicher zu gehen und Altvertrautes im ORF-Wurlitzer herunterzuleiern; und die Privaten wissen auch nichts Besseres, als dem ORF hinterher zu spielen…
    Immerhin kann man feststellen, dass wir noch nie so weit wie jetzt waren – immerhin hat sich mittlerweile auch die IFPI als Vertretung der internationalen Konzerne zur Unterstützung der heimischen Musik aufgerafft, was früher in dieser Form nicht vorstellbar gewesen wäre (da war der Ruf nach der Quote in Industriekreisen streng verpönt!).
    Also: vielleicht wird das doch noch was!


  2. […] Sinnstiftung im Munde führen, nicht annähernd gerecht wird. Es ist seit Jahren immer dieselbe Geschichte. Um ehrlich zu sein: ich kann sie nicht mehr hören, ich will sie nicht mehr erzählen, ich bin es […]


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