Archive for September, 2008

iErlegende Wollmilchsau

21. September 2008

“Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran”. Sangen einst die NDW-Vorreiter Fehlfarben in einem zynischen Statement zur Weltlage. In punkto highfidelem Hörgenuss geht aber tatsächlich etwas weiter. Oder?

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, daß alles teurer wird, nur eines nicht, nämlich all die bunten Gimmicks, Gadgets und Gerätschaften, die der Fachhandel unter dem schnöden Überbegriff „Unterhaltungselektronik“ in die Auslage stellt?

Ich erinnere mich noch an Zeiten, da hat man sich monatelang die Nase plattgedrückt an ebendieser, um mit dem fernen Abglanz eines Dual-Plattenspielers, einer Kompaktanlage von Philips oder Hornyphon (nebstbei, der erotischste Firmenname eines österreichischen Herstellers aller Zeiten!) oder eines HiFi-Turms von Technics, Yamaha oder Pioneer authentischen Rock’n’Roll-Stereoklang im eigenen Jugendzimmer herbeizuimaginieren. Für ein durchschnittliches Teil des Elektronik-Stapels gingen locker ein paar Tausender drauf. Okay, Schillinge, aber die standen damals hoch im Kurs. Was mich, nebstbei, dazu brachte, etwa jenes High End-Tape Deck der exotischen Marke Sankyo (später: Onkyo), das ich anno 1978 in einem Laden am Wiener Gürtel erstand und das exakt die Entlohnung eines zweimonatigen Ferialjobs bei der Post verschlang, auch heute noch in Ehren zu halten. Dabei habe ich die letzte Compactassette wahrscheinlich im letzten Jahrtausend abgespult. Ich kann mich daran jedenfalls nicht mehr bewußt erinnern.

Heute ist der HiFi-Wahn – ein Virus, von dem eine ganze Generation vornehmlich männlicher Technik- und Musikliebhaber befallen war –, ein Hobby für alte Männer und juvenile Hardware-Fetischisten. Da zählen noch Wattstärken und Pfunde, armdicke Kabel und bedrohliche Lautsprecherkolosse. Die Software, sprich: das eigentliche Musikmaterial, war und ist dieser Klientel fast immer relativ egal, Hauptsache, es tönt irgendwie „beeindruckend“. Einmal habe ich für das „Diners Club Magazin“ (gibt’s das noch?) eine lange Story produziert, die Audio-Profis und ihre individuellen Hörapparaturen zum Thema hatte. Tatsächlich fand ich HiFi-Fanatiker mit selbstgebauten, kindersarggrossen Verstärkern, die mir das Alan Parsons Project (wer’s nicht kennt: ein müder Pink Floyd-Abklatsch) als das Höchste der Gefühle präsentierten. Und es klang nicht mal sonderlich „beeindruckend“, eher unsinnig aufgebläht, überpotent und effekthascherisch.

Womit wir wieder beim Thema wären. Tatsächlich lässt sich anno 2008 um einen Bruchteil der Kohle, die man über Jahre und Jahrzehnte für akzeptablen bis formidablen Musikgenuß hingelegt hat (ich spreche jetzt nicht von den Inhalten, sondern von der notwendigen Hardware), seinen Ohren Gutes tun. Mehr als das: exzellent lauschen. Und ich meine wirklich exzellent. Mein iPhone in Verbindung mit einem Kopfhörer von Bose kann mehr als das komplette HiFi-Rack von damals, und das trotz MP3-Datenreduktion. Die Spasswürfel am PC klingen auch nicht schlechter als der Plastik-Mickymaus-Plattenspieler, auf dem Sweet, Slade und Gary Glitter rotierten. Und seitdem sich elitäre Firmen wie B&W (ich sage nur: „Zeppelin“), Linn, Krell, Wadia , KEF oder T+A mit „Streaming Clients“ um digitale Musikarchive kümmern und iPod-Docks unter Spezialisten nicht mehr als leibhaftiges Teufelszeug gelten, brechen alle Schranken und Barrieren.

Pioneer präsentierte dieser Tage eine eierlegende Verstärker/Empfänger/Laufwerk-Wollmilchsau (mehr dazu hier), die Musik aus praktisch jeder Quelle schöpft und abspielt. Und das ist nur der Auftakt. Selbst von Allerweltsmarken wie Sony oder Philips, preiswerten Newcomern wie LG, Pro-Ject oder Teufel und PC-Ausrüstern wie Logitech kommen derzeit Innovationen am laufenden Band. Die Geräte sind Puzzlesteine zukünftiger Heim-Netzwerke, die die Musik und die Vielfalt und den Spass und die Bequemlichkeit und die Sammelleidenschaft wieder in den Vordergrund rücken. Fein.

Eine zentrale Rolle in diesem Szenario spielt zweifelsohne die Marke mit dem Apfel-Logo. Die hat das Wort „Computer“ vor nicht allzulanger Zeit aus dem Markennamen entfernt, mit gutem Grund. Apple ist längst zu einer Lifestyle- und Entertainment-Company mit IT-Background mutiert. Ich gehe nicht soweit wie die Analysten von Forrester, die meinen, bis 2013 hätte sich Apple „als dominierende Marke in den digitalen Heimen der Nutzer etabliert“. Aber gibt es heute noch irgendein halbwegs ernstzunehmendes Gerät, das einen iPod nicht andocken lässt? Und sind Steve Jobs und seine Mitstreiter mit iTunes, Apple TV und dem – mittlerweile einem in jedem durchschnittlichen Einkaufszentrum entgegenblinkenden – iPhone samt AppStore nicht schnurstracks auf dem Weg zur multimedialen Weltherrschaft?

Sagen wir so: die lassen nicht locker. Setzen ständig Akzente. Und schleppen die Meute hinter sich her. Ob die neuen iPod Nanos, die dieser Tage auch in Wien auf einer Pressekonferenz präsentiert wurden, jetzt in allen Regenbogenfarben erhältlich sind oder der iPod Touch nun zwei Millimeter dünner ist als sein Vorgänger, ist schnurzegal. Mir zumindest. Aber die Preisgestaltung (die Dinger werden, wie gesagt, immer billiger!) und der Marketing-Drive und die Botschaft permanenter Evolution und Innovation sind es nicht.

Ein kleiner Hinweis: probieren Sie die „Genius“-Funktion aus. Nomen est omen. Sie finden Sie auf den neuen iPods, aber auch in der iTunes-Software selbst, frisch implementiert in der Version 8 (wie immer steht ein Update gratis zum Download bereit, für Apple- und PC-User gleichermassen). Nicht, daß hier das Rad neu erfunden wurde – last.fm, Pandora und ähnliche Dienste setzen schon länger darauf, selbst der FM4-Soundpark hat derlei zu bieten – und daß damit jeder Feinspitz zufriedenzustellen wäre, aber Apple hat mit dieser vordergründigen Spielerei, die – so gewünscht – legér und unablässig Assoziationen und Vorschläge musikalischer Natur liefert, eine weitere Front eröffnet. Die Hersteller anderer MP3-Player, Handies und Wohnzimmer-Klangspringbrunnen werden nachziehen müssen. Und baldigst nachziehen.

Wenn jetzt noch die Kids und Nerds, die nebenan im Jugendzimmer vor dem Flachbildschirm und der Playstation hocken, HiFi-Qualitäten erleben und Hör-Tugenden erlernen (leichter und günstiger ging’s ja nie), dann mach’ ich mir um die Zukunftsmusik keine Sorgen.

Ach, wenn wir schon dabei sind, liebe Apple-Entwickler: die iTunes Store-Verkaufsbuttons lassen sich nicht mehr abschalten (oder finde ich nur den entsprechenden Eintrag nicht in irgendeinem Unter-Menü?) Das bitte wieder ändern, fällt nicht unter Fortschritt. Eher das Gegenteil.

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