Sieben beiläufige Fragen

11. Juni 2009

Ursprünglich habe ich diese Zeilen für das Branchen-Magazin „Sound & Media“ geschrieben. Daß sie dort ungedruckt bleiben, überrascht mich ebensowenig wie es mich ärgert. Es sind nur ein paar Fragen, wiewohl unbequemer Natur. Aber wir alle sollten uns nicht um Antworten herumdrücken.

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Warum hält man in Wien krampfhaft an einem sauteuren, überdimensionierten, kritikresistenten (um ein anderes, böseres “K-Wort” zu vermeiden) Musical-Apparat fest? Es ist schmerzhaft, die Serie von Kontrollamtsberichten zu den Vereinigten Bühnen zu lesen – mit den Millionen, die für ständige “Ronacher”-Sanierungen, dubiose Beraterverträge und Abfertigungen für “verdiente” Manager aufgewendet wurden und werden, liessen sich künstlerisch weit wertvollere, spannendere Unterfangen unterfüttern. Und die gesamte Wiener Kulturförderung neu strukturieren. So aber kassiert Kathi Zechner fette Erfolgsprämien und Stadtrat Mailath-Pokorny Misstrauensanträge. Daß sich probate Musical-Stoffe und ganze Inszenierungen auch mit deutlich weniger Aufwand schaffen lassen, beweisen Kim Duddy, Martin Gellner und Werner Stranka mit “Carmen Cubana” und “Rockville”. Letzteres hat aber dieser Tage in Sankt Pölten Premiere, nicht in Wien.

Warum schaffen es manche Verwertungsgesellschaften nicht, Geldflüsse offenzulegen? Das ist ein sehr spezielles Thema, gewiss. Aber bei genauerem Hinsehen geht es auch hier um viel Geld. Sehr viel Geld. 2007 gelangten unter dem Titel der pauschalen “Leerkassettenabgabe” 16,4 Millionen Euro – der letzte recherchierbare Wert – zur Verteilung an diverse Empfänger. Fünfzig Prozent (oder mehr) dieser nicht unbeträchtlichen Summe sind für “sozial-kulturelle Zwecke” vorgesehen. Während etwa die Leistungsschutzgesellschaft der Interpreten seit vielen Jahren penibel die widmungsgemässe Verwendung (SKE-Fonds) offenlegt, tut dies die LSG der Produzenten, also der Labels und Plattenfirmen, nicht. Obwohl es der Gesetzgeber vorschreibt. Werte Damen und Herren von AKM, Austro-Mechana, Literar-Mechana, VAM, VDK, VDFS, LSG und VGR (und wer immer sich noch angesprochen fühlt, auch bei der staatlichen Aufsichtsbehörde RTR): es wird Zeit! Sonst könnten früher oder später der/die eine oder andere auf die Idee kommen, genauer nachzufragen, was man denn in diversen Gremien so für sozial und kulturell wertvoll hält.

Wie steht es wirklich um die AKM? Gute Frage. Wichtige Frage. Schliesslich kursieren unter österreichischen Autoren, Komponisten und Musikverlegern seit Monaten hartnäckige Gerüchte. Man hätte in den Madoff-Fonds investiert und jede Menge Geld verloren. Man müsse die Pensionsaussichten für verdiente Voll-Mitglieder “an die Realität anpassen” oder gar streichen. Man sei sich tendenziell ganz und gar nicht sicher, ob man als kleine, nationale Urheberrechtsgesellschaft in Zeiten der EU und des grenzenlosen Internet eine gloriose Zukunft vor sich hätte. Und so weiter. Und so fort. Nun, abgesehen von der etwas unangenehmen Frage, ob es Sinn und Ziel einer Genossenschaft sein kann, zu spekulieren und Zusatzpensionen für (manche) Genossenschafter zu reservieren (statt das treuhändisch verwaltete Geld zu hundert Prozent abzüglich der Verwaltungskosten an alle Mitglieder auszuschütten), täte der Gesellschaft generell eine Öffnung gut. Sonst wird man noch bei Jahresversammlungen hinter verschlossenen Türen über Verteilungsschlüssel diskutieren, wenn es längst nichts mehr zu verteilen gilt.

Wie soll der ORF ernsthaft sparen, wenn die Politik einerseits keine und andererseits wieder ausschliesslich Tabuthemen kennt? Das Radiosymphonierorchester. Die Landesstudios. Der Randsport-Sender TW1/Sport Plus. Die “wohlerworbenen” Privilegien der Direktoren, Betriebsräte und Partei-Verbindungsleute. Das Film-Fernseh-Abkommen. Diverse Reform- und Struktur-Pakete. Die neue Medienbehörde. Man kann das natürlich auch alles lösen, indem man gar nichts löst. Dann löst sich die Sache früher oder später (eher: früher) von selbst.

Warum schafft es der “Amadeus” nicht, ein transparentes Wertungssystem einzuführen? Auch diese Frage wird mir nicht viele Freunde bescheren, aber, sorry, ich fühle mich nicht wohl mit (und in) einem System, das weniger denn je eine nachvollziehbare, durchdachte, halbwegs objektivierbare Preisvergabe ermöglicht. Okay, werden Spötter einwenden, der “Amadeus” sei doch eh nur ein Witz-Preis und jetzt kämen halt die Kritikerlieblinge, Fanclub-Animateure und Underground-Heroen zum Zug. Dann aber sollte man es gleich lassen. Hausaufgaben nicht gemacht.

Und wenn wir schon beim grössten, weil (mehr oder minder) einzigen heimischen Musikpreis sind: warum verkaufen es uns die “Amadeus”-Macher als Fortschritt, daß es anno 2009 keinen TV-Partner gibt? Ich verstehe schon, daß Michi Gaissmaier et al verstärkt auf Facebook, Twitter, YouTube & Co. setzen wollen. Ist ja modern. Ist auch wirksam, irgendwie (auch wenn der “Amadeus” zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen noch nicht mal eine aktuelle Homepage hat). Aber war nicht die TV-Übertragung immer der Wesenskern und eigentliche Sinnstifter dieses – vormaligen – Medienspektakels? Oder habe ich da etwas falsch verstanden? Hübsch, wenn man nun aus der Not eine Tugend machen will. Und Äquidistanz zu allen Medien erklärt. Und dann ausgerechnet mit dem “News”-Verlag, der sicher viel Freude mit Soap & Skin & Co. hat (und umgekehrt), erst wieder einen Premium-Partner erkürt. War schon der Vorjahrspartner Puls TV real ein Abstieg in die Bedeutungslosigkeit (wenn auch mit einigem Charme und bemerkenswertem Engagement), so bleibt’s diesmal absehbar bei einer flotten Party 2.0 nach der Massen-Preisverteilung 2.0. Ein paar Medien-Schlaglichtern davor und danach. Und zynischen Kommentaren wie eh und je. Ich beharre auf meinem Standpunkt: ohne ORF, Abteilung Fernsehen, geht da nix.

Damit wäre man automatisch bei der (vorerst) letzten Frage: warum stellt sich der ORF in Sachen “Amadeus” generell ins Trotzwinkerl? Und kommt seiner natürlichen Rolle und Aufgabe partout nicht nach? Und meint, mit der öden Kostenfrage dem Kultur-Auftrag (nein, das ist kein leeres Wort, zumal es sich gut mit Unterhaltungswert auffetten liesse) entkommen zu können? Gute Frage. Nächste Frage.

Warten wir erst mal geduldig die eine oder andere Antwort ab.

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4 Antworten to “Sieben beiläufige Fragen”

  1. Thomas Nosko Says:

    Klar dass dieser Bericht nicht abgedruckt wurde. Danke jedenfalls.


  2. – Die AKM-Frage ist eine zentrale für die hiesige Musikwirtschaft als solche und das Nichtvorhandensein von Information und Diskurs zu diesem Thema zeigt einmal mehr, wie schlecht organisiert, klein und unbedeutend die „Lobby“ der Musiker und Musikwirtschaftler hier leider ist. Wie können wir dagegen was tun?
    – Die LSG-Verschwiegenheitspolitik ist eine auch von mir seit Jahren heftigst kritisierte Praxis, die sich auch in der Struktur erklärt (die LSG gehört faktisch der IFPI und damit der „Industrie“) – gehen wir mit grünen Fahnen demonstrieren?
    – Die Idee zum „neuen“ Amadeus verdient zumindest eine Chance, wiewohl mich zunehmende Fakten- und Lagekenntnis auch skeptisch macht.


  3. […] Austro-Künstler. Die nachhaltigsten Erfolge. Die prägendsten Kunst-Werke. Die einschneidendsten Erlebnisse, Erkenntnisse, Erfahrungen. Die Essenz eines Jahrzehnts. Und so weiter. Und so […]


  4. […] kann darüber streiten, ob es nicht anders, besser, umfangreicher, kostengünstiger, gehaltvoller, unkritischer, anschmiegsamer oder kontroversieller laufen könnte mit solch einem Organ. Diese Debatte wird auch […]


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