Die Gegenwart der Zukunft der Vergangenheit

22. März 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (2) Fazit einer spontanen „sentimental journey“: alles wird teurer, nur die schöne, ewig neue Welt der Unterhaltungselektronik nicht.

Hobby Titelseite

Ich habe ein seltsames Hobby. Ich lese gern die Zeitung von gestern. Im Ernst: in alten, bisweilen gar vergilbten Gazetten, Magazinen, Zeitschriften zu blättern – also etwas, das schon sprichwörtlich widersinnig ist – macht mir tierisch Freude. Weil es so wunderbar vorführt, wie rasch die Gegenwart zur Vergangenheit wird. Und wie sehr Journalisten und von ihnen befragte Experten, Politiker und sonstige Visionäre oft daneben liegen. Oder, um es mit Karl Valentin zu sagen: „Die Zukunft war früher auch besser“.

Das stimmt, ist aber nur bedingt wahr. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, daß alles teurer wird, nur eines nicht, nämlich all die bunten Gimmicks, Gadgets und Gerätschaften, die der Fachhandel unter dem schnöden Überbegriff „Unterhaltungselektronik“ führt? Tatsächlich kann man mit formidablen High Tech-Krücken heute besser hören, sehen und die Realität festhalten, gestalten und geniessen denn je. Und das zu Preisen, die vor einiger Zeit noch ins Reich der Phantasie verwiesen worden wären. Beispiele gefällig?

Vor mir liegt, wahllos herausgegriffen, eine Ausgabe der Zeitschrift „Digital World“ (ja, die gibt’s auch heute noch!), Untertitel „Technik, die Spass macht“, erschienen zum Jahreswechsel 2003/2004. Also knapp fünf Jahre alt, das Heft. Herrlich! Da wird einem z.B. eine stattliche Spiegelreflex-Kamera von Nikon, Modell D-2H, nahegebracht. Auflösung 4,1 Megapixel zum Preis von 4000 Euro. Bei der rasanten Entwicklung der Sparte sehe ich Profis weinen ob der Summen, die in Geräte investiert wurden, die innert Monaten veralteten. 17 Zoll-Computermonitore für 700 Euro. DV-Camcorder mit „ordentlicher Bildqualität“, 1900 Euro. Frühe, klobige MP3-Player. Ein Überblick über gängige Speicherkarten – eine Ein-Gigabyte-Compact Flash-Card kostete sage und schreibe 300 (!) Euro. Eine SD-Card mit gleicher Kapazität nochmals einen Fünfziger mehr.

Schliesslich wird mit dem P-800 von Sony-Ericsson einer der ersten Personal Digital Assistants angepriesen, nicht UMTS-fähig und mit 16 MB Speicher wohlfeil zum „Strassenpreis“ von 800 Euro. Man konnte damit immerhin telefonieren. Dass ein paar Seiten weiter dann ein grosser Artikel zum Thema „Nepp per Handy und Internet“ zu finden ist, ist da vergleichsweise tröstlich. Manche Dinge ändern sich nie.

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