Spontaner, bunter, besser

31. Mai 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (12) Ist die Lomografie die Antithese zum “Höher, schneller, weiter” der Kamerahersteller und Profifotografen?

Lomo LC-A Book

Dass ein wenig Lob für eine (eben nicht ganz) schlichte, vergleichsweise billige Kompaktkamera solche Reaktionen auslöst, hätte ich, zugegeben, nicht vermutet. Aber möglicherweise sind Reizthemen für Kolumnisten breiter gestreut als angenommen. Meine letztwöchige Epistel, eventuell doch Alternativen zu teuren, schweren, überqualifizierten Spiegelreflex-Schlachtschiffen in Betracht zu ziehen, rief die Profi-Fraktion auf den Plan. Eine Bridge-Kamera sei per se ein „Gummilinsen-Glumpert“. Und alles unter einer bestimmten Vollformat-Nikon – die aber auch, pardon, 2000 Euro kostet, und das ohne Objektiv – sowieso indiskutabel. Bei Daguerre!: habt ihr sie noch alle? Dass mehr Materialaufwand und Geldbörsendicke üblicherweise bessere Leistungsdaten bedingen, ist so zutreffend wie banal.

Aber kommt es darauf an? Ich sage: nein. Wie sonst etwa wäre der Erfolg der „Lomografie“ erklärbar, wo man die Non-Perfektion zur Tugend erklärt? Es ist schon eine erstaunliche Geschichte, ganz frisch nachzulesen in einem kiloschweren Prachtband („Lomo LC-A. The Greatest Camera Of All Time“), die in Österreich ihren Ausgang nahm. Eine simple sowjetische Schnappschusskamera mit 32mm-Objektiv und Lichtstärke 2,8 wurde von ein paar Studenten mit Witz, Verve und Konsequenz zum Zentralorgan einer Spassbewegung erklärt. Statt „höher, schneller, weiter“ gilt das Motto „spontaner, bunter, besser“. Millionen Menschen weltweit folgten dem Ruf. Steckten ihre Canons, Sonys und Nikons weg und schossen ungeniert drauf los.

Mittlerweile wird das putzige Kästchen in China gebaut (selbst die Russen haben die Analog-Ära hinter sich gelassen), und die Lomographische Gesellschaft führt einige kuriose Apparate mehr im Sortiment, von der Fischaugen-Unterwasser-Kamera bis zum poppigen Acht- und Neun-Linsen-Ungetüm. Die Detailliebe der Lomo-Society, ihr künstlerischer Zugang zur Fotografie und der Drang zur Vermessung und Bebilderung der Welt ist auch nach zwanzig Jahren noch spür-, seh- und greifbar. Gratulation!

Witzig, daß nun ein ehemaliger Lomo-Mitstreiter, Florian Kaps, auch noch die Polaroid-Sofortbildfotografie retten will. Unter dem Titel „Das unmögliche Projekt“. Klingt spannend. Ist spannend. Demnächst mehr darüber in diesem Lichtspieltheater.

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