Die rettende Krise

23. März 2009

„Crisis? What Crisis?“ sangen einst Supertramp, und das Album-Cover mit dem lächelnden Liegestuhlbenutzer unter dem bunten Sonnenschirm wurde zum Sinnbild offensiver Ignoranz. Aber hat der Mann nicht eventuell recht?

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„Ich verstehe gar nicht, wieso Menschen Angst vor neuen Ideen haben; ich habe Angst vor den alten.“ (John Cage)

Dieser Tage mach’ ich mich gern bei Symposien, Buchvorstellungen, Podiumsdiskussionen und öffentlichen Gesprächsrunden wichtig. Nicht, weil mich die Eitelkeit treibt, zuviel Tagesfreizeit oder eine akute Loggorhoe. Oder gar der Umstand, daß ich mich generell gern zum Affen mache. Aber als selbstständiger Unternehmer ist man natürlich von der Konjunktur abhängig. Und die Realwirtschaft, das sogenannte „Musikbusiness“, läuft bekanntermaßen lau. Aber auch nicht lauer als, sagen wir, vor zwei, drei Jahren. Trotz des allgemeinen „Krise, Krise!“-Geschreis und selffulfilling prophecy-Katzenjammers. Unsereins, gebe ich bei Gelegenheit gern zu Protokoll, ist die Krise ja gewöhnt. Eine Branche, die sich seit dem Jahr 2000 quasi halbiert hat, hat die Katastrophe längst zum Normalzustand erhoben. Und lernt vielleicht eher als alle anderen, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Quasi als Avantgarde des Digitalzeitalters.

Oder auch nicht: dann geht sie mit Pauken und Trompeten unter. Das Bild der „Titanic“-Bordkapelle, die todesmutig (oder schicksalsergeben, ganz nach Geschmack) weiter aufspielte, als das Schiff schon mächtig Schräglage hatte, kommt einem in den Sinn. Nun könnte man natürlich ziemlich zynisch werden: die Journalisten, Kollegen und Privatexperten, die jahrelang meinten, die urböse Musikindustrie hätte schlichtweg alles verschlafen, verbockt und verneint und wäre somit selbst schuld an ihrem Untergang, sitzen – oho! – im selben Boot. Old School-Medien, Filmwirtschaft, Copyright-Owner, Software- und Content-Produzenten und all die Dienstleister und Händler rundherum, sie laufen gerade im Eilschritt in grellbunten Rettungswesten Richtung Oberdeck. Und klappern und knirschen mächtig mit den Zähnen, allesamt. Panik auf der Titanic. Alles klar auf der Andrea Doria?

Über diesen Business-Status Quo zu schreiben, zu reden oder auch nur öffentlich nachzudenken, bringt derzeit mehr als das Business selbst. Und zwar in harter Währung (für deren Härte ich aber langfristig auch nicht meine Hand ins Feuer legen würde). Okay, werden Sie einwenden, das sei aber schon ein sehr spezieller Ausweg, ein kurioser Notausgang aus der Krise! Schließlich könne nicht jede(r), der/die in der Bredouille sitze oder gar schon auf der AMS-Wartebank, daraus einen Schicksalsroman machen. Arbeitstitel: „Das Um und Auf des Auf und Ab“. Oder eine Vorabend-TV-Serie. Oder auch nur ein Thema für ein Provinz-Symposion. Richtig!, wage ich einzuwenden. Aber arbeiten wir nicht alle in der sogenannten Kreativindustrie?

Dieser Tage las’ ich in der neuen, inhaltlich prallen und unternehmerisch mutigen (und am Rand auch von mir mit Buchstaben befüllten) „Presse am Sonntag“ ein Interview mit dem Autor Wolf Lotter. Der Exil-Österreicher zählt zu den Gründern des Neo-Entrepreneur-Zentralorgans „brand eins“. Und damit zu den Vordenkern der „kreativen Revolution“ – so auch der Titel seines aktuellen Buches, das im Murmann Verlag erschienen ist und u.a. Beiträge von Matthias Horx, Dieter Gorny und einigen weiteren Thinktank-Routiniers enthält. Lotter stellt da einiges in den Raum, das den bärtigen Kapitänen, die bislang auf der Brücke standen, gar nicht gefallen wird. Und die Lotsen eines neuen „Creative Industries“-Kurses rasch hellhörig machen sollte. Beispiel gefällig? „Das größte Problem ist, daß die Kreativwirtschaft noch in der Kultur- und Kunstszene feststeckt. Die hat sich angewöhnt, jede ökonomische Haltung zu verweigern und sich der Heimeligkeit und Selbsttäuschung hinzugeben. Der Künstler hat sich zu einem Pausenclown entwickelt. Die Kreativen sitzen wie Hofnarren in Seifenblasen fest. Jetzt müssen sie sich in Prozesse integrieren, die was bringen. (…) Die Lösung heißt schlicht und einfach Beweglichkeit.“

Anders ausgedrückt: die Krise ist eine Chance. Eigentlich ist sie mehr als das: die einzige Chance. Die Voraussetzung nämlich dafür, daß sich wirklich etwas ändert, daß radikal neue Ideen entstehen und radikal andere Wege beschritten werden. Denn es gelten ungebrochen ein paar eherne Regeln. Erstens: die Zitrone wird immer solange gepresst, wie sie noch Saft hergibt. Zweitens: der Leidensdruck ist (noch) zu gering. Drittens: erst wenn es wirklich ans Eingemachte geht und kein Tropfen mehr fliesst außer der (Angst-)Schweiß von der Stirn, verlässt man die üblichen Routinen, Routen und Trampelpfade. Gezwungenermaßen eventuell auch die fetten Positionen und Posten, „wohlerworbenen Rechte“, Allgemeinplätze samt ihren potjemkinschen Fassaden und vermeintlichen Wohlstands-Schlupfwinkel mit Renditegarantie. Gut so!, sagt Lotter. Sage auch ich. Denn daß es so nicht weitergeht, nicht ewig weitergehen konnte, liegt auf der Hand. Und wenn die Autoindustrie erst sterben muß, um draufzukommen, daß Zweieinhalb-Tonnen-Blech/Benzin-Karren im Jahr 2009 ein Sinnbild für saurierhafte Blödheit sind, dann möge sie sterben (die ratlosen Verschrottungsprämien der Politik werden das nicht verhindern). Und wenn die Musikindustrie darauf beharrt, daß die Welt eine Scheibe ist, und der ORF, daß fünf Prozent Zuschlag zu relativ sehr wenig schon eine tolle Leistung, und der p.t. Konsument darauf, daß gefälligst alles gratis zu sein hat etc. usw. usf., ja dann habt noch ein paar schöne Stunden (es können auch Jährchen sein, aber nicht allzuviele), bevors endgültig ab auf den Schrotthaufen der Geschichte geht.

„The revolution will not be televised“, wie uns schon Gil Scott Heron sang. Und ich würde nicht darauf setzen wollen, mit dem Schreiben eines Drehbuchs, einer Grabrede oder auch nur eines kurzen Blogbuch-Eintrags inmitten rauchender Trümmer und einstürzender Altbauten mein Brot zu verdienen. Eventuell wird mir aber nichts anderes übrigbleiben.

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5 Antworten to “Die rettende Krise”


  1. […] Und so weiter . Die Keywords tönen , pardon , bereits jetzt veraltet und und angesichts der ökonomischen Situation vieler Kulturschaffender nachgerade wie ein Hohn . Wir sind uns in|ad|ae|qu|at nicht eben sicher , ob hier nicht eine längst ausgeweidete Kuh zu Markte getrieben wird . Tagungsgast Diedrich Diederichsen ( * ) hat schon vor eonem Jahr in “Eigenblutdoping” manche Zweifel formuliert . Und Mit Geert Lovink ist der bloggende Blog- Kritiker höchstselbst zu Gast . Der ebenfalls bloggende Universal- Zampano Walter Gröbchen sieht mit “brand 1“- Herausgeber Wolf Lotter die derzeitige Krise als Chance. […]


  2. […] doppeldeutiges Etikett!, nebstbei). Vor geraumer Zeit schon. Einen Art vorauseilenden Nachruf. Die Krise, wohl das Stichwort des Jahrzehnts, war und ist ja eine schier unerschöpfliches Thema für jeden, […]


  3. […] binnen weniger Jahre ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Zwar gibt es immer noch silbrig glänzende Compact Discs und einen bemerkenswerten […]


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