Ist die Hoffnung grün?

19. Juni 2009

Nein, hier geht es nicht um die Befindlichkeiten der österreichischen Grünen, zumindest nicht im parteipolitischen Sinn. Es geht um Weltpolitik. Und das weltweite Web.

Where is my vote...

Ich habe, offen gesagt, keine Ahnung von der iranischen Innenpolitik. Ausser, daß mir Mr. Ahmadinedschads Fresse immer unsympathisch erschien und der Mann diesen Instinkt durch allerlei wunderliche, um nicht zu sagen grenzwertige, faschistoide An- und Aussagen bestätigte (von einem weiteren, schrecklichen Verdacht habe ich erst diese Woche mitbekommen). Die Wahlen im Iran haben mich lange eher kalt gelassen.

Aber man kann gewisse Bilder, Videos, Nachrichten nicht so einfach verdrängen. Und die Verdichtung der Informationslage und Situationsberichte in den letzten Tagen, also nach dem vorgeblich korrekt ausgezählten Urnengang, entwickelte Sogwirkung. Zumal der Protest, der sich unmittelbar nach den Wahlen zu regen begann, immer lauter, deutlicher, unübersehbarer wurde. Nicht zum ersten Mal – man erinnere sich an den Wahlkampf des demokratischen US-Hoffnungsträgers Obama – spielt dabei das World Wide Web eine wesentliche Rolle. Die dezentrale, ursprünglich auf militärischen Überlegungen basierende Knoten-Architektur des Netzes ermöglicht neue Wege der direkten Kommunikation, Vernetzung und Impuls-Setzung. Aktuelle Ausprägungen wie Facebook, Twitter, YouTube & Co. lassen ahnen, was da noch alles kommen könnte.

Allein: was bereits existiert, versetzt Regierungen, Machthaber und Diktatoren in leise Panik. Egal, ob man flächendeckend Sperr- und Filter-Software vorschreibt (China), davor warnt, Material ins Netz zu stellen, das „Spannungen erzeugen könnte“ (Iran) oder das Land per kategorischer Aussperrung des Internet komplett von der Moderne abzuschotten versucht (Nordkorea) – Weltgegenden, die eher nicht zu den Horten der Demokratie zählen, widersetzen sich dem grenzenlosen Ideen- und Meinungsaustausch. Mit gutem Grund: der Cyberspace ist nicht ohne weiteres kontrollier- und zensurierbar wie Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen. Und im Fall des Falles einfach von der Stromleitung abzukappen.

Damit haben auch die Machthaber, Behörden und „Revolutionswächter“ im Iran zu kämpfen. Der staatliche Rundfunk steht unter totaler Kontrolle, das Volk ist auf Facebook, Twitter & Co. ausgewichen. Wären da nicht Sprachbarrieren, grundsätzliche Wissensdefizite um die iranische Politik (sic!) und die Zeitverschiebung, könnte man annähernd von einem (gewiss unübersichtlichen, chaotischen, unüberblickbaren) Live-Bild, das aus tausenden Mosaiksteinchen zusammengesetzt ist, sprechen. Aus lauter Einzelinformationen, für die Menschen vor Ort allerhand riskieren. Eventuell sogar ihr Leben. Ein Panoptikum potentiellen (und ansatzweise schon realen) Grauens. Man muß unseren althergebrachten Medien zugutehalten, daß sie uns davon berichten – aber auch sie müssen, was die Lage im Iran betrifft, weitgehend auf die neuen Informationskanäle zurückgreifen. Nun sind wir, wie fast immer, zum passiven Konsum dieser Bilder, Nachrichten und Kurzmeldungen verdammt. Nur manche, die eine stärkere persönliche Bindung zum Krisenherd aufweisen, engagieren sich über das übliche, auf privatistische Erregung, Mitgefühl und Sorge beschränkte Maß hinaus.

Aber ich hatte da kaum einen Gedanken darüber verloren (sieht man von harmlosen Überlegungen zur heimischen Polit- und Medienszene ab), bis zu jenem Zeitpunkt, als die ersten grünen Bildchen in Twitter und Facebook auftauchten. Die mich zunächst nur amüsierten. Bis ich auf eine Twitter-Nachricht von Brian Eno stiess, den ich sehr schätze und dem ich daher als „Follower“ auch eine gewisse Aufmerksamkeit schenke. Eno hatte sein Porträtfoto ebenfalls grün gefärbt, und forderte dazu auf, es ihm gleichzutun. Mit Fingerzeig auf eine schlichte, nicht gerade mit Iran-Informationen überfrachtete Website: http://helpiranelection.com/. Nun: mir erschien das zunächst ein wenig kurios, naiv und zwangsaktionistisch. Da Mr. Eno aber schon öfter im Leben ein gewisses Gespür bewiesen hat (und ich mir spontan dachte, „nutzt’s nichts, schadet’s auch nichts“), drückte ich ebenfalls den Grün-Button. Und liess mich gar zu einem Re-Tweet, einer Weiterverbreitung der Botschaft also, hinreissen.

Und dann begann mich die Sache mehr und mehr zu beschäftigen. Grün als Signal, als Zeichen der Hoffnung, als Solidaritätsbotschaft an Menschen im Iran, die schlichtweg für Meinungs- und Versammlungsfreiheit, mehr Demokratie und weniger offensichtlichen Wahlbetrug auf die Strasse gingen – warum nicht? Im Vergleich zu dem Risiko, das diese Leute auf sich nahmen, war und ist das ja ein Fliegenschiss im virtuellen Raum. Ich ahnte aber rasch, daß meine ursprünglichen Assoziationen und Bedenken auch nicht ganz von der Hand zu weisen waren, und daß meine „Macht eure Gesichter auch grün!“-Impulsivität, die ich behende von Twitter auf die mir zugängliche Facebook-Gemeinde übertrug (wo meines Wissens nach noch keine Applikation bereitsteht und viele schon am Einfärben eines Fotos scheitern), nicht nur Fürsprecher, Nachahmer und Freunde finden würde. Im Gegenteil: eine bobo-hafte Vertrotteltheit zählte rasch zu den netteren Attributen, die man mir umhängte. Geschenkt.

Denn natürlich haben die Kritiker auch recht: was sollte dieser Grün-Aktionismus – strikt abseits österreichischer Parteipolitik – denn bewirken, aufzeigen, verändern? „Diese Herdenbewegungen sind eher mit Vorsicht zu genießen… Free Tibet, Yes We Can, Sieg Heil, auf einem gewissen Level alles der gleiche Schmonzes!“ postete einer. „Ich halte die Aktion ja eigentlich 1. für bequem-verlogene Lehnstuhlgutmenscherei, 2. für die ein bisschen unkritische Wertung einer politischen Alternative, die sich nicht grundsätzlich, sondern nur graduell unterscheidet und die 3. unproduktiv ist. Ok, Solidarität ist super und hilft denen, die hingerichtet werden, emotionell sicherlich drastisch…“ ein anderer. Und eine zitierte Ionescos „Nashörner“ und drohte umgehend, mich aus ihrem Online-Freundeskreis zu löschen, denn sie habe – Zitat – „keine lust auf greenfaces, nur weil grad der trend in die richtung geht. den mohammed A kratzts nicht und jeder grüne zwitscherer wixt si an owe, wenn er wieder in der zib erwähnt wird. somehow lächerlich“.

Eh. Aber. ABER: Es geht um ein Signal. Ein klitzekleines. Aber sichtbares. Für jeden Bürger, Menschen, Netizen, der sehen kann. Es geht um die Meinungsfreiheit der Menschen im Iran (und letztlich auch anderswo). Mag sein, daß das alles vertrottelt, unsäglich naiv oder einfach nur irrelevant ist. Aber zumindest ist derlei hierzulande nicht mit der Todesstrafe bedroht. Mag sein, daß Moussawi eine ähnliche Marionette und Schreckensfigur wie Ahmadinedschad ist, das lässt sich nicht einfach beantworten. Aus der Ferne schon gar nicht. Ich würde mir eine Beurteilung nicht anmassen. Aber Meinungs-, Medien- und Versammlungsfreiheit ist davon unabhängig. Und ein demokratisches Grundprinzip. Kategorisch. Global.

Auch im World Wide Web. Und in unseren Köpfen. Wir müssen alle lernen, neue Wege zu gehen. Und schlichte Schwarz-Weiss-Schemata zu durchbrechen. Grün ist da nur ein Teil eines Spektrums. Aber besser als ein reales Rot, das in die Abwasserkanäle, Rasenstreifen und Pflastersteine in Teheran und sonstwo sickert. Wenn’s denn hilft. Aber schaden, nein schaden kann so ein kleinwinziges kotzgrünes Bildchen im elektronischen Ego-Schrein nun wirklich nicht.

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2 Antworten to “Ist die Hoffnung grün?”

  1. boomerang Says:

    Ein bissl mehr als nur im Web zu ergrünen können Sie auch tun:
    http://www.facebook.com/home.php?ref=home#/group.php?gid=93775478287&ref=ts
    Tut nicht weh und zeigt’s bissl offener.
    Wenn’s auch nicht hilft, schaden tut’s niemand –
    denn es ist eine Aktion im Jetzt, die nicht
    mit einer Profil-Pic-Aktualisierung wieder
    dahin ist.


  2. […] in dem die Farbe Grün – strikt abseits der kleinkarierten Innenpolitik dieses Landes – als Signal der Hoffnung und Solidarität aufleuchtete. Im Zusammenhang mit dem Widerstand der Bevölkerung des […]


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