Mehr Geschichten aus dem Gesichtsbuch

16. Mai 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (10) Facebook, Twitter & Co. sind Zeiträuber par excellence. Und nicht nur das. Ein Nachschlag.

fb

Doris Knecht hat sich aus Facebook vertschüsst. Ohne große Abschiedsworte. Einfach so („…hat mich zu sehr abgelenkt“). Ich teile das nicht mit, um diese Kolumne sukzessive zum Fortsetzungsroman auszubauen. Oder eine öffentliche Petition für die Rückkehr einer Freundin – ein leicht doppeldeutiges Wort mitterweile – in die virtuelle Bassena zu starten. Sondern weil sich daran allerhand festmachen lässt.

Wir erinnern uns: gerade noch waren Xing, Facebook, LinkedIn, StudiVZ & Co. mächtig in Mode. Die breite Masse ist dabei, die kurzweiligen „Social Networks“ für sich zu entdecken. Die digitale Avantgarde, süchtig nach Echtzeit-News, Meinungshäppchen und Sozialporno, zwitschert aufgeregt via Twitter, einer Art High Speed-Variante von Facebook. Mittlerweile regen sich aber mehr und mehr kritische Stimmen. Eine US-Studie stellte einen Zusammenhang zwischen mangelnder Konzentrationsfähigkeit, Lernerfolg und Social Network-Aktivitäten unter Studenten fest. Eine andere konstatierte Moralverlust und zunehmende Abstumpfung durch „Überkommunikation“. Der Hausverstand sagt seit jeher, daß alles eine Frage der Dosierung ist.

Die italienische Regierung hat unlängst ihren Beamten verboten, Facebook im Büro zu nutzen. Die Gründe liegen auf der Hand. Man muss nicht soweit gehen wie Verschwörungstheoretiker, die alles für eine Erfindung des chinesischen Geheimdienstes halten, zur beiläufig-nachhaltigen Untergrabung der Arbeitsmoral der westlichen Hemisphäre. Wenn Aufmerksamkeit die Währung des 21. Jahrhunderts ist, dann zahlen wir gerade einen hohen Preis.

Dabei ist doch alles gratis. Vermeintlich. Abgesehen davon, daß ein gelegentlicher Blick auf die Uhr, die Stromrechnung oder die Provider-Kosten weiter hilft, könnte man sich ja auch seinen Teil zu den astronomischen Börsewerten der Web 2.0-Flaggschiffe denken. In dieser wie in jener Hinsicht: denn Leitungskapazität vulgo Bandbreite ist teuer, und rapide wachsende Server-Farmen fressen selbst milliardenschwere Unternehmen wie YouTube ratzfatz kahl. Und alle hecheln tragfähigen Geschäftsmodellen hinterher. Das simple „Die Werbewirtschaft wird’s schon richten“-Konzept erweist sich als Blase: rund die Hälfte der 1,6 Milliarden Menschen mit Internetzugang weltweit verfügt über ein zu geringes Einkommen, als dass sie als Zielpublikum in Frage käme. Was eine Mehrklassen-Gesellschaft auch online heraufbeschwört, über kurz oder lang.

Ausser man zahlt. Wird mit Werbung zugeschissen. Darf mit einer abgespeckten Gratis-Variante vorlieb nehmen. Hat eh viel zuviel Zeit. Oder geht gleich von Bord, wie Doris Knecht.

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Eine Antwort to “Mehr Geschichten aus dem Gesichtsbuch”


  1. […] ist es aber in jedem Fall (die einen nicht gerade selten von „wirklicher“ Arbeit abhält). Insofern muss ich die oft gehörte Unterstellung, ich wäre doch „ständig auf Facebook“ […]


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