Archive for April, 2009

Schweres Gerät

26. April 2009

MASCHINENRAUM – die Kolumne in der „Presse am Sonntag“ (7) Nicht jeder Hobby-Gärtner hat einen grünen Daumen. Dafür oft Tonnen von High Tech im Geräteschuppen.

rasentraktor

Heute möchte ich diese Kolumne in „Maschinenpark“ umbenennen. Das Wetter schreit förmlich danach (zumindest die Wettervorhersage), und angeblich ist der ultimative Frühjahrs-Kick jedes Mannes ein Rasentraktor. Quasi als Bubentraum, für den man sich auch vierzig Jahre später nicht genieren muß.

Nun habe ich nicht die geringste Ahnung von Rasentraktoren. Sieht man vom Umstand ab, daß ich den David Lynch-Film „The Straight Story“ liebe, wo ein Rentner seinen kranken Bruder besucht und hunderte Kilometer Wegstrecke mithilfe eines „Aufsitz-Rasenmähers“ (so die Wortwahl in „Wikipedia“) zurücklegt. Aber harmlose Spinnereien gehören ja zum Grundinventar dieses publizistischen Abenteuerspielplatzes.

Und tatsächlich lernt man bei der Recherche penibel zwischen „Aufsitzmähern“ und „Rasentraktoren“ zu unterscheiden. Erstere sind leidlich bequemere Varianten des guten, alten Elektro- oder Benzin-Schiebemähers. Bei letzteren befindet sich die Antriebseinheit immer vor dem Fahrer, das „Mähdeck“ ist zwischen die Achsen gebaut, hinten hängt ein Behälter für Schnittgut dran. Oder so. Die nächste Stufe wäre dann schon ein „echter“ Kleintraktor, quasi der Ferrari des Hobbygärtners. Es gibt über tausend (!) Typen auf dem Markt, habe ich staunend nachgelesen, und wahrscheinlich Myriaden von Baumarkt-Beratern, die genau wissen, welches Modell es denn sein soll. Nein: muß.

Allerdings: auszahlen tut sich derlei schweres Gerät erst ab etwa eintausend Quadratmeter Grundfläche – außer Sie wollen einfach ein bißchen im Kreis fahren, Grasduft einatmen oder Ihren Bruder besuchen. Ich fürchte nur, dies lässt sich hierzulande nicht mit der Straßenverkehrsordnung in Einklang bringen.

Und ich wette, auch Hochgrasmäher und Motorsensen, Rasentrimmer, Vertikutierer, Schredder, Einachser und Motorhacken, Häcksler, Schneefräsen, Kehrmaschinen, Laubsauger, Erdbohrer, Heckenscheren, Wippkreissägen, Holzspalter, Wildkraut-Hex, Raupentransporter, ATVs und Quads schlummern oft nur still im Gerätesschuppen vor sich hin. Weil die Phantasie mit einem durchgegangen ist (apropos: kurvt André Heller in seinem italienischen Wundergarten auf einem bunt bemalten Traktor durch die Botanik?) Und auch der High Tech-Hobby-Bauer gelegentlich das Kraut schiessen lassen mag, wie’s Mutter Natur gefällt.

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Götterdämmerung

24. April 2009

Krise, wohin man blickt! Die Managerkaste der Kulturindustrie hat längst gelernt, damit zu leben. Und hofft dennoch, bisweilen das Rad der Zeit zurückdrehen zu können. Oder aktuelle Entwicklungen per Pressemitteilung hintanzuhalten. Nicht ganz unpolemische Anmerkungen zum Status Quo, Unterabteilung Klassik.

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„Was machen wir mit der Klassik? Wir hätten sie auf kleiner Flamme mitköcheln lassen können. Es fiel aber die strategische Entscheidung: Klassik ist wichtig, ein Kernbereich unserer Kultur.“

Also sprach nicht Zarathustra. Sondern Rolf Schmidt-Holz, 60, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender von Sony Music mit Sitz in New York. Der ehemalige „Stern“-Journalist führt seit Jahren mit schrumpfender Mannschaft ein dramatisches Rückzugsgefecht. Seit sein früherer Arbeitgeber Bertelsmann partout nicht auf den Ratschlag des vormaligen Chefdenkers und –Lenkers Thomas Middelhoff hören wollte, „Napster“, den ersten, großen Vorreiter der Zeitenwende im Musikmarkt, vom Gegner zum Verbündeten zu erklären (und zwar schlichtweg mittels Kaufvertrag), geht es beständig bergab. Auch die Elefanten-Hochzeit zwischen Bertelsmanns Musikarm BMG und Sony nützte nichts – inzwischen sind die schwächelnden Partner wieder geschieden.

Immerhin: Schmidt-Holz hat überlebt. Weniger seines dokumentierten Weitblicks wegen, immerhin war er mal „Chief Creative Officer“ – eher wohl, weil die Japaner tiefen Respekt vor Old Boys-Networks haben. Und irgendjemand ja den Karren mit „Hü!-“ und „Hott!“-Rufen an die Restmannschaft aus dem Dreck ziehen muß. Das Schmerzensgeld für die Konzernspitze ist auch ohne allzu dreist bezogene Erfolgs-Boni noch reichlich.

Nun hat er für den „Kernbereich Klassik“ (der in Österreich knapp zehn Prozent des Gesamtmarkts ausmacht, weltweit deutlich weniger) einen neuen Mitstreiter gefunden. Mit klingendem Namen: Bogdan Roscic. Der ehemalige Ö3-Chef, der mittels Stromlinien-
Formatierung des Senders zum erklärten Feindbild der Austropop-Szene geworden war, wechselte seine öffentlichen Geschmackspräferenzen ebenso konsequent und stringent wie seine Arbeitgeber: von der Filiale Wien von Universal zur Deutschen Grammophon in Hamburg und danach zu Decca in London. Im Jänner 2009 wurde Roscic zum neuen Präsidenten von Sony Classical Music ernannt. „Die Strategie lautet Wachstum, der richtige Mann ist gefunden“, erläuterte Rolf Schmidt-Holz. „Und wir werden vernünftige Konzepte auch mit nötigen Investitionen begleiten.“

Das hört – und liest – man gerne. Und muß sich keine Sorgen machen, daß Roscic keine vernünftigen Konzepte mitbringt. Allein: allzuviel Geld werden sie auf Dauer nicht kosten dürfen. Und allzulange sollte der Erfolg, wie immer er sich konzernintern bemessen mag, auch nicht ausbleiben. Außer der in angewandter Dialektik versierte Manager und studierte Musikwissenschafter, 1964 in Belgrad geboren, erweist sich als jener Wunderwuzzi, den Schmidt-Holz in ihm vermutet. Kann ein Einzelkämpfer gegen globale Trends agieren? Sie, ein heroischer Bezwinger der Krise, gar umkehren? Ja, freilich – wenn man Artikeln folgen mag, wie sie Heinz Sichrovsky im heimischen Boulevard-Magazin „News“ verfasst. Man könnte meinen, das Büro dieses routinierten Fließband-Streiters für das Wahre, Gute, Schöne sei nachgerade ein Biotop für Vorschußlorbeeren. Weniger für fundierte Recherche. Sichrovskys Schlachtruf „Die Zukunft gehört der Klassik!“ hätte schon bei simplem Gebrauch von Google richtigtuerischer klingen können.

Denn jene Firma, der Roscic bis zu seinem Abschied in Richtung Sony vorstand, Decca, hat da wohl etwas falsch verstanden – und den Mitarbeiterstand im Londoner Hauptquartier gerade von zweiunddreißig auf sechs reduziert. Immerhin: den Markennamen der Traditionsfirma, die seit ihrer Gründung 1929 nicht nur die Rolling Stones, Bing Crosby und Louis Armstrong zu ihren Künstlern zählte, sondern auch Klassik-Millionenseller wie Luciano Pavarotti, hat man nicht gleich entsorgt. Wäre ja auch zu krass, dicht zu machen, während gerade eine hauseigene Künstlerin – Julia Fischer, „Bach Concertos“ – auf dem Gipfel der US Billboard Classical Charts rangiert. Die Geschäfte werden jetzt von New York und Hamburg aus erledigt, unter dem weiten Dach der Universal Music Group. Dennoch: „Decca ist tot“, fasst es der britische Fachjournalist Norman Lebrecht zusammen. Aber der besitzt wahrscheinlich nicht ganz den Scharfsinn und Einblick seines österreichischen Kollegen Sichrovsky.

Bogdan Roscic – der gewiß seine Meriten, Absichten und Visionen hat, wie die Malaise der Musikindustrie alter Bauart hintanzuhalten sei – wird von lästigen (und gewiß auch nicht unumstrittenen) – Non-Propagandakräften wie Lebrecht denn auch eine Kursentwicklung vorhergesagt, die parallel zur generellen Entwicklung der Branche verläuft. Sony Classical, das Branchen-Dornröschen, solle wohl von einem Prinzen mit wohlklingendem Titel, aber ohne großen Geldbeutel wachgeküsst werden. Ein „Non-Job“, ätzt Lebrecht. Und vermutet eine Exit-Strategie in Richtung Crossover-Mainstream. Rolf Schmidt-Holz dagegen, als ehemaliger Pressesprecher von Bertelsmann heute ganz Chief Executive Officer, glaubt im „News“-Interview fest an die Zukunft klassischer Musik. Sony wolle dieses Segment „mit einem erneuten Bekenntnis zu unserem Führungsanspruch, einem umfangreichen Katalog und Weltklassekünstlern versehen“. Wenn er’s denn ernst meint (und die Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns mit einzubringen vermag): Glückauf!

Die Branche selbst kann positive Nachrichten brauchen. Und mit Branche ist hier nicht nur die Musikindustrie im engeren Sinne gemeint, sondern das gesamte „System Klassik“. Hier überschlagen sich, mitgerissen vom Abwärtssog der Wirtschaftskrise und wohl auch befeuert von einem vielgestaltigen Wandel in Denkstrukturen und Grundsatzpositionen, die Negativ-Nachrichten. Von der absehbaren „Auslagerung“ (ein technokratischer Terminus par excellence) des ORF-Radiosymphonieorchesters bis hin zu den fatalen Auswirkungen des Anti-Korruptionsgesetzes auf das Kultursponsoring, um die drängendsten Probleme aus dem näheren Umkreis anzusprechen. Glaubt man etwa Helga Rabl-Stadler, der Präsidentin der Salzburger Festspiele, steht ob dieser Topoi der Weltuntergang bevor. Oder zumindest jener der heimischen Kulturlandschaft, wie wir sie kannten.

Macht es aber mehr Sinn, unbeirrt eine lichte Zukunft zu beschwören, die sich zuvorderst aus einer gloriosen Vergangenheit nährt? Oder doch auf Bruchlinien eines Paradigmenwechsels, der gewiß auch vor der gutbürgerlich-feisten, von perpetuierten Subventionen genährten Klassik nicht Halt macht, zu achten? Denn: bei allem Respekt vor der gewaltigen künstlerischen Leistung des RSO unter Bertrand de Billy – kann man die mahnende Stimme des Ö1-Chefs Alfred Treiber, es gehöre nun mal nicht zu den Kernaufgaben eines Rundfunkunternehmens, ein Orchester für die klassische Moderne zu finanzieren (und solchermaßen z.B. auch elegant die Salzburger Festspiele und allerhand andere Veranstalter zu entlasten), gänzlich ausblenden? Und wie weit ist es mit dem Kultursponsoring respektive dessen Nukleus „Kultur“ wirklich her, wenn Unternehmen wie Uniqa oder Siemens umgehend drohen, „auszusteigen“, weil sie nun nicht mehr freihändig Festspieltickets an honorige Gäste aus dem Revier der „Funktionsträger“ verteilen können?

Sorry: es geht hier nicht um private Vergnügungen. Und man muß wohl voraussetzen, daß sich die Damen und Herren aus diversen Ministerien, Amtsstuben und Chefbüros wohl die eine oder andere Karte auch selbst leisten können werden. Und wollen. Der deutsche Strafrechtler und Anti-Korruptionsexperte Kai Bussmann von der Universität Halle sieht die Dinge nüchtern. Sehr nüchtern: „Ich glaube, daß man sich in Österreich die Dinge noch schönredet, daß man der Meinung ist, das gehört zur Kultur des Landes. Aber bitteschön: zur Kultur gehört es auch, in Korea oder Italien derartige Praktiken zu pflegen, die aber ausgesprochen problematisch sind.“

Spielverderber! Gert Korentschnig, Chefkritiker des „Kurier“, stichelt ebenfalls. Grund des via Kommentar geäußerten Unmuts: die generell zähe, ungenierte Klientel-Hörigkeit der Kulturpolitik. „Was passiert mit den anstehenden Personalentscheidungen, etwa jener bei den Salzburger Festspielen? Ist garantiert, dass dort nicht einer der typischen von Opernhaus zu Opernhaus vazierenden Manager inthronisiert wird, dem die Karriere wichtiger ist als das Festival? Wird es dort nur zu einem faulen Kompromiss kommen, anstatt die große inhaltliche Diskussion zu führen?“

Nun: wenn das so weitergeht, wenn solche Diskussionen tatsächlich ernsthaft geführt werden, wenn die Lebrechts, Korentschnigs und Bussmanns mehr und mehr werden (und mehr und mehr gehört werden), dann könnte das gesamte Hochkulturgebäude samt „marktkonform“ (?) dotierten Säulenheiligen noch wirklich ins Wanken geraten. Einstürzende Altbauten gibt’s heute zuhauf. Ob der morben Finanz-Fundamente. Und die Business-Prämissen der alten Medienwelten haben auch ihre Gültigkeit verloren. Was man schlecht wegreden kann, wenn etwa laut jüngster IFPI-Statistik die weltweiten Einnahmen der Tonträgerwirtschaft im letzten Jahr wiederum um mehr als acht Prozent fielen (USA: minus 19 Prozent, physische Tonträger minus 30 Prozent), die GEMA aktuell „katastrophale“ Digitalerlöse beklagt und auch noch so spektakuläre „Pirate Bay“-Urteile keinen konstruktiven Ausweg weisen.

„Schmidt-Holtz verspürt keine Bereitschaft, sich hier vor Tatsachen stellen zu lassen“, textet eilfertig – oho!, lese ich da leise Zweifel oder gar Ironie heraus? – Heinz Sichrovsky. Und zitiert ungebrochen den Durchhaltewillen des obersten Sony Music-Bosses. „Die CD ist nicht tot, sondern nur in einer unschönen Entwicklung. Die Klassikliebhaber sind keine Online-Freaks, also werden wir sie noch relativ lange mit CDs versorgen, und zwar über neue Vertriebswege. Es gibt sehr viele Menschen, die keinen CD-Laden mit Klassik mehr in ihrer Stadt haben. Die wieder zu erreichen ist die nächste Aufgabe. In Salzburg sind zur Festspielzeit 30 Prozent der Geschäfte mit musikorientierten Produkten ausgestattet. Darüber sollten wir nachdenken“ (Schmidt-Holz). Na bitte, da treffen sich doch Interessen! Und eventuell auch bald die letzten Potentaten der guten, alten Zeiten. Es wird vor Ort ja auch der „Jedermann“ gegeben, ein denkwürdig allegorisches Stück.

Julian Rachlin, der litauische Geiger mit Weltgeltung und gleichzeitig starker Bindung an Österreich, sieht die Lage dieser „seltsamen Musikbranche“ ernst, aber nicht hoffnungslos. Und erklärt sich selbst zum freien Vogel. „Früher hatte man keine Chance für eine internationale Karriere im Konzertbereich, wenn man nicht einen Vertrag mit einer großen Plattenfirma vorweisen konnte. Man wurde nicht gebucht. Mittlerweile interessiert das niemanden mehr.“

Beiläufige Musiktipps (1)

20. April 2009

Affenmusik vom Sohn der Samtratte vulgo SON OF THE VELVET RAT: ausnahmsweise mit Schmiss, Biss und schmetternder Trompete!

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Okay, wenn ich schon einen „5 Gigabyte Space Upgrade“ bei der WordPress-Zentrale erwerbe, dann nicht, weil mir die Luft ausgeht, sinnbildlich. Sondern weil es ohne große Umwege ermöglicht, in diesem virtuellen Privatgärtlein auch exotischeres Gewächs hochzuziehen. Musik etwa. Ich kann schwerlich leugnen, damit etwas zu tun zu haben. Und so werden’s wohl hauptsächlich Musikanten und Produkte des eigenen Labels sein, die ich hier beiläufig anempfehle. Marketing 2.0? Eher: kanalisierter Enthusiasmus. Und eine Direktverbindung für jene, die nicht unbedingt ihre Torrent-Maschinen anwerfen wollen, um sich an gehaltvollen Klängen zu erfreuen. Das komplette Album gibt’s übrigens ab Hof hier zu erwerben. Gutes Karma gibt’s zusätzlich frei Haus, nach Steve Jobs.

Meine erste Empfehlung: ein – untypisch dynamischer, kräftiger, lebensfreudiger – Song von Son Of The Velvet Rat. Dahinter steckt der Grazer Georg Altziebler, der seit vielen Jahren und mit verschiedensten Formationen (Pure Laine, Bloom 05 und nun eben SOTVR) dem Rock’n’Roll-Mysterium auf der Spur ist. Je älter er wird, je erfahrener und abgeklärter, desto näher kommt er der zentralen Botschaft. Seine neue Songkollektion „Animals“ ist seine beste bislang. Und das mag etwas heissen: noch jedes Son Of The Velvet Rat-Album war ein dunkel schimmerndes Glanzstück. Der Mann kann Songs schreiben. Und er weiß sie auch zu singen, mit leisem, dafür umso inbrünstigerem Vibrato. Und wechselnden Begleitmusikant(inn)en, darunter seine Freundin und Mitstreiterin Heike Binder. Oder der ehemalige Wilco-Drummer Ken Coomer (der auch „Animals“ produziert hat). Oder Richard Pappik von Element Of Crime. Oder…

Genug der Worte (wem’s nicht reicht, mehr hier). Jetzt: Affenmusik!

SON OF THE VELVET RAT : Same Monkey In A Different Zoo

Son of the Velvet Rat - Animals

For a few Dollars more…

18. April 2009

MASCHINENRAUM – die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (6) Für Hard-, aber noch mehr für Software gilt: man sollte nicht Äpfel mit Birnen verwechseln.

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Ich bin Ihnen noch etwas schuldig. Nämlich eine Erklärung dafür, warum ich einen Hang zu Produkten des Hauses Apple habe. Denn, werden Sie mit Recht fragen, was kann denn nun ein MacMini, ein iMac oder ein MacBook besser als ein schnöder PC oder Laptop mit 08/15-Microsoftware? Und wenn schon, darf’s gleich deutlich mehr kosten? Gute Frage. Berechtigte Frage.

In den USA wird diese Debatte heftiger denn je geführt. Aufgeganserlt durch eine Werbekampagne, die Steve Ballmer, der Chef von Microsoft, höchstpersönlich in Auftrag gegeben haben soll. Offenbar genervt durch Zuwächse, die der ewige Konkurrent Apple in den vergangenen Jahren erzielt hat (nicht zuletzt durch Innovationen wie den iPod und das iPhone), schleuderte der schwergewichtige Bill Gates-Nachfolger öffentlich das Kriegsbeil. Seine Argumentation: „In dieser Wirtschaftslage 500 Dollar für einen Computer zu zahlen – das gleiche Stück Hardware – und dann nochmal 500 mehr für ein Logo? Ich denke, das ist dem Durchschnittskunden heute schwerer zu vermitteln, als es einmal war.“

Mag sein. Aber wer will schon ein schnöder „Durchschnittskunde“ sein? Und: hier werden bewußt Äpfel mit Birnen verglichen. Ballmer verschweigt, daß zwar die Hardware auf Basis von Intel-Prozessoren einander inzwischen weitgehend gleicht (und, ja, auch PCs können stylish aussehen!), das Betriebssystem und die Software-Basisausstattung aber den Unterschied ausmachen. Warum sonst versucht der Marktführer – Apple ist vergleichsweise ein Zwerg –, das ungeliebte „Windows Vista“ möglichst rasch zu ersetzen und sich der Stabilität, Eleganz und Alltagstauglichkeit des Mac-Betriebssystems OSX anzunähern? Und warum verschweigt er, daß jeder frische Apfel mit einem kostenlosen, superben Paket („iLife“) für Fotoverwaltung, Filmschnitt, Musikproduktion und Web-Präsenz ausgeliefert wird? Und daß anderes, wie Texterstellung, Tabellenkalkulation und Präsentationsprogramme, die gewiß dem allerorts gültigen „Office“-Imperativ nachempfunden sind, vergleichsweise günstig dazu geordert werden kann.

Wer einmal, abseits jeglicher hochnotpeinlichen Groschenzählerei, Bastler-Ideologie und ständiger Viren-Abwehrprozesse, den wundersam flüssigen Workflow der Apple-Hemisphäre erlebt hat, wird über den Unterschied ein Lied singen können. Und über Ballmer & Co. nur müde lächeln.

Die Neuerfindung des Rades

13. April 2009

MASCHINENRAUM – die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (5) Die Verschrottungsprämie macht Kleinwagen sexy. Aber gibt es keine Alternativen?

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Neulich, bei einem dieser in Mode gekommenen Creative Industries-Symposien, wurde mir wieder mal die Zukunft präsentiert. Ich mußte ja leise lachen, als auf der Projektionsleinwand ausgerechnet ein Segway-Roller aufleuchtete, als Sinnbild dafür, wie wir in absehbarer Zeit alle drauf und dran wären. Von wegen urbane Mobilität, neue Arbeit/Freizeit-Modelle, frische Ideen und so weiter und so fort. Sagt Ihnen der Name Segway etwas? Es ist ein paar Jährchen her, da geisterte die Mär von der Quasi-Neuerfindung des Rades durch Online-Foren und die Presse. Was letztlich das Licht der Öffentlichkeit erblickte, war gewiß innovativ, nicht unoriginell, aber auch nicht die Revolution per se: ein zweirädriger Karren mit Elektroantrieb und gyroskopischer Steuerung. Auf diesem Gefährt stehend sah man alsbald behelmte Touristen die Ringstraße in Wien entlangsurren, auch ein Stadtrat kontrollierte so motorisiert „sein“ Donauinselfest. Wacklig, aber wacker.

Aber ist der Segway eine probate Zukunftshoffnung für den Indiviualverkehr? Eher nicht. Was Massen bewegt, muß keine Massenbewegung sein. Bislang wurden nach Auskunft des Generalvertreters in Österreich etwa 2500 Stück abgesetzt. Die Dinger sind teuer: unter 8000 Euro läuft nichts. Eventuell könnte eine Verschrottungsprämie helfen. Aber was verschrotten? Opas Elektro-Rollstuhl? Skateboards, alte Vespas, seltene Kabinenroller, schnuckelige Mopedautos? Ich würde ja kurzerhand jene Automobile einziehen, die plötzlich aussehen wie übrig gebliebene Saurier aus der güldenen Ära vor dem Paradigmenwechsel: ein Audi Q7 etwa, ein Porsche Cayenne oder VW Touareg (von einem Volkswagen zu sprechen erschiene mir als Hohn). Von Jeep Cherokees und Hummer-Privatpanzern ganz zu schweigen. Ab in die Schrottpresse mit diesen Sinnbildern einer opulenten, dekadenten Vergangenheit!

Bleibt die Gegenwart. Solange uns nicht die Chinesen oder Inder, tatü Tata!, mit fahrenden Mikro- und Nano-Blechskulpturen beglücken, halten wir uns an Minis, Smarts und IQs mit vertrauten Markennamen. Oder darf’s doch ein Segway sein? Den Personal Transporter gibt’s bald auch – entwickelt in Kooperation mit General Motors (!) – als überdachte, zweisitzige Variante („P.U.M.A.“). Ähnelt einem sowjetischen Marsmobil. Bei aller neu entdeckten Erotik moderner Goggomobile: der ausgeklügeltste und sympathischste mobile Untersatz bleibt auf absehbare Zeit – das Fahrrad.

Scharfe Bilder, verschwommene Aussichten

5. April 2009

MASCHINENRAUM – die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (4) Die Blu-ray Disc könnte sich eher als Flop entpuppen, als ihren Propagandisten lieb ist.

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Jaja, die Blu-ray Disc. Immerhin ist sie nicht umgehend auf dem Schrotthaufen der Geschichte gelandet. Oder, etwas milder gezeichnet: als endenwollender Seitenarm auf der großen Schautafel des Evolutions-Stammbaums moderner Bild- und Tonträger. Wie etwa das abrupt eingestellte Konkurrenzformat HD-DVD des japanischen Herstellers Toshiba. Sollten Sie sich also unlängst einen Blu-ray-Player zugelegt haben, darf ich Sie beruhigen: ein Stop-Signal am Ende der Sackgasse ist (noch) nicht in Sicht. Dazu wurde allerorten zu viel investiert.

Aber eine Empfehlung aussprechen kann und will ich auch nicht. Denn die Kinderkrankeiten des Formats (auch und vor allem im Zusammenspiel mit heutigen LCD- und Plasma-TV-Schirmen, egal ob „HD Ready“, „Full HD“-tauglich, mit HDMI-Anschlüssen oder ohne lästige Insignien der Kopierschutz-Lobby) nerven ungebrochen, die neu introduzierte „Live“-Anbindung ans Internet ist ein öder Gimmick, und die Bildqualität lässt sich nur ausreizen, wenn wirklich alle Komponenten penibel aufeinander abgestimmt sind. Das hat mit unkompliziertem Filmgenuß wenig zu tun.

In der erhellenden Technik/Konsumenten-Kolumne „Nachgefragt“ des Magazins „profil“ outete sich der Ö3-Moderator Andi Knoll diesbezüglich als abgeklärter Ex-Early Adopter. Zum Thema Blu- ray meinte er nur trocken, „die sind viel zu teuer, das ist eine Totgeburt.“ Also wirft er seine Sony Playstation 3, die, quasi im Nebenzweck, ein vorzügliches Abspielgerät für das hochauflösende Videoformat abgäbe, zu diesem Behufe erst gar nicht an. „Ich habe schon genug gezahlt. Da lese ich lieber ein Buch.“

Und genau das, meine Damen und Herren Industriestrategen, ist das Problem. Zwar flattern uns derzeit bunte Werbeflugblätter en masse ins Haus, die die High End-DVDs schon unter zwanzig Euronen auspreisen, quasi als Auftakt zum absehbaren Preisverfall. Aber „normale“ DVDs kosten immer noch die Hälfte, bisweilen gar nur ein Viertel. Und lassen sich durchaus auch mit Wohlgefallen betrachten. Für die Freaks kündigen Forschungslabors zudem längst Blu-ray-Nachfolger (TeraDisc, HVD) mit deutlich höherer Speicherkapazität und Auslesegeschwindigkeit an. Wenn es dann überhaupt noch physischer Bildträger bedarf: Bill Gates zeigte sich schon vor Jahresfrist verblüfft, daß die Medienwelt immer noch an Scheiben glaubt.

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