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Wir spielen Leben

25. August 2008

„Ich spiele Leben“, sang Hansi Lang. Ein Trauerfall gibt Anlass, über einige Trauerfälle mehr nachzudenken.

Es ist ein trauriger Tag für die österreichische Musik- und Kulturszene, an dem ich diese paar Zeilen schreibe. Hansi Lang, einer der eigenwilligsten, kreativsten und wandelbarsten Musiker des Landes, hat ausgespielt. Ich bin geneigt, auch aus den Nachrufen der Politiker den Respekt herauszulesen, den man dem Künstler, aber auch dem Menschen tatsächlich entgegengebracht hat.

“In der Beschaulichkeit des österreichischen Kulturlebens hat Hansi Lang einen Kontrapunkt gesetzt, der aus heutiger Sicht in seiner Radikalität kaum noch nachvollziehbar ist”, meint etwa Kulturministerin Schmied. “Lang kopierte nicht nur internationale Entwicklungen, er versuchte sie mit den spezifischen österreichischen Erfahrungen zusammenzuführen. Daraus entstand eine genuine österreichische Variante der Populärkultur, die mit seinem Namen untrennbar in Verbindung bleibt”. Zitatende. Kollege Andreas Mailath-Pokorny bleibt den Stadtgrenzen verbunden: “Mit Hansi Lang verliert Wien einen großen Musiker und Künstler, der die Geschichte der Wiener Popmusik maßgeblich mitgeprägt hat und ein bedeutender Vertreter der Wiener Kulturszene in den letzen drei Jahrzehnten war“.

Wohl gesprochen, Frau Minister, Herr Kulturstadtrat. Zeitungen und Online-Foren füllten sich umgehend mit ähnlichen, bisweilen routinierten, oft aber auch sehr persönlichen Artikeln und Statements, die Radios des Landes – von Ö3 bis FM4, von Radio Wien bis zu den Privaten – lassen Langs in Liedform gegossene Szene-Parolen (“Keine Angst”) noch einmal auf Hochtouren rotieren. Wie heisst es, durchaus zutreffend: ein Künstler lebt in seinem Werk weiter. Falco, Georg Danzer, Joe Zawinul et al sind tatsächlich unvergessen. Hansi Lang ist ähnliches zu wünschen. Und zu prophezeihen.

Ein Satz aber rotiert in meinem Kopf, der mit den “spezifischen österreichischen Erfahrungen” und der “genuin österreichischen Variante der Populärkultur”. Hatte nicht Pius Strobl, der Kommunikations-Chef des ORF, ein paar Tage zuvor ähnlich nachdenklich-patriotisch getönt? “Wir machen in Österreich für Österreich österreichisches Programm”, wusste er bei einem Medien- und Technologie-Roundtable in Salzburg zu verkünden. “Davon wird unsere Identität geprägt”. Wohlan: wir sollten den Mann beim Wort nehmen. Gerade läuft – einmal mehr – eine intensive, im EU-Kontext nicht unsensible Debatte, was der öffentlich-rechtliche, (teils) gebührenfinanzierte österreichische Rundfunk für die Kultur dieses Landes leisten kann, soll, muss. Und wieweit er dem im ORF-Gesetz formulierten Programmauftrag tatsächlich nachkommt. Die Fakten, die zuletzt bei einer parlamentarischen Enquete zur Lage der “Kulturnation Österreich” im Juni zur Sprache kamen – Ministerin Schmied hat sie gewiss auf dem Schreibtisch – sind diesbezüglich unbefriedigend. Mehr als das: sie sind katastrophal.

Eine aktuelle Studie zur sozialen Lage der Kulturschaffenden dieses Landes spiegelt so nüchtern wie erschreckend die prekären Verhältnisse wieder, in der der Grossteil lebt. Und, wohlgemerkt, darunter sind nicht wenige prominente Namen und hochdekorierte Spitzenkräfte. Ein lokaler Autoren- und Interpretenanteil von teilweise deutlich unter zehn Prozent in Sendern wie Ö3 oder Radio Wien (das z.B. Hansi Lang im Monat vor seinem Tod genau zweimal gespielt hat) passt so gar nicht zum patriotischen Mäntelchen, das man sich flugs immer dann umzuhängen versucht, wenn es um das Kultur-Klima én gros und konkrete Künstler-Schicksale én detail geht.

Es wäre angemessen, nein, mehr als das, nämlich notwendig, klug und hoch an der Zeit, jene Stimmen wahr- und ernstzunehmen, die von den spezifischen Widrigkeiten des Künstlerdaseins in Österreich erzählen. Und von den Kalamitäten insbesondere im Dialog mit dem ORF (nachzulesen hier). Die wesentlichen Lebens-Mittel für zeitgenössische Künstler heissen Aufmerksamkeit, Spielflächen und Sendezeit. Nachrufe, Erinnerungssendungen und posthumes Airplay sind nobel und gerecht. Aber sie wiegen die Beschwichtigungen, Lippenbekenntnisse und Unaufgeschlossenheiten zu Lebzeiten selten auf. Zu selten. Die essentielle Leistung und existentielle Wirkungsmöglichkeit einer Medienorgel hat Hansi Lang in wenigen Songzeilen zusammengefasst: “Ich spiele mit der Zeit, ich hab genug davon. Ich spiele mit der Macht, wer will das schon. Ich spiele mit Musik, ich spiele jeden Ton, ich spiele Leben.“

In diesem Sinne: spiel’ mehr Leben, werter ORF! Und danke für jeden Ton, Hansi.

P.S.: Es soll es nicht unerwähnt bleiben: bei einem der letzten grossen Projekte Hansi Langs („Die Bucht von Wien“, siehe z.B. hier) hat Ö1 ganz grossartige Unterstützung geleistet, auch abseits der Scheinwerfer und Mikrofone.

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