Beiläufige Musiktipps (2)

8. Mai 2009

„The Weekend Starts On Wednesday“ – Neues von AXEL WOLPH, dem (noch) unbekanntesten Pop-Import-/Exporteur Österreichs.

axel-wolph

Es gibt eine tiefe Kluft zwischen Over- und Underground, zwischen Ö3 und FM4, die sonst nirgendwo existiert bei den besseren Pop-Stationen dieses Planeten. Okay, werden Sie einwerfen, Ö3 und FM4 – als Synonyme für die eng(stirnig)e Formatierung unserer Medienlandschaft – sind nun einmal österreichische Radiostationen. In der Tat. Aber abgesehen vom simplen Umstand, daß (fast) jeder Sender heute via Internet weltweit (s)ein Publikum erreichen kann und damit nicht mehr nur als Kultur-Importeur fungiert, sondern auch als Exporteur, ist es schon auffällig, daß das popkulturelle Grundverständnis dieses Landes keines ist, das Grenzen niederreissen will. Sondern, im Gegenteil, eines, das Abgrenzungen erst schafft.

Auf der einen Seite der vermeintlich massentaugliche, im engeren Sinne populäre Pop. Auf der anderen Seite Underground und „Alternative Mainstream“ mit Intellekto-Gütesiegel. Wenn Sie mich fragen: kompletter Schwachsinn. Kein Mensch trennt U- und E-Musik (ich weiß schon, diese Begriffe ziehe ich unberechtigt und leichterhand heran) im Alltag derartig willkürlich, scharf, ja zwänglerisch. Hedonismus und Anspruch, Airplay und Glaubwürdigkeit, Charts und Qualität schliessen einander nicht aus. Haupt- und Nebenfahrbahn führen oft in dieselbe Richtung. Formatierung also um der Formatierung willen? Oder, um das Schrebergärtlein übersichtlicher zu halten?

Ich weiß, wovon ich schreibe. Ich habe lange bei Ö3 gearbeitet, in den achtziger und frühen neunziger Jahren. Ich war für die „MusicBox“, das tönende Zentralorgan des Off-Mainstream, tätig, aber auch für Mainstream-Sendungen wie die „Radiothek“, „Freizeichen“ oder das „Rot-weiß-rote Radio“. Alles lange her. Trotz wechselseitiger Sticheleien der „Kommerz-Fraktion“ hie, der „Underground-Anarchisten“ da gab es einen (auch personellen) Austausch, ein wechselseitiges Grundverständnis, Respekt, eine gegenseitige Befruchtung und Osmose von Inhalten, Moden, Geschmacksurteilen. Auch wenn man mit dem damaligen Ö3-Musikchef immer wieder mal hadern und streiten musste, ob denn aus einer Band wie R.E.M. jemals etwas werden könnte, ob „Sweet Dreams“ von den Eurythmics wirklich ein „Ö3-Wecker“-tauglicher Song sei und warum neue Töne von Minisex, Chuzpe, Ronnie Urini oder Falco doch eventuell spannender wären als die neue Single von Stefanie Werger.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil es zuviele Künstler gibt heutzutage, die solchermassen nicht zum Zug kommen, zuviele interessante Musik, die ob dieser Abgrenzungen und engen Formatdefinitionen (und einer generellen Mutlosigkeit schlechthin) zwischen allen Stühlen sitzt. Sitzen muß. Sitzen bleibt. Und damit um die Chance gebracht wird, ein – gewiß vorhandenes, potentiell begeisterbares – Publikum zu erreichen. Man hat es sich teilweise (zu) bequem gemacht in den popkulturellen Kämmerchen, die man bespielt. Und für die man seinem Selbstverständnis nach steht. Da steht FM4 teilweise Ö3 gar nicht viel nach (obwohl, es seien auch aktuelle Positiv-Beispiel einer ungewohnten, neuen Durchlässigkeit wie z.B. Clara Luzia genannt), da ist „Der Standard“ oft um keinen Deut besser als „profil“, da bieten die Privatradios erstaunlicherweise kaum je eine Alternative zum öffentlich-rechtlichen Konsens-Kanon.

Okay, werden Sie einwerfen, die Old School-Medien haben an Bedeutung verloren, an Definitionsmacht und Verstärkerwirkung. Und sie werden noch mehr verlieren. Da ist das Internet, das diese Rolle weitgehend übernommen und erweitert hat. Und heute zwangsläufig der wesentliche Durchlauferhitzer ist. Mit allen seinen Kinderkrankheiten, (Un)Möglichkeiten und Implikationen einer (r)evolutionären Entwicklung. Aufmerksamkeit als neue Währung des dritten Jahrtausends ist anno 2009 fast schon wieder ein alter Hut. Aber es gilt ungebrochen: wer keine Aufmerksamkeit bekommt, aus welchen Gründen immer auch (und sollten Qualität und Originalität nicht das primäre Problem sein, dann sind Format-Fragen und „interne Sachzwänge“ oft die allerfaulsten Ausreden), hat ein Problem.

Dagegen gibt es nur ein Mittel: frohgemute, unbeirrte, konsequente Verbreitung guter Musik. Plus entsprechende PR-Begleitmusik. Ob simple Mundpropaganda oder ausgeklügelte Medienarbeit, ist nicht ganz egal, aber fast. Nicht das Medium ist die Botschaft. Die Botschaft ist die Botschaft. Und die lautet diesmal kurz und schlicht so –

Mit „The Weekend Starts On Wednesday“ bringt der Oberösterreicher, Wahlwiener und Los Angeles-Fan Axel Wolph innert kürzester Zeit nun sein drittes Solo-Album heraus. Es ist mindestens so bemerkenswert wie die Vorgänger „Wedding Songs“ und „Poet With A Punk’s Heart“.

Denn hier werden Songs nicht als Flaschenpost aus dem Seelenkerker abgeschickt, sondern leichterhand, (meist) mit Sonne im Herzen. Als bunte Ansichtskarten, Momentaufnahmen und Tagebucheintragungen eines Reisenden zwischen den Welten. Hie Österreich, FM4 und Ö3 (Axel Wolph hat sich dazu den Kopf zerbrochen, nachzulesen hier), da Los Angeles (als fiktives/reales Shangri La vieler vermeintlicher/realer Westcoast-Rocker), College Radio und geschichtsträchtige Vintage-Studios. In einem davon entstand „The Weekend Starts On Wednesday“. Die Songs darauf handeln schlicht von Liebe, Sehnsucht, Hoffnung, Lebensfreude, Fern- und Heimweh. „Deeply Mad (About You)“ ist ein schönes Beispiel. Steve Miller, Greg Kihn, Green On Red oder Wilco hätten ihre Freude daran. Radiostationen, die sich weniger um Kategorien und Formatgrenzen kümmern als um das Wohlbefinden ihrer Hörer, auch. Warten wir ab, ob es sie gibt.

AXEL WOLPH : Deeply Mad (About You)

Axel Wolph - The Weekend Starts On Wednesday - Deeply Mad (About You)

Advertisements

Eine Antwort to “Beiläufige Musiktipps (2)”

  1. Erich K. Says:

    Danke für diesen Tipp!
    Kommentar ist nur zum Unterschreiben, und hoffentlich erkennt wenigstens ein Radiomacher das Hitpotenzial dieses Songs!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: