Goldkehlchen

10. November 2008

Auf der Opernbühne wird gelitten, gestorben, gesungen wie eh und je. Hinter den Kulissen aber tobt ein gnadenloser Krieg um die Renditen der Gegenwart und Zukunft. Ein neuer, skrupelloser Management-Imperativ modelliert Künstlerkarrieren, diktiert Spielpläne, veranstaltet Mega-Spektakel und macht selbst vor klassischen Unvereinbarkeiten nicht halt. 

netrebko-souvenirs

Es gibt keine Ouvertüre zu „La Bohème“. Trotzdem versucht das Premierenpublikum von Robert Dornhelms filmischer Umsetzung des Klassik-Schmachtfetzens keineswegs, der aufdringlichen Nachfrage des „Hi Society“-Kamerateams mit dem simplen Hinweis auf genau diesen Umstand  zu entkommen. „Wie klingt die Ouvertüre zu „La Bohème“?“ Verschämtes Abwinken. Ratlose Seitenblicke. Ab und an ein leises Summen in Richtung TV-Mikrofon, haarscharf an einer nachvollziehbaren Stimm- und Melodieführung vorbeischrammend. Nun: man kann schwerlich beschreiben (oder gar besingen), was es nicht gibt.  Giacomo Puccini kam ohne Ouvertüre aus, er hatte die Oper als durchkomponierte dramatische Grossform in vier Bildern angelegt. Dornhelms Transfer des artifiziellen Groschenromans auf die Kinoleinwand („Ein Stummfilm mit Ton“, so ein diplomatischer Premieren-Gast) benötigt einige Kader mehr. Aber auch hier existiert natürlich kein dezidierter Auftakt, nur eine von Puccini zweckentfremdete orchestrale Einleitung. Das offenherzig ahnungslose Publikum klatscht final Applaus. Das PR-Team der MR-Film ist zufrieden. Letztlich geht es beim Millionenprojekt „La Bohème“ nicht um Klassik-Basiswissen. Sondern um Umsatzzahlen.

Willkommen im Club! Einem Club, dem Sie – frei nach Groucho Marx – niemals angehören wollten. Auch wenn Sie sich nicht betroffen fühlen: sie sind mittendrinnen. Im Pulk der vorgeblichen Klassik-Liebhaber, die die Kosenamen von Anna Netrebkos Nachwuchs auswendig wissen, aber nicht den Familiennamen des neuen Direktors der Wiener Staatsoper („Wie, Holender ist 2010 gar nicht mehr Chef?“). Der Fangemeinde von Elina Garanca und Cecilia Bartoli, die eher an einer optischen „dunkler Nougat/heller Nougat“-Geschmacksnote interessiert scheint als an einem seriösen Vergleich von Gesangsleistungen und Repertoirewahl. Der Kennerschar, die Jonas Kaufmann natürlich nicht, niemals!, mit Paul Potts verwechselt, aber insgeheim schon beider Highflyer-Halbwertszeiten absteckt wie vordem die Aktienkurse der EMI, Warner Music oder DEAG (als derlei noch in Mode war, lang lang ist’s her). Merke: there’s no business like showbusiness. Es soll ja Spötter geben, die die Inszenierungen hinter den Bühnenkulissen dieses Gewerbes anno 2008 für schicksalsträchtiger und spannungsgeladener halten als jene auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten. Solange sich aber ein Publikum in ausreichender Quantität einfindet (die individuelle Rezeptions-Qualität im Zuschauerparkett ist, wie gesagt, ein für Controller eher sekundärer Faktor), wird nichts und niemand die Hegemonie der Walter, Schalter und Verwalter des klassischen Kulturerbes in Frage stellen.

Auftritt Jeffrey Vanderveen. Der Mann gilt nicht gerade als zurückhaltender Impresario, eher schon als „Haifisch im Klassikteich“ („Die Welt“). Vanderveen ist Manager der Netrebko, aber auch von Elina Garanca, Thomas Hampson und ein paar anderen Pferdchen im Stall der neugegründeten Firma UMG (Universal Music Classical Artists Management & Productions). Zur Zeit hält er sich etwas im Hintergrund mit dem Strippenziehen, denn Art und Umfang seiner Tätigkeit sind Gegenstand eines Gerichtsprozesses. Der dreht sich schlichtweg um Macht, um Millionen und die bekanntesten Opernstars der Welt. Und die Geschichte dazu geht so: der Amerikaner Vanderveen, bis Mitte 2008 Vizepräsident der Künstleragentur IMG Artists, wechselte einfach den Arbeitgeber, gemeinsam mit den Kollegen Manfred Seipt und Tom Graham. Dieses Trio leitet nun UMG, ein smartes Business-Vehikel, mit dem der Weltkonzert Vivendi-Universal erstmals auch in das Agentur-, Management- und Veranstaltungsgeschäft einsteigt. Die Firma soll die Topstars der Klassiklabels Deutsche Grammophon, Decca und Philips vermarkten. Praktischerweise nahm Vanderveen gleich Goldkehlchen Netrebko mit. Tenor Rolando Villazón erwägt ebenfalls einen Wechsel. Eigentlich gilt derlei aber unter Gentlemen als unsauber bis unlauter, und Manager-Verträge für Top-Positionen halten für den Fall der Fälle penibelste Sperrfristen, Konkurrenz- und Ausschliessungsklauseln parat. Äusserst erbost reagierte verständlicherweise auch der Firmengründer der IMGA, Barrett Wissmann, der gegen Vanderveen & Co. Klage vor dem State Supreme Court in New York eingereicht hat. Zum Verfahren wird er so zitiert: „Manager wechseln ständig Firmen. Aber hier steht viel mehr auf dem Spiel. Der Prozess dreht sich um grundlegende Interessenskonflikte. Wer schützt in Zukunft die Künstler?“

Gute Frage. Nächste Frage. Denn Ziel der gefinkelten Operationen sind laut Universal-Klassik-Chef Christopher Roberts doch nur „grossartige Künstlerkarrieren, Live-Events und lang währende Marken“. Per Pressemitteilung fügte er noch mit mildem Understatement hinzu: „Das Team um Jeffrey ist ideal geeignet, um Stars anzuziehen oder neue einzigartige Talente zu erkennen.“ Nun: wer die Macht hat, braucht für Magnetismus nicht mehr zu sorgen. Vanderveens Pop-Strategien, die schon Anna Netrebko („In meinen Träumen singe ich nackt“) vom einfachen Mädel aus Krasnodar über gelegentliche Putzfrauendienste im Marinskij-Theater zum Shooting Star der Salzburger Festspiele gepusht haben, funktionieren in der anfänglich beschriebenen, absatzrelevanten Seitenblicke-Society blendend. 

Zum Image-Aufbau und -Transfer bedarf es noch der traditionellen, ungebrochen kultur- und qualitätsversessenen Opernhäuser und Festspiele und deren Intendanten. Noch, aber immer weniger. Die Alteingesessenen schafften es immerhin, sich untereinander zu koordinieren und den Anlauf der UMG, das Geschäft in den Klammergriff zu bekommen und die Gagen der Top-Stars quasi im Alleingang bestimmen zu können, abzublocken. Auch das grossherzige Angebot, Sänger-/innen, Regisseure, Dirigenten zu Rundum-sorglos-Paketen zu schnüren und en gros anzubieten, wurde kühl abgewunken. Vanderveen und seine Mitstreiter wechseln damit tendenziell auf ein anderes Spielfeld: CDs, DVDs, Merchandising- und Devotionalienramsch, Kinofilme (wie eben „La Bohème“) und vor allem gross aufgezogene Live-Megaspektakel samt TV- und Internet-Auswertung sollen den Rubel stärker rollen lassen denn je. Vom kalifornischen Napa Valley über Abu Dhabi bis Singapur reicht das Roll-Out der Fliessband-Events, 15 bis 20 Prozent Vermittlungsgebühren wandern – unter Vermeidung von Zwischenhändlern – direkt in die UMG-Kasse, die auch von den Kartenverkäufen profitiert. Wenn aber die Rollen des Spielplangestalters und Veranstalters, der kommerziellen Rechteauswertung und jene des Künstlermanagements in einer Hand liegen, liegt das Erpressungspotential in der anderen. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.

IMGA-Gründer Wissmann, selbst kein Waisenkind, hat flott reagiert und einen gewissen Jack Mastroianni als Nachfolger von Jeffrey Vanderveen engagiert. Der Mann mit dem südländisch klingenden Namen gilt ebenfalls als „scharfer Beisser im Haifischbecken“ („Die Welt“). Einst machte er sich als Manager von Cecilia Bartoli selbstständig. Mittlerweile kommt die Sopranistin ohne ihn aus. Die Gagen kassiert sie nun auf eigene Rechnung. 

(FESTSPIEL MAGAZIN)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: