Punktlandung

4. Juli 2009

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der “Presse am Sonntag” (17) Entwicklungen wie „Spotify“ verheissen Zukunftsmusik, die mehr als ein paar Cent abwirft.

Spotify

Daß sich die Musikbranche seit geraumer Zeit in heftigen Turbulenzen befindet, ist auch nicht mehr gerade die allerheisseste Nachricht. Im Gegenteil: seit etwa zehn Jahren geht es bergab, mittlerweile ist die Mannstärke – Frauen inkludiert – weltweit auf die Hälfte der güldenen neunziger Jahre geschrumpft, die führende Branchenmesse „PopKomm“ in Berlin wurde abgesagt (angeblich nur für eine ein Jahr lang dauernde Nachdenkpause, aber niemand glaubt daran), und auch die „Midem“ in Cannes ist nicht mehr, was sie einmal war: ein Eldorado austernschlürfender Spesenritter. In Vertrieben und Labels, die gerade reihenweise ihre Pforten schliessen, finden sich keine Biotope mehr für dafür. Allmählich gewöhnt man sich daran, das Wort „Business“ oder gar „Industrie“ im Zusammenhang mit Musik zu vermeiden.

Ist aber die Avantgarde des Niedergangs nicht geradezu prädestiniert, die Vorreiterrolle für eine neue, eventuell radikal andere Ökonomie des 21. Jahrhunderts einzunehmen? Die Tonspur der Pop-Kultur war und ist ja deshalb der bevorzugte „content“, also der Trägerstoff der digitalen Revolution, weil sich Songs, Tracks und ganze Symphonien besonders geschmeidig in Nullen und Einsen zerlegen, in Glasfaserkabel, Netzwerke und Speichermedien einspeisen und behend wieder in reale Glückserlebnisse zurückverwandeln lassen. Um die Musik selbst – und die Kreativität, die sie befeuert – muss man sich keine Sorgen machen: es gibt mehr als genug davon. Und jeden Tag kommen ein paar tausend Kompositionen und Tonkonserven dazu. Daß damit in Zukunft absolut gar kein Geschäft mehr zu machen wäre, weder für die Künstler noch für eine professionelle Infrastruktur (Label, Verlag, Booking, Management, Tonstudio, PR-Agentur, Vertrieb, CD-Store, Downloadplattform… you name it), prognostizieren nur notorische Schwarzmaler.

Ich bin seit wenigen Tagen Beta-Tester von „Spotify“, einer Software aus Schweden, deren Entwickler sich vorgenommen haben, per Peer-to-peer-Technik und Streaming jedes erdenkliche Musikstück auf Endgeräten zum Klingen zu bringen, die mit dem Internet in Verbindung stehen (und das tut heute jeder Kühlschrank). Augenblicklich, unkompliziert und in guter Qualität. Damit würde die persönliche Musiksammlung auf iPods und in Festplattenarchiven schlagartig obsolet. Stellen Sie sich einfach vor, Sie haben jederzeit und allerorten Zugriff auf eine überkomplette Kollektion an Pop, Jazz, Soul Klassik, Hackbrett-Techno, was immer auch. Ich hör’ (und schau’) mir das mal genauer an; mehr dazu baldigst an dieser Stelle, versprochen. Und auch den der „PopKomm“ nachtrauernden Branchen-Gurus – eventuell handelt es sich nur um Dieter Gorny und eine Handvoll Messeausrichter – sei verraten: es kommt immer etwas nach. Und es muß nicht unbedingt Schlechteres sein.

Advertisements

4 Antworten to “Punktlandung”

  1. Motörcash Says:

    Als Sie mir am Freitag „Spotify“ gezeigt haben, wusste ich nicht genau, was ich davon halten solle. Grundsätzlich bin ich ein Fan von physischen Datenträgern (speziell Vinyl), genieße aber auch die Vorzüge einer digitalisierten Musikdatenbank. Längerfristig gesehen, wird die „digitale“ Musik eine noch wichtigere Rolle einnehmen. Dass dies der Sargdeckel für die Industrie ist? -> nur wenn sie sie von Anfang an verteufelt und verschläft, wie man diese Technik für sich nutzen kann.


  2. […] kommt der erste österreichische Online-Store für hochauflösende Download-Formate? Kauft Apple Spotify? Überlebt dann Simfy? Was wird aus AAC? Dürfen wir bald mal mit MPEG Surround rechnen? Werden die […]


  3. […] ja – neben den bekannten Pay per Download-Plattformen – auch noch Streaming-Anbieter wie Spotify oder Simfy. Deren Geschäftsmodell – das ich selbst nach intensiver Auseinandersetzung mit der […]


  4. […] eigenen Streaming Services dagegenzuhalten. Für Musikfreunde dürften somit – nach langem Warten – schon vor dem 24. Dezember die Weihnachtsglocken […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: