Das grosse Das-Gras-Wachsen-Hören

14. November 2008

Wo einst bloß uniforme Charts-Helden regierten, erblühen nun charmanter Neo-Folk, abgründige Emotionen und kleinteilige Business-Strukturen: Österreichs Musikszene erfindet sich gegenwärtig neu – und sucht den Weg von der Nische in den (alternativen) Mainstream.

 marilies_jagsch

Wenn es in diesem Business – fernab ästhetischer Detail-Debatten in Insider-Zirkeln – letztlich nur um Verkaufszahlen und Besucherquantitäten, um zähl- und messbare Erfolge ginge, müsste man mit den neuen Helden des österreichischen Pop-Mainstreams glatt Mitleid haben. Auftritt: Cardiac Move. Nie gehört? Es handelt sich immerhin um die diesjährigen Gewinner des „Ö3 Soundchecks”, des grössten Bandwettbewerbs des Landes. Gesucht wurden, wohl in bewusstem Kontrast zu reinen Klon-Maschinerien wie „Starmania”, „echte Bands, die besten Musiker, Sänger und Songwriter mit eigenen Songs” (ORF-Presseaussendung). Gefolgt waren dem löblichen Unterfangen über sechshundert Nachwuchskräfte, erkoren wurden Jonny, Manu, Emi und Kari aus Salzburg. Alias Cardiac Move. Ihre dem Oeuvre der britischen Top-Stars Coldplay spektakulär nachempfundene Hymne „Running In Your Mind” fand via Ö3-Wecker umgehend ein Millionenpublikum und erscheint noch im November beim Major Sony Music. Allein: auf MySpace,  einem der Tummelplätze der potenziellen Käuferschicht, gratulierten der hoffnungsfrohen Combo gerade mal eine Handvoll Freunde. Und „Friends” sind mittlerweile die harte Währung des Musikgeschäfts, Version 2.0. Wer in diesem Internet-Forum auf nicht mehr als 4900 deklarierte Anhänger kommt, bloß 35.000 Profil-Aufrufe vorweisen kann und keine zweieinhalbtausend Hörer findet, die sich per Stream den kalkulierten Charts-Anwärter („Wir machen keine Hits, wir spielen sie”, so Ö3-Musikchef Alfred Rosenauer) vorab zu Gemüte führen mochten, läuft Gefahr, sich alsbald in der tiefen Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wiederzufinden.

Schnitt. Von den Rändern her, keine zwei Mausklicks entfernt, kriecht, zunächst ganz leise, ein Klaviermotiv in Richtung Gehörgänge. Eine schlichte Akkordzerlegung, mollig-dunkel, elegisch, voll Spieldosen-Dramatik. Dann setzt eine Stimme ein, deren anfängliche Zurückhaltung und Zerbrechlichkeit einer immer grösseren Bestimmtheit weicht. Ehe die Sängerin – und mit ihr der Hörer – sich final und wollüstig dem Pathos ergibt, ist der Spuk auch schon vorbei. „The Sun”, zu finden auf der „MySpace”-Seite von Anja Plaschg alias Soap&Skin, nennt sich das erste reguläre Lebenszeichen der jungen steirischen Sängerin. Das doch – kontrastierend zum Titel – reichlich düstere Stück wollten bislang zwanzigmal soviele entdeckungsfreudige Fans hören wie den zukünftigen Ö3-Hit. Mit knapp einer halben Million Profil-Aufrufen und einer nicht endenwollenden Mitteilungsflut enthusiasmierter Adoranten („Ich brenne für diese Musik!”) ist Soap&Skin kein Geheimtipp der FM4-Szene mehr. Auch im Ausland hat man die Story vom Wunderkind und „nächsten großen Ding” schon antizipiert. Gerade wurde ein Vertrag mit dem weltweit operierenden Indie-Label PIAS unterzeichnet, die deutsche Musikpresse und Kunst-Klientel scharrt in den Startlöchern.

Ob Plaschg, die als Vorbilder Pop-Ikonen wie Björk, Nico, Cat Power, aber auch Namen wie Aphex Twin, Xiu Xiu, Sergej Rachmaninov oder Arvo Pärt nennt, solche Erwartungen erfüllen kann, bleibt angesichts der erstaunlichen Ernsthaftigkeit und Reife ihres künstlerischen Egos zweitrangig. Den zartbitteren Edelkitsch der Piano-Etüden konterkariert sie gern mit einem Elektronikinferno, das samplingtechnisch unter anderem auf der Geräuschkulisse der ländlichen Schweinezucht der Eltern basiert. Eine Diamanda Galas für die eskapistischen Tendenzen der – Copyright Wolfgang Lorenz – „Scheiss Internet”-Generation? Nein, meint Soap&Skin-Mentor Fritz Ostermayer, der den Werdegang der Künstlerin seit einer frühen Eloge in seiner Radiosendung „Im Sumpf” verfolgt. „Mit pubertärer Depro-Seligkeit hat das nichts zu tun. Wenn Soap&Skin ein Stück dem Kinderzimmertod widmet, dann trägt sie die Erfahrung des beschädigten Lebens in sich, dann ist das kein Kokettieren mit den melancholischen Säften der Adoleszenz.” Die Wirkung auf das Zielpublikum dürfte das Seriositätssiegel aber keineswegs schmälern.

Der Hang zu Weltschmerz, Fluchten in imaginierte Fernen und latente Melancholie ist aber auch anderen Szenegrößen nicht fremd. Mit „Black Air” legen diese Woche etwa A Life, A Song, A Cigarette ihr zweites Album vor. Lassen wir die – letztlich kindische – Erbsenzählerei um „MySpace”-Freunde, Airplay und CD-Verkaufszahlen beiseite. Die Gruppe, die der Wiener Sänger, Texter und Gitarrist Stephan Stanzel zusammengetrommelt hat, sorgt ebenfalls seit einiger Zeit für Aufhorchen. „Unbeirrbar” nennt der Liedermacher und Schriftsteller Ernst Molden, das Epizentrum einer wachsenden lokalen Singer-/Songwriter-Szene, den Drang von A Life, A Song, A Cigarette, Töne und Texte zu schaffen, „die ihre Unschuld verloren haben, ohne deshalb auf die Seite der Verlogenen gewechselt zu sein”. Die trefflichste Schublade für die Genre-Zuordnung von Stanzel, Plaschg & Co. ergibt sich somit quasi von selbst: Adult Pop. Puristen werden jede Menge Neo-Folk orten, Americana und europäisches Kunstlied, Post-Punk, Vaudeville, Spurenelemente von Dylan bis Conor Oberst, den Hang zu Graswurzelforschung, ausgefranstem Dandytum und hippieskem Neobiedermeier. Bisweilen wohl auch Epigonales. Doch die Unverdorbenheit und Konsequenz, mit der eine ganz neue Generation hier versucht, eine eigene Spur und Sprache zu finden, ist erstaunlich. In den besten Momenten wird sie fündig, und die Momente werden mehr und ausdauernder.

In einem Atemzug mit A Life, A Song, A Cigarette zu nennen wäre eine ganze Armada begabter (und in der Mehrzahl keineswegs mehr unbekannter) heimischer Aktivisten: allen voran die Niederösterreicherin Clara Humpel, mit ihrer Band Clara Luzia „mittlerweile so ziemlich das Beste, was an Folk europaweit zu hören ist”, um das deutsche Magazin „Intro” zu zitieren. Gleich hinterdrein Marilies Jagsch, Son Of The Velvet Rat, Chris Gelbmann, Mika Vember, Lonely Drifter Karen, Chris & The Other Girls, Paper Bird, wemakemusic*, Agnes Milewski, Axel Wolph, Ben Martin, Fuzzman, Esteban’s, Violetta Parisini, Bernhard Eder. Sogar die szeneweit populäre Protest-Poetin Gustav wurde und wird gern im Umfeld verortet. Mit der alten Austropop-Historie hat diese gewiss inhomogene Kreativgemeinde so wenig am Hut wie mit dem allmählich abgestandenen Vienna Electronic-Hype der neunziger Jahre rund um die Säulenheiligen Kruder & Dorfmeister. Bricht sich hier, spät, aber doch, die Welle der Nuller-Jahre Bahn?

„Von einer neuen Wiener Schule würde ich nicht reden, aber man hat eine sehr feine, stilvolle Art gefunden, mit einer wichtigen internationalen Strömung umzugehen”, meint dazu der ORF-Journalist Klaus Totzler. In seiner spärlichen Freizeit hat der ehemalige Discjockey ein dezidiertes Biotop für die jungen, zarten Pflänzchen der Musiklandschaft geschaffen: die Vienna Songwriting Association, kurz VSA. Neben liebevoll betreuten Einzel-Gigs kann der Verein mit dem „Bluebird Festival” (heuer von 20. bis 22.11. im Wiener Porgy & Bess) mittlerweile einen Dauerbrenner im Konzertkalender vorweisen, wo sich heimische Kräfte mit internationalen Größen und Neuentdeckungen messen. „Das alte Star-Modell ist ein wenig brüchig geworden”, so Totzler, „aber in einer ironischen, alternativen Spielart bleibt es natürlich bestehen – auch wenn wir mittlerweile am elektronischen Lagerfeuer sitzen”.

Letztlich spiegelt die rührige, aber allmählich Früchte tragende, mehr ehrenamtlich denn kommerziell orientierte Tätigkeit des VSA den radikalen Paradigmenwechsel der Musikbranche wider. Man arbeitet mit Do-it-yourself-Pragmatik, kleinteiligen Strukturen und inhaltlichem Anspruch. „Das Cherry-Picking, also die Konzentration der Konsumenten auf wenige Songs, die sie billig oder gratis aus dem Netz herunterladen, ist einer der wesentlichen Faktoren für den Untergang der Musikindustrie, wie wir sie bislang kannten”, merkt dazu der Kulturtheoretiker und Medienfuturist Gerd Leonhard („Music 2.0”) an. „Konsistente Qualität und Originalität bieten die Chance, gegenzusteuern. Und natürlich bringt das World Wide Web ganz neue Möglichkeiten mit sich, ein Publikum zu finden und direkt zu adressieren. Das Konzept von massenkompatiblen Hits verliert an Bedeutung, die Zukunft findet in der Nische statt”, weiß Leonhard.

Tatsächlich konzentrieren sich die wenigen verbliebenen Major-Firmen mittlerweile fast zur Gänze auf „Starmania”-Phänomene und setzen ungebrochen  auf die alten medialen Durchlauferhitzer á la Ö3. Die wesentlichen ideellen Investoren mit Weltanschluss tragen jedoch Namen wie Asinella, Couch, Wohnzimmer, Siluh, Schönwetter oder Buntspecht. Selbstausbeutung ist bei diesen Labels nur am Rande ein Thema. „Noch fressen wir das Gras, das andere wachsen hören”, so Buntspecht-Label-Betreiber Chris Gelbmann. Früher betreute der nunmehrige Songwriter als sogenannter A&R-Manager heimische Pop-Größen wie Christina Stürmer oder André Heller. Heute zieht er im tiefsten Waldviertel eigenes Gemüse: karg, aber selbstbestimmt. „Es schmeckt einfach besser. Bleibt die Hoffnung, daß der Nährwert zu mehr reicht als zum bloßen Überleben.” 

(profil 39/2008)

Advertisements

3 Antworten to “Das grosse Das-Gras-Wachsen-Hören”


  1. […] eines oder mehrerer Netzwerke) Walter Gröbchen schreibt Kluges im heutigen Profil und auf seinem Blog zur österreichischen Musikszene. Er beschreibt die Vielzahl an spannenden Künstlern, die fernab von Ö3 und Starmania aus […]

  2. Peter Oberhofer Says:

    Trefflicher Artikel. Kann es sein, dassCardiac Move nur 1 (!) Woche in den O3Charts waren, und da nicht mal unter den Top Ten?


  3. […] ein famoses Retro-Rock-Album hingelegt haben), Cama, The Whazz oder Leo Aberer kennt kaum jemand. Cardiac Move, die Gewinner des letztjährigen „Ö3-Soundcheck“, verschwanden alsbald wieder in der […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: