Tonbüchsen

21. Juni 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (15) Für Tonjäger, Hörfunkreporter und Originalton-Fetischisten ist die Digitalära ein Schlaraffenland.

Marantz PMD620

Einer meiner Freunde hat immer noch einen Cassetten-Walkman, den er ständig mit sich herumschleppt. Das Ding ist inzwischen arg zerschunden und partiell desolat, fast scheint mir, als würde es nur von Tixo-Bandagen zusammengehalten. Auch den Hinweis, dass mittlerweile MP3s und andere digitale Formate die gute, alte Compactcassette abgelöst hätten, ignoriert der Retro-Parteigänger beharrlich. Und überspielt ungebrochen und umständlich CDs auf Tape. Ein Vorgang, der ihn mehr und mehr vom Rest der Menschheit entfremdet, so sympathisch konservativer Beharrungsgeist gelegentlich auch sein mag.

Nun ist Fortschritt um des Fortschritts willen tatsächlich kein Wert für sich. Aber gerade, was die Aufnahme, Speicherung und Archivierung von Tonmaterial betrifft, ist die Digitalära ein Segen. Ich erinnere mich noch an Zeiten, wo ich als Rundfunk-Novize kiloschwere Uher-Tonbandgeräte tragen durfte. Meine Schulter dankte herzlich für den Umstand, dass die noch schwereren Nagras – Wunderwerke Schweizer Feinmechanik! – den Techniker-Profis vorbehalten blieben. Ich habe tausende Schillinge für folgende Gerätegenerationen ausgegeben, vom Sony Professional Walkman über mobile DAT-Recorder bis hin zum MiniDisc-Winzling. Nebbich.

Jetzt aber ist es soweit, dass wirkliche Handlichkeit, leichte Bedienbarkeit und superbe Klangqualität Hand in Hand mit erschwinglichen Preisen gehen. Ich beneide die Radio-Macher und Podcaster von heute um ihre Edirols, M-Audios, Zooms, Tascams und Yamaha Pocketraks (um nur einige Marken zu nennen), mit denen sie Interviews und O-Töne aufzeichnen dürfen. Und habe mir selbst einen schnuckeligen Recorder von Marantz gekauft, Modell PMD 620. Ein Traumgerät, das für mich leider zwanzig Jahre zu spät kommt. Oder auch nicht: Diktiergeräte zeichnen ja immer noch zumeist proprietäre Formate auf. Da kommen kleine, leistungsfähige MP3- und WAV-Tonbüchsen mit Flash-Speicher, im englischen Sprachraum bezeichnenderweise „Field Recorder“ genannt, gerade recht. Zumal die eingebauten Mikrofone eine mehr als passable Qualität liefern. Auch wenn ein externer AKG- oder Sennheiser-Prügel natürlich das Aufnahmeergebnis nochmals deutlich zu verfeinern vermag.

Mittlerweile soll es sogar schon Geräte geben, die einen iPod als Klangspeicher verwenden. Oder Software, die ein iPhone zum Diktiergerät umfunktioniert. Wird Zeit, dem schrulligen Freund diese Zeilen unter die Nase zu halten.

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3 Antworten to “Tonbüchsen”

  1. Scheiner Says:

    Jetzt brauchen nur noch die Herren und Damen Redakteure die Gerätschaft dem Interviewpartner so vor das Mäulchen halten, dass nicht entweder unentwegt geploppt wird oder die Aufnahme klingt wie Mikro hier, Mensch in Budapest – dann bringen die vielen schönen neuen Dinge auch akustisch was.


  2. […] ja, ich hab’s schon einmal festgehalten: Profi-Geräte wie das LS-11, die nicht nur bequem in eine Jackentasche passen, […]


  3. […] ja, ich hab’s schon einmal festgehalten: Profi-Geräte wie das LS-11, die nicht nur bequem in eine Jackentasche passen, […]


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