Geschichten aus dem Gesichtsbuch

10. Mai 2009

MASCHINENRAUM – die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (9) Das “Facebook-Fieber” – wer viele Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Facebook

Doris Knecht ist schuld. Sie wollte mich als Freund. Obwohl sie – als nicht gänzlich unbekannte Buchautorin, Kolumnistin und inoffizielle Botschafterin Vorarlbergs in Wien – schon jede Menge Freunde hat. Knecht hat mich in den allseits grassierenden Facebook-Wahn reingetrieben. Seither bin ich ein freiwilliger Gefangener der Social Network-Blase. Gut, ich habe auch Profile bei Xing, Plaxo und MySpace, einen eigenen Blog (eingerichtet mit der formidablen Software WordPress; Sie befinden sich mittendrin) und Mitgliedschaften in allerlei virtuellen Hinterzimmern, Foren und Vereinen. Aber Facebook schlägt alles. „Es hat etwas von einem Wirtshaus, in dem man immer jemandem zum Mitsaufen und blöd reden findet“, las’ ich unlängst in einem Thread (wie spontane Online-Tratschrunden heutzutage heissen). Wer immer der Urheber dieser legéren Definition ist: er oder sie hat recht. Eventuell stammt der Satz sogar von Frau Knecht herself.

Nun habe ich zwar kaum mehr Zeit für reale Begegnungen und Gespräche, dafür mittlerweile doppelt soviele Freunde. Fragen Sie mich bloss nicht, wie’s kommt. Und was man dafür tun muss. Die Nachrichten, die Facebook-User nach Lust und Laune absondern und die wie auf einem endlosen Förderband an einem vorbeirattern, oszillieren zwischen tiefsinnigen Banalitäten und höherem Blödsinn. Sollten Ausserirdische mitlesen, entgeht die Erde eventuell der Vernichtung. Weil dieses Funkfeuer unter Freunden davon kündet, dass der Planet nur von harmlosen Irren bevölkert wird. Von „Digital Natives“, die ewig launig das Wetter kommentieren, abends mal müde in der Badewanne einschlafen oder stakkatoartig noch müdere Aufreisser-Sprüche vom Stapel lassen. Irgendwie beruhigend.

Und doch so aufregend, dass mittlerweile ca. 200 Millionen Menschlein im weltweiten Gesichtsbuch-Verzeichnis (vor)geführt werden. Und die Online-Konkurrenz, gerade noch gross in Mode, regelrecht dagegen abstinkt. MySpace z.B. nutze ich fast gar nicht mehr. Und an frühere Medien-Phänomene wie „Fernsehen“ erinnere ich mich nur mehr flüchtig (okay, das ist übertrieben, aber nur ein wenig). Mittlerweile werden einem ja sogar die Zwischenstände von Fussballmatches via Facebook-Applikation am Handy durchgegeben. Und meine Freundin, bislang hartnäckige Verweigererin des Internet-Phänomens, möchte sich jetzt auch anmelden. Angeblich nur, um mir durchzugeben, sie liege fünf Meter von mir entfernt auf dem Sofa und wünsche mich mal dringend zu sprechen. Persönlich.

Wenn ich nur Zeit hätt’ für das ganze Geschnatter! Ich fürchte, in Hinkunft eher noch weniger davon zu besitzen als mehr. Denn: ich muss Doris Knecht zu Twitter locken, irgendwie. Rache ist süss.

Advertisements

10 Antworten to “Geschichten aus dem Gesichtsbuch”

  1. gerhard mayer Says:

    gefällt mir!

  2. josefine Says:

    die knecht (oder ihr double) war ja twitterantin, für ein paar stunden zumindest , bis zum account suizid

  3. asdfn Says:

    ich las‘ -> ich las
    legére Definition -> wenn schon mit Accent, dann bitte korrekt: légère Definition
    bloss -> bloß

    MfG
    das Lektorat


  4. […] Bildchen und Videos én masse im Internet, und jede Menge Idioten (darunter ich), die diversen Fetischen 2.0 huldigen. Die sich für die Intelligenteren unter uns rasch als unheimliche Zeiträuber, […]


  5. […] die Stadt Wien (ungebrochen) für Musical-Tand ausgibt, sah’ „MySpace“ auftauchen und später „Facebook“, „Last.fm“ & Co., das Handy als universelles Alltags- und Business-Tool, Falco als ewigen […]


  6. […] sie stehen heutzutage in Konkurrenz mit den Durchlauferhitzern der digitalen Moderne. Zuvorderst: Facebook und Twitter. Erstere Plattform saugt mittlerweile auch den Ausstoß herkömmlicher Medien in sich […]


  7. […] Facebook ist aber – wie fast alle heute existenten Social Media-Erscheinungsformen – weder ein soziales noch ein seriöses Medium. Es ist, und das ist die Erkenntnis vieler Jahre intensiver Involviertheit, ein Durchlauferhitzer zutiefst menschlicher Verhaltensweisen und Regungen. Und ein Katalysator der Polarisierung. Facebook lebt davon, mittels undurchschaubarer Algorithmen, vorsätzlicher Filterung, geschickter Wirklichkeitsverzerrung und oberlehrerhafter Zensur ein Affentheater zu inszenieren, bei dem wir gleichzeitig Akteure und Zuschauer sind. Die Eintrittskarten sind gratis, mit der Bandenwerbung verdient Marc Zuckerberg Milliarden. Durchschauen tun die gefrässige Clickbaiting-Maschinerie nur die allerwenigsten, beherrschen nur jene, die bewusste Entsagung üben. […]


  8. […] harmlose kommerzielle Unterhaltungsangebot – das die Plattform ja sein will und weithin auch ist – mehr und mehr Fragwürdigkeiten, Probleme und Sorgen generiert. Kritik wie ein Magnet anzieht. […]


  9. […] entnehme die Themen, die hierorts verhandelt werden, ja gerne der Bassena des 21. Jahrhunderts: Facebook. „Die großen Fragen des Lebens“ riss dort etwa die Autorin […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: