Grünes Meer oder weniger

26. Juni 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (16) Social Networks. Facebook, Twitter & Co. transportieren weit mehr als ungeschminkte Nachrichten aus dem Iran.

Sea-of-Green-Avatars.jpg

Jetzt verblassen sie allmählich wieder, die grün gefärbten Gesichter in Facebook. Und werden bald ganz verschwunden sein. Aber man wird den Sommer 2009 nicht nur in Erinnerung behalten als jenen Sommer, als Michael Jackson starb, das Donauinselfest fast ins Wasser fiel und man in Österreich auf immer noch gemütlichem Niveau und in gemächlicher Gangart über Sparpakete, Steuererhöhungen, Antikorruptionsgesetze und Krankenkassen-Reformen diskutierte. Sondern auch als jenen Sommer, in dem die Farbe Grün – strikt abseits der kleinkarierten Innenpolitik dieses Landes – als Signal der Hoffnung und Solidarität aufleuchtete. Im Zusammenhang mit dem Widerstand der Bevölkerung des Iran gegen eine blutige Farce, eine (zu) offensichtliche Verhöhnung demokratischer Prinzipien und humaner Grundbedürfnisse. Ob diese Revolution im Keim erstickt wurde oder über kurz oder lang doch die Mullah-Diktatur zu zersetzen vermag, darüber sollen Kommentatoren und Politologen streiten. Man war und ist, verwechselt man sich nicht selbst mit Che Guevara, zu rein privatistischer Sorge, Mitgefühl und Ohnmacht verdammt.

Mit einem gewaltigen Unterschied – und hier kommt die Technik ins Spiel – zu Prä-„Sea of Green“-Zeiten: wo uns Fernsehen, Radio und Printmedien zu weitgehend passiven Konsumenten von Schreckensberichten machen, bietet das World Wide Web als neue, alles vereinnahmende Kommunikations-Matrix einen Rückkanal. Mehr als das: eine Plattform, ein Elektrokatapult, einen Knotenpunkt (oder, neudeutsch, „Hub“), um Aufmerksamkeit zu generieren, Fragen aufzuwerfen, Diskussionen anzuzetteln und sich auszutauschen. Bewusst, direkt und intensiv auszutauschen. Mit Netzbewohnern, die eventuell nicht mal mehr auf die Strasse gehen, um an Protestmärschen und Lichterketten teilzunehmen. Sondern es vorziehen, in den elektronischen Informationskanälen zu verharren. Und von dort aus das reale Leben (mit) zu beeinflussen.

Natürlich ist auch allerhand naiver Hokuspokus mit im Spiel: ob es Menschen, die als Demonstranten und Handycam-Reporter ihr Leben auf’s Spiel setzen, tatsächlich hilft, wenn man seine Twitter-Uhrzeit auf Teheraner Ortszeit umstellt (um die Zensurbehörden zu verwirren), sei dahingestellt. Und ganz unbedarft sollte man auch nicht jeder Facebook-Initiative, Gläubigengemeinde oder 140 Zeichen-Botschaft, egal woher, wohin oder von wem, auf den Leim gehen. Oft hilft schon das Anzapfen weiterer Informationsquellen, die Kenntnisnahme seriöser journalistischer Recherchen oder ein Rückgriff auf den prallen Vorratsspeicher an Erfahrungen, Meinungen und Argumenten. Oder ein schlichter Blick in Wikipedia. Etwa, um draufzukommen, daß Grün viele Bedeutungen und Schattierungen hat. Seit diesem Sommer eine positive mehr.

Advertisements

2 Antworten to “Grünes Meer oder weniger”


  1. […] http://is.gd/1dYih – #SozialeNetzwerke #socialmedia #Facebook #Twitter #Kommunikation2.0 […]

  2. tobi Says:

    Ja, es gibt damit eine gute Komponente, die zeigt, dass es nicht allen egal ist. Dass oft auch nur die Berichterstattung fehlt um für etwas Bewusstsein zu bilden.
    Was mir aber leider auch etwas auffällt ist, dass seit dem Tod von MJ die Twitteraktivität dadurch komplett zurückgegangen ist (bzw. in großem Maße). Und ich denk mir dann halt, dass es so wirkt, als wäre die Partizipation nur ein Hobby, das man mal wieder beenden kann während andere auf dieses Sprachrohr angewiesen sind.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: