Scheiss-Internet, revisited

20. Januar 2009

Was ist los mit den Gurus, Vordenkern und Experten der heimischen Medienszene? Nicht wenige üben sich in angewandtem Kulturpessimismus und aggressivem Internet-Bashing. Ein irritierendes Zeichen zur Zeit.

scheiss-internet

Es war ein Sturm im Wasserglas, gewiss, aber die Reaktion darauf deutlich. Und womit? Mit Recht. Denn alles nur auf ein absichtsvolles Momentum der Provokation zurückführen zu wollen, greift leider zu kurz. Wir erinnern uns: bei einer Podiumsdiskussion beim Grazer “Elevate”-Festival im November 2008 sorgte ORF-Programmchef Wolfgang Lorenz für Aufhorchen, als er vom “Scheiss-Internet” sprach und davon, daß sich eine ganze Generation in den Weiten des World Wide Web “verkrümle”. Lorenz wurde im Lauf der hitzigen Diskussion nicht müde zu betonen, daß er von neuen Medien wenig Ahnung hat. Im Gegenteil. Es sei “ihm scheissegal, was drinnen steht und was Jugendliche darin machen”. Gesellschaftspolitisches Gewicht hätte derlei Firlefanz eher nicht. Und so weiter. Und so fort. Die Frage bleibt: kanalisiert sich so der Frust über den ungebremsten Relevanz-Verlust des Fernsehens in der Zielgruppe 10 – 45? Handelte es sich bei den Statements um launige Sticheleien, um die „Digital Natives“ aus der Reserve zu locken? Oder stecken hinter diesem Ausbruch ein signifikanter “Hinter mir die Sintflut”-Zynismus, ungebremste Scheuklappen-Mentalität, ein latenter (oder ganz realer) Generationenkonflikt?

Das dumpfe Bedrohungsszenario Internet scheint dieser Tage ja fröhliche Urständ’ zu feiern. Schwerpunktmässig bei den
Leithammeln der Old School-Medien (um das mal so flapsig zu formulieren). So hat etwa ORF-Kollege Franz Manola, der den einen als origineller Querdenker, anderen als manische “unguided missile” gilt, in einem bemerkenswerten Beitrag im “Standard” folgende – ungrob dem Kontext entrissene – Thesen aufgestellt: “In unserem medialen Alltag hat sich in den letzten zwanzig Jahren nicht furchtbar viel verändert”… “Der Fernseh-/Radio-Komplex ist 2008 real das unbestrittene Primär- und Leitmedium, vielleicht mehr denn je”… “Als Medienexperte kann nur einer anerkannt sein, der die Medienrealität ausblendet und träumt”. Vom Web 2.0, 3.0 et al nämlich, von User Generated Content, von Google, YouTube und Wikipedia, Twitter und Facebook, von der New Media-Medienmacht. Alles Papperlapapp. Zumindest im Vergleich zum Fernseh-/Radio-Komplex. Zumindest aus der Warte des ORF-Chefdenkers.

Nun könnte man den bilderstürmerischen Rundumschlag – vor allem die pauschale Herabwürdigung kontroversiell
argumentierender Medienexperten zu “Träumern” – natürlich leichterhand gegen seinen Urheber wenden. Der gute Mann (der immerhin ORF.ON zu dem gemacht hat, was es heute ist) versucht sich in Vorwärtsverteidigung, wo der Rest der Küniglberg-Truppe ein verzweifeltes Rückzugsgefecht führt. HDTV muss her, damit die strahlend helle TV-Zukunft noch feinpixeliger, schärfer und strahlkräftiger wird! Um jeden Preis. Scheiss’ auf non-lineare Medien (hochauflösende Bilder kann selbstverständlich auch das Web transportieren), spuck’ auf diesen Hort des billig zusammengeschusterten “contents” (den selbstverständlich zuvorderst die herkömmlichen Medien in ihren Online-Extensions produzieren, nicht zuletzt der ORF – man werfe einen Blick z.B. hierher), der Niveau-, Zügel- und Regelllosigkeit und galoppierenden Anarchie. Eventuell wird’s ja auch wieder besser, aber vorerst wurde und wird alles schlechter. Und so weiter. Und so fort. Sorry: ist es nicht extrem irritierend, dass sogar ein ausgewiesener Web-Flüsterer wie Manola so polemisch, durchsichtig und realitätsfern in das Geschrei der Kulturpessimisten einstimmt?

Aber vielleicht ist derlei auch nur gewollt origineller Mainstream-Antagonismus. Reich-Ranicki, umgelegt auf neuere Medien als das Fernsehen? Postpubertäre Pose? Oder schlichtweg der Versuch, These, Anti-These und Synthese in einer Person zu vereinen (und damit überhaupt unangreifbar zu sein). Aber wozu? Und für welches Publikum? Manola, der gewiss meint, von der Blogosphäre über Ö3 neu bis FM4 so allerhand (um nicht zu schreiben: so ziemlich alles) (mit)erfunden zu haben, lässt als dialektischer Missionar in eigener Sache ja auch Sätze wie diese vom Stapel: „Von allen Medien dieser Welt ist mir Radio zeitlebens fremd. Ich weiß nicht, warum Menschen Radio hören“ („Der Standard“, 29.10.2008). Eventuell geriert sich Mister Egghead demnächst aber auch, who knows, als entrückter Eremit, der noch nie etwas mit Medien zu tun hatte, aktuell zu tun hat und jemals zu tun haben wird. Abgesehen davon, dass er ihre Existenz determiniert.

Im aktuellen Triptychon der Lordsiegelbewahrer findet sich – zu meiner persönlichen Überraschung, ich gesteh’s – auch
“Falter”-Herausgeber Armin Thurnher. “Warum ich mich weigere, das Internet wirklich ernst zu nehmen” titelte er dieser Tage eine Polemik – leider nicht nachzulesen auf der auch sonst eher kargen „Falter“-Website – wider das dunkle Universum voll von “Elektromänaden, egomanischen Ich-AGs der Blogosphäre, hemmungslosen Dienstleistern (von Pornoindustrie bis Glücksspiel) und Massen von habituellen Selbstvermummern“. Auch hier blieb das grosse Kopfschütteln nicht lange aus. Zwischen Beobachtungen und Erkenntnissen, die gewiss diskussionswürdig sind (und auch intensiv diskutiert werden, z.B. hier, hier, hier, hier, hier oder, von wegen Anonymitätsdebatte, hier), und einer ansatzweise hysterischen, ressentimentgeladenen, rückwärtsgewandten Suada liegen Abgründe. Seltsam, was sich hier auftut.

Die Quantität und Qualität der Stimmen und Gegenstimmen – mir fiel etwa ein trefflicher Leserbrief (ja, das gibt’s noch!) des ORF ON-Redakteurs Gerald Heidegger auf; noch ist nicht aller Tage Abend am Küniglberg – wird den Diskurs voranbringen. Oder auch nicht. Die “Artikulationsmaschine” Internet sei, so Heidegger, vor allem ein Anlass für altgediente Medienmacher, über die eigene Medienbefindlichkeit und den publizistischen Grundauftrag neu nachzudenken. D’accord. Wer sich dem verweigert, läuft Gefahr, sich tolldreist selbst ins Out zu manövrieren. Und von der “Scheiss- Internet”-Generation ungerührt links liegen gelassen zu werden.

Und womit? Mit Recht.

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5 Antworten to “Scheiss-Internet, revisited”


  1. […] an den Beginn von Thurnhers Kolumne gerückter – zutreffender: bloß erwähnter, aber hier leicht nachzulesender Kommentar „von anno Schnee“ ist keine zehn Monate alt. Und […]


  2. […] erinnern uns: Wolfgang Lorenz, Egghead der ORF-Unterhaltung, wurde symbolisch abgewatscht, weil er der Jugend empfahl, sich gefälligst nicht „im Scheiss-Internet zu verkriechen“, wolle […]


  3. […] erinnern uns: Wolfgang Lorenz, Egghead der ORF-Unterhaltung, wurde symbolisch abgewatscht, weil er der Jugend empfahl, sich gefälligst nicht „im Scheiss-Internet zu verkriechen“, wolle […]


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