Götterdämmerung

24. April 2009

Krise, wohin man blickt! Die Managerkaste der Kulturindustrie hat längst gelernt, damit zu leben. Und hofft dennoch, bisweilen das Rad der Zeit zurückdrehen zu können. Oder aktuelle Entwicklungen per Pressemitteilung hintanzuhalten. Nicht ganz unpolemische Anmerkungen zum Status Quo, Unterabteilung Klassik.

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„Was machen wir mit der Klassik? Wir hätten sie auf kleiner Flamme mitköcheln lassen können. Es fiel aber die strategische Entscheidung: Klassik ist wichtig, ein Kernbereich unserer Kultur.“ Also sprach nicht Zarathustra. Sondern Rolf Schmidt-Holz, 60, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender von Sony Music mit Sitz in New York. Der ehemalige „Stern“-Journalist führt seit Jahren mit schrumpfender Mannschaft ein dramatisches Rückzugsgefecht. Seit sein früherer Arbeitgeber Bertelsmann partout nicht auf den Ratschlag des vormaligen Chefdenkers und –Lenkers Thomas Middelhoff hören wollte, „Napster“, den ersten, großen Vorreiter der Zeitenwende im Musikmarkt, vom Gegner zum Verbündeten zu erklären (und zwar schlichtweg mittels Kaufvertrag), geht es beständig bergab. Auch die Elefanten-Hochzeit zwischen Bertelsmanns Musikarm BMG und Sony nützte nichts – inzwischen sind die schwächelnden Partner wieder geschieden. Immerhin: Schmidt-Holz hat überlebt. Weniger seines dokumentierten Weitblicks wegen, immerhin war er mal „Chief Creative Officer“ – eher wohl, weil die Japaner tiefen Respekt vor Old Boys-Networks haben. Und irgendjemand ja den Karren mit „Hü!-“ und „Hott!“-Rufen an die Restmannschaft aus dem Dreck ziehen muß. Das Schmerzensgeld für die Konzernspitze ist auch ohne allzu dreist bezogene Erfolgs-Boni noch reichlich.

Nun hat er für den „Kernbereich Klassik“ (der in Österreich knapp zehn Prozent des Gesamtmarkts ausmacht, weltweit deutlich weniger) einen neuen Mitstreiter gefunden. Mit klingendem Namen: Bogdan Roscic. Der ehemalige Ö3-Chef, der mittels Stromlinien-
Formatierung des Senders zum erklärten Feindbild der Austropop-Szene geworden war, wechselte seine öffentlichen Geschmackspräferenzen ebenso konsequent und stringent wie seine Arbeitgeber: von der Filiale Wien von Universal zur Deutschen Grammophon in Hamburg und danach zu Decca in London. Im Jänner 2009 wurde Roscic zum neuen Präsidenten von
Sony Classical Music ernannt. „Die Strategie lautet Wachstum, der richtige Mann ist gefunden“, erläuterte Rolf Schmidt-Holz. „Und wir werden vernünftige Konzepte auch mit nötigen Investitionen begleiten.“

Das hört – und liest – man gerne. Und muß sich keine Sorgen machen, daß Roscic keine vernünftigen Konzepte mitbringt. Allein: allzuviel Geld werden sie auf Dauer nicht kosten dürfen. Und allzulange sollte der Erfolg, wie immer er sich konzernintern bemessen mag, auch nicht ausbleiben. Außer der in angewandter Dialektik versierte Manager und studierte Musikwissenschafter, 1964 in Belgrad geboren, erweist sich als jener Wunderwuzzi, den Schmidt-Holz in ihm vermutet. Kann ein Einzelkämpfer gegen globale Trends agieren? Sie, ein heroischer Bezwinger der Krise, gar umkehren? Ja, freilich – wenn man Artikeln folgen mag, wie sie Heinz Sichrovsky im heimischen Boulevard-Magazin „News“ verfasst. Man könnte meinen, das Büro dieses routinierten Fliessband-Streiters für das Wahre, Gute, Schöne sei nachgerade ein Biotop für Vorschußlorbeeren. Weniger für fundierte Recherche. Sichrovskys Schlachtruf „Die Zukunft gehört der Klassik!“ hätte schon bei simplem Gebrauch von Google richtigtuerischer klingen können.

Denn jene Firma, der Roscic bis zu seinem Abschied in Richtung Sony vorstand, Decca, hat da wohl etwas falsch verstanden – und den Mitarbeiterstand im Londoner Hauptquartier gerade von zweiunddreißig auf sechs reduziert. Immerhin: den Markennamen der Traditionsfirma, die seit ihrer Gründung 1929 nicht nur die Rolling Stones, Bing Crosby und Louis Armstrong zu ihren Künstlern zählte, sondern auch Klassik-Millionenseller wie Luciano Pavarotti, hat man nicht gleich entsorgt. Wäre ja auch zu krass, dicht zu machen, während gerade eine hauseigene Künstlerin – Julia Fischer, „Bach Concertos“ – auf dem Gipfel der US Billboard Classical Charts rangiert. Die Geschäfte werden jetzt von New York und Hamburg aus erledigt, unter dem weiten Dach der Universal Music Group. Dennoch: „Decca ist tot“, fasst es der britische Fachjournalist Norman Lebrecht zusammen. Aber der besitzt wahrscheinlich nicht ganz den Scharfsinn und Einblick seines österreichischen Kollegen Sichrovsky.

Bogdan Roscic – der gewiß seine Meriten, Absichten und Visionen hat, wie die Malaise der Musikindustrie alter Bauart hintanzuhalten sei – wird von lästigen (und gewiß auch nicht unumstrittenen) – Non-Propagandakräften wie Lebrecht denn auch eine Kursentwicklung vorhergesagt, die parallel zur generellen Entwicklung der Branche verläuft. Sony Classical, das Branchen-Dornröschen, solle wohl von einem Prinzen mit wohlklingendem Titel, aber ohne großen Geldbeutel wachgeküsst werden. Ein „Non-Job“, ätzt Lebrecht. Und vermutet eine Exit-Strategie in Richtung Crossover-Mainstream. Rolf Schmidt-Holz dagegen, als ehemaliger Pressesprecher von Bertelsmann heute ganz Chief Executive Officer, glaubt im „News“-Interview fest an die Zukunft klassischer Musik. Sony wolle dieses Segment „mit einem erneuten Bekenntnis zu unserem Führungsanspruch, einem umfangreichen Katalog und Weltklassekünstlern versehen“. Wenn er’s denn ernst meint (und die Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns mit einzubringen vermag): Glückauf!

Die Branche selbst kann positive Nachrichten brauchen. Und mit Branche ist hier nicht nur die Musikindustrie im engeren Sinne gemeint, sondern das gesamte „System Klassik“. Hier überschlagen sich, mitgerissen vom Abwärtssog der Wirtschaftskrise und wohl auch befeuert von einem vielgestaltigen Wandel in Denkstrukturen und Grundsatzpositionen, die Negativ-Nachrichten. Von der absehbaren „Auslagerung“ (ein technokratischer Terminus par excellence) des ORF-Radiosymphonieorchesters bis hin zu den fatalen Auswirkungen des Anti-Korruptionsgesetzes auf das Kultursponsoring, um die drängendsten Probleme aus dem näheren Umkreis anzusprechen. Glaubt man etwa Helga Rabl-Stadler, der Präsidentin der Salzburger Festspiele, steht ob dieser Topoi der Weltuntergang bevor. Oder zumindest jener der heimischen Kulturlandschaft, wie wir sie kannten.

Macht es aber mehr Sinn, unbeirrt eine lichte Zukunft zu beschwören, die sich zuvorderst aus einer gloriosen Vergangenheit nährt? Oder doch auf Bruchlinien eines Paradigmenwechsels, der gewiß auch vor der gutbürgerlich-feisten, von perpetuierten Subventionen genährten Klassik nicht Halt macht, zu achten? Denn: bei allem Respekt vor der gewaltigen künstlerischen Leistung des RSO unter Bertrand de Billy – kann man die mahnende Stimme des Ö1-Chefs Alfred Treiber, es gehöre nun mal nicht zu den Kernaufgaben eines Rundfunkunternehmens, ein Orchester für die klassische Moderne zu finanzieren (und solchermaßen z.B. auch elegant die Salzburger Festspiele und allerhand andere Veranstalter zu entlasten), gänzlich ausblenden? Und wie weit ist es mit dem Kultursponsoring respektive dessen Nukleus „Kultur“ wirklich her, wenn Unternehmen wie Uniqa oder Siemens umgehend drohen, „auszusteigen“, weil sie nun nicht mehr freihändig Festspieltickets an honorige Gäste aus dem Revier der „Funktionsträger“ verteilen können? Sorry: es geht hier nicht um private Vergnügungen. Und man muß wohl voraussetzen, daß sich die Damen und Herren aus diversen Ministerien, Amtsstuben und Chefbüros wohl die eine oder andere Karte auch selbst leisten können werden. Und wollen. Der deutsche Strafrechtler und Anti-Korruptionsexperte Kai Bussmann von der Universität Halle sieht die Dinge nüchtern. Sehr nüchtern: „Ich glaube, daß man sich in Österreich die Dinge noch schönredet, daß man der Meinung ist, das gehört zur Kultur des Landes. Aber bitteschön: zur Kultur gehört es auch, in Korea oder Italien derartige Praktiken zu pflegen, die aber ausgesprochen problematisch sind.“

Spielverderber! Gert Korentschnig, Chefkritiker des „Kurier“, stichelt ebenfalls. Grund des via Kommentar geäußerten Unmuts: die generell zähe, ungenierte Klientel-Hörigkeit der Kulturpolitik. „Was passiert mit den anstehenden Personalentscheidungen, etwa jener bei den Salzburger Festspielen? Ist garantiert, dass dort nicht einer der typischen von Opernhaus zu Opernhaus vazierenden Manager inthronisiert wird, dem die Karriere wichtiger ist als das Festival? Wird es dort nur zu einem faulen Kompromiss kommen, anstatt die große inhaltliche Diskussion zu führen?“

Nun: wenn das so weitergeht, wenn solche Diskussionen tatsächlich ernsthaft geführt werden, wenn die Lebrechts, Korentschnigs und Bussmanns mehr und mehr werden (und mehr und mehr gehört werden), dann könnte das gesamte Hochkulturgebäude samt „marktkonform“ (?) dotierten Säulenheiligen noch wirklich ins Wanken geraten. Einstürzende Altbauten gibt’s heute zuhauf. Ob der morben Finanz-Fundamente. Und die Business-Prämissen der alten Medienwelten haben auch ihre Gültigkeit verloren. Was man schlecht wegreden kann, wenn etwa laut jüngster IFPI-Statistik die weltweiten Einnahmen der Tonträgerwirtschaft im letzten Jahr wiederum um mehr als acht Prozent fielen (USA: minus 19 Prozent, physische Tonträger minus 30 Prozent), die GEMA aktuell „katastrophale“ Digitalerlöse beklagt und auch noch so spektakuläre „Pirate Bay“-Urteile keinen konstruktiven Ausweg weisen.

„Schmidt-Holtz verspürt keine Bereitschaft, sich hier vor Tatsachen stellen zu lassen“, textet eilfertig – oho!, lese ich da leise Zweifel oder gar Ironie heraus? – Heinz Sichrovsky. Und zitiert ungebrochen den Durchhaltewillen des obersten Sony Music-Bosses. „Die CD ist nicht tot, sondern nur in einer unschönen Entwicklung. Die Klassikliebhaber sind keine Online-Freaks, also werden wir sie noch relativ lange mit CDs versorgen, und zwar über neue Vertriebswege. Es gibt sehr viele Menschen, die keinen CD-Laden mit Klassik mehr in ihrer Stadt haben. Die wieder zu erreichen ist die nächste Aufgabe. In Salzburg sind zur Festspielzeit 30 Prozent der Geschäfte mit musikorientierten Produkten ausgestattet. Darüber sollten wir nachdenken“ (Schmidt-Holz). Na bitte, da treffen sich doch Interessen! Und eventuell auch bald die letzten Potentaten der guten, alten Zeiten. Es wird vor Ort ja auch der „Jedermann“ gegeben, ein denkwürdig allegorisches Stück.

Julian Rachlin, der litauische Geiger mit Weltgeltung und gleichzeitig starker Bindung an Österreich, sieht die Lage dieser „seltsamen Musikbranche“ ernst, aber nicht hoffnungslos. Und erklärt sich selbst zum freien Vogel. „Früher hatte man keine Chance für eine internationale Karriere im Konzertbereich, wenn man nicht einen Vertrag mit einer großen Plattenfirma vorweisen konnte. Man wurde nicht gebucht. Mittlerweile interessiert das niemanden mehr.“

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5 Antworten to “Götterdämmerung”


  1. […] Werner Geier, Christoph Moser, Georg Danzer und Hansi Lang, auf die Musikindustrie en gros und die Klassik-Kamarilla en detail, schrieb ich auch welche auf die Nullerjahre (welch doppeldeutiges Etikett!, […]

  2. Walter Gröbchen Says:

    Scheint fast, als hätte mich meine Gefühlslage zum „gutbürgerlich-feisten, von perpetuierten Subventionen genährten „System Klassik“ nicht getrogen… http://alturl.com/ejwz

  3. Walter Gröbchen Says:

    Und dann noch das: http://alturl.com/nhto


  4. […] eigenen Ast sägen (die Selbstbeschädigung erinnert ein wenig an jene der Katholischen Kirche). Götterdämmerung inmitten einstürzender […]


  5. […] des zeitlos „Wahren, Guten, Schönen“? Der Eckpfeiler eines  weltumspannenden Business-Perpetuum Mobiles? Ein Mythos, der sich selbst […]


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